"Verdient hat es niemand, dass er nach Hause fahren muss", sagte Bundestrainer Joachim Löw am Sonntagabend nach der 1:3-Niederlage der deutschen Nationalmannschaft im Test gegen die Slowakei. Vier Spielern aus dem vorläufigen Kader ihr EM-Ticket doch noch zu verwehren, wird er aber nicht vermeiden können. Am Dienstag wird Löw Gewissheit verbreiten - bis dahin darf Fußball-Deutschland noch spekulieren.
Die Liste der Streichkandidaten reicht von erwartbar bis hin zu Paukenschlag. Ersteres wären vor allem jene, die schon bei der Bekanntgabe des vorläufigen Aufgebots nicht selbstverständlich auftauchten. Das Youngster-Quartett Julian Weigl, Julian Brandt, Leroy Sane und Joshua Kimmich fällt etwa in diese Kategorie.
"Alle vier haben eine große Zukunft", sagt Löw, der in seine Entscheidungen sowohl den Gesamteindruck der vergangenen Monate als auch die Eindrücke aus dem Trainingslager in Ascona einfließen lassen will, geheimnisvoll. Der Test gegen die Slowakei war witterungsbedingt eigentlich nur eine Halbzeit lang aussagekräftig. Von den vier Youngsters durfte sich Kimmich 75 Minuten lang als rechter Part einer Dreierkette zeigen, für ihn spricht seine Vielseitigkeit.
Sane vs. Brandt?
Sane indes stand 90 Minuten auf dem Platz, lieferte gute Ansätze, ist ein Spieler, der mit seinen klugen Laufwegen, seiner Geschwindigkeit und seinem feinen linken Fuß für offensive Überraschungsmomente sorgen kann. Mit seinem Auftritt gegen die Slowaken war er allerdings nicht zufrieden.
"Für mich war heute mehr drin, ich habe nicht alles gegeben", gestand der Schalker, fügte jedoch selbstbewusst an: "Ich hoffe trotzdem, dass ich dabei bin." Da das Angebot an erstklassigen deutschen Offensivkräften auf den ersten Blick riesig ist, scheint es wahrscheinlich, dass Löw entweder Sane oder Brandt streicht.
Für den jungen Leverkusener spricht, dass er in der Endphase der abgelaufenen Bundesliga-Saison einen Mega-Lauf hatte, gut drauf ist. Und die Tatsache, dass er der wohl bessere Joker ist als Sane. Brandt ist vom Typ her eher derjenige, der sich sofort in ein Spiel reinfuchsen kann, hat die vielleicht noch etwas größere Zielstrebigkeit im Angriffsdrittel.
Dass es beide in den Kader schaffen, ist wohl nur dann möglich, wenn sich die gesundheitliche Situation von Marco Reus (Adduktorenprobleme) oder Karim Bellarabi (Zerrung) als bedenklicher erweist, als angenommen. "Wer ist denn wirklich voll belastbar?", warf Löw am Sonntag auch mit Bezug auf Reus und Bellarabi in den Raum. "Ich möchte das Okay vom Arzt, dass es mit den betroffenen Spielern in den nächsten Wochen keine Probleme geben wird", stellte er klar.
Problemfälle Hummels und Schweinsteiger
Mats Hummels und Bastian Schweinsteiger sind die beiden Spieler, an die Löw dabei wohl vor allem denkt. Hummels etwa sagt selbst, dass es für ihn nach seinem Muskelfaserriss in der Wade auch für das zweite Gruppenspiel gegen Polen eng werde. Dass Löw auf ihn verzichtet, ist mangels eines wirklich adäquaten Ersatzes als Innenverteidiger-Partner für Jerome Boateng aber nur sehr schwer vorstellbar.
Etwas anders sieht die Sache bei Schweinsteiger aus. Der Kapitän, monatelang wegen eines Innenbandrisses im Knie außer Gefecht, hat in diesem Jahr für Manchester United nur zwei Spiele bestritten. Ob er zumindest für die zweite, die entscheidende Phase des Turniers wieder richtig fit ist, steht in den Sternen.
Für Schweinsteiger spricht allerdings seine Rolle als Anführer, sein Wert außerhalb des Platzes. Und die Erinnerung an die WM 2014, als Löw ihn ebenfalls trotz Fitness-Problemen mitnahm und er schließlich das Finale rockte.
Zwischen Hoffen und Bangen
Die ungewisse Situation Schweinsteigers ist für Dortmunds Senkrechtstarter Weigl derweil möglicherweise von Vorteil. Da mit Ilkay Gündogan bereits ein Mann für die Mittelfeldzentrale ausfällt, kann Löw Alternativen dort gut gebrauchen. Weigl machte gegen die Slowakei in der schwierigen zweiten Hälfte eine ordentliche Figur, hat beim BVB bewiesen, dass er sich einer neuen Umgebung und steigenden Anforderungen rasch anpassen kann.

"Ich habe versucht, alles reinzuwerfen und aus dem Platz das Beste zu machen. Ob es gelungen ist, müssen andere beurteilen", sagte Weigl nach dem Test am Sonntag. Dass er um sein Ticket bangen muss, ist klar. Emre Can und Shkodran Mustafi, bei der vorläufigen Kader-Bekanntgabe auch als mögliche Wackelkandidaten ausgemacht, müssen das wohl nicht. Beide kamen gegen die Slowakei nicht zum Einsatz, ein gutes Zeichen dafür, dass Löw sich nicht mehr weiter von ihren Fähigkeiten überzeugen musste.
Sebastian Rudy spielte indes 90 Minuten auf der rechten Seite, ist im Gegensatz zu Can und Mustafi auch weiterhin einer der Streichkandidaten. Lukas Podolski wird ebenso genannt, geht es darum, wen Löw doch nicht mitnimmt. Die Kölner Frohnatur dürfte seinen Platz aber sicher haben, hat er doch eine gute Saison bei Galatasaray hinter sich und ist enorm wichtig für die Stimmung im Team.
Klar ist indes, dass Löw und seinem Stab komplizierte Entscheidungen bevorstehen. "Die werden schwer, klar", räumte er ein. Erfreulich ist jedoch, warum sie so schwer werden. "Weil wir gute Qualität haben", führte Löw aus. Qualität haben alle 27, die es ins vorläufige Aufgebot geschafft hatten. Den vier Akteuren, die den Traum von der EM im Nachbarland Frankreich dennoch begraben müssen - so viel ist sicher - fehlen lediglich Nuancen.
