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Luca Waldschmidt vom SC Freiburg im Interview: "Mir hat das Vertrauen von Frankfurt gefehlt"

12:37 MEZ 29.01.19
***GER ONLY*** Luca Waldschmidt SC Freiburg
Luca Waldschmidt blüht in dieser Saison bei Freiburg richtig auf. Im Interview spricht er über seine Zeit in Frankfurt und den Abstieg mit dem HSV.

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Gian-Luca Waldschmidt begann seine Profikarriere bei Eintracht Frankfurt. Da er sich bei der SGE aber nicht durchsetzen konnte, wechselte er zum HSV. Dort rettete Waldschmidt die Rothosen vor der Relegation, nur um im Jahr darauf doch abzusteigen. Seit Sommer spielt der 22-Jährige für den SC Freiburg und ist mit einer Ablösesumme in Höhe von fünf Millionen Euro der zweitteuerste Neuzugang der SCF-Vereinsgeschichte.

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Im Interview spricht Waldschmidt über verloren gegangenes Vertrauen in Frankfurt, den Gegenwind der Hamburger Medien, eine problematische Ansage von Markus Gisdol und die Gründe für seinen Formanstieg in Freiburg.

Gian-Luca, Sie waren 14 Jahre alt, als Sie in das Nachwuchsleistungszentrum von Eintracht Frankfurt wechselten. Die SGE war nach dem SSV Oranien Frohnhausen, dem SSC Juno Burg und der TSG Wieseck bereits Ihr vierter Verein - und das in diesem jungen Alter. Wie kam's?

Gian-Luca Waldschmidt: An Umzügen lag es nicht, ich habe währenddessen immer im selben Kaff gewohnt. (lacht) Frohnhausen war mein Heimatverein, dort ging alles los. Juno Burg war eine zehn Minuten von mir entfernte Spielgemeinschaft aus drei Dörfern, die in der D-Jugend-Gruppenliga eine Liga höher gespielt hat. Dort sind wir auch auf Wieseck getroffen, so wurde man auf mich aufmerksam. Und da man in Hessen weiß, dass Wieseck in Sachen Jugendarbeit sehr ambitioniert ist, war das für mich ein logischer Schritt.

Dem ein Jahr später im Juli 2010 der Schritt an den Main folgte. Keine vier Jahre später unterschrieben Sie im April 2014 bei der Eintracht Ihren ersten Profivertrag. Anschließend gehörten Sie drei Jahre am Stück zum Aufgebot, konnten sich aber weder bei Thomas Schaaf noch bei Armin Veh und Niko Kovac durchsetzen. Woran lag das?

Waldschmidt: Unter Schaaf war ich lange verletzt, das hat mich eindeutig ausgebremst. Bei Veh war es deshalb schwer, weil ich zwar im Profikader dabei war, aber nebenbei noch zur Schule gegangen bin und nur zweimal wöchentlich trainiert habe. Ich war zwar immer irgendwie dran, aber muss auch sagen, dass mir der letzte Tick gefehlt hat. Es war nicht so, dass der Trainer dachte: Den muss ich jetzt unbedingt aufstellen. Es gab auch keine zweite Mannschaft mehr, daher war permanent Training angesagt und ich war sozusagen gezwungen, ausschließlich über die wenigen Spiele zu kommen.

Die beschränkten sich meist auf Einwechslungen über ein paar Minuten.

Waldschmidt: Das hat es für mich als jungen Spieler natürlich nicht gerade einfacher gemacht. Ich hätte mir gewünscht, auch mal ein, zwei Spiele von Beginn an absolvieren zu dürfen, um etwas reißen zu können. Es war letztlich eine Mischung: Ich hätte mich sicherlich besser anbieten müssen, damit der Trainer keine andere Wahl mehr hat. 

Es gibt viele Beispiele dafür, dass Spieler aus der eigenen Jugend einen schweren Stand haben, sobald sie bei den Profis mittrainieren. Finden Sie, Sie gehören auch dazu?

Waldschmidt: Mit den Jungen geht man immer den Weg des geringsten Widerstandes. Wenn man einen jungen Spieler auf die Bank setzt, beschwert sich keiner. Ich habe aber ein Stück weit auch Verständnis, denn wir steckten damals im Abstiegskampf. Es war nicht einfach für mich, da ich im letzten Spiel von Veh noch zur Halbzeit eingewechselt wurde und eigentlich eine ordentliche Partie abgeliefert habe. Dann kam aber ein weiterer Trainerwechsel und man musste sich wieder neu darauf einstellen.

In den paar Wochen unter Niko Kovac kamen Sie nur ein einziges Mal zum Einsatz. Dennoch wollte die Eintracht Ihren Vertrag vorzeitig um mindestens drei Jahre verlängern. "Was will man eigentlich mehr?", fragte Fredi Bobic. Wie lautete damals Ihre Antwort?

