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Malik Fathi im Goal-Interview: "Neymar hat sich Tuchel zu fügen"


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Malik Fathi hat in seiner Karriere die verschiedensten Facetten der Fußballbranche kennengelernt. Nach Stationen bei Hertha BSC, Spartak Moskau, Kayserispor, Mainz 05 und 1860 München schnürt der 33-Jährige seine Fußballschuhe inzwischen für Atletico Baleares auf Mallorca. 

Mallorca-Abenteurer Malik Fathi im Porträt: Der Entwurzelte

Statt mit der deutschen Nationalmannschaft vor mehr als 50.000 Zuschauern aufzulaufen, heißt die Realität für ihn aktuell Abstiegskampf in der dritten spanischen Liga vor maximal 1000 Zuschauern. Im Spätherbst seiner aktiven Laufbahn denkt er deshalb schon an seine Zukunft und peilt eine Trainerkarriere an.

Im Goal-Interview spricht der gebürtige Berliner über den neuen PSG-Coach Thomas Tuchel, seine Zukunft und die zunehmende Bedeutung der psychologischen Betreuung im Profifußball. Außerdem erzählt er von einem fatalen Unfall mit dem Porsche des kommenden Bayern-Trainers Niko Kovac.

Malik, neben Ihrem Engagement bei Atletico Baleares in der dritten spanischen Liga haben Sie in den vergangenen Monaten eine Ausbildung zum Mentaltrainer und ein Studium im Sportmanagement absolviert. Wird es mit 33 Jahren langsam Zeit, die Fußballschuhe an den Nagel zu hängen?

Malik Fathi: Ich werde im Sport bleiben, aber eher in Richtung Coaching gehen. Zuletzt habe ich die Trainer-Elite-Lizenz gemacht und plane, schnellstmöglich auch den Lehrgang zur A-Lizenz zu absolvieren. Das kommende Jahr wird für mich so etwas wie ein Findungsjahr, indem ich mich im Trainerbereich weiter fortbilden werde.

Wie kamen Sie dazu, sich im Mentaltraining fortzubilden?

Fathi: Schon während meiner Karriere hat mich dieser Bereich interessiert. Einerseits habe ich immer wieder festgestellt, dass man durch mentale Stärke das Glück erzwingen kann. Andererseits kann man sich nach zwei oder drei schlechten Pässen so sehr herunterziehen, dass man plötzlich Scheiße am Schuh hat und nichts mehr funktioniert. Im Profifußball findet die psychische Komponente noch immer zu wenig Beachtung; es wird in erster Linie Wert auf die Physis gelegt. Was die körperliche Fitness angeht, ist jeder Fußballer bis in die dritte Liga perfekt ausgebildet, während es psychisch zum Teil kaum Betreuung gibt. In den vergangenen Monaten und Jahren ist allerdings eine positive Entwicklung zu erkennen. Um die Qualität zu steigern, arbeiten mehr Teams mit Psychologen und Mentaltrainern.

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Spätestens seit Per Mertesackers Interview im Spiegel steht das Thema Druck im Fokus der Öffentlichkeit.

Fathi: Das Interview hat vielen Leuten die Augen geöffnet und dafür gesorgt, dass der psychologische Bereich im Fußball weiter an Bedeutung gewinnt. Inwieweit Fußballer mental belastet werden, ist für Normalverbraucher nur schwer zu verstehen. Wir haben schließlich Traumjobs und verdienen viel Geld. Die Themen Druck und Erwartungshaltung spielen in unserem Beruf eine große Rolle und bringen gerade junge Spieler psychisch an ihre Grenzen. Gerade in diesem Bereich sehe ich eine große Nische, die von Mentaltrainern und Psychologen ausgefüllt werden kann.

Eine Nische, die Sie künftig ausfüllen wollen?

Fathi: Ja. Ich glaube, dass ich die Fähigkeiten mitbringe, ein guter Trainer zu werden. Natürlich fehlen mir noch Praxis und die nötigen Scheine, aber der Trainerberuf ist für mich eine sehr interessante Geschichte, die ich in Zukunft angehen werde.

Sie spielten bei Mainz 05 lange unter Trainer Thomas Tuchel. Was zeichnet ihn aus?

Fathi: Er ist ein Typ, der über den Tellerrand hinausblickt und sich intensiv mit Mentalcoaching beschäftigt. Er überlegt permanent, wie er seine Spieler bestmöglich motivieren kann. Außerdem hat er eine starke Persönlichkeit und ist sehr eigen - diese Individualität unterscheidet Weltklasse-Trainer von gewöhnlichen Trainern. Thomas Tuchel ist sehr perfektionistisch. Er schmiedet vor jedem Spiel spezielle Matchpläne und setzt sich unglaublich akribisch mit dem Fußball auseinander. Aufgrund dieser Eigenschaften genießt er völlig zu Recht den Ruf eines Weltklasse-Trainers.

Vor seiner Entlassung beim BVB wurden seine Trainingsmethoden mitunter kritisch betrachtet. Wie haben Sie die Einheiten unter ihm wahrgenommen?

Fathi: Wenn man als Spieler mit Thomas Tuchel zusammenarbeitet, muss man intelligent sein, denn er hat außergewöhnliche Trainingsmethoden, die zum Teil sehr komplex sind. Er verlangt von jedem Spieler sehr viel, bleibt dabei aber immer fair. Was er sich selbst abverlangt, erwartet er auch von seinen Spielern. Wenn man voll mitzieht, kann man auf einer Welle mitschwimmen und sich täglich verbessern. Lässt man sich aber nicht auf ihn ein oder hat keine Lust auf seine Methoden, ist es unter ihm sehr schwer.

