Jürgen Klopp im Goal-Interview: "Jemand kam und dachte: 'Sie sind zu gut'"

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Jurgen Klopp Liverpool 2018-19
Getty Images
Goal hat sich exklusiv mit Liverpool-Coach Jürgen Klopp unterhalten. Ein Gespräch über den Umgang mit Niederlagen, die Medien und 'Local Player'.

EXKLUSIV-INTERVIEW

Es war schon wieder hell, da draußen vor den Fenstern. Die graue Baseball-Cap, die Jürgen Klopp trug, selbst sie schien gezeichnet von einer harten Nacht. Gegen sechs Uhr morgens soll es entstanden sein, jenes Video. Wenige Stunden also nur, nachdem Klopp mit dem FC Liverpool in Kiew gegen Real Madrid eines der größten Spiele seiner Trainerkarriere auf so bittere Art und Weise verloren hatte.

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Dennoch sang er, merklich von dem einen oder anderen Bier dazu ermuntert, aus voller Kehle. In seiner Küche, nebst Tote-Hosen-Sänger Campino und Moderator Johannes B. Kerner grölte Klopp ein Liverpooler Fan-Lied. "Ihr habt das Video gesehen?", fragt der 51-Jährige im exklusiven Gespräch mit Goal und schlägt sich mit einem Lächeln die Hand vors Gesicht. "Jeder hatte offensichtlich ein bisschen zu viel Alkohol getrunken - und dann sollte man normalerweise alle Smartphones beiseite legen", ergänzt er augenzwinkernd.

Goal hat sich mit Klopp über das verlorene Finale der Königsklasse Ende Mai unterhalten. Über die Unterschiede zur Situation nach der Niederlage im rein deutschen CL-Endspiel 2013 mit Dortmund gegen Bayern, über die mediale Berichterstattung rund um den Fußball, seine Beziehung zu Journalisten oder die jungen Talente aus Liverpools eigenem Stall.

Herr Klopp, wir haben das Video vom Morgen nach dem verlorenen Champions-League-Finale gegen Real Madrid angesprochen. Wie lange brauchen Sie, um ein solches Spiel vergessen zu können?

Jürgen Klopp:  Eines kann ich ganz sicher sagen: Ich will immer gewinnen, mit allem, was ich habe. Ich hasse es, zu verlieren. Ich musste über die Jahre zwar lernen, es zu akzeptieren - aber ich hasse es trotzdem. Und dennoch: Nach dem Schlusspfiff vergeude ich meine Lebenszeit nicht damit, zu leiden. Ich schleppe die Niederlage nicht mit mir herum. Ich verstaue sie irgendwo und dann bin ich fertig damit.

Jürgen Klopp über CL-Finale: "Es bringt ja nichts, das Spiel noch einmal durchzugehen"

Wie schwierig ist es, diese Einstellung durchzuziehen, wenn man gerade eine solch riesige Chance verpasst hat?

Klopp : Es ist sehr hart. Du musst ja nach dem Spiel trotzdem noch einige Dinge tun, musst Interviews geben, mit den Spielern reden und sie aufrichten. Aber ich kann mich damit nicht lange belasten. Man muss das wegstecken, es bringt ja nichts, das Spiel noch einmal durchzugehen und sich zu denken 'Hätte dies' oder 'Wäre das'. Ich kann über die Dinge aus dem Spiel reden, aber ich lasse sie nicht in meine Gefühlswelt.

Hilft es, sich klarzumachen, dass eine rosige Zukunft vor dem Klub liegen könnte?

Klopp : Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass das eine Rolle spielt. Man kann ein Finale auch mit einer schlechten Mannschaft gewinnen, wenn man Glück hat. Ich hatte vor dem Spiel keinerlei Zweifel an meinem Team und danach auch nicht. Es ging nur darum, dass wir die Chance hatten und sie liegen ließen.

Jurgen Klopp speaks to Goal Jürgen Klopp (l.) im Gespräch mit Goals Liverpool-Korrespondent Neil Jones

Wie hoch ist die Leistung zu bewerten, es überhaupt bis ins Endspiel der Champions League geschafft zu haben?

Klopp: Ich habe fünf Jahre lang gewartet und musste den Verein wechseln, um es noch einmal zu schaffen. Aber so ist das Leben. Viele meiner Trainerkollegen haben es ihre ganze Karriere lang probiert und nie geschafft. Ich stand zweimal im Finale, was großartig ist. Aber ohne es zu gewinnen, bleibt es lediglich eine Erfahrung. Eine sehr interessante Erfahrung, aber nicht das, was man sich vorher erhofft.

