HINTERGRUND
Es waren aufwühlende Worte, die Michael Johnson im Januar 2013 wählte. "Ich wäre dankbar, wenn man mich jetzt für den Rest meines Lebens in Ruhe lassen könnte", sagte er, in dem ganz England einst noch einen seiner kommenden Stars sah. Für Johnson war dieses ganze Drumherum aber schon immer zweitrangig. Er hatte andere Probleme, wurde bereits seit Jahren in einer Klinik behandelt, die sich auf psychische Erkrankungen, Alkohol- und Spielsucht spezialisiert hat.
"Ich bin enttäuschter als jeder andere. Aber so ist es eben", fügte er an. Johnson hatte, nachdem sein Vertrag bei Manchester City aufgelöst worden war, kurz zuvor seine Karriere beendet. Mit nur 24 Jahren hörte er auf mit dem, was er so gut konnte, was ihm ein paar Jahre zuvor noch eine glanzvolle Zukunft in Aussicht gestellt hatte.
Rückblick. Johnson kickte in der Jugend zunächst für Leeds United, mit zwölf Jahren ging er für zwei Spielzeiten zum holländischen Topklub Feyenoord Rotterdam, kehrte dann aber nach England zurück und kam über Everton mit 16 in den Nachwuchs von Manchester City. Er wurde englischer Junioren-Nationalspieler, erinnerte viele Experten mit seinem Mix aus Dynamik, strategischem Geschick und guter Technik an Steven Gerrard.
Michael Johnson? "Das hatte ich zuvor noch nie gesehen"
Für den früheren deutschen Nationalspieler Didi Hamann, der zur Zeit von Johnsons Durchbruch bei City spielte, war er sogar noch etwas veranlagter als die Liverpool-Legende. "Gerrard hatte natürlich unglaubliche technische und athletische Fähigkeiten. Aber als er bei Liverpool nach oben kam, war sein Spielverständnis noch nicht so ausgeprägt, wie es hätte sein können. Das wird er selbst zugeben. Bei Michael (Johnson, d. Red.) war es anders. Er hatte dieses innere Spielverständnis, das ich bei solch einem jungen Spieler zuvor noch nie gesehen hatte", sagte Hamann der BBC.
Mit 18, im Oktober 2006, debütierte Johnson für City in der Premier League und beeindruckte. Er machte noch ein paar weitere Spiele, startete dann aber erst in der Saison 2007/08, mit 19, so richtig durch. Unter Sven-Göran Eriksson wurde er Stammspieler, mal als Sechser, mal als Achter aufgeboten und stach unter anderem bei einem 1:0-Derbysieg gegen Stadtrivale Manchester United heraus.
Imago Images / Paul Marriott Bild: Imago Images / Paul Marriott Wenige Tage vor dem Triumph über die Red Devils hatte Johnson gegen Derby County sein erstes Tor in der Premier League erzielt - und was für eins! An der Mittellinie kam er an den Ball, schüttelte zwei Gegenspieler wie lästige Fliegen ab, spielte einen Doppelpass mit Elano und traf aus gut 16 Metern mit einem wunderschönen Außenrist-Schlenzer.
Spätestens jetzt überschlugen sie sich im Mutterland des Fußballs mit Lobeshymnen für den blondschöpfigen Milchbubi, der am Ball so viel konnte. "Er war wirklich exzellent und jeder war sich sicher, dass er Englands nächster großer Star werden würde", sagte sein damaliger Coach Eriksson.
Michael Johnson: "... dieser Antrieb war plötzlich weg"
Doch Johnson selbst merkt schon damals, dass ihn das alles nicht wirklich erfüllt. Dass es vielleicht sogar dazu beiträgt, seine ohnehin noch nie stabile Psyche noch weiter anzuknacksen. "Ich hatte kein Vertrauen in mich selbst, kein Selbstwertgefühl. Meine Art, damit umzugehen war immer, zu spielen und der Beste zu sein. Nach dem Motto: Wenn ich der Beste bin, bin ich etwas wert. Als ich dann aber begann, für die erste Mannschaft zu spielen, als ich es eigentlich also geschafft hatte, war dieser Antrieb plötzlich weg", sagte er kürzlich in einem Interview mit The Athletic .
Stets habe er gedacht, er würde sich besser fühlen, wenn er erst ein Star bei City ist. Dann würde das Vertrauen in sich selbst schon von alleine kommen. "Aber das stellte sich nicht ein, ich spürte diese erhoffte Erleichterung nicht. Ich dachte mir: 'Okay, eigentlich fühle ich mich jetzt überhaupt nicht besser'. Das Licht am Ende des Tunnels war damit sozusagen erloschen."
Dennoch zeigte er zunächst Leistung. Im ersten Drittel der Saison 2007/08, in dem das damals noch nicht steinreiche City oben mitspielte und mitunter auf Rang drei stand, war Johnson aus dem Team nicht wegzudenken. Ein weiterer Treffer kam hinzu, er lieferte zwei wichtige Assists.
