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Martin Hinteregger von Eintracht Frankfurt im Interview: "Sportlich lief es nicht gut, in der Schule war ich schlecht"

09:18 MEZ 20.02.20
ONLY GERMANY Martin Hinteregger Eintracht Frankfurt 2019
Martin Hinteregger spricht im Interview über moralische Grundsätze, seine Heimatliebe, das innige Verhältnis zu den Eintracht-Fans und den Bergdoktor.

EXKLUSIV-INTERVIEW

Martin Hinteregger gilt als der etwas andere Bundesliga-Profi. Der Österreicher beschreitet ungewohnte Wege, fällt auf, eckt auch mal an und hat auch deshalb bei Eintracht Frankfurt längst einen gewissen Kult-Status erlangt.

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Dabei verlief sein Start im Internat in Salzburg alles andere als reibungslos, Hinteregger stand mehrere Male kurz davor, alles hinzuschmeißen. Wie es der 27-Jährige dann doch noch in den Profifußball geschafft hat und was ihm an diesem sehr speziellen Beruf so gar nicht gefällt, verrät er im großen Interview mit Goal und DAZN.

Sie machen eine Ausbildung zum Hubschrauberpiloten und sagen: "Fliegen ist einfacher als Autofahren". Was ist daran einfacher?

Martin Hinteregger: Es gibt kaum Gegenverkehr. Bei Start und Landung muss man natürlich aufpassen, in der Luft ist es aber recht einfach.

Gab es schon brenzlige Situationen?

Hinteregger: So weit bin ich noch nicht. Derzeit lerne ich die Notverfahren, wenn es also mal eng werden sollte. Da geht‘s um schnelle Handgriffe - aber zum Glück bisher alles noch inszeniert und nicht real.

Was motiviert Sie zum Fliegen?

Hinteregger: Ich sehe das nicht nur als Hobby.  Mein Ziel ist es schon, nach der Karriere vielleicht Rettungspilot zu sein oder bei der Polizei zu arbeiten. Vielleicht aber auch nur Rundflüge anbieten. Das könnte mich - nach langen Überlegungen - schon ziemlich fesseln. Bis dahin ist aber noch Zeit und es bleibt vorerst ein Hobby. Ich genieße es, wer hat schon dieses Privileg, einen Hubschrauber fliegen zu dürfen?

Haben Sie ein Helfersyndrom?

Hinteregger: Ich finde es schön, einem Kind mit einem Autogramm, einem kurzen Gespräch oder einem Besuch im Krankenhaus etwas zu geben. Und ich mag Verantwortung. Ich habe gehört, dass Rettungspiloten gar nicht so wertgeschätzt werden für das Risiko, das sie eingehen, wenn sie anderen helfen. Aber ich möchte diesen Druck. Als Fußballprofi hat man den permanent und ich glaube es wird schwer, wenn dieser nach der Karriere vom einen auf den anderen Tag ganz weg ist.

Wie blicken Sie auf das Jahr 2019 zurück?

Hinteregger: Es war mein schwierigstes Jahr. Auf der einen Seite die Höhenflüge mit der Eintracht, die EM-Qualifikation mit Österreich. Auf der anderen Seite das Dilemma mit Augsburg. Der neue Fokus, der in Frankfurt auf mir liegt.

Sie gelten mittlerweile als "Kult-Profi". Was ist das eigentlich?

Hinteregger: Keine Ahnung. Ich habe vielleicht ein paar ungewöhnliche Eigenschaften. Nicht böse oder gut, aber komisch vielleicht. Eigentlich bin ich ganz normal, ich gehe auch mal mit einer Jagdjacke und diesem komischen Hut in die Kabine. Und wenn ich dann neben Kevin Trapp oder Timothy Chandler stehe, die immer gut gekleidet sind, dann schaut das vielleicht schon schräg aus. Aber mir macht das nichts aus. Die Mitspieler gewöhnen sich daran. Und wenn ich jetzt mit Gucci oder Louis Vuitton, oder wie die Dinger heißen, da auflaufen würde: Das wäre wohl ein bisschen eigenartig. Da würde ich mich unwohl fühlen.

Hatten Sie einen Berufswunsch als Kind?

