HINTERGRUND
Es war eines der spektakulärsten Spiele aller Zeiten. In letzter Sekunde gelang dem FC Barcelona das 6:1, das Aus im Champions-League-Achtelfinale gegen Paris Saint-Germain wurde mit einem Husarenritt doch noch verhindert. Vom Wunder war die Rede, von der "Remontada", zu anglo-deutsch "Comeback".
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Vor dem Rückspiel gegen Juventus hoffte man in Barcelona auf eine Wiederholung, auf die Remontada 2.0. Doch sie blieb aus. Weil die Turiner zu gefestigt, zu clever, zu gut organisiert, ja zu stark waren. Und ihr 3:0-Vorsprung aus dem Hinspiel vergangene Woche nie in Gefahr geriet. Einfach gesagt: Dieses Juve ist eben nicht PSG.
Analyse: Juve kegelt Barca raus
"Ein weiteres Comeback wird natürlich kompliziert, aber ich denke, dass es möglich ist. Wir müssen ein perfektes Spiel abliefern", hatte Andres Iniesta im Vorfeld gesagt. Dass es nicht so kam, lag nicht unbedingt an Barca. Sondern vielmehr daran, wie geschickt Juventus verteidigte.
Trainer Massimiliano Allegri entsponn ein echtes Bollwerk. Die Viererkette stand sehr tief, zusammengehalten von Giorgio Chiellini und Leonardo Bonucci, den beiden abermals überragenden Innenverteidigern. Davor sorgte vor allem Sami Khedira für Ordnung, verschob geschickt, dirigierte Nebenmann Miralem Pjanic und Co.
Barca hatte es schwer, sich Räume zu erarbeiten. Gänzlich verhindern, dass Lionel Messi, Luis Suarez oder Neymar Torgefahr versprühen, konnte Juve selbstredend nicht. Doch man hielt den Ansturm der Katalanen in Grenzen, nahm ihm häufig den entscheidenden Punch. "Sie sind Italiener, sie wissen, wie man verteidigt", lobte Barcas Gerard Pique. "Sie waren insgesamt besser und sind verdient weitergekommen", fügte der Spanier an.
Chancen waren dennoch da. Insbesondere nach dem Seitenwechsel, als Barca nach und nach immer mehr riskierte. Lionel Messis Flachschuss verfehlte sein Ziel knapp (56.), wenig später hatte der Argentinier nach einem Patzer von Gianluigi Buffon die Führung auf dem Fuß (65.). Doch er vergab, ebenso wie Sergi Roberto kurz darauf (69.).

Luis Enrique hatte noch einmal alles probiert, brachte nach knapp einer Stunde Paco Alcacer für Ivan Rakitic, stellte von 4-3-3 auf 4-1-1-3-1 um. Doch Juventus schockte auch das nicht. Im Gegenteil. "Wir wussten, dass Barcelona bereit war, alles zu riskieren", sagte Bonucci. "Aber wir haben alle Räume zugestellt."
Über die kompletten 90 Minuten traten die Italiener selbstbewusst auf, suchten regelmäßig auch selbst den Weg nach vorne. Anders als die mitunter ängstlich wirkenden Pariser vor einigen Wochen war Juve von Sekunde eins an mittendrin statt nur dabei.
So hatten Gonzalo Higuain und Paulo Dybala einige gute Torgelegenheiten. Der einzige Vorwurf, den sich Juve gefallen lassen muss: Die gegen Ende immer größer werdenden Räume für Gegenstöße nutzten die Bianconeri nicht konsequent genug aus, verpassten es, früher für die endgültige Entscheidung zu sorgen.
Dennoch zieht Juve am Ende souverän ins Halbfinale ein, kassierte in zwei Spielen gegen Barca um das Mega-Trio MSN kein einziges Gegentor. "Ich sehe jetzt keinen großen Favoriten", äußerte Dybala bescheiden. "Ich denke, alle vier Teams haben die gleiche Chance, den Titel zu holen." Als Außenstehender darf man allerdings getrost konstatieren: Juve ist nun gemeinsam mit Real Madrid der Top-Favorit auf den Champions-League-Titel. Eine Rolle, mit der sich Dybala und Co. in der Vorschlussrunde anfreunden müssen.
Und Barcelona? Bei den Blaugrana saß die Enttäuschung nach Schlusspfiff extrem tief. Messis Blicke schienen leer, Neymar brach in Tränen aus, musste von Landsmann und Freund Dani Alves getröstet werden. Der Traum, dem scheidenden Coach Enrique zum Abschied das Triple zu schenken, ist geplatzt. Nach einer Leistung, die fürwahr nicht schlecht war. Allein die Hypothek aus der Vorwoche war diesmal einfach zu mächtig.
Umso wichtiger wird für Barca der Clasico am kommenden Sonntag. Weil es nach dem Aus in der Königsklasse nun noch bedeutender wäre, zumindest national an der Spitze zu stehen. Drei Punkte beträgt aktuell der Rückstand auf Real Madrid, bei einem Spiel mehr auf dem Konto. Ein Dreier im direkten Duell mit dem Erzrivalen ist daher Pflicht. Ansonsten könnten innerhalb weniger Tage gleich zwei große Titel futsch sein ...




