EXKLUSIV
Ein Bolzplatz, wie es ihn in Deutschland hundertfach gibt. Zwei Tore, grüne Netze, leicht abschüssiger Boden, harter Untergrund – kein Schnickschnack. Der Ball wird malträtiert, es geht rauf und runter. Meist wird fünf-gegen-fünf gespielt und wenn die Kugel das Tor verfehlt, muss er nicht selten aus dem anliegenden Wald geholt werden. Schweiß tropft und Kommandos werden gerufen. Es geht wild zur Sache, pausenlos. Einer der jungen Kicker, die sich hier täglich aufreiben, ist Mart Ristl. Auf diesem Bolzplatz in Blaufelden, einem Nest in Baden-Württemberg, legt er den Grundstein für eine Profikarriere, die ungewöhnlich verläuft.
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Bei Goal erinnert sich der mittlerweile 21-Jährige gut an diese Tage, wie es sie zuhauf in seiner Kindheit gab: "Ich habe dabei das Arbeiten gelernt. Den ganzen Tag auf dem Fußballplatz stehen und keine Pausen machen. Immer dranbleiben, immer Gas geben." Ristl, der nur wenige hundert Meter von jenem Bolzplatz entfernt lebt, ist noch ein echter Straßenkicker. Im Verein spielt er damals natürlich auch, das zentrale Mittelfeld ist sein Revier. Er geht forsch zur Sache, ist nimmermüde, durchsetzungsstark und sticht so heraus. 2010 wird der VfB Stuttgart auf den blonden Kämpfer aufmerksam und holt ihn im Alter von 13 Jahren in sein Jugendleistungszentrum.
Von der U15 an Junioren-Nationalspieler
Er genießt dort eine Jugendarbeit, die nicht wenige Fachleute für die Beste in Deutschland halten. "Es wird dort auf jeden Spieler individuell eingegangen. Es wird ein klarer Plan entwickelt und es werden dem Spieler seine Stärken und Schwächen aufgezeigt. Und dann wird versucht, die individuellen Stärken des einzelnen perfekt in die Mannschaft zu integrieren", erklärt Ristl die Philosophie: "Und meistens klappt das auch. Das war immer der Vorteil von den Jungs beim VfB, so habe ich das wahrgenommen."
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Auch er entwickelt sich prächtig. Ab der U15 ist er Junioren-Nationalspieler später kickt er mit Jonathan Tah, Nadiem Amiri, Leroy Sane und Timo Werner in der U19 des DFB und ist sogar deren Kapitän. Ex-Bundesliga-Stürmer Ilja Aracic trainiert damals die A-Jugend des VfB und bescheinigt seinem Schützling mit der "aggressiven Spielweise" großes Potenzial. Er lobt: "Mart ist ein zuverlässiger und ehrgeiziger Spieler."
Getty ImagesIn der Saison 2015/16 läuft es in Stuttgart mies. Mehrere Trainer werden verschlissen, die erste Mannschaft gerät in einem Abwärtsstrudel und steigt am Ende sogar in die 2. Bundesliga ab. Für Ristl ist das eine merkwürdige Situation. Er schnuppert Luft im Profifußball, debütiert gegen Leverkusen in der Bundesliga und kriegt auch gegen die Bayern ein paar Einsatzminuten. Doch läuft es sportlich für sein Team so schlecht.
Eine Zeit, die Ristl aber nicht missen möchte: "Das wird mir immer positiv in Erinnerung bleiben. Ich durfte damals extrem viel tolle Menschen und Situationen kennenlernen. Es ist nicht alltäglich, dass man mit Weltmeistern und anderen tollen Spielern jeden Tag auf dem Trainingsplatz steht oder zu Auswärtsspielen fährt. Für den Verein war es eine extrem schwere Zeit. So wie jetzt auch und ich hoffe, dass er da wieder rauskommt."
