Sinan Kurt Jerome Boateng FC Bayern Bundesliga

Mentalitätsproblem und Eskapaden: Sinan Kurt bei Hertha BSC auf dem Weg zum Dauerflop


HINTERGRUND

August 2014: Nach wochenlangem Poker hat sich der FC Bayern die Dienste des Gladbach-Top-Talents Sinan Kurt gesichert. Für den damals 18-Jährigen, der noch kein einziges Mal in der Bundesliga auf dem Platz stand, überwies der Rekordmeister eine Millionensumme an die Fohlen. Zu groß war die Hoffnung, mit Kurt den nächsten deutschen Superstar verpflichten zu können.

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Knapp drei Jahre später hat sich einiges getan. Die Münchner haben den Offensivspieler nach schlechten Leistungen und einigen Eskapaden im Januar 2016 zu Hertha BSC abgeschoben. Offenbar mit der leisen Hoffnung, dass dem ehemaligen Junioren-Nationalspieler doch noch der Durchbruch gelingen könnte, sicherte man sich für Sommer 2018 eine Rückkauf-Option in Höhe von acht Millionen Euro.

Bei den Berlinern steht Kurt jedoch schon wieder am Scheideweg. Trainer Pal Dardai zählte den 21-Jährigen vor wenigen Tagen erneut öffentlich an. Deshalb lässt sich die einfache Frage stellen: Kratzt das einstige Juwel noch die Kurve oder entwickelt es sich aufgrund seiner mangelhaften Einstellung nun endgültig zum Dauerflop?

Vor knapp 19 Monaten klang die Sache jedenfalls noch komplett anders. "Er ist eines der größten Talente Deutschlands", wurde der Hertha-Coach in der Bild zitiert. "Wenn man die Möglichkeit hat, so einen tollen Fußballer zu bekommen, dann muss man das machen."

Mittlerweile scheint es so, als habe auch Dardai langsam aber sicher die Schnauze voll von ewigen Durchhalteparolen und dem Verweis auf das Potenzial Kurts. "Wenn du einen jungen Spieler immer wieder motivieren und über seine Mentalität klagen musst, dann haben wir ein Problem", kritisierte er dessen Einstellung vor wenigen Tagen im Trainingslager gegenüber transfermarkt.de scharf. "Jetzt hat er hier angefangen, sich richtig zu bewegen. Aber warum muss ich das immer sagen? Er soll seinen Arsch bewegen."

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Dabei würde der Flügelspieler alle Fähigkeiten mitbringen, die es braucht, um auch in der Bundesliga durchstarten zu können. In seiner Jugendzeit gehörte der quirlige Techniker zu den vielversprechendsten Kickern des Landes. In der U17-Bundesliga war er für die Fohlen in 52 Einsätzen für sagenhafte 31 Tore und 21 Vorlagen verantwortlich. Auch in der U19 stellte der Linksfuß seine Klasse unter Beweis. 19 Torbeteiligungen in 24 Spielen für Gladbach sprechen eine deutliche Sprache und zeigen, warum die Bayern den Youngster damals unbedingt haben wollten.

Doch Verletzungen und vor allem fehlende Bereitschaft gepaart mit zahlreichen Eskapaden haben den Durchbruch im Herrenbereich bislang verhindert. Lediglich drei Einsätze in Deutschlands höchster Spielklasse stehen momentan auf dem Konto. Einmal für die Bayern und zweimal im Hertha-Trikot, wobei er bei den Auftritten für die Berliner zusammengezählt auf ganze fünf Spielminuten kommt.

Zum Start der Sommervorbereitung sollte eigentlich der nächste Anlauf genommen werden, doch Kurt kam mit ein paar Kilos zu viel auf den Rippen aus dem Urlaub zurück. Ein Anzeichen dafür, dass er vom Kopf her anscheinend nicht bereit ist, alles zu investieren, um endlich den ersehnten Durchbruch zu schaffen.

"Sinan hat das Problem, dass ihm in der Jugend schon alle gesagt haben, was für ein super Spieler er ist", sagte Matthias Sammer während seiner Zeit als Bayern-Sportvorstand. Zu groß war der Hype um Kurt, wie der Spieler selbst im September 2016 zugab. "Für einen Jungen, der damals gerade 18 Jahre war, war das nicht gut. Ich glaube, dass ich mental stark genug bin, all das verkraftet zu haben. Aber es gibt sicher Spieler, die an diesem Druck zerbrochen wären", erklärte er in der Bild.

Nacktfotos und Helikopter-Flug nach St. Tropez

Dennoch gab es knapp einen Monat später erneut negative Schlagzeilen um den Hertha-Profi. Kurt wurde zu einer Strafe von 20.000 Euro verurteilt, nachdem er einem minderjährigen Mädchen Nacktfotos von sich geschickt haben soll. "Der Fall ist uns bekannt", teilte ein Sprecher der Hertha damals dem Tagesspiegel mit. "Wir haben ihn intern besprochen und bitten mit dem Verweis auf das laufende Verfahren um Verständnis dafür, dass wir uns dazu im Moment nicht äußern wollen."

Auch während seiner Zeit in München legte er sich selbst Steine in den Weg. So sorgte eine Protz-Aktion während des Sommerurlaubs 2015 letztendlich dafür, dass er aus dem Profikader von Pep Guardiola gestrichen wurde. Kurt befand sich mit drei Freunden an der Cote d'Azur in Cannes. Dort mieteten sie sich für die 74 Kilometer lange Strecke nach St. Tropez einen Helikopter und überbrückten die eigentlich kurze Entfernung per Privat-Flug.

"Nach dem China-Trainingslager hatte die Mannschaft drei Tage frei, Sinan flog mit drei Freunden nach Cannes", erklärte Berater Michael Decker der Bild. "Dort gab es das Angebot für den Hubschrauber-Flug. Die Kosten von 1.900 Euro haben sich die Jungs geteilt."

GFX Matthias Sammer Sinan Kurt

Das Kapitel FC Bayern war für Kurt spätestens nach diesem Vorfall inoffiziell vorzeitig beendet. Nach einer Degradierung zu den Amateuren folgte im Januar der Wechsel nach Berlin, wo man hoffte, "ihn an den Männerfußball heranführen zu können".

Derzeit scheint es nicht so, als würde dieser Fall in naher Zukunft eintreten. Und Trainer Dardai machte daraus auch schon des Öfteren keinen Hehl. "Mit Sinan bin ich nicht zufrieden", erklärte er im Laufe der bisherigen Vorbereitung. "Das weiß er auch selbst."

"Wir gehen jetzt ins dritte Jahr mit ihm – und es gibt immer wieder die gleichen Rückschläge", kritisiert der Ungar. Dem 21-Jährigen müsse doch klar sein, "dass es jetzt vielleicht seine letzte Chance ist". Während die anderen Talente seines Jahrgangs wie Leroy Sane, Julian Brandt oder Jonathan Tah ihn längst überholt haben und in ihren Klubs auf der großen Bühne für Furore sorgen, scheint bei Kurt derzeit nicht wirklich Besserung in Sicht.

Darum wird er beim Bundesliga-Start – sofern er bis dahin überhaupt noch bei der Hertha unter Vertrag steht - weiterhin nur eine Randfigur bleiben. Ob sich daran in Zukunft etwas ändert, hängt davon ab, ob es bei ihm schon sehr bald Klick macht und er, ganz nach Dardais Worten, endlich "seinen Arsch bewegt".

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