Kevin Phillips: Der Gewinner des Goldenen Schuhs, den kaum noch jemand kennt


HINTERGRUND

Es klingt fast ein bisschen verbittert, wenn Kevin Phillips heute über das unglaublichste Jahr seiner Profikarriere spricht. "Wenn ein englischer Spieler heutzutage 30 Tore macht, dann kann er zu jedem Klub der Welt wechseln und wird höher gehypt als er sich vorstellen kann. Als mir das gelang, sagten alle nur: 'Er ist ein Freak, ein One-Hit-Wonder'."

Im Jahr 2020 hätte das, was dieser Kevin Phillips da vor rund 20 Jahren in der Premier League veranstaltete, mit Sicherheit deutlich höhere Wellen geschlagen als damals. Jedenfalls würden sich nicht die allermeisten Menschen, vor allem außerhalb Englands, schon wenig später fragen: Kevin wer?

Kevin Phillips. Der Typ, der im Jahr 2000 den Goldenen Schuh für Europas besten Torjäger erhielt, der die vielleicht beste Liga der Welt in Grund und Boden schoss. Der Legenden wie Andriy Shevchenko, Ruud van Nistelrooy oder Mario Jardel einfach mal so auf die Plätze verwies.

Kevin Phillips eroberte die Premier League: Den Zweiflern zum Trotz

"Für mich war das eine unfassbare Leistung", sagt Phillips. "Bei allem Respekt: Wenn ein Spieler 30 Saisontore erzielt, dann tut er das normalerweise in einer Mannschaft, die Erster, Zweiter, Dritter oder Vierter wird. Mir gelang das in einem Team, das Siebter wurde, das - und ich liebe Sunderland, der Klub ist in meinem Herzen - einfach nicht vergleichbar ist mit Manchester United, Liverpool oder Arsenal."

Phillips kam seinerzeit fast aus dem Nichts. Im Sommer 1999, immerhin schon 26 Jahre alt, hatte er noch kein einziges Premier-League-Spiel absolviert. Weil er in der zweiten Liga wie am Fließband traf und den AFC Sunderland zurück ins englische Oberhaus schoss, hatte er zwar im Frühjahr 1999 sein Nationalelfdebüt für England gefeiert. Dennoch sagten viele Experten voraus, in der Premier League würde Phillips scheitern.

Kevin Phillips Sunderland 2000 Bild: Getty Images

Und der Angreifer selbst war auch nicht gerade selbstbewusst, was die neue Spielklasse anging. "Ich fühlte mich ein bisschen ängstlich und war ziemlich nervös. Der Schritt von der Championship in die Premier League ist schließlich sehr groß. Du misst dich mit einigen der besten Spieler Europas, ja sogar der Welt. Da fragt man sich schon mal: Kann ich da liefern?"

Phillips konnte liefern. Gleich am zweiten Spieltag glückte ihm gegen Watford sein erster Doppelpack: "Es war wichtig, den Leuten, die an meiner Tauglichkeit für die Premier League zweifelten - und davon gab es einige - gleich mal den Wind aus den Segeln zu nehmen und mein Torekonto schnell zu eröffnen."

Kevin Phillips: Doppelpack gegen Chelsea als vorläufiger Höhepunkt

Nach acht Partien hatte er schon acht Treffer auf jenem Konto, brachte sich in einen Lauf und zerlegte Anfang Dezember 1999 den FC Chelsea mit einem seiner insgesamt acht Doppelpacks jener Spielzeit. "Rund um Weihnachten stand ich bei 18 oder 19 Toren. Ich war also guter Dinge, dass ich die 30-Treffer-Marke würde erreichen können - wenngleich mich die Verteidiger in der zweiten Saisonhälfte dann deutlich stärker auf dem Schirm hatten und es schwieriger wurde."

Dennoch hielt Phillips seine starke Torquote aufrecht, profitierte dabei auch viel von Sturmpartner Niall Quinn, der mit seiner gewaltigen Statur immer wieder erfolgreich mehrere Abwehrspieler band. "Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass er nicht einen großen Einfluss hatte", betont Phillips. "Es war so eine Partnerschaft, die einfach passierte. Wir arbeiteten nie im Training daran. Das einzige, was Peter Reid (Sunderlands damaliger Trainer, d. Red.) immer zu mir sagte, war: 'Bewege dich rund um Quinny herum'."

Quinn, ehemaliger irischer Nationalspieler, war seinerzeit bereits 33 Jahre alt, fokussierte sich meist darauf, Freiräume für Phillips zu schaffen. "Seine Beine waren nicht mehr die jüngsten, daher machte er nicht wie ich diese Läufe in die Tiefe. Stattdessen beschäftigte er die Innenverteidiger, während ich versuchte, ihnen im Rücken zu entwischen."

Kevin Phillips England 2000 Bild: Getty Images / Ross Kinnaird

30 Tore sollten am Ende für Phillips zu Buche stehen, überraschend führte er Aufsteiger Sunderland damit auf Platz sieben - besser war der Klub seitdem nie wieder platziert. Und logischerweise sicherte sich Phillips nicht nur in Europa, sondern auch in England die Torjägerkrone, weit vor Weltstars wie Alan Shearer (23 Tore), Dwight Yorke (20), Andy Cole (19) oder Thierry Henry (17).

Kevin Phillips: "Ich flog immer unter dem Radar"

"Den Goldenen Schuh in Europa zu gewinnen, hat sonst nie ein englischer Spieler geschafft", betont Phillips. Umso erstaunlicher, dass er dafür nie die Anerkennung erhielt, die er verdient hätte. Klar, die Quote aus jener Saison 1999/2000 erreichte er nie wieder - ein One-Hit-Wonder war er aber keineswegs, traf er doch in den fünf darauffolgenden Spielzeiten im Schnitt jeweils mehr als zehnmal. Und später, im hohen Alter von 38 Jahren, machte er noch einmal 16 Zweitliga-Tore für Blackpool.

Besonders bitter allerdings: Trotz seiner 30 Tore war Phillips bei der EM 2000 zwar in Englands Kader, spielte beim Turnier in Belgien und Holland allerdings keine Minute. Alan Shearer und Michael Owen waren im Angriff der Three Lions gesetzt, für den Gewinner des Goldenen Schuhs blieb kein Platz.

"Ich flog immer unter dem Radar und werde heute kaum noch mal erwähnt", klagt Phillips, sagt aber auch: "Für mich selbst bin ich extrem stolz darauf, was mir da gelungen ist."