Waldschmidt: Ich hatte zur Winterpause 2015/16 Anfragen aus der 2. Liga für eine Leihe. Ich gebe zu, dass ich sehr daran interessiert war, denn es wäre einfach eine sehr gute Lösung für beide Seiten gewesen. Ich musste Spielpraxis sammeln und es hätte mir in meinen Augen mehr gebracht, in der 2. Liga regelmäßig zu spielen, als bei einem Bundesligisten nur zu trainieren. Wir konnten uns aber mit der Eintracht nicht darauf einigen. Es hieß, ich würde in Frankfurt meine Chancen und Einsätze bekommen.

Im darauffolgenden Sommer sind Sie zum Hamburger SV gewechselt. Welche Perspektiven hatte Ihnen zuvor die SGE aufgezeigt?

Waldschmidt: Nachdem die Leihe scheiterte und ich mir weitere Gedanken über meine Zukunft gemacht habe, wollte ich nicht mehr verlängern. Mir hat das Vertrauen gefehlt. Es war mir zu wenig, nur eine Chance zu erhalten und in den letzten 15 Minuten eines Spiels eingewechselt zu werden. Ich musste aus Frankfurt auch einfach raus und brauchte etwas Neues.

Und dann wechseln Sie ausgerechnet zum HSV, dem Vorzeige-Krisenklub der Bundesliga.

Waldschmidt: Mich hat der HSV nicht abgeschreckt, das ist immer noch ein brutaler Verein. In den Gesprächen mit Dietmar Beiersdorfer und Bruno Labbadia wurde mir aufgezeigt, dass sie längerfristig planen, Ruhe hineinbringen möchten und eine Mannschaft auf die Beine stellen wollen, die nicht nur von Jahr zu Jahr funktioniert. Mit Alen Halilovic, Douglas Santos und mir wollte man ein paar jüngere Spieler um das bestehende Gerüst bauen. Das hörte sich für mich alles sehr gut an und ich habe darauf vertraut.

Dennoch herrschte in den Vorjahren in Hamburg Chaos, Unruhe und kaum Kontinuität. Wieso spielte das bei Ihrer Entscheidung keine Rolle?

Waldschmidt: So denkt man als Fußballer nicht. Entscheidend ist, wie es innerhalb der Mannschaft aussieht und was auf dem Platz passiert. Dass zuvor häufiger die Verantwortlichen ausgetauscht wurden, nimmt man natürlich zur Kenntnis. Das ist aber nicht derart ausschlaggebend wie die sportliche Perspektive und die Aussicht, häufiger als zuvor auf dem Platz zu stehen.

Beim HSV wehte nicht nur aufgrund der sportlichen Talfahrt ein anderer medialer Wind. Ihr aktueller Trainer Christian Streich sagte dazu einmal: "In den großen Städten mit fünf Zeitungen ist alles nicht so einfach, da kommt dauernd was von außen und oft auch was Privates." Hat er Recht?

Waldschmidt: Komplett. Damit umzugehen, ist alles andere als einfach oder selbstverständlich. Es ist schwer, wenn du als Mannschaft merkst, dass dir die Medien wenig gönnen und vielmehr nur darauf gewartet wird, Kritik anbringen zu können. Es gab mal einen Artikel mit dem Tenor "Waldschmidt am Tiefpunkt seiner Karriere", da ich ein paar Spiele in Folge nicht eingewechselt wurde. Ich persönlich hatte den Eindruck aber überhaupt nicht, denn ich habe mich gut gefühlt und ordentlich trainiert. Gefühlt hatte meine Karriere damals ja auch noch nicht einmal richtig angefangen (lacht).

Waldschmidt: "Ich bin der etwas sensiblere Typ"

Mit Markus Gisdol hat einer Ihrer Trainer beim HSV gesagt, ihn würde es sehr ärgern, dass Sie Ihre Chancen nicht nutzen würden. Wie erging es Ihnen nach dieser Aussage, hatten Sie das Gefühl, keine Fehler mehr machen zu dürfen?

Waldschmidt: Definitiv. Es muss natürlich jeder Coach für sich selbst entscheiden, ob er so etwas über einen eigenen Spieler sagt. Ich bin schon der etwas sensiblere Typ, der sich auch mal einen Gedanken mehr macht, als es vielleicht nötig ist. Wenn dann so etwas vom Trainer über die Presse kommt, geht man nicht frei im Kopf aufs Feld, sondern versucht, auf Sicherheit zu spielen und Fehler tunlichst zu vermeiden. Doch das kommt wiederum meinem Spiel nicht entgegen, da ich in der Offensive gerne ins Risiko gehe.

Mit Ihrem ersten Bundesligator, das Sie nur 110 Sekunden nach Ihrer Einwechslung am letzten Spieltag der Saison 2016/17 gegen Wolfsburg erzielten, ist der HSV unter Gisdol nicht in die Relegation gerutscht. Zur Winterpause der anschließenden Saison waren Sie sich dann bereits mit dem SC Freiburg über einen Wechsel einig, der in letzter Sekunde am Veto des HSV scheiterte. Hat Sie das überrascht?