Wie sehen seine Methoden konkret aus?

Fathi: Auf dem Trainingsplatz steckt er teilweise Felder ab, die man so wahrscheinlich nicht erwartet hätte, weil sie auf den ersten Blick nicht viel mit klassischen Fußballfeldern gemeinsam haben. Mental ist das eine große Herausforderung. Um dort mithalten zu können, ist sehr viel Spielintelligenz gefragt.

Können Sie uns eine Anekdote erzählen, die Tuchel charakterisiert?

Fathi: Gerne, da fällt mir folgende Geschichte ein: Als Teambuilding-Maßnahme sind wir in der Saisonvorbereitung einmal in die Berge gefahren. Um unseren Ängsten ins Auge zu blicken, mussten wir eine steile Felswand herunterklettern und es wurde schnell klar, dass Tuchel selbst kein Freund von großen Höhen ist. (lacht) Er hat fast durchgehend geflucht und sich wahrscheinlich gedacht: "Leckt mich am Arsch, was mache ich hier überhaupt?" Da er als Trainer vorangegangen ist und uns mit der Aktion motivieren wollte, konnte er natürlich keinen Rückzieher machen. Er war kein Big Boss, sondern Teil der Gruppe. Man konnte auf Augenhöhe mit ihm kommunizieren, ohne dass er zu nah am Team dran war. Diesen Spagat bekommt er sehr gut hin.

Tuchel wird in der kommenden Saison PSG übernehmen. Kann er dort erfolgreich sein?

Fathi: Ich bin mir sicher, dass er auch zu einem großen Klub wie PSG passt. Er ist ein sehr spezieller Trainer, der individuell sein Programm durchzieht. Man muss sich auf seine Methoden einlassen, dann kann er solch einen großen Klub nachhaltig erfolgreich machen. 

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In Frankreich ist er allerdings noch relativ unbekannt.

Fathi: Natürlich hat er außerhalb von Deutschland nicht den allergrößten Namen, er wird sich aber den nötigen Respekt verschaffen. Er weiß, wie man das Potenzial aus jedem einzelnen Spieler herauskitzelt. Gleichzeitig kann er Mannschaften unglaublich gut lesen und versteht es, sein Team perfekt auf die Stärken und Schwächen des Gegners vorzubereiten.

Glauben Sie, er kann auch mit Weltstars wie Neymar umgehen?

Fathi: Ich kenne Neymar nicht persönlich, glaube aber, dass Tuchel grundsätzlich auch mit großen Stars arbeiten kann. Er wird aber niemandem einen Sonderstatus gewähren – auch nicht Neymar. Neymar wird also auf einen Trainer stoßen, dem er sich zu fügen hat.

Neben Tuchel kennen Sie auch den künftigen Bayern-Trainer Niko Kovac sehr gut. Bei Hertha BSC waren sie Mannschaftskollegen. Hätten Sie ihm eine so steile Trainerkarriere zugetraut?

Fathi: Wenn ich Niko Kovac oder auch Pal Dardai heute sehe, denke ich manchmal: "Leck mich am Arsch". Beide haben es innerhalb von kürzester Zeit geschafft, sich als Trainer zu etablieren und machen einen tollen Job – davor habe ich größten Respekt. Beide motivieren mich, persönlich einen ähnlichen Weg einzuschlagen. Denn, warum sollte ich es nicht auch schaffen, wenn es Kovac und Dardai geschafft haben?

Wie haben Sie Kovac in Ihrer gemeinsamen Zeit erlebt?

Fathi: Als wir zusammen in Berlin gespielt haben, stand ich noch am Anfang meiner Karriere, während er ein Nationalspieler mit viel Erfahrung war. Schon damals war er eine echte Führungspersönlichkeit, vor der ich Respekt hatte. Ich habe seine Nerven durch eine Aktion aber relativ früh strapaziert. (lacht)

Inwiefern?

Fathi: Ich war damals 20 Jahre alt und wollte nach dem Training nach Hause fahren. Vielleicht noch etwas dehydriert von der Einheit bin ich beim Ausparken rückwärts in Nikos Porsche gefahren. Als kleiner Bub musste ich dann wieder ins Trainingszentrum zurück und es ihm beichten, während er auf einer Pritsche lag und massiert wurde. Ihm dann zu gestehen, seinen Porsche demoliert zu haben, war alles andere als schön. Es war ein wirklich unangenehmer Moment und im Endeffekt  musste ich den Schaden zahlen. Trotzdem hat er mir zum Glück nicht den Kopf abgerissen. (lacht)

Was war er in der Kabine für ein Typ?

Fathi: Natürlich war er ein Spieler, der in der Kabine mal laut geworden ist – die nötige Persönlichkeit dafür hatte er schon immer. Dabei schreit er aber nicht wild herum, sondern strahlt in seinem Wesen eine gewisse Ruhe aus. Wenn es jedoch innerhalb der Mannschaft zu bunt wurde, gehörte er zu den Spielern, die auf den Tisch gehauen haben. Es gibt Spieler, die schreien einfach nur herum, um zu schreien - zu dieser Sorte gehörte Niko definitiv nicht. Er hat die nötige Intelligenz, um zu sehen, wann es nötig ist, laut zu werden. Sonst hätte er es wahrscheinlich auch nicht bis zum FC Bayern geschafft.

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