2013 standen Sie mit dem BVB im Endspiel und unterlagen ähnlich bitter den Bayern. Was unterscheidet die Situation nun in Liverpool von jener seinerzeit in Dortmund? 

Klopp: Es ist schon anders. Wir haben Mario Götze nach dem Finale 2013 verloren, oder besser gesagt zwei Wochen davor. Es war nicht alles vorbei nach diesem Endspiel, klar. Wir waren immer noch eine gute Mannschaft, die Zweiter in der Bundesliga wurde oder ins DFB-Pokalfinale einzog. Aber es war nicht mehr exakt die gleiche Situation. Jemand kam und dachte: 'Sie sind zu gut, lasst uns verhindern, dass sie noch einen Schritt weiter gehen.'

Und wie ist es nun in Liverpool, gut zwei Monate nach der Nacht von Kiew?

Klopp : Wir hatten nie das Gefühl, dass Kiew der letzte Schritt ist, wir sind mitten in unserer Entwicklung. Wir sind nicht unschlagbar, sind nicht das beste Team der Welt. Aber wir haben einen ganz besonderen Spielstil, der uns zu einer sehr guten Mannschaft macht. Ich war zum Beispiel sehr zufrieden damit, wie wir die erste halbe Stunde im Finale gespielt haben. Vor dem Spiel dachte jeder, Real sei besser und werde sicher gewinnen. Aber nach der ersten halben Stunde haben gewiss viele jener, die uns noch nicht so oft zugeschaut haben, gedacht: 'Okay, wir haben ein Spiel!'

An welchen kleinen Stellschrauben muss gedreht werden, damit künftig der ganz große Wurf gelingen kann?

Klopp : Wir brauchen vielleicht nur ein bisschen mehr Glück in den entscheidenden Momenten. Zum Beispiel im Finale gegen Real: Sie spielten mit ihrer stärksten Elf, hatten - wenn man von der Verletzung Dani Carvajals in der ersten Halbzeit mal absieht - alle Mann an Bord. Marcelo auf links, die beiden Innenverteidiger, Mittelfeld, Offensive - alle waren sie da. Wir hatten natürlich auch ein gutes Team, haben aber wohl zwölf oder mehr Spiele zuvor immer mit den gleichen Jungs gespielt. Das ist kein Vorteil. Wenn man in diesen Wettbewerben wie der Champions League oder der Premier League erfolgreich sein will, braucht man mehr Tiefe im Kader. Wir arbeiten gerade daran, das zu gewährleisten.

Liverpool-Trainer Klopp: "Die Orange wird ausgepresst, bis irgendwann nichts mehr da ist"

Wie haben sich diese Probleme in der vergangenen Saison konkret bemerkbar gemacht?

Klopp:  Eigentlich war der Kader letzte Saison ja auch breit genug besetzt. Aber dann haben wir in einer Woche drei Spieler verloren, das war ein Schock. Unser Mittelfeld war quasi weg - und bekanntlich sind das ziemlich wichtige Positionen, auf denen es intensiv zur Sache geht. Dann hat uns Chelsea in der Liga bis zuletzt gejagt, wir mussten in jedem Spiel kämpfen, um unter den Top-Vier zu bleiben. Wir haben unser Bestes gegeben und uns nie beklagt. Stattdessen wollen wir den Kader nun punktuell mit speziellen Qualitäten tiefer besetzen und versuchen, gemeinsam den nächsten Schritt zu gehen.

Medial wird diese Entwicklung sehr genau beäugt. Wie sehen Sie die Berichterstattung über den Fußball?

Klopp:  Ich habe da eine geteilte Meinung. Einerseits bringen die Medien den Fußballklubs Geld, weil sie über uns berichten und alle Welt sich dafür interessiert. Andererseits ist nicht alles so, wie es sein sollte. Da sind nicht nur die Medien zu nennen, sondern auch Verbände wie die FIFA und die Tatsache, wie sie mit einem Event wie der WM umgehen, oder mit Turnieren wie der UEFA Nations League. Die Orange wird ausgepresst, bis irgendwann nichts mehr da ist, und all das passiert auf dem Rücken der Spieler. Das ist einfach die Realität.

GFX Quote Jürgen Klopp

Was konkret meinen Sie damit?