Hinteregger: Fußballprofi. Alternativ hätte ich wohl wie mein Vater einen Job bei der Gemeinde übernommen. Den Job hat jetzt einer meiner besten Freunde, passt also.

Sie sagen, Sie hätten in jungen Jahren auch "viel Scheiß" gebaut. Was denn?

Hinteregger: Schule schwänzen. Nicht so schlimm, hat wohl jeder schon mal gemacht. Ich wäre zweimal fast aus dem Internat in Salzburg geflogen. Da herrschte Internet-Verbot, also habe ich mir so einen Surfstick zugelegt. Und um zehn Uhr abends ist eigentlich Bettruhe gewesen - also bin ich um elf Uhr raus zu McDonald‘s, weil ich Hunger hatte. In dem Moment fand ich das nicht schlimm, aber wenn alle anderen sich korrekt verhalten und du nicht, fällst du aus der Reihe.

Wie war Ihre Erziehung zu Hause?

Hinteregger: Ein gutes Mittelmaß. Aber ich bin ja mit zwölf Jahren schon von zu Hause weg, aus einem 700-Einwohner-Dorf nach Salzburg auf die Schule. 35 Schüler in der Klasse, 25 davon ohne Deutsch als Muttersprache. Das war für mich als Dorfkind schon ein Schock. Daran musste ich mich erst gewöhnen. Aber ich habe auch viele gute Sachen daraus mitgenommen. Da hatte ich Glück.

Wie wichtig ist Ihnen Heimat?

Hinteregger: Wenn es mir nicht gut geht oder wir mal zwei, drei Spiele verloren haben - dann muss ich weg! Den Kopf frei bekommen in den Bergen, am liebsten natürlich in Kärnten. Und wenn es nur ein paar Stunden sind. Nach der Karriere werde ich ziemlich sicher wieder in Kärnten leben.

Sie haben sich schon längst ein Haus dort gebaut.

Hinteregger: Mit 20 wollte ich mir ein Auto kaufen, das gab es dann aber von RB Salzburg für jeden Spieler. "Sei nicht dumm, Junge", hat mein Vater dann gesagt, "bau dir hier ein Haus." Bei uns ist der Grund günstig, also habe ich mir ein Haus gebaut. Das kann man abbezahlen, man lernt den Umgang mit Geld. Das war extrem wichtig. Das Haus ist der Mittelpunkt meiner großen Familie, derzeit wohnt meine Schwester mit ihrer Familie darin. Dort treffen sich immer alle. Der Hausbau war außerhalb des Fußballs eine meiner besten Entscheidungen.

Was sind die Unterschiede zwischen Kärnten und Frankfurt?

Hinteregger: Wir haben die Seen, die Berge, sind immer draußen in der Natur. Das macht uns freier und als Südländer auch lockerer. Aber ich lasse mich immer gerne eines Besseren belehren. Alles nördlich von Frankfurt ist in Sachen Mentalität schon sehr anders als Österreich oder Kärnten. Aber Frankfurt ist super.

Hatten Sie Heimweh?

Hinteregger: In den ersten beiden Jahren im Internat nicht, da war alles zu aufregend. Danach war ich fast zwei Jahre durchgehend verletzt. Die Chance auf einen Profijob war sehr gering. Da wollte ich nach Hause. Zwei oder drei Mal stand ich zwischen 15 und 17 Jahren kurz davor, alles abzubrechen. Sportlich lief es nicht gut, in der Schule war ich schlecht. Und an den Wochenenden zu Hause gehen die Kumpels bei schönem Wetter um 14 Uhr zum Baden - und du musst wieder zum Zug nach Salzburg. Es hat dann aber „klick“ gemacht und auf einmal ging die Leistung sprunghaft nach oben. Ich habe mich irgendwann doch durchgebissen.

Huub Stevens hat Sie zum Profi gemacht. Können Sie sich noch an das erinnern, was er Ihnen vor Ihrem ersten Spiel gesagt hat?

Hinteregger: ‚Junge, du kannst keinen Fehler machen. Wenn du einen Fehler machst, dann war das mein Fehler.‘ Dieser Satz war so wichtig für mich. Er war einer der wichtigsten Trainer für mich und das wird er immer bleiben. Ich gehe für einen Trainer durchs Feuer, wenn die Chemie stimmt.

