HINTERGRUND
Etwas mehr als eine Stunde vor dem Anpfiff im Vicente Calderon trudelten die Aufstellungen ein und die Fans von Real Madrid runzelten zumindest leicht die Stirn. Bei ihrer Mannschaft gab es vor dem Rückspiel im Halbfinale der Champions League gegen Atletico satte acht Wechsel im Vergleich zum Kantersieg beim FC Granada am Wochenende. Das war erwartet worden und nicht wirklich überraschend. Bei der Besetzung des Sturms hatten viele Anhänger aber insgeheim gehofft, dass Trainer Zinedine Zidane anders entscheiden würde.
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Der erstaunlicherweise bei den eigenen Fans immer noch wenig beliebte Karim Benzema rutschte für ihren Liebling Alvaro Morata, in Granada als bärenstarker Doppeltorschütze unterwegs, in die Startformation. Wie gewohnt also: Zidane entschied sich in einem wichtigen Spiel wieder für Landsmann Benzema. Und wieder lag er damit goldrichtig.
Benzema vernascht Savic, Gimenez und Godin
Denn es war der Geniestreich des 29-Jährigen, der die Blancos beim Nachbarn vor einem richtig ungemütlichen Abend bewahrte. Die Colchoneros hatten furios losgelegt und führten nach gut einer Viertelstunde bereits mit 2:0 – noch nie lag Real in der Königsklasse so früh so hoch zurück! Atleti schnupperte am Wunder und war nach dem 0:3 im Hinspiel auf Kurs, die Paarung noch zu drehen oder zumindest ausgeglichen zu gestalten. Bis eben Benzema kam.
Karim Benzema und Zinedine Zidane: Band of Brothers
Kurz vor der Halbzeit kam er an der linken Eckfahne an den Ball. Er sah sich Stefan Savic, Jose Gimenez und Diego Godin gegenüber. Alle drei gehören gewiss nicht zur Laufkundschaft unter den Verteidigern dieser Welt. Benzema kümmerte das wenig. Er drehte sich um die eigene Achse, täuschte den Weg nach innen an, streute noch eine Finte ein und vernaschte das Trio in einer Szene.
#Isco riapre la partita, ma che fenomeno è #Benzema ? #AtletiRealMadridpic.twitter.com/Yibzrn1vzl
— Zac (@Zac_TW) 10. Mai 2017
An der Grundlinie tänzelte er an den Verteidigern vorbei und marschierte Richtung Tor. Klug legte er schließlich zurück auf Toni Kroos. Dessen Schuss parierte Jan Oblak zwar noch glänzend, doch Isco netzte im Nachschuss. 2:1 – Game over. Atleti brauchte nun noch weitere drei Treffer.
Wegen Aktionen wie dieser baut Zidane auf Benzema. Er braucht ihn als Zuarbeiter. Als Platzschaffer für Torjäger Cristiano Ronaldo. Als technisch perfekte Arbeitsbiene, die auch auf die Flügel ausweicht und furchtlos keine Zweikämpfe scheut. Wie perfekt er all das vereint, zeigte die Nummer neun der Königlichen unter anderem in jener Szene.
Goal/GettyGemeinsam mit Luka Modric, Keylor Navas und Isco gehörte er zu den auffälligsten Spielern der Gäste. Während Nebenmann Ronaldo die wenigsten Ballaktionen aller Feldspieler hatte, tauchte Benzema immer wieder im Blickpunkt auf. Bis zu seiner Auswechslung in der 77. Minute hatte er die zweitmeisten Zweikämpfe aller Spieler auf dem Rasen bestritten (17) und davon mehr als die Hälfte gewonnen.
Benzema köpft über Oblaks Kasten
Seinen prima Auftritt hätte der beidfüßige Angreifer noch mit einem Tor krönen können: Bei einer Flanke aus dem Halbfeld setzte er sich gegen Filipe Luis durch, köpfte das Leder aber aus halbrechter Position knapp über den Kasten der Hausherren (75.).
Benzema nimmt die Dinge äußerlich gelassen hin: Dass er nicht mehr der Goalgetter sein darf, der einst im Dress von Olympique Lyon Torschützenkönig der Ligue 1 wurde. Dass er nicht die großen Sympathien bei Reals Fans genießt. Dass es immer wieder Gerüchte um die Verpflichtung eines neuen Stürmers wie Robert Lewandowski von Bayern München gibt. Und dass er nach wie vor nicht mehr für Frankreichs Nationalmannschaft nominiert wird.
Beinahe stoisch verrichtet er seinen Dienst und er verrichtet ihn in der Regel zur Zufriedenheit Zinedine Zidanes. Bei seiner Auswechslung im Calderon huscht ein Lächeln über sein Gesicht, vom Coach gibt es ein kurzes, verdientes Lob.
Und so wird es 60 Minuten vor dem Anpfiff des Champions-League-Finals in Cardiff auch keine großen Überraschungen auf dem Spielberichtsbogen geben: Karim Benzemas Name taucht dann wieder in der Startelf Reals auf. Es ist ja auch ein wichtiges Spiel.