Klopp: Nehmen wir doch einfach mal die WM. Es gab einen Tag, an dem mal kein Spiel stattfand und wahrscheinlich fragte sich die ganze Welt: 'Hm, was machen wir dann eigentlich heute Abend?' Die Leute sind es gewohnt, bei der WM drei Spiele am Tag zu schauen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe das Spiel. Das Medien-Ding stört mich nicht wirklich. Aber muss man nach einem verlorenen Spiel wirklich 17 Interviews geben? Das ist nicht das, was man tun will. Wenn man gewinnt, will man es übrigens auch nicht, es fällt nur leichter. Es sind viele Dinge, die im Argen liegen. Aber all das produziert eben das Geld, das wir verdienen. Wie könnte ich mich also ernsthaft darüber beschweren?

Lesen Sie denn Berichte über Fußball?

Klopp : Ich lese absolut gar nichts über englischen Fußball. Manchmal gönne ich mir einen flüchtigen Blick auf die Berichte über uns, aber nur, wenn die Überschrift harmlos ist. Wenn ich schon sehe, dass eine Überschrift in eine bestimmte Richtung geht - keine Chance! Ich will eine normale Beziehung zu Journalisten haben und mich nicht ständig fragen müssen, wer dies oder jenes geschrieben hat und dann vielleicht nicht mit ihm reden wollen. Das macht keinen Sinn, das habe ich früher in Deutschland schon gelernt. Ich habe wahrscheinlich jeden Journalisten in Deutschland gekannt, aber hat es geholfen? Sie sind nicht meine Freunde, aber ich hasse sie auch nicht.

Schauen Sie sich Analysen oder Expertenrunden im TV an?

Klopp: Nein, nicht wirklich. Manchmal habe ich Sky laufen, aber eher selten. Ich setze mich nicht hin und höre zu, was irgendwelche Leute über uns zu sagen haben. Das interessiert mich nicht. Wenn wir schlecht spielen, weiß ich es, bevor sie es wissen. Und wenn wir gut sind, weiß ich es auch vorher. Es bringt nichts, mir das anzuhören.

Jürgen Klopp: "Journalisten könnten ab und zu ein bisschen besser vorbereitet sein"

Was denken Sie über den Beruf des Journalisten?

Klopp : Ich respektiere diesen Beruf vollkommen, die Leute wollen eben informiert werden. Aber, das muss ich sagen: Journalisten könnten ab und zu ein bisschen besser vorbereitet sein. Sie fragen dich, wie man sich fühlt, wenn man gerade 0:5 verloren hat?! Was denken sie, was ich dazu sage? Das sind eben Dinge, die nicht so gut laufen - aber abgesehen davon ist es Teil des Geschäfts. Wir können immer über Fußball reden, das ist absolut in Ordnung.

Zurück zum Sportlichen. Mit Curtis Jones und Co. haben Sie einige vielversprechende Eigengewächse im Kader, die Fans nehmen das mit großer Euphorie zur Kenntnis. Zurecht?

Klopp : "Der (Curtis Jones, d. Red.) ist schon nicht schlecht, oder? Dennoch muss man sagen, dass es für junge Spieler bei einem Klub wie Liverpool immer schwieriger wird. Auf der einen Seite kaufen wir Spieler für 50 oder 60 Millionen Euro ein, auf der anderen Seite bekommen wir Spieler aus unseren Nachwuchsteams umsonst. Aber sie brauchen eben Zeit und die Gelegenheit, regelmäßig zu spielen. Man muss den richtigen Moment abpassen. Trent (Alexander-Arnold, d. Red.) hat es ja beispielsweise ohne eine Leihe geschafft. Das wird nicht bei allen so laufen, aber warten wir ab. Wenn man solche Spieler hat und alle zwei, drei Jahre einen nach oben bringen kann, dann ist das fantastisch.

Wie wichtig sind solche 'Local Player' für einen Klub wie Liverpool?

Klopp: Sehr wichtig, ich liebe das. Es ist immer noch dieser kleine Extra-Bonus, wenn Spieler aus Liverpool kommen. Wie viele Menschen leben in Liverpool? Island hat circa 330.000 Einwohner, also sollte auch Liverpool genügend Potenzial haben, ein eigenes Team auf die Beine zu stellen. Je mehr, desto besser gilt da natürlich. Stevie (Steven Gerrard, d. Red.) und Carra (Jamie Carragher, d. Red.) kommen einem in den Sinn, es war großartig, dass sie den Sprung nach oben geschafft haben. Bei Curtis (Jones, d. Red.) werden wir sehen, es ist noch ein weiter Weg. Aber die ersten Eindrücke sind wirklich sehr positiv, er ist ein toller Spieler. Und: Wenn ich zwei Spieler von gleicher Qualität habe, einer sauberes Englisch spricht und der andere Scouse (Liverpooler Dialekt, d. Red.), dann stelle ich den Scouser auf. Darum sind wir Liverpool.

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