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Ex-ÖFB-Stürmer Marc Janko im Interview: "Instagram ist eine Gefahr für das geistige Wohlbefinden"

17:00 MESZ 03.07.19
Marc Janko Österreich 26032016
Mit 36 Jahren hat Marc Janko eine bewegte Karriere hinter sich. Im Interview äußert sich der Österreicher auch zu Themen abseits des Fußballplatzes.

INTERVIEW

Marc Janko hat am Montag mit 36 Jahren seine aktive Karriere beendet. Er ist der dritterfolgreichste Torschütze der österreichischen Nationalteamgeschichte, spielte insgesamt in sieben Ländern - und war in seinem öffentlichen Auftreten stets mehr als nur Fußballer. Janko bezieht auch Stellung zu politischen, gesellschaftlich und wirtschaftlichen Themen.

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Im Interview mit Goal und SPOX erklärt er die Gründe für sein Karriereende sowie seine weiteren Pläne. Außerdem spricht er über Fazientapes, polysportive Sportcamps, österreichische Politik, eingeschränkte Pressefreiheit, die Scheinwelt Instagram und Vorurteile gegenüber Türken.

Herr Janko, Sie haben am Montag Ihr Karriereende bekanntgegeben. Was hat den Ausschlag gegeben?

Marc Janko: Erstmals kam der Gedanke in der Winterpause auf. Je mehr Zeit dann verging, desto richtiger hat er sich angefühlt. Wenn das Feuer für den Fußball kleiner ist als die Freude auf die Zeit danach, ist der richtige Moment für diesen Schritt gekommen. Das war bei mir der Fall. Außerdem wollte ich zurückzutreten, solange es mir körperlich noch gut geht - und nicht erst dann, wenn der Körper streikt und ich ohne Schmerztabletten nicht mehr aus dem Bett komme.

Sie wurden bis zuletzt ins österreichische Nationalteam berufen. War es eine Überlegung, deswegen weiterzumachen?

Janko: Das hat mir natürlich sehr geschmeichelt, hat dabei aber keine Rolle gespielt.

Haben Sie Angst vor der Zukunft ohne aktiven Profifußball?

Janko: Für mich ist das natürlich ein Sprung ins Ungewisse. Seit ich mich erinnern kann, werde ich durch den Fußball fremdbestimmt. Jetzt muss ich den Übergang in ein selbstbestimmtes Leben schaffen. Ich rechne schon damit, dass ich bei diesem Prozess in ein Loch fallen werde. Hoffentlich ist es nicht allzu tief und ich bringe schnell eine neue Struktur in mein Leben, die mich glücklich macht.

Was sind Ihre weiteren Pläne?

Janko: Zunächst einmal werde ich mit meiner Familie nach Wien übersiedeln. Dann möchte ich möglichst viele Sachen ausprobieren und in unterschiedliche Bereiche reinschnuppern. Ich will etwas finden, was mich genau so erfüllt, wie es bisher der Fußball getan hat. In den vergangenen Monaten habe ich mich neben dem Fußball deswegen schon auf einige andere Dinge fokussiert und unternehmerische Projekte gestartet.

Erzählen Sie!

Janko: Gemeinsam mit drei Geschäftspartnern habe ich ein spezielles Fazientape namens S:KIN-the active tape gegen Muskelverspannungen und Schmerzen auf den Markt gebracht, für das wir auch ein europaweites Patent halten. Es handelt sich dabei um ein flexibles Band mit Noppen an einer Seite. Diese Noppen erhöhen den Durchblutungszustand der darunterliegenden Fläche und stimulieren somit die Schmerzrezeptoren.

Wie sind Sie darauf gekommen?