Wie beurteilen Sie also das RB-Modell?

Hinteregger: Salzburg war ein toter Verein und jemand hat hinein investiert. Wie dort gearbeitet wird, ist ein Vorbild für viele Vereine in Europa. Ich beschäftige mich immer noch mit Salzburg, dort spielen noch einige Freunde.

Jetzt stehen die Europa-League-Spiele gegen Ihren alten Klub an.

Hinteregger: Ich dachte im ersten Moment: Oh nein, bitte nicht! Im Herbst waren sie in einer brutalen Verfassung, da wäre es richtig schwer für uns geworden. Das ist jetzt immer noch so, aber ohne Haaland und Minamino sind sie schon etwas geschwächt. Aber das Kollektiv ist immer noch fantastisch. Der Trainer und ich müssen unserer Mannschaft beibringen: Das ist zwar Österreich, aber die sind verdammt gut!

Von Salzburg ging es dann für Sie nach Gladbach. War das die schwierigste Zeit Ihrer Karriere?

Hinteregger: Nein, es gab sehr viel Vertrauen in mich, speziell von Max Eberl. Ich bin nicht fit nach Gladbach gekommen, war zuvor drei Monate verletzt und konnte meine Leistung nicht bringen. Dieses halbe Jahr ist nicht so gelaufen, wie ich mir das vorgestellt habe und das wurmt mich noch heute. Es tut mir immer noch weh und leid.

In Augsburg lief es zuerst sehr gut und am Ende dann nicht mehr für Sie.

Hinteregger: Wir hatten eine gute Mannschaft und konnten an den Europa-League-Plätzen kratzen. In Augsburg ist das Ziel immer erst der Klassenerhalt. Aber ein Fußballerleben ist kürzer als das eines Vereins. Ich wollte in den Europapokal - das habe ich mit der Eintracht geschafft. Der Verein möchte sich stetig weiterentwickeln. Zu so einem Verein passe ich, denn das möchte ich auch.

Waren Sie denn schon immer so ambitioniert?

Hinteregger: Jetzt wird es viele geben, die sagen: ‚Dem war schon immer alles scheißegal‘. Aber das stimmt nicht. Ich bin sehr ehrgeizig. Vielleicht gehe ich nicht so oft in den Kraftraum, aber ich weiß, was ich brauche, um Leistung zu bringen.

Sind Sie selbstkritisch?

Hinteregger: Ich bin sehr selbstkritisch und nehme mich selbst sehr hart ran. Auch nach gewonnenen Spielen bin ich oft genug schlaflos.

Sie hatten Schlafstörungen.

Hinteregger: Es gab Phasen, da habe ich einen Monat lang vielleicht eine oder zwei Stunden am Tag geschlafen. Das war reinstes Kopfkino im Bett, das macht einen fertig. So konnte es nicht weitergehen. Ich war nicht zu feige, mir diesbezüglich Hilfe zu holen. Die Gespräche mit einer Psychologin haben mir gutgetan. Jetzt habe ich wieder ein normales Schlafverhalten. Das ist aber nicht nur mein persönliches Problem. Es gibt viele Fußballer oder generell Menschen, die in ähnlichen Drucksituationen sind und denen es genauso geht.

Kann man über so ein sensibles Thema offen in der Kabine sprechen?

Hinteregger: Es gibt diese ein, zwei Freunde, mit denen man viel unternimmt. Mit denen kann man schon darüber reden. Aber generell kommt Schwäche zeigen im Fußball-Business eher selten vor.

Wie haben Sie es geschafft, mit dem Druck umzugehen?

Hinteregger: Ich habe Druck, aber ich bin kein Top-Star. Wie geht einer wie Cristiano Ronaldo mit Druck um? Oder Toni Kroos? Oder die Spieler vom FC Bayern? Dann beruhige ich mich wieder. Ich spiele bei Frankfurt, das ist gut so, aber ich bin kein Star. Es gibt so viele Sportler, die zehn Mal so viel Druck haben wie ich. Das hilft mir dann.

Warum läuft es in Frankfurt so gut?

