Manchester United: Rangnicks Projekt droht zu scheitern - Ronaldo wird zum Sinnbild

Es lief bereits die Schlussphase im Old Trafford, als Cristiano Ronaldo auf dem rechten Flügel an den Ball kam und noch mal zu einem Sprint ansetzte. Allein es fehlte diesem Antritt jeglicher Esprit früherer Tage.

Der Versuch, den Ball mit einer Finte an Gegenspieler Reinildo vorbeizulegen und den Linksverteidiger von Atletico Madrid einfach zu umlaufen - er misslang kläglich. Der 28-Jährige setzte geschickt seinen Körper ein und der mittlerweile 37-jährige Ronaldo hatte dem nichts entgegenzusetzen.

Erst am Wochenende hatte Ronaldo mit seinem 807. Tor Geschichte geschrieben und sich als erfolgreichster Torjäger in den Annalen verewigt, doch am Dienstagabend verließ er kopfschüttelnd die große Bühne Champions League.

cristiano ronaldo manchester united
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Die 0:1-Niederlage im Achtelfinal-Rückspiel gegen ein abgezocktes Atletico Madrid bedeutete das Ende aller Träume für die Red Devils. Auch Interimstrainer Ralf Rangnick schüttelte in seiner Coachingzone beim Abpfiff nur den Kopf.

Manchester United scheitert - Ronaldo geht leer aus

Hinterher schimpfte der Interimstrainer über den Schiedsrichter und das Zeitschinden Atleticos. Doch zur Wahrheit gehört auch, dass seinem Team gerade im zweiten Durchgang die Ideen fehlten, dieses erwartbare Bollwerk Atleticos zu knacken. Bezeichnend, dass Rangnick als letzten Joker Routinier Juan Mata reinwarf. Doch das erhoffte Aufbäumen blieb aus.

Atletico genügte ein gelungener Spielzug, den Renan Lodi nach gutem Zusammenspiel von Joao Felix und Antoine Griezmann per Kopf vollendete (41.). Uniteds unstrukturiert wirkendes Anrennen produzierte im zweiten Durchgang nur einen Schuss auf das Tor von Jan Oblak. Bezeichnend: Die 573 Pässe waren Höchstwert für United in dieser CL-Saison - viel Ballzirkulation, aber wenig Zwingendes.

Ronaldo gab zum dritten Mal in einem Champions-League-Spiel keinen einzigen Torschuss ab, das passierte ihm zuletzt vor elf Jahren. Zudem hatte er im gegnerischen Strafraum keinen einzigen Ballkontakt. Immerhin, er probierte es, zeigte sich anfangs auf den Flügeln, trieb das Spiel immer wieder an, aber mit zunehmender Dauer schwanden auch seine Kräfte.

Erstmals seit zwölf Jahren wird Ronaldo damit ohne einen Klub-Titel bleiben. Und die Frage stellt sich, ob er überhaupt noch mal einen holen wird. Sein Vertrag bei United läuft noch bis 2023, doch zuletzt mehrten sich auch die Gerüchte um einen vorzeitigen Abschied. Die Chance, mit den Red Devils im kommenden Jahr um Titel mitzuspielen, ist aktuell jedenfalls nicht allzu hoch. Dafür liegt zu viel im Argen.

Rangnick Ronaldo
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Rangnick: "Dann ist es Zeit, über andere Dinge zu sprechen"

"Jetzt darüber nachzudenken, wie wir die Lücke zu den Spitzenteams schließen können, ist noch zu früh", meinte Rangnick bei BT Sport. "Mein Fokus liegt darauf, mit dieser Mannschaft das höchstmögliche Niveau zu erreichen, und dann ist es Zeit, über andere Dinge zu sprechen." Am Sonntag war es genau 100 Tage her, dass Rangnick als Interimstrainer für Ole Gunnar Solskjaer übernahm.

"In erster Linie ging es darum, Balance reinzubringen. Bevor ich kam, hat die Mannschaft im Schnitt über zwei Gegentore kassiert. Es ging nicht darum, auf Teufel komm raus, meine Art von Fußball umzusetzen", erklärte Rangnick vor dem Spiel bei Amazon Prime.

Zwar hat er das Team durchaus stabilisiert, in der Premier League besteht zumindest Anschluss an die Champions-League-Plätze, doch der nur einen Punkt entfernte FC Arsenal hat noch drei Spiele weniger auf dem Konto. Es gehe nun darum, "die Saison so gut wie möglich zu Ende zu spielen", meinte Rangnick hinterher noch.

Doch die Kritik an seiner Person wächst. Der frühere United-Star Paul Scholes meinte bei BT Sport: "Ich weiß nicht, wie er als Trainer dieses Vereins ausgewählt wurde. Einen richtigen Trainer für diese Mannschaft zu finden, ist eine große Sache. Es gibt einige echte Talente in dieser Mannschaft. Das allererste, was dieser Klub tun muss, um wieder um die Meisterschaft mitspielen zu können, ist, einen richtigen Trainer zu holen, der für diese Mannschaft geeignet ist."

Mauricio Pochettino
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Manchester United vor großem Umbruch?

Zuletzt wurden vor allem Mauricio Pochettino, der sich unlängst mit Paris Saint-Germain aus der Königsklasse verabschiedete, und Erik ten Hag, den mit Ajax Amsterdam das gleiche Schicksal ereilte, gehandelt.

Doch nicht nur der Trainerposten bleibt vakant, auch bezüglich des Kaders gibt es noch viele Fragezeichen. Neben den Gerüchten um einen Ronaldo-Abschied stehen auch Mata, Edinson Cavani, Paul Pogba und Jesse Lingard, deren Verträge auslaufen, vor dem Absprung. Der erst im vergangenen Sommer für 140 Millionen Euro - inklusive 85-Millionen-Königstransfer Jadon Sancho - verstärkte Kader steht erneut vor einem Umbruch.

"Der Kader von United ist nicht wirklich durchdacht zusammengestellt", analysierte Ex-Nationalspieler Benedikt Höwedes bei Amazon Prime.

"Viele Namen wurden eingekauft, aber nicht nach einem System und nach Leuten, die gut zusammenpassen und gut harmonieren. Viel ist auf Einzelaktionen ausgelegt. Das will man hier bei United nicht ausschließlich sehen. Da besteht ordentlich Handlungsbedarf im Sommer." Das am Ende planlose Anrennen der United-Stars gegen Atletico sollten sich die Verantwortlichen dabei möglichst nicht zum Vorbild nehmen.