HINTERGRUND
Kevin-Prince Boateng, der ansonsten so taffe Typ von der Panke aus Wedding, den vermeintlich nichts erschrecken könnte, dem Selbstzweifel - so die einhellige Meinung - nichts anhaben können. Im Mai 2015 war er am Boden. Geknickt, antriebslos, einfach leer.
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"Ich dachte ans Aufhören. Warum nicht? Ich habe viel Geld verdient, alles gesehen und eine wunderbare Familie. Was soll ich noch machen?", gestand Boateng mal dem kicker. Gemeint sind jene Tage, nachdem er bei Schalke 04, dem Klub, der ihn knapp zwei Jahre vorher für 12,5 Millionen Euro vom schillernden AC Mailand geholt, ihn kurz vor Ende des Sommerwechselfensters 2013 zum Transferhammer gemacht hatte, in der Schlussphase der Saison 2014/15 suspendiert wurde.
"Er ist derjenige, der uns jetzt helfen kann", hatte Schalkes Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies bei Boatengs Verpflichtung noch der Welt gesagt. Der damalige Manager Horst Heldt, mit dem sich der gebürtige Berliner später überwerfen sollte, stimmte ein: "Wir halten ihn für einen Spieler mit enormer Leaderqualität."
Im Mai 2015 hatte sich der Tenor der Aussagen endgültig um 180 Grad gedreht. "Von der Körpersprache her ist er nicht so, dass er uns hilft und eine positive Aura hat", sagte Heldt. Und Tönnies kritisierte: "Prince sucht schnell die Fehler bei anderen. Ich glaube, er hat die Mannschaft ein Stück weit runtergezogen." Boatengs Zukunft bei Königsblau hatte sich damit erledigt.




Boateng: Tiefpunkt auf Schalke, rosige Gegenwart in Frankfurt
Am Mittwochabend (20.45 Uhr im LIVE-TICKER) kehrt er mit Eintracht Frankfurt für das Halbfinale im DFB-Pokal nun erstmals in die Veltins-Arena zurück. In einer Gegenwart, die rosig ist, in der er bei den Hessen genau das ist, was er auch auf Schalke nachhaltig hätte sein sollen: Führungsspieler, Leistungsträger, treibende Kraft.
"Das waren zwei Tage", erklärte er über seine Gedanken ans Karriereende nach der Suspendierung bei S04. "Meine Frau sagte: Du kannst jetzt einen Tag ans Karriereende denken, aber morgen gehst du nach dem Aufstehen wieder zum Training."
Dennoch folgten steinige Monate. Ein gestörtes Vertrauensverhältnis nannte Heldt neben den miesen sportlichen Leistungen als Grund für die Suspendierung, sprach zudem von fehlender Loyalität. Ein Kabinenstreit mit Ralf Fährmann und Benedikt Höwedes kam ans Tageslicht. "Ich bin seit zwei Jahren hier, wir sind kein Team. Auf dem Platz müssen wir alle Brüder sein, das fehlt im Team. Auf dem Platz sind wir ein Fake", soll Boateng angeprangert haben.
Dass die Ausbootung auf Schalke für Boateng, der in seiner Karriere oft aneckte, der sich mit seinem Brutalo-Foul an den damaligen DFB-Kapitän Michael Ballack vor der WM 2010 vorübergehend die Abneigung eines ganzen Landes einhandelte, eine der schwierigsten Phasen überhaupt war, unterstrich er kürzlich bei Sport1 noch einmal. "Dort habe ich am meisten nachgedacht, es war wie ein Faustschlag ins Gesicht. Alles ist super, wenn alles gut läuft - und wenn nicht, wirst du fallen gelassen", trat er gegen seinen Ex-Klub nach. "Das war ein Tiefpunkt."
GettyDass er sich aus dem Loch wieder heraus kämpfte, neun Monate ohne Spiel und einen geplatzten Wechsel zu Sporting nach Lissabon wegsteckte und über eine kurzzeitige Rückkehr zu Milan und ein Jahr bei Las Palmas wieder zu einem prägenden Bundesligaspieler avancierte, erfülle ihn mit Stolz. Schon mehrfach wurde ihm Läuterung nachgesagt, nun, mit 31, hat er sie wohl tatsächlich erfahren.
Boateng und Kovac: Das passt
"Früher, als ich jünger war, wollte ich immer im Mittelpunkt stehen und etwas Besonderes machen", sagte Boateng Anfang des Jahres der Rhein-Main-Zeitung. Mit der Erfahrung der letzten Jahre habe sich das grundlegend geändert. "Es ist nicht mehr so, dass ich den Fokus suche. Heute will ich lieber in Ruhe gelassen werden, eben weil ich jeden Tag im Fokus stehe."
In Frankfurt tut er genau das wegen seiner starken Leistungen auf dem Platz. Ob als Achter im Mittelfeldzentrum, als hängende Spitze oder hier und da auch mal ganz vorne drin: Boateng ist ein entscheidender Faktor für die bemerkenswert gute Saison der Eintracht, hat in 32 Pflichtspielen zudem sechsmal getroffen. Dass er mit Trainer Niko Kovac, mit dem er einst als blutjunger Spieler bei Hertha BSC noch gemeinsam auf dem Platz stand, gut auskommt, hilft dabei sehr.
| Kevin-Prince Boateng auf Schalke (2013 bis 2015) | Kevin-Prince Boateng in Frankfurt (seit 2017) |
| Pflichtspiele: 60 | Pflichtspiele: 32 |
| Tore: 7 | Tore: 6 |
| Assists: 9 | Assists: 1 |
Kovac höre zu, beziehe ihn ein, sei zwar klar der Chef, aber vertraue auch auf den Rat seiner erfahrenen Profis wie Boateng. "Ich bin vielleicht ein bisschen seriöser geworden. Daran hat er nicht viel Anteil, weil ich ja schon so hierhergekommen bin. Aber er gibt mir die Freiheit, dass ich das auch ausleben kann", sagt er über die Beziehung zum Coach, der ihn schon bei der Hertha an die Hand genommen hatte. "Wir kommen beide aus der gleichen Ecke in Berlin, aus Wedding. Niko hat mich direkt verstanden und wusste, wie man diesen Tiger im Zaum hält. [...] Er sagte immer: Du bist mein Krieger, mit Dir kann ich Kriege gewinnen."
Ganz so martialisch sollte man Boatengs Vorhaben bei seiner Rückkehr auf Schalke freilich nicht umschreiben. Dass er wild entschlossen ist und es vermutlich auch Genugtuung für ihn wäre, die Gelsenkirchener aus dem Pokal zu werfen und mit der Eintracht in seiner Heimatstadt in Berlin um einen Titel zu kämpfen, würde er wahrscheinlich nicht leugnen. "Zu hundert Prozent", sagte er der Bild, sei ihm der Pokalsieg sogar wichtiger als eine mögliche Qualifikation für die Champions League. "Den Pokal hierher mit zu bringen in diese positiv-verrückte Stadt Frankfurt, das kann dir keiner nehmen. Und du kannst was in den Händen halten.“
Zunächst geht es aber um den Finaleinzug, schon damit würde sich für Boateng ein Traum erfüllen. Und er wäre heute Abend überglücklich. Auf Schalke, in dem Stadion, das für ihn vor knapp drei Jahren zum Ort des Tiefpunktes wurde.
