GFX BebeGetty / Goal

Manchester-United-Flop Bebe: Vom Märchenprofi zum Wandervogel


HINTERGRUND

Am 11. August 2010 tat Sir Alex Ferguson etwas, das er nie zuvor getan hatte – und das er in der Folge auch nicht noch einmal tat: Er verpflichtete einen Spieler, ohne ihn jemals zuvor live in Action gesehen zu haben. Der Schotte, der Manchester United über Dekaden erfolgreich führte, Liverpool "von seinem verdammten Sockel" holte und so viele starke Transfers einfädelte, erlag der Verlockung, die ihm in Form einiger Hochglanz-Videoclips präsentiert worden war.

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Für knapp neun Millionen Euro Ablöse holte er den unbekannten Portugiesen Bebe in sein Starensemble. Einen Spieler, der damals gerade einmal ein Jahr im Profifußball verbrachte hatte. In jenem Sommer war es eine Geschichte, die wegen ihrer Begleitumstände glatt als Märchen durchging und die sich später zu einem Missverständnis entwickelte, das in der Form niemand so richtig verstand.

Mit zwölf Jahren kommt Bebe ins Waisenhaus

Aber von vorne: Bebe heißt eigentlich Tiago Manuel Dias Correia und wird in Lissabon geboren. Er hat Wurzeln in Kap Verde, ähnlich wie Europameister Nani, der mehrere Jahre bei ManUnited spielte. Bebes Eltern vernachlässigen den Jungen und es dauert nicht lange, ehe die Großmutter die Erziehung des Jungen übernimmt. Im Alter von zwölf Jahren entscheidet ein Gericht, dass der Knabe in einem Waisenhaus aufwachsen soll. Das katholische Casa do Gaiato in Santo Antao do Tojal vor den Toren Lissabons ist fortan sein Zuhause.

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"In Gaitao aufzuwachsen, war das Beste, was mir je passiert ist", sagt er heute. "Dort wurde ich zu dem Menschen, der ich heute bin. Jeder, den ich im Casa do Gaiato getroffen habe, half mir, ein besserer Mensch zu werden." Ein großes Tattoo der Einrichtung hat er sich zum Andenken auf sein Bein stechen lassen.

Bebe ist ein freundliches Kind, das vor allem eines im Kopf hat: Fußball. Ständig kickt er mit seinen Freunden, ist in jeder freien Minute auf der Straße und tritt gegen das runde Leder. Regeln gibt es kaum, nicht selten spielen sie 20 gegen 20.

Beim Amateurklub Loures sammelt er erste Erfahrungen in einem Verein, feilt dort an seiner Technik und lernt die Bedeutung von Taktik. Insgesamt acht Jahre verbringt er in Loures. Mit anderen Kindern aus seinem Waisenhaus nimmt er 2009 an einem Turnier in Bosnien teil und erzielt vier Tore in sechs Spielen.

Jorge Mendes fädelt den Millionen-Deal ein

Der Zweitligist Estrela de Amadora wird auf ihn aufmerksam und verpflichtet ihn in jenem Sommer. Bebe absolviert seine erste Saison als Profi, erzielt als Flügelstürmer vier Tore in 26 Partien. Ist das eine Ausbeute, die Manchester United zwangsläufig auf den Plan ruft? Eher nicht. Und doch wird es ein ereignisreicher Sommer für Bebe, an dessen Ende der Wechsel zu den Red Devils steht.

Estrela de Amadora will ihn verkaufen, um ein Finanzloch zu schließen. Bebe soll rund 150.000 Euro kosten, doch sein damaliger Berater Goncalo Reis bietet ihn in Europa an wie Sauerbier. Unter anderem winkt PSV ab. Als Amadora sein Gehalt nicht mehr zahlen kann, kündigt Bebe und wechselt ablösefrei zum Erstligisten Vitoria Guimaraes. In seinem Vertrag wird eine Ausstiegsklausel in Höhe von drei Millionen Euro verankert.

GFX Quote Bebe

In Guimaraes läuft es prima für den damals 20-Jährigen. Er legt eine bärenstarke Saisonvorbereitung hin und erzielt fünf Tore in sechs Testspielen. Seine fixe Ablöse wird kurzerhand auf neun Millionen Euro angehoben und Starberater Jorge Mendes, der unter anderem Cristiano Ronaldo und Jose Mourinho betreut, wird sein Agent. Gonacalo Reis hatte der Youngster kurz zuvor vor die Tür gesetzt. Plötzlich ist Bebe angeblich total begehrt, angeblich wollen Real Madrid und Benfica ihn verpflichten. Das Rennen aber macht überraschend Manchester United.

Erfolgscoach Ferguson gibt später zu, dass er Bebe nie persönlich spielen sah. Angeblich soll sein früherer portugiesischer Assistent Carlos Queiroz ihn zum Kauf des Angreifers überredet haben. Aber Queiroz betont später, er habe mit diesem Deal nichts zu tun gehabt. Wie dem auch sei, Mitte August wird Bebe in Manchester gemeinsam mit den anderen Neuzugängen Chris Smalling und Javier Hernandez präsentiert.

