Lizenz mit Bedingungen: Der HSV-Kader ist zu teuer

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Das Lizenzierungsverfahren der Deutschen Fußball-Liga (DFL) ist wahrscheinlich eines der umfangreichsten der Welt. Die mehr als 300 DIN-A4-Seiten lange Lizenzierungsordnung legt zahlreiche Anforderungen fest, die ein Klub erfüllen muss, will er in der ersten oder zweiten Bundesliga mitspielen. Um eine solche, jedes Jahr aufs Neue erstellte Spielerlaubnis bekommen zu können, fragt die DFL sportliche, finanzielle, rechtliche, administrative, personelle und infrastrukturelle Standards ab. Die meisten dieser Anforderungen erfüllt der Hamburger SV problemlos. Er verfügt über ein modernes Stadion, ein zertifiziertes Nachwuchsleistungszentrum, eine reibungslos arbeitende Geschäftsstelle, auf der etwa 200 Mitarbeiter beschäftigt sind, und bietet auch den zahlreichen Medienvertretern professionelle Arbeitsbedingungen.

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Nur in einem Punkt hakt es seit Jahren mitunter gewaltig: beim Thema Geld. Die Finanzen sind - neben den sportlichen Turbulenzen der letzten Jahre - die größte Baustelle der traditionsbewussten Rothosen. Wobei das Eine mit dem Anderen eng verknüpft ist. Die Talfahrt hat den HSV so tief getroffen, dass er zweimal in Folge nicht nur beinahe aus der Bundesliga abgestiegen wäre, sondern auch mehrfach vor dem finanziellen Kollaps gerettet werden musste. Zum Beispiel 2014, als intern bereits von einer Insolvenzverschleppung die Rede war. Nur mit großer Mühe und einer Ausgliederung der Profiabteilung in eine Aktiengesellschaft konnte der wirtschaftliche Knockout verhindert und zumindest die bilanzielle Situation ein wenig aufgebessert werden.

Der HSV gab zu viel Geld aus

Dumm nur, dass aus den Fehlern der Vergangenheit offenbar keine Lehren gezogen worden sind. Im Gegenteil: Der HSV gab nach 2014 so viel Geld wie noch nie zuvor in seiner Geschichte aus, investierte 100 Millionen Euro in seinen Kader und trieb die Personalkosten in schwindelerregende Höhe. Zwischenzeitlich hatte sich die Situation wieder so verschärft, dass Ex-Trainer Bruno Labbadia sogar Parallelen zu den benachbarten Handballern zog, die kurze Zeit später Insolvenz anmelden mussten. Fakt ist: Ohne die andauernde Unterstützung mithilfe von zahlreichen Darlehen und Aktienkäufen durch Investor Klaus-Michael Kühne wäre es mit der Lizenzvergabe durch die DFL ziemlich schwierig geworden. Andererseits hat Kühne immer wieder maßgeblich zur Verschärfung der Finanzkrise beigetragen.

Zum Beispiel 2012, als auf sein Drängen hin der Niederländer Rafael van der Vaart für mehr als 13 Millionen Euro zurückgeholt wurde. Kühne lieh dem HSV für diesen Deal viel Geld, gut verzinst, versteht sich. Gleichzeitig sicherte er sein Risiko-Invest dadurch ab, indem er sich auf das Stadion eine Grundschuld eintragen ließ. Der HSV hingegen hatte überhaupt keine Absicherung, dafür aber seinen Gehaltsetat gesprengt und einen alternden Star, der partout nicht mehr so spielen und zaubern konnte wie in seiner ersten Hamburger Zeit zwischen 2005 und 2008. Wer hätte das bloß gedacht? Kühne und einige Vorstände jedenfalls nicht. Nur einer hatte Zweifel an dem Plan, mit van der Vaart zurück nach Europa kommen zu können. Und musste ein Jahr später unfreiwillig gehen: Sportchef Frank Arnesen.