Janko: Ein Kollege von mir hatte die Idee. Ich fand sie genial und habe sie Leuten aus meinem Netzwerk vorgestellt, die das Wissen und die Kontakte haben, um so ein Produkt auf den Markt zu bringen. Da die auch begeistert waren, haben wir sofort losgelegt. Das war vor eineinhalb Jahren. Ich habe den ganzen Prozess von der Idee bis zur Produktentwicklung mitgesteuert. Das hat extrem viel Spaß gemacht und war zudem sehr lehrreich.

Wie werden die Tapes vertrieben?

Janko: Einerseits online für die breite Masse, andererseits im Direktvertrieb an Profisportler, Vereine oder Verbände. In Deutschland, Österreich und der Schweiz verbreitet sich das Produkt schon sehr schnell. Die ersten Rückmeldungen von Top-Leistungssportlern sind sehr, sehr positiv. Irgendwann werden wir auch darüber nachdenken, sie womöglich breitflächiger zu vertreiben.

Sie sind auch für das Unternehmen Sportbox tätig. Worum geht es da?

Janko: Das ist ein tolles Projekt, an dem ich nicht mitmache, um Geld zu verdienen, sondern weil mir die Idee einfach taugt. Sportbox veranstaltet österreichweit polysportive Sportcamps für Kinder und Jugendliche. Das heißt, dass die Teilnehmer unterschiedlichste Sportarten ausüben. Bisher war ich wegen meiner Verpflichtungen als Profifußballer nur als Testimonial tätig, aber das ändert sich jetzt. Im Sommer werde ich bei einem Camp in der Südstadt bei Wien vor Ort sein. Die Kinder und Jugendlichen sollen meinen Kopf schließlich nicht nur auf Broschüren sehen, sondern auch in echt.

Sie sind sehr aktiv auf Twitter und äußern sich auch viel über Themen abseits des Sports, zum Beispiel über Politik, Gesellschaft oder Wirtschaft. Was gibt Ihnen das?

Janko: Ich halte mich gerne auf Twitter auf, weil es das soziale Medium ist, das meinen Ansprüchen am nächsten kommt. Einerseits erhält man dort viele Informationen aus erster Hand und teilweise sogar schneller als auf Nachrichtenseiten. Andererseits finde ich es angenehm, dass Twitter nicht wie zum Beispiel Instagram auf reine Selbstdarstellung ausgelegt ist. Bei Twitter geht es nicht darum, sein Essen oder seinen coolen Urlaub zur Schau zu stellen. In diesem Umfeld äußere ich mich gerne zu Themen, die mich bewegen, und spreche an, wenn mir etwas nicht gefällt. Da nehme ich kein Blatt vor den Mund.

Denken Sie, dass Sie als bekannter (Ex-)Profifußballer mit Ihren Meinungen etwas bewegen können?

Janko: Natürlich habe ich wegen meiner Karriere Fans, beziehungsweise Follower, die meine Meinungen lesen. Ich denke aber nicht, dass es Leute gibt, die sich in der Früh nach dem Aufstehen fragen: "Was sagt der Marc wohl heute?" Wichtig war mir während meiner Zeit als Profifußballer immer, dass ich mich bei politischen Fragen überparteilich äußere. Heutzutage wird gerne versucht, die Gesellschaft zu spalten und aufzuhetzen. Generell kann Sport in weiterer Folge verbindend wirken und dessen sollte sich jeder aktive Profisportler bewusst sein, bevor er sich auf eine Seite schlagen lässt. Jetzt nach meinem Karriereende werde ich politisch vielleicht eher Partei ergreifen.

Können Sie sich vorstellen, selbst in die Politik zu gehen?

Janko: Ich habe lange relativ wenig mit Politik anfangen können. Mein Interesse daran hat sich erst nach und nach entwickelt. Mir ist bewusst geworden, dass jeder mit seiner Meinung Dinge mitgestalten kann - sei es nur, indem er wählen geht. Seit einigen Jahren verfolge ich die österreichische Politik intensiver. Dabei bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass ich mir das nicht antun möchte. Bei meinen Auslandstationen wurde ich auch schon öfter angesprochen in der Art: Was ist denn bitte in eurer Politik los?