Hinteregger: Ich fühle mich hier zu Hause, ich mag die Leute, die Mannschaft und den Trainer. Es gibt ein riesiges Vertrauen vom Verein. Das alles beeinflusst die Leistung. Ich bin ein extremer Kopfmensch. Wenn es dem Kopf gut geht, kannst du auch deine Leistung bringen.

Seit Sommer arbeiten Sie mit einem neuen Berater zusammen. Wollten Sie damit auch Ihr Image wechseln?

Hinteregger: Ich habe keinen neuen Berater. Und es geht auch nicht um mein Image, das ist, glaube ich, gut. Vielleicht nicht in den Medien, aber den Leuten da draußen gefällt‘s.

Bereuen Sie nichts?

Hinteregger: Doch. Du kannst nicht drei Tage vor dem Spiel Geburtstag feiern gehen. Das geht nicht, das war vielleicht nicht die beste Aktion. Aber andererseits: Ich habe niemanden niedergeschlagen oder weh getan. Ich war Geburtstag feiern. Aber in Österreichs Zeitungen schien es der größte Skandal oder das größte Problem der Welt zu sein. Wenn das das größte Problem ist, das wir haben, dann geht es uns ziemlich gut.

Auch Österreich ist politisch sehr aufgeheizt, Leute gehen auf die Straße. Würden Sie auch für etwas auf die Straße gehen?

Hinteregger: Das Fußballgeschäft ist schon schwer, aber Politik ist noch spezieller. Überall, wo viel Geld und viel Macht im Spiel ist, ist das so. Und in der Politik geht es noch mehr um Geld und Macht. Ich habe nicht so die Ahnung davon, aber vielleicht ist es auch besser, wenn man nicht so viel darüber weiß. Ich bin jedenfalls froh, dass ich damit nichts zu tun habe.

Sie besitzen jetzt immerhin ein Smartphone.

Hinteregger: Das musste ich mir beim Wechsel nach Frankfurt zulegen, wir nutzen damit eine App, die unsere Termine koordiniert. Da gab es kein Pardon. Ich habe immer noch ein iPhone 4. Meine Teamkollegen belächeln mich deswegen, aber das passt schon so.

Sie verweigern sich aber weiterhin den sozialen Medien. Warum finden Sie die so gefährlich?

Hinteregger: Ich bin nicht neugierig und möchte mich nicht in Szene setzen. Wenn ich ein Spiel verliere, setze ich mich lieber mit zwei Freunden hin und trinke ein Bier, statt auf einen meiner Posts 100.000 Kommentare durchzulesen. Das ist doch verrückt. Sollte ich irgendwann das Verlangen danach haben, dann nutze ich vielleicht auch die sozialen Medien. Vielleicht mache ich mal eine Fan-Page oder so. Aber derzeit habe ich daran kein Interesse.

Sind Ihnen denn Statussymbole wichtig?

Hinteregger: Wegen der Leistungen auf dem Platz bleibt man in Erinnerung. Und nicht durch ein cooles Foto aus dem Urlaub.

Nerven Sie die Privilegien eines Fußballprofis?

Hinteregger: Jein. Geht es zum Beispiel darum, Tickets zu erlangen, ist es sehr praktisch.

Gibt es Berufe, die mehr Anerkennung verdient hätten als der des Fußballprofis?

Hinteregger: Klar, Rettungspilot zum Beispiel. Oder alle in der Pflege. Diese Berufe sind bemerkenswert. Ich beneide Profis, die vorher einen Beruf gelernt haben und schon richtig gearbeitet haben. Die wissen viel mehr zu schätzen, wie gut es uns geht. Das hätte ich gerne mal erlebt: Diesen Unterschied zwischen "Normalberuf" und Fußballprofi. Ich kenne nichts anderes. Und ich habe jetzt schon ein bisschen Angst davor, wie es in sechs, sieben Jahren sein wird, in die Berufswelt einzusteigen. Ich bin jetzt 27, andere mussten mit 30 Jahren schon aufhören. Deshalb denke ich in letzter Zeit öfter darüber nach. Momentan ist es so, dass ich jeden Zweikampf führe ohne Rücksicht auf eigene Verluste, auf meine Gesundheit. Wenn ich das irgendwann nicht mehr kann, verliere ich mein Spiel. Das kann sehr schnell gehen, deshalb muss man sich früh genug auf solch ein Szenario einstellen.