Sein Nach-Nachfolger Dietmar Beiersdorfer machte es allerdings leider nicht besser und lag so manches Mal daneben mit seinen Transfers. So auch 2016, als, wieder auf Wunsch von Kühne, eine maßlose Transferoffensive gestartet wurde. Mehr als 40 Millionen lieh sich der HSV von seinem Investor, um den Schritt auf Platz "sechs bis acht" der Tabelle möglich zu machen. Heraus kam ein erneuter Abstiegskampf, der Anfang November mit nur zwei Punkten aus zehn Spielen längst verloren schien. Inzwischen sieht es tabellarisch nicht mehr ganz so dramatisch aus, der Klassenerhalt ist aber noch lange nicht perfekt. Die vielen Transfer-Flops der letzten Jahre haben dennoch zu personellen Konsequenzen geführt, an dessen Ende auch Beiersdorfers Aus beim HSV besiegelt war. Ausbaden darf das Desaster nun ein neuer Mann, der eigentlich ein alter ist. Mit Heribert Bruchhagen verpflichtete der Aufsichtsrat einen Vorstandsvorsitzenden, der sich in der Liga als "Sanierer" von Eintracht Frankfurt einen Namen gemacht hat.

Bobby Wood HSV 25102016
Bobby Wood darf am Saisonende für zwölf Millionen Euro gehen

Muss Bruchhagen Top-Stürmer Wood verkaufen?

Doch auch er musste zu Beginn seiner Zeit in Hamburg von seinen Prinzipien, nicht mehr Geld auszugeben, als eingenommen wird, deutlich abweichen. Mit Kyriakos Papadopoulos, Mergim Mavraj und Walace gab der HSV im Winter fast zwölf Millionen Euro für Verstärkungen aus - exklusive der Gehälter. Was die Personalkosten angeht, bewegen sich die Hamburger derweil in einem Volumen von etwa 60 Millionen Euro. Und genau deshalb haben sie nun mit der DFL ein Problem. Die Lizenz für die kommende Saison erhält der HSV nur mit Bedingungen. Werden diese bis Ende Mai nicht erfüllt, gibt es keine Lizenz. Die Verantwortlichen geben sich zwar zuversichtlich, das Problem zeitnah zu lösen. Ganz so einfach wird dieses Unterfangen aber nicht sein. Denn der HSV muss nachweisen, über die gesamte Spielzeit stets liquide genug zu sein, um all seine Kosten decken zu können.

Bruchhagen kommentiert das Thema so: "Wir haben Verträge abgeschlossen, die für die Saison 2017/18 Kosten nach sich ziehen. Wir arbeiten an einer Vielzahl von Möglichkeiten. Was wir verhindern müssen, ist, dass wir sportliche Substanz in den Markt geben müssen." Heißt übersetzt: Die Gehälter der Winter-Neuverpflichtungen sprengen das Budget. Spielerverkäufe, wie zum Beispiel von Bobby Wood, der von Bayer Leverkusen umworben und für zwölf Millionen Euro gehen darf, sollen aber nicht Teil der Lösung sein. Also? "Das Beste ist es, Einnahmen zu steigern, anstatt Ausgaben zu drosseln", sagt Bruchhagen. Das wird aber kaum möglich sein. Denn die Einnahmen aus der "gewöhnlichen Geschäftstätigkeit" lassen sich derzeit kaum noch steigern. Die Zuschauerauslastung des Volksparkstadions ist trotz Abstiegskampf immer noch recht gut, die Ticketpreise bereits am Anschlag. Mehr kann man den Fans eigentlich nicht zumuten.

Die bestehenden Werbevertäge (z.B. Adidas oder Emirates) wurden erst kürzlich verlängert. Kleinere Sponsoringverträge werfen hingegen nicht so viel Geld ab, als dass sich der HSV damit seiner Sorgen entledigen könnte. Und selbst der Verkauf weiterer Anteile an einen Investor würde womöglich keine Abhilfe schaffen, da dieser bilanziell nicht als Ertrag zu verbuchen wäre und es bei den Bedingungen der DFL wohl um eine ausgeglichene Bilanz im "operativen Bereich" geht. Bruchhagen wird deshalb höchstwahrscheinlich nichts anderes übrig bleiben, als seinen besten Stürmer für eine vergleichsweise geringe Ablöse ziehen zu lassen. Ob diese allerdings reichen wird, ist unklar. Weitere Verkaufskandidaten, die hohe Einnahmen versprechen, gibt es derweil nicht. Auf Bruchhagen wartet deshalb in den nächsten Wochen eine ziemlich anspruchsvolle Herausforderung.