Ristl war beim VFB unzufrieden
Es folgt eine Phase, in der seine Karriere erstmals nicht mehr nur nach oben geht. Der Sprung zu den Senioren gelingt nicht auf Anhieb, in der 2. Bundesliga absolviert er keinen Einsatz und in Stuttgart geht es für ihn nicht weiter. Der Durchlass von den Junioren und der Reserve zu den Profis ist "aus mehreren Gründen", so Ristl, gering und unter dem neuen Trainer Hannes Wolf gibt es für ihn keine Perspektive in der ersten Mannschaft. "Ich war mit der damaligen persönlichen Situation unzufrieden", gibt er zu. Er sucht vor dieser Saison nach einer Alternative und findet sie mit seinem Berater Karl-Heinz Förster in der 2. Liga Frankreichs, beim FC Sochaux.
Ein Schritt ins Ausland ist zu diesem Zeitpunkt der Karriere ungewöhnlich. Der Schlüssel zu Ristls Wechsel nach Frankreich ist Peter Zeidler. Der deutsche Trainer, der wie Ristl aus Schwäbisch Gmünd stammt, kommt ebenfalls im Sommer 2017 nach Sochaux. Er soll den Klub nach mittlerweile fast vier Jahren in der Ligue 2 wieder ins Oberhaus führen. Zeidler hat in Deutschland unter anderem als Co-Trainer von Ralf Rangnick in Hoffenheim gearbeitet, er war bei RB Salzburg tätig – und auch in Stuttgart. So kommt also auch der Kontakt zu Ristl zustande.

Es gibt ein paar Telefonate, dann absolviert der 1,78 Meter große Rechtsfuß mit den raspelkurzen Haaren ein Probetraining in Sochaux und Klub und Spieler sind sich schnell einig: Das passt. Ristl bespricht sich mit seiner Familie und dann ist für ihn klar, dass er den Schritt zum zweimaligen französischen Meister gehen will.
In Sochaux, einer kleine Gemeinde vor den Toren der 120.000-Einwohner-Stadt Montbeliard muss sich Ristl erstmal umgewöhnen. Sieben Jahre lang war er beim VfB zuhause, wurde in einem der besten Nachwuchszentren unweit der Familie groß. Nun ist er mit gerade 21 Jahren in einer neuen Kultur auf sich allein gestellt und die Heimat liegt mehr als 350 Kilometer entfernt.
Ristl schätzt in Frankreich "Leidenschaft, Lebensfreude und Zusammenhalt"
Doch Ristl lebt sich schnell ein. Ihm helfen die vier Jahre Französischunterricht in der Schule, wie er betont: "Ganz ohne die Vorkenntnisse hätte der Start nicht so gut geklappt. Von daher hat es gut gepasst. Mittlerweile bin ich sprachlich aber wieder auf einem anderen Level." Außerdem paukt er fleißig, unter anderem mit Patrick Kapp, dem zweiten jungen Deutschen in Sochaux.
Im Gespräch wird deutlich, wie viel Bock Ristl auf das Leben in Frankreich hat. "Es gab zwei Szenarien, die ich mir hätte vorstellen können: Zum einen, mein Leben lang beim VfB zu bleiben. Oder eben, falls das nicht klappt, so viele Erfahrungen zu sammeln wie nur irgend möglich. Dazu gehören auch Auslandsaufenthalte", führt er aus. Die Dinge, die er im Alltag in der Grande Nation am meisten schätzt, fallen ihm auch sofort ein: "Leidenschaft, Lebensfreude, Zusammenhalt."
Für drei Jahre hat er in Sochaux unterschrieben und er lässt keinen Zweifel daran, dass er das Maximum herausholen will. Für sich privat, aber vor allem auch sportlich für "les lionceaux", die Löwen, wie die Spieler Sochaux' genannt werden.