Wie sieht Ihr perfektes Leben nach Ihrer Karriere aus?

Hinteregger: Ein schönes Haus in der Natur, ein paar Tiere, die Familie, Gesundheit, viele Freunde, viel Spaß, ganz wenig vom Fußball. Einen erfüllenden Beruf und viel Zeit auf einem kleinen Bauernhof.

Wie arbeiten Sie Niederlagen auf?

Hinteregger: Niederlagen nagen sehr an einem, Ablenkung ist dann nur schwer möglich. Es gibt aber keinen bestimmten Ablauf bei mir, was ich nach einem Spiel immer mache. Ab und zu höre ich einen Podcast, lese ein Buch oder zappe mal durchs TV-Programm. Zurzeit ist aber leider keine Lesephase. Ich lese gerne Biographien, da nimmt man einiges mit. Das nächste Buch wird wohl die Biographie von Novak Djokovic sein.

Der "Bergdoktor" ist eine Ihrer Lieblings-TV-Serien. Was gefällt Ihnen daran?

Hinteregger: Ich mag die Schauspieler, Hans Sigl und Mark Keller. Die kommen immer so locker rüber. Außerdem ist es ein Stück Heimat, das mir da ins Wohnzimmer schneit. Damit konnte ich immer super einschlafen. Den Hans Sigl würde ich gerne mal treffen.

Seit kurzem sind Sie auch Star-Wars-Fan.

Hinteregger: Dazu bin ich über "How I met your mother" gekommen, weil da immer so eine Stormtrooper-Figur rumstand. Ich hatte Star Wars nie gesehen, das musste ich nachholen. Und es hat mich gefesselt, ich bin gerade mittendrin.

Kommen Sie eigentlich noch oft in den Wald, Sie haben ja auch den Jagdschein gemacht in jungen Jahren.

Hinteregger: Das kommt immer so rüber, als wäre ich der Überjäger, bin ich aber nicht. Die Prüfung habe ich mit 18 gemacht, weil ich im Dorf mitreden wollte. Da ist die Jägerei ein großes Thema. Ich bin mit Freunden öfter mit, mein erstes Stück habe ich aber auf einer Jagd mit dem Berufsjäger von Herrn Mateschitz geschossen, er hat mich damals mal in sein Revier eingeladen. Aber seit fünf Jahren war ich nicht mehr auf der Jagd.

Wie ist es, das erste Mal abzudrücken und auf ein Lebewesen zu schießen?

Hinteregger: So nervös war ich noch nie. Ich hatte die Freigabe vom Berufsjäger, der damals dabei war. Aber ich habe mich lange nicht getraut. Danach war eine Mischung aus Stolz und schlechtem Gewissen. Es geht mir nicht ums Erschießen, eine Safari zum Beispiel kommt für mich nicht in Frage. Ich bin sehr tierlieb. Abgesehen von Katzen, die mag ich eher weniger. Ich bin eher Team Hund. Die sind korrekt, ehrlich.

Ist die Wertschätzung für das Tier für Sie ein großes Thema?

Hinteregger: Auf jeden Fall! Und zum Glück auch in der Gesellschaft mittlerweile angekommen. Mich haben schon genug Leute gerügt, weil ich ein Jäger bin. Und im nächsten Moment gehen die in den Supermarkt und kaufen das Hähnchen aus der schlimmsten Käfighaltung. So etwas kann man doch nicht kaufen! Ich verzichte größtenteils auf Schwein und Huhn und kaufe nur Qualität. Natürlich ist das auch eine Geldfrage, aber grundsätzlich muss den Menschen bewusst werden, dass Billigfleisch aus der Massentierhaltung abzulehnen ist.

Sie interessieren sich auch für Motorsport.