"Niemals werde ich die erste Trainingseinheit vergessen"

Später sagt er den Manchester Evening News: "Das Gefühl war unglaublich. Ich hätte ja nie damit gerechnet, dass so etwas passiert. Als ich die Nachricht (vom Transfer, Anm. d. Red.) bekam, hielt ich das für einen Witz. Es dauerte eine Woche, bis ich begriff, was da alles mit mir passierte."

Die Zeitungen in England sind in jenen Wochen voll von Geschichten über Bebe. Der Junge aus dem Waisenhaus, der es zum englischen Rekordmeister geschafft hat – ein modernes Märchen.

Und für Bebe ist es in der Tat das Eintauchen in eine andere Welt. "Niemals werde ich die erste Trainingseinheit vergessen", sagt er: "Um mich herum waren die besten Spieler der Welt. Das war einzigartig." Er schwärmt von Ferguson, der für ihn von Tag eins an "wie ein Vater" gewesen sei.

In der neuen Umgebung nehmen ihn vor allem Anderson und Nani unter ihre Fittiche. Beide kennen seine Situation, waren wenige Jahre zuvor ebenfalls als blutjunge Kicker von Portugal nach England gewechselt. Die Chemie stimmt und Bebe ist in der Mannschaft sehr beliebt. Auch die Fans mögen den Jungen, der höflich und schüchtern daherkommt und stets ein verschmitztes Lächeln im Gesicht hat. Sie widmen ihm auch einen eigenen Song.

Der Schritt ist sportlich zu groß

Sportlich dagegen hat er große Anpassungsschwierigkeiten. Kein Wunder, der Schritt von der 2. Liga Portugals in die Champions League entpuppt sich als riesig.

United allerdings entscheidet sich bewusst, Bebe nicht sofort zu verleihen. Klubchef David Gill erklärt, der Neuzugang solle "seinen Wert" beweisen und vor allem Englisch lernen. Der Plan geht nicht auf. Bebe hat noch große Defizite, vor allem taktisch ist er überfordert. Sieben Einsätze absolviert er für United, einen davon über 90 Minuten. Zwei Treffer gelingen ihm, unter anderem netzt er in der Königsklasse gegen Bursaspor. Ein Moment, den er noch immer als "einen der schönsten" seiner Zeit im Old Trafford bezeichnet. Am Ende der Spielzeit darf auch er sich Englischer Meister nennen. Rückblickend erklärt er: "Ich hätte die Chance noch besser nutzen können, als ich dort war."

Manchester United - Bebe (L)_Javier Hernandez_Nani (R)

Es reift die Erkenntnis, dass dieser Rohdiamant noch einer Menge Schleifens bedarf. Nach einem Jahr wird Bebe an Besiktas verliehen. Dort soll er, so der Plan, auf gutem Niveau Spielpraxis sammeln und dann gestärkt nach Manchester zurückkehren. Aber er hat kein Glück: Noch vor dem Saisonstart reißt er sich in Diensten der portugiesischen U21 ein Kreuzband und verpasst nahezu eine ganze Saison. Vier Partien bestreitet er für den Top-Klub aus Istanbul, ehe es zurück auf die Insel geht. Kaum jemand, auch bei United nicht, glaubt noch daran, dass Bebe eine echte Zukunft im Verein hat.

Es beginnt eine Odyssee. In jedem Sommer wechselt Bebe den Verein. Immer auf der Suche nach dem Durchbruch, immer auf der Suche nach Stabilität und immer auf der Suche nach einem Ort, den er Zuhause nennen kann.

Benfica verpflichtet Bebe 2014 für drei Millionen Euro

Er probiert sein Glück auf Leihbasis bei Rio Ave und Pacos Ferreira, ehe Benfica ihn 2014 für drei Millionen Euro Ablöse verpflichtet. In Lissabon und auch später beim FC Cordoba wird er nicht glücklich, ehe ihn 2015 der spanische Erstligist Rayo Vallecano ausleiht. Dort erlebt Bebe die beste Zeit seiner Karriere. Elf Scorerpunkte steuert er in 34 Spielen bei, sein Klub steigt am Ende dennoch ab.

Bebe aber behält diese Zeit im Gedächtnis und nach eineinhalb durchwachsenen Jahren in Eibar kehrt er vor wenigen Wochen, wieder auf Leihbasis, nach Vallecano zurück. Der Klub spielt immer noch in der Segunda Division, Bebe ist das aber egal. Er will einfach nur spielen und eine Regelmäßigkeit in sein Leben bekommen.

In seinem zweiten Einsatz Mitte Februar gegen die Reserve des FC Sevilla erzielte er als Joker den ersten Treffer nach seiner Rückkehr. Und lässt damit mal wieder aufblitzen, warum Sir Alex Ferguson einst gegen seine Prinzipien handelte und diesen außergewöhnlichen Spieler nach Manchester holte.

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