Am Tag der Pressefreiheit am 3. Mai riefen Sie bei Twitter dazu auf, diese ernst zu nehmen. Haben Sie das Gefühl, dass die Pressefreiheit aktuell vernachlässigt wird?

Janko: Bei uns in Österreich gab es zuletzt einen Fall, bei dem eindeutig probiert wurde, die Pressefreiheit einzuschränken. In erster Linie hat mich natürlich die Aktion an sich geschockt. Viel mehr aber noch, dass es meiner Meinung nach sehr lange gedauert hat, bis man es erstens kritisiert und sich zweitens von solchen Aussagen distanziert hat. Dass die Aktion ohne personelle Konsequenzen geblieben ist, lasse ich jetzt mal außen vor. Das hat mich massiv verstört und deswegen habe ich mich dazu geäußert.

Es gibt nur wenige (Ex-)Profifußballer, die sich Gedanken über Themen abseits des Sports machen und diese auch öffentlich kommunizieren. Haben Sie während Ihrer Karriere versucht, die Sinne von Mitspielern zu schärfen?

Janko: Die meisten jüngeren Spieler kümmern sich nur um ihre eigene Karriere und der Rest ist ihnen egal. Das ist auch ganz normal, ich war mit Mitte 20 nicht anders. Deswegen habe ich meine Mitspieler in den vergangenen Jahren mit solchen Themen auch nicht proaktiv belästigt. Wenn ich bei jemandem aber das Gefühl hatte, dass ihm die Beschäftigung mit einem gewissen Thema guttun würde, habe ich das schon angesprochen. Oft ist ein kleiner Reiz von außen genug, um etwas im Unterbewusstsein eines Menschen auszulösen.

Wie sind Sie solche Gespräche angegangen?

Janko: Ich bin ein ziemlich empathischer Mensch und weiß sehr genau, wie ich jemanden ansprechen muss, damit ich einen Zugang zu ihm finde. Bei manchen leite ich Gespräche etwas vorsichtiger auf gewisse Themen, bei anderen direkter.

Sie sprachen vorher die Selbstdarstellung bei Instagram an. Viele Profifußballer sind in diesem sozialen Netzwerk sehr aktiv. Was birgt das für Gefahren?

Janko: Instagram ist nicht nur für Profifußballer eine Gefahr, sondern für das geistige Wohlbefinden eines jeden Menschen. Es ist eine Scheinwelt, die nichts mit dem richtigen Leben zu tun hat. Bei Instagram geht es mittlerweile doch nur darum, Perfektion zur Schau zu stellen. Aber niemand ist perfekt. Der Mensch vergleicht sich - ob bewusst oder unbewusst - permanent mit dem, was er gerade sieht. Und wenn er bei Instagram ständig vorgegaukelte Perfektion von anderen sieht, während er selbst normalen Alltag hat, macht ihn das zunächst traurig und mittelfristig möglicherweise depressiv. Ich werde demnächst vielleicht auch das eine oder andere Posting auf Instagram in die Welt setzen, das diese Art des "Zurschaustellens" ein bisschen aufs Korn nimmt. Aber da will ich noch nicht zu viel verraten.

Haben Sie entsprechende Verhaltensmuster auch bei Mitspielern erlebt?

Janko: Natürlich, das passiert die ganze Zeit. Immer mehr Profifußballer geraten in die Instagram-Blase und kommen da schwer wieder raus. Ähnlich gefährlich ist im Profifußball aber die permanente Fremdbestimmung.

Wie meinen Sie das?

Janko: Als Profifußballer wird dir vom Verein alles abgenommen. Das war zwar schon zu Beginn meiner Karriere so, hat seitdem aber noch einmal stark zugenommen. Du darfst überspitzt gesagt nur nicht vergessen, dir am Abend alleine die Zähne zu putzen und den Wecker zu stellen. Den Rest erledigt der Verein für dich. Wenn du das falsche Umfeld und kein Korrektiv hast, verlierst du dadurch automatisch die Relation zur Realität und hebst ab. Das macht keiner absichtlich, das passiert automatisch. Zum Glück habe ich ein gutes Elternhaus. Dadurch bestand bei mir nie die Gefahr, abzuheben.