Hinteregger: Welcher zehnjährige Junge träumt nicht davon, mal in einem schnellen Auto über die Rennstrecke zu knallen? Im Sommer könnte es so weit sein bei mir … Ich bin einfach Motorsport-Fan, Dani Ricciardo vom Red-Bull-Rennstall fand ich cool, der ist super. Und ich bin auch Vettel-Fan - der kommt ja hier aus der Gegend und ist Eintracht-Fan. Grundsätzlich möchte ich vieles ausprobieren, so lange ich noch jung bin. Dazu gehört der Flugschein oder auch die Musik.

Sie spielen Ziehharmonika. Bringen Sie sich das autodidaktisch bei?

Hinteregger: In Salzburg hatte ich einen tollen Lehrer. Dann bin ich aber nach Deutschland gewechselt. In Augsburg war es noch okay, in Gladbach dann schon nicht mehr. Und wenn jemand einen Ziehharmonikalehrer in Frankfurt kennt: Bitte Bescheid sagen! Derzeit lerne ich über YouTube-Tutorials mit zwei Jungs aus der Steiermark. Ich lerne extrem schnell und gut. Man muss aber beständig am Ball bleiben, sonst sind die Lerneffekte wieder dahin. Derzeit lerne ich den Schneewalzer, ein fantastisches Lied.

Wie haben Ihre Mannschaftskollegen auf dieses eher exotische Hobby reagiert?

Hinteregger: In meiner Mannschaft weiß wohl niemand, dass ich das Instrument spiele. Wenn wir mal einen Titel gewinnen, dann spiel‘ ich mal auf! Sollte es mal so weit sein, dann lasse ich mir was einfallen. Den Schneewalzer singen wir nach Siegen auch immer bei uns im Stadion mit den Fans. Wäre cool, wenn wir das mal verbinden könnten miteinander. Oder auf einer Fanklub-Weihnachtsfeier: Die singen, ich spiele.

Die Beziehung zwischen Eintrachts Fanszene und Ihnen hat sich erstaunlich schnell entwickelt.

Hinteregger: Das war Liebe auf den ersten Blick. So lange ich Leistung bringe und so bleibe, wie ich bin, wird das auch hoffentlich so weitergehen.

Wie schafft man diese Fannähe und Bodenständigkeit?

Hinteregger: Das ist wohl auch eine Typfrage. Ich sehe mich im Kontakt mit Menschen nicht als Fußballer, mich muss auch keiner mit "Herr Hinteregger" ansprechen. "Martin" oder "Hinti" reicht. Neulich habe ich mich mit einer Dame an einer Ampel unterhalten, vielleicht 30 Sekunden lang. Ein paar Tage später hat sie mir einen Brief geschrieben, wie nett das war.

Stört Sie auch etwas an einer gewissen Nähe?

Hinteregger: Wenn ich merke, dass man mich als Material behandelt, das nur herumgeschoben wird - Foto hier, Foto da - das mag ich nicht. Aber da muss man dann halt auch mal durch. Dafür sind die anderen, schönen Momente doch zu wertvoll.

Was sind Ihre mittelfristigen Ziele mit der Eintracht?

Hinteregger: Unsere Saison verläuft wellenförmig, wir haben große Siege wie gegen die Bayern, Leverkusen, Leipzig oder Arsenal und dann wieder ganz schwache Auftritte. Wir sind wohl eine Wundertüte. Jeder in Frankfurt träumt auch mal von der Champions League, wir haben selbst auch hohe Ziele. Wir wollen uns jedenfalls in den nächsten Jahren oben festsetzen.

Und Ihre persönlichen Ziele?

Hinteregger: Ein Titelgewinn mit Frankfurt wäre etwas sehr Besonderes. Und mit dem Nationalteam möchte ich eine gute Rolle bei der EM spielen.

Wäre eine andere Liga noch reizvoll?

Hinteregger: Die Serie A habe ich als Kind sehr intensiv verfolgt. Aber ich habe derzeit überhaupt keine Ambitionen, weil ich in Deutschland bei einem Topklub angestellt bin. Und es gibt genug warnende Beispiele, Jovic und Rebic hatten ein schweres halbes Jahr, Haller steckt in England im Abstiegskampf. Man muss wissen, was man an der Eintracht hat. Sollte ein Angebot von einem Topklub kommen, mache ich mir Gedanken. Aber der erste Ansprechpartner ist ganz sicher Fredi Bobic.