Der FC Sochaux-Montbeliard, wie er mit vollem Namen heißt, ist ein Traditionsverein. Er wurde 1928 als Werksklub von Peugeot gegründet, das Stade Auguste-Bonal steht direkt neben dem Werk, in dem 16.000 Menschen arbeiten. Kein Verein absolvierte mehr Spielzeiten in der Ligue 1. Doch bei Peugeot lief es in den letzten Jahren nicht und die Absatzprobleme des Automobilherstellers treffen auch den FC. Es steht weniger Geld zur Verfügung, der Klub steigt ab und wird 2015 von der chinesischen Ledus-Gruppe übernommen.
Sochaux verlor in der Coupe de France gegen PSG
Ziel ist jetzt die zügige Rückkehr in die Ligue 1. Allerdings nicht mit Gewalt und hohen Investitionen, sondern mit jungen, aufstrebenden Kickern. Mit Kickern wie Mart Ristl, die viel Potenzial haben und sich beweisen wollen. Beleg dafür: Im Kader von Peter Zeidler steht genau ein Spieler, der über 30 Jahre alt ist.
"Dieser Verein und die Jungs, die hier spielen, gehören einfach in die erste Liga. Das Potenzial ist auf jeden Fall da", sagt Ristl. Nach durchwachsenem Saisonstart läuft es immer besser. In der Tabelle ist Sochaux bis auf den siebten Rang geklettert und der Rückstand auf die Aufstiegsplätze beträgt nur noch zwei Zähler.
Ristl musste sich sportlich umstellen. Nach einer Saison in der Regionalliga Südwest mit der VfB-Reserve nun also die Ligue 2. Das Niveau ist dabei hoch: "Ich bin sehr positiv überrascht. In der 2. Liga in Deutschland habe ich ja kein Spiel absolviert, daher kann ich es nicht direkt vergleichen. Aber zum Beispiel mit dem Training damals in der Bundesligamannschaft des VfB. Technisch gibt es viele gut Jungs und es geht sehr leidenschaftlich zu. Zur 1. Bundesliga fehlen dann aber noch einige taktische Dinge."
Fünf Einsätze absolvierte Ristl bisher, ehe er sich vor einigen Wochen im Training bei einem Torschuss das Knie verdrehte und deshalb am Meniskus operiert werden musste. Ein Rückschlag für ihn und er verpasste in der vergangenen Woche das große Spiel im Pokal gegen den Giganten PSG. Ristl verfolgte das 1:4 gegen Dreierpacker Di Maria und Co. im Stadion. Er sagt: "Geschmerzt hat es nicht unbedingt, da man es nicht ändern kann. Aber man fragt sich natürlich: 'Warum muss ausgerechnet ich so ein Wahnsinnsspiel im eigenen Wohnzimmer verpassen?!'"
Ristl steht in Sochaux bis 2020 unter Vertrag
Ristl schuftet nun für seine Genesung, die Reha verläuft nach Plan. Wenn er wieder gesund ist, ist ein Stammplatz das große Ziel, "und natürlich, dass der Verein den Aufstieg packt."
Bis 2020 steht Ristl in Sochaux unter Vertrag. Was danach kommt, weiß er nicht. Aber wer weiß das schon im Profifußball? Nachdem aus dem ewigen Verbleib beim VfB nichts geworden ist, steht ihm die Welt offen.
"Ich habe nicht umsonst in Frankreich für drei Jahre unterschrieben", sagt er: "Aber danach würde ich gerne noch mehr von der Welt sehen. Aber man kann es nie voraussehen. Wer weiß, vielleicht bleibe ich auch mein Leben lang bei Sochaux. Im Hinterkopf hat man aber natürlich schon, dass es die Möglichkeit gibt, womöglich Erfahrungen in England zu sammeln, oder in Italien und Spanien. Heutzutage ist so vieles möglich und es geht so schnell. Also lasse ich das auf mich zukommen."
Mart Ristl steht noch immer am Anfang seiner Karriere. Der Weg, den er eingeschlagen hat, ist nicht alltäglich. Jedenfalls hätte den kaum jemand prophezeit, damals auf dem Bolzplatz am Wald in Blaufelden.