Waldschmidt: Ja. Es war alles schon sehr weit. Mein Berater meinte zu mir, es könne jeden Moment losgehen.

Wie oft haben Sie danach gedacht: Ich steige hier mit Hamburg ab und in Freiburg herrscht kaum Hektik?

Waldschmidt: Nie, das hätte ja auch niemandem etwas gebracht. Das Thema war dann einfach erstmal abgehakt. Ich wäre damals schon gerne im Winter nach Freiburg gewechselt, aber ich konnte die Situation ja nicht ändern. Als Christian Titz dann übernahm, habe ich auch noch einige Spiele bekommen. Das hat mich persönlich zufriedengestellt, auch wenn ich den Abstieg natürlich sehr gerne vermieden hätte.

In Freiburg haben Sie nun eine starke Hinrunde gespielt und auch in der U21-Nationalmannschaft geglänzt. Fühlt sich für Sie der SC wie das Gegenteil vom HSV an?

Waldschmidt: Ja, dafür muss man nur auf den Trainingsplatz schauen. Es ist alles viel beschaulicher, man hat hier sprichwörtlich seine Ruhe. Ich habe in meiner ersten Woche bereits alle Vereinsmitarbeiter kennengelernt. Sehr wichtig ist für uns als Spieler natürlich auch der Fakt, dass nicht am Trainer gerüttelt wird, wenn man zweimal verliert. Es kommt von außen keine Unruhe auf, weil auch die Erwartungshaltung geringer ist. Unsere Fans wissen, dass der Klassenerhalt immer über allem steht. Man bekommt schnell das Gefühl, dass hier alle ehrliche Arbeit abliefern und zusammenhalten.

Was fühlt sich für Sie alles besser an auf dem Platz in dieser Saison?

Waldschmidt: Letztlich ist es die Tatsache, regelmäßig von Anfang an zum Einsatz zu kommen. Ich merke, wie schnell man dann Sicherheit und Ruhe bekommt. Mir kommt vor allem auch unsere Spielweise entgegen: Wir lassen die Kugel laufen, agieren variabel in der Offensive und mir werden mit dem Ball viele Freiheiten gelassen. Ich spüre eine Entwicklung bei mir.

Waldschmidt: "Der Kopf spielt eine riesige Rolle"

Merken Sie auch, wie viel ein Faktor wie erhöhtes Selbstvertrauen ausmachen kann?

Waldschmidt: Ja, das ist der Wahnsinn. Auch der Kopf spielt eine riesige Rolle. Ich hatte auch in Hamburg Spaß, auf dem Feld zu stehen. Doch in Freiburg darf ich mir auch mal zwei, drei Fehler erlauben, ohne dann denken zu müssen, es könnte für mich im nächsten Spiel direkt wieder eng werden.

Schaaf, Veh, Kovac in Frankfurt, Labbadia, Bernd Hollerbach, Gisdol und Titz beim HSV - Sie haben in Ihrer jungen Karriere schon einige Trainer erlebt. Was unterscheidet Streich von ihnen?

Waldschmidt: Jeder Trainer ist auf seine Weise speziell, Christian Streich ist auf jeden Fall immer ehrlich. Er ist sehr kommunikativ, korrigiert viel, gibt viele Tipps, ist extrem emotional und fußballverrückt. Er macht sich viele Gedanken über vermeintliche Kleinigkeiten, die andere vielleicht nicht so auf dem Schirm haben und in meiner Karriere bislang nicht derart angesprochen wurden.

Streich kommt in der Öffentlichkeit sehr authentisch rüber. Ist das auch intern so?

Waldschmidt: Ja. Dadurch ist es für uns Spieler leichter, ihm gegenüber zu treten. Er begegnet uns auf absoluter Augenhöhe. Er benennt es deutlich, wenn ihm etwas nicht passt, merkt aber auch immer an, wenn du etwas richtig gemacht hast. Als ich mal nicht von Anfang an gespielt habe, hat er mir detailliert erklärt, was für ihn in der Trainingswoche nicht gepasst hat. Man kann als Spieler ja nichts damit anfangen, wenn es heißt, man habe gut trainiert, aber ein anderer trainiere im Moment besser. Von daher finde ich seine Ansprache sehr gut.

Pascal Stenzel hat im Interview mit Goal und SPOX vom Austausch mit dem Trainer erzählt, wenn es um fußballferne Themen geht. Wie bewerten Sie das?

Waldschmidt: Dass wir in der Kabine häufiger über Themen abseits des Fußballs sprechen, kannte ich so noch nicht. Der Trainer hat mit uns im Sommer zum Beispiel über Mesut Özil und die Nationalmannschaft gesprochen, als sich daraus ein Politikum entwickelte. Das hat mir gut gefallen, weil es aktuell und sachbezogen war. Grundsätzlich spricht er vor allem Themen an, die einfach zum Leben dazugehören. Wir Fußballer stehen ja leider nicht immer unbedingt dafür, dass wir solch übergeordnete Dinge auf dem Schirm haben. Der Austausch ist wirklich fruchtbar.