Verwirrung um Bayern und Lucas Hernandez: Alle Fragen und Antworten

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Marca-Bericht, Dementi vom Atletico-Präsidenten, schwammige Aussagen der Bayern-Bosse. Was läuft oder läuft nicht zwischen Bayern und Lucas Hernandez?

Die Madrilenen sind entrüstet, die Münchner halten sich bedeckt: Der von der spanischen Sportzeitung Marca bereits als fix vermeldete Winter-Wechsel von Atletico-Star Lucas Hernandez zum FC Bayern sorgt für reichlich Verwirrung. Wie realistisch ist ein Transfer wirklich? Und wer ist der möglicherweise teuerste Spieler der Bundesliga-Geschichte überhaupt? Goal und SPOX beantworten die wichtigsten Fragen zur Causa Hernandez.

Was behauptet die Marca?

Am Mittwochabend, etwa eine Stunde vor dem Heimspiel des FC Bayern gegen RB Leipzig (1:0), vermeldete Spaniens größtes Sportblatt den Transfer von Hernandez als fix. Der Autor des Beitrags, David Garcia Medina, ist Atletico-Experte und hat einen engen Draht zur Familie Hernandez.

Der Journalist führte bereits mehrere Interviews mit dem Spieler und sogar dessen Mutter. Außerdem berichtete er im vergangenen Sommer auch als Erster von dem Wechsel von Lucas' Bruder Theo von Real Madrid zu Real Sociedad. Seinen Informationen zufolge hat sich Hernandez auf einen ab Januar gültigen Vierjahresvertrag mit den Bayern geeinigt. Der FCB soll demnach bereit sein, seine Ausstiegsklausel zu ziehen. Diese liegt bei 80 Millionen Euro.

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"Das Angebot existiert. Und der Spieler wird es annehmen. Am 1. Januar kann der FC Bayern der spanischen Liga mitteilen, dass sie den Spieler aus ihrem Vertrag holen", sagte Garcia Medina auf Nachfrage des Radiosenders Onda Cero.

Was sagen der Spieler und die Vereine?

Hernandez selbst äußerte sich bisher nicht zu den Spekulationen. Sein Berater Manuel Garcia Quilon war für Goal und SPOX am Mittwochabend nur für eine kurze Stellungnahme zu erreichen. Er könne weder etwas bestätigen noch etwas dementieren, teilte der spanische Anwalt mit.

Atletico reagierte hingegen entrüstet, entsandte kurz nach dem Abpfiff des Bayern-Spiels ein offizielles Kommunique mit der Klarstellung, es gebe keine Einigung und der Spieler wolle und werde bleiben. Ähnliche Aussagen tätigte auch Andrea Berta, der Sportdirektor des Europa-League-Siegers, bei Sport1: "Mir hat der Spieler gesagt, dass er bleiben möchte. Ich glaube nicht, dass diese Meldung richtig ist."

Als alles danach aussah, als würde es sich bloß um wilde vorweihnachtliche Spekulationen handeln, traten Karl-Heinz Rummenigge und Hasan Salihamidzic vor die Presse und widersprachen der Darstellung der Madrilenen. Man pflege zwar ein gutes Verhältnis zu Atletico, könne aber kein klares Dementi in der Causa Hernandez abgeben. "Wir sind in der Überlegungsphase, ob wir im Januar etwas machen. Hasan ist tatkräftig unterwegs", meinte Rummenigge. Salihamidzic bezeichnete Hernandez als "sehr guten Spieler", den er seit der WM auf dem Schirm habe.

Wie realistisch ist ein Transfer?

Das Hernandez-Gerücht kann keine Ente sein, die auf einem Münchner See gelandet ist. Sonst hätten Rummenigge und Salihamidzic anders reagiert. Nach ihren Aussagen ist offensichtlich: Die Bayern beschäftigen sich mit dem Spieler. Und der Spieler? Muss sich entgegen der Behauptung seines Arbeitgebers ebenfalls mit einem möglichen Wechsel auseinandersetzen. Sonst hätte sein Berater anders reagiert.

Lucas Hernandez Bayern Munchen Atletico Madrid

Klar ist: Den Spaniern sind die Hände gebunden. Wenn die Bayern bereit sind, Hernandez' Ausstiegsklausel zu aktivieren und der Spieler einwilligt, geht der Deal über die Bühne. Es stellen sich nur zwei Fragen, die sich erst im Laufe der nächsten Wochen beantworten lassen.

Erste Frage: Möchten die Bayern wirklich 80 Millionen Euro für einen Abwehrspieler ausgeben? Hernandez würde nicht nur seinen Landsmann Corentin Tolisso, der 2017 für 41,5 Millionen Euro von Olympique Lyon an die Isar gewechselt war, als teuersten Transfer des Klubs und der Bundesliga ablösen. Er wäre nach Virgil van Dijk, für den der FC Liverpool 84,5 Millionen Euro ausgegeben hatte, der zweitteuerste Verteidiger überhaupt. Präsident Uli Hoeneß kündigte auf der Jahreshauptversammlung Ende November zumindest schon einmal an: "Ich kann Ihnen berichten, dass der Verein und der Aufsichtsrat beschlossen haben, dass wir im nächsten Jahr im größeren Stil investieren werden."