Hamann, der bei City seinerzeit gemeinsam mit Johnson das Mittelfeld organisierte, führt über seine damaligen Eindrücke von Johnson aus: "Ich sage immer, ein guter Mittelfeldspieler muss die Grundtugenden beherrschen - Passgenauigkeit, Laufstärke, ein gutes Tackling, Übersicht, Spielintelligenz - und in einem dieser Bereiche außergewöhnlich sein. Und ganz ehrlich: Michael war in all diesen Bereichen außergewöhnlich. Mit seinen Allround-Fähigkeiten erinnerte er mich immer an Michael Ballack."
Michael Johnson: Verletzung reiht sich an Verletzung
Doch schon in der zweiten Hälfte von Johnsons erster voller Saison bei den Profis begann allmählich die Krux mit den Verletzungen. Hatte im Sommer 2008 noch der FC Liverpool um ihn gebuhlt, machte Johnson in der darauf folgenden Spielzeit wegen langwieriger Leistenprobleme gerade einmal acht Pflichtspiele. Probleme, die noch oben drauf kamen auf die mentalen Probleme, die er ohnehin schon hatte.
Imago Images / Sportimage Bild: Imago Images / Sportimage Zumal er zu Beginn der Saison 2009/10 nur kurz zurückkehrte, um dann von Kniebeschwerden schon wieder für Monate außer Gefecht gesetzt zu werden. "Ich weiß, wie es dir das Herz bricht, wenn du nach langer Zeit wieder da bist und dann direkt von der nächsten Verletzung gestoppt wirst", sagte Hamann. "Ich weiß, wie einsam man sich fühlt, wenn man beim Training zuschauen muss und sieht, wie die Jungs Spaß haben."
Die Verletzungen, so betonte Johnson später, seien nicht der alleinige Grund für sein Scheitern gewesen. Doch sie erschwerten die Situation natürlich zusätzlich. Johnson war nie der Vollprofi, der den Verlockungen des süßen Lebens gut widerstehen konnte - und durch die langen Monate ohne Ball am Fuß war die Versuchung, sich treiben zu lassen, eben umso größer.
Michael Johnson: "Ich hatte zu viel Freizeit, ging zu oft in Nachtclubs"
"Ich ging mit dem Ganzen falsch um", gab der heute 32-jährige Engländer zu. "Ich hatte zu viel Freizeit, ging zu oft aus, in Nachtclubs oder wohin auch immer. Ich versuchte damit immer, mich besser zu fühlen, aber es war nicht hilfreich. Ich ging aus und hatte ein paar Drinks, um mit meinen Emotionen besser klarzukommen, um mir selbst zumindest für eine kurze Zeit ein Hoch zu verschaffen, um für eine kurze Zeit mit mir selbst im Reinen zu sein."
Als Person des öffentlichen Lebens musste er dann auch zusätzlich damit klar kommen, für seinen Lebensstil verurteilt zu werden. Denn während die Leute nur den hochbezahlten Profi sahen, dem alles egal zu sein schien, war genau das Gegenteil der Fall. "Das ist ja die Krux bei Depressionen", sagt Johnson. "Wenn du in diesen Denkweisen gefangen bist, ergreifst du jeden noch so kleinen Strohhalm, der es dir besser gehen lässt."
Johnson rutschte immer tiefer in die Depression, auch körperlich war keine Besserung in Sicht. Von September 2009 bis Sommer 2011 waren ihm gerade einmal zwei Einsätze für Citys erste Mannschaft möglich. Er wurde an den damaligen Zweitligisten Leicester City verliehen und hoffte, dort seine Probleme vielleicht besser in den Griff kriegen zu können. Doch die Hoffnung erlosch schnell, er machte nur neun Spiele, sein bis heute letztes als Profi im November 2011.
Als Manchester City im Sommer 2012 zum ersten Mal seit 44 Jahren den englischer Meistertitel feierte, wurde Johnson innerhalb von drei Monaten zweimal mit Alkohol am Steuer erwischt, musste eine satte Geldstrafe zahlen. Offiziell kehrte er kurz darauf zwar noch einmal zu City zurück, hatte noch Vertrag bis Juni 2013. Doch eigentlich stand sein Entschluss schon fest, den er Ende des Jahres 2012 dann auch so kommunizierte.
Didi Hamann hoffte noch
Sein alter Teamkollege Didi Hamann hatte damals zwar noch Hoffnung, sagte: "Man weiß ja nie. Wenn er sein Leben wieder geregelt bekommt, kann er immer noch eine gute Karriere haben. Er ist erst 24 und hat solch ein unglaubliches Talent. Ich würde es hassen, sollten wir ihn nie wieder spielen sehen."
Imago Images / Sportimage Bild: Imago Images / Sportimage Genau diese Befürchtung trat jedoch ein. Einer, dem eine rosige Zukunft hätte bevorstehen können, ein begnadeter Fußballer, hängte die Schuhe schon mit 24 Jahren an den Nagel. Endgültig. Nie wieder absolvierte Michael Johnson ein Spiel als Profi, eröffnete stattdessen später eine Bar und lernte dabei seine Frau Jen kennen, mit der er inzwischen ein gemeinsames Kind hat.
Auch wenn er nicht Englands nächster großer Star wurde, hat sich die tragische Geschichte eines Mannes, der einst als eines der größten Mittelfeld-Talente Europas gehandelt wurde, also wohl doch noch zum Guten gewendet.


