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Jovanovs HSV: Warum Trainerwechsel nur kurzfristig helfen

09:30 MEZ 31.10.17
Markus Gisdol Hamburger SV
Markus Gisdol steht beim HSV unter enormen Druck. Ein Trainerwechsel würde das strukturelle HSV-Problem allerdings nicht lösen.

HINTERGRUND

Die Diskussionen um Markus Gisdol haben nach der 1:2-Niederlage gegen eine durchaus schlagbare Berliner Hertha wieder an Fahrt aufgenommen. Angesichts der Bilanz von acht sieglosen Spielen in Folge ist das eine logische Konsequenz. Zwar betonen Sportchef Jens Todt und Vorstandschef Heribert Bruchhagen unisono, dass intern nicht über, sondern mit Gisdol gesprochen wird. Andererseits wäre es fahrlässig, sich nicht zumindest gedanklich mit Alternativen zu beschäftigen. Im Leistungssport wird jeder an Ergebnissen gemessen - und die sprechen eindeutig gegen ihn. Gelingt Gisdol nicht schnell die sportliche Wende, ist seine Zeit beim Hamburger SV schon sehr bald abgelaufen.

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Trotz allem genießt der 48-Jährige bei weiten Teilen der Fans immer noch einen sehr guten Ruf. Der notgedrungene Einbau von Tatsuya Ito und Fiete Arp tragen daran einen gehörigen Anteil. Zudem bin ich sicher, dass aus der Forderung an Gisdol festzuhalten weniger die Überzeugung als der Wunsch nach Kontinuität spricht. Grundsätzlich halte ich diesen Gedankengang auch nicht für falsch. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass die Trainerwechsel beim HSV nur kurzfristig etwas bewirken. Irgendwann kommt jedoch der "Point of no Return", also ein Zeitpunkt, an dem der Prozess der Zermürbung und mentalen Erschöpfung so groß ist, dass den Verantwortlichen nichts anderes mehr bleibt, als die Reißleine zu ziehen. Nur warum wiederholt sich diese Geschichte ständig?

Gisdol mitverantwortlich für die Kaderplanung

Dazu ein kurzer Rückblick: Mit der Ausgliederung der Profifußballabteilung in eine Aktiengesellschaft war die große Hoffnung auf professionellere Strukturen verknüpft. Mehr Vernunft und weniger Willkür - so lautete zumindest der Wunsch der eindeutigen Mehrheit der stimmberechtigten Mitglieder und Initiatoren der damaligen Bewegung. Geändert hat sich bis auf die Rechtsform des HSV aber nicht viel. Die Machtstrukturen hatten sich lediglich in eine andere Richtung verschoben, zugunsten des Investors Klaus-Michael Kühne. Als Trainer, Manager oder Vorstand beim HSV ist man aufgrund der enormen Abhängigkeit von ihm beinahe dazu gezwungen, politisch zu wirken. Wer darauf verzichtet, kann im Falle des Misserfolges schnell zum ersten Bauernopfer degradiert werden. Peter Knäbel oder Bruno Labbadia könnten darüber ein Buch schreiben.

Gisdol ist den anderen Weg gegangen und hat im Sommer versucht, die vereinspolitische Debatte über die Finanzierung neuer Spieler maßgeblich zu beeinflussen. Als Trainer steht es ihm nicht zu, den größten und einzigen Geldgeber hinter dem Rücken des Vorstandes und Aufsichtsrates um Geld zu bitten, wenn mehrheitlich gegen die Option neuer Darlehen gestimmt wird. Darüber hinaus hat er den Fokus der Kaderplanung auf die falschen Baustellen gelegt. Bekannt ist, dass er sich vehement für die Vertragsverlängerung von Bobby Wood und die Verpflichtung