Zweite Frage: Wie groß ist Hernandez' Bestreben wirklich, Madrid zu verlassen? Der in Marseille geborene, aber in Spanien aufgewachsene Franzose liebäugelt laut der Marca nicht mit einem Abschied, weil er sich im Team von Diego Simoene unwohl fühlt, sondern vielmehr, weil er unzufrieden mit seinem Gehalt ist. Er hatte zwar erst im vergangenen Sommer einen neuen Vertrag bis 2024 unterschrieben, verdient als früherer Jugendspieler allerdings deutlich weniger als Top-Stars wie Antoine Griezmann.

Im knallharten, bisweilen scheinfrommen Fußball-Business ist nicht auszuschließen, dass Hernandez und sein Berater die Bayern nur benutzen, um Atleticos Verantwortliche unter Druck zu setzen und eine Gehaltserhöhung auszuhandeln. Vor seiner Vertragsverlängerung im Sommer strich Hernandez nur zwei Millionen Euro pro Jahr ein. Zum Vergleich: Sein Landsmann Griezmann, nicht entscheidender am WM-Triumph der Franzosen in Russland beteiligt, kassiert knapp zwölf Millionen Euro.

Was an dieser Stelle nicht außer Acht gelassen werden darf: Atletico ist nach dem Bau seines neuen Stadions Wanda Metropolitano noch mehr verschuldet als ohnehin, steht Medienberichten zufolge mit über 700 Millionen Euro in der Kreide. So schmerzhaft der Verlust von Hernandez aus sportlicher Sicht wäre, so gelegen käme er aus wirtschaftlicher. Zumal das Eigengewächs nicht der einzige Spieler im Kader ist, der gerne mehr Geld verdienen würde. Um Torhüter Jan Oblak ranken sich beispielsweise ähnliche Gerüchte.

Sind noch andere Vereine an Hernandez interessiert?

Ja. Atleticos Stadtrivale Real buhlte im vergangenen Sommer um Hernandez, fing sich aber eine Absage ein. Lucas wollte nicht den gleichen Weg wie sein Bruder Theo gehen, der beim Champions-League-Sieger gescheitert war. Auch Paris Saint-Germain und Manchester United klopften vergebens an seine Tür.

United soll aber nach wie vor starkes Interesse an dem 22-Jährigen zeigen. Laut der Marca wären die Red Devils jederzeit bereit, Hernandez' Ausstiegsklausel zu ziehen.

Was spricht für Bayern?

Die Bayern-Bosse, speziell Rummenigge, pflegen ein freundschaftliches Verhältnis zu den Verantwortlichen von Atletico. Das wird die Spanier zwar kaum dazu bringen, die festgeschriebene Ablösesumme zu senken, sie würden einen Spieler der Kategorie Hernandez aber wohl eher einem befreundeten Klub überlassen anstatt einem direkten Konkurrenten wie Real.

Lucas Hernandez - Atletico Madrid

Ein weiterer Pluspunkt: Bei Bayern würde Hernandez mit Corentin Tolisso, Kingsley Coman und Franck Ribery auf drei Landsleute treffen. Speziell zu seinem Weltmeister-Kollegen Tolisso hat er eine exzellente Beziehung. Und vielleicht kommt mit Benjamin Pavard (VfB Stuttgart) bald ja noch ein weiterer Franzose hinzu.

Die Marca schreibt zudem, der FCB überzeuge Hernandez, weil er ihm neben einem lukrativen Gehalt auch eine rosige sportliche Perspektive biete. Der sowohl als Außen- als auch als Innenverteidiger einsetzbare Linksfuß solle der Leader der zukünftigen Defensive des Rekordmeisters werden, heißt es in dem Bericht. Dafür spricht, dass Jerome Boateng und Mats Hummels (beide 30) bereits dem älteren Semester angehören und nach dem Abgang von Juan Bernat eine Alternative zu David Alaba auf der linken Abwehrseite fehlt.

Was für ein Spielertyp ist Hernandez?

Mit gerade einmal 22 Jahren bringt Hernandez alles mit, was ein moderner Defensivspieler mitbringen muss: Er ist schnell, robust, technisch stark und dank Simeone auch taktisch herausragend geschult. Diese Eigenschaften, gepaart mit seiner Variabilität, machen ihn zu einem nahezu unverzichtbaren Mann für Atletico und die Equipe Tricolore.

Das bedeutet allerdings nicht, dass er jedes Spiel bestreitet. Diverse kleinere Verletzungen bremsten ihn in der laufenden Saison immer wieder aus. Deshalb kommt er "nur" auf zehn Liga-Einsätze. Aktuell fehlt er wegen Knieproblemen, die ihn noch mehrere Wochen außer Gefecht setzen könnten. Gut möglich, dass das Spiel gegen Deportivo Alaves Anfang Dezember sein letztes im rot-weißen Trikot war.

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