Sie sind im Laufe Ihrer Karriere viel herumgekommen. Haben Sie Ihre Stationen immer nur unter sportlichen Gesichtspunkten ausgewählt, oder sind Sie auch mal gewechselt, weil Sie ein Land oder eine Stadt gereizt hat?

Janko: Zweimal hat in meiner Karriere nicht der Sport den Ausschlag für einen Wechsel gegeben. Nach meiner Zeit bei Trabzonspor, wo ich zwei Jahre lang kaum gespielt habe, war ich im Sommer 2014 eineinhalb Monate lang arbeitslos. Dann habe ich beim FC Sydney im Bewusstsein unterschrieben, dass ich eine tolle Erfahrung machen werde, das Leistungsniveau der Liga aber nicht mit Europa zu vergleichen ist.

Und das zweite Mal?

Janko: Das war beim Wechsel zu meinem letzten Klub FC Lugano. Bei Sparta Prag war ich nicht mehr gefragt und musste Einzeltraining machen. Als Lugano angefragt hat, war mir sofort bewusst, dass ich taktisch nicht in die Mannschaft passen werde. Die spielen seit jeher auf Konter und ich bin ein klassischer Strafraumstürmer. Das habe ich dem Manager auch so gesagt, aber er wollte mich trotzdem. Vielleicht hat ihn meine Torquoten einfach beeindruckt. Ich habe letztlich unterschrieben, weil Lugano eine traumhafte Stadt ist und sich der Alltag dort wie Urlaub anfühlt. Sportlich war es aber wie erwartet leider nicht erfolgreich.

Was haben Sie von Ihren Auslandsstationen generell mitgenommen?

Janko: Man kann nicht in ein Land ziehen und die dortige Mentalität einfach annehmen. Nur weil der Holländer immer leiwand drauf ist, bin ich das nach einigen Monaten in Holland nicht auch. Aber natürlich färbt die Mentalität der Leute auf einen ab und man nimmt ganz automatisch gewisse Eigenschaften an. Jedes Land, in dem ich gespielt habe, hatte einen Einfluss auf meine Person und Sichtweisen. Am meisten vielleicht die Türkei.

Inwiefern?

Janko: Da muss ich ausholen. Ich bin am Rande von Wien aufgewachsen, wo es damals viele türkische Flüchtlinge gab. Die meisten sind mir und einigen meinen Freunden gegenüber immer sehr aggressiv aufgetreten, weswegen sich bei mir logischerweise ein extrem negatives Bild der Türken eingebrannt hat. Als kleiner Bub nimmst du nur das Verhalten deines Gegenübers wahr und fragst dich nicht, warum das so ist. Als ich dann in die Türkei gewechselt bin, hat sich mein Bild komplett gewandelt. Es hat mich geflasht, wie nett, zuvorkommend und herzlich die Türken sind, die ich dort kennengelernt habe. Die Leute in Trabzon haben wenig, aber bieten einem trotzdem alles an. Obwohl es sportlich nicht lief, habe ich mich unglaublich wohlgefühlt.

Sie sagen, dass Sie damals als kleiner Bub nicht hintergefragt haben, warum sich die Türken, mit denen Sie zu tun hatten, so verhalten haben. Was denken Sie heute?

Janko: Wenn man sich als Bewohner eines Landes nicht als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft fühlt, steigt automatisch die Unzufriedenheit und damit auch die Aggression. Da muss sich die Gesellschaft fragen, warum manche Leute dieses Gefühl haben. Es darf in einer funktionierenden Gesellschaft kein "wir" und "die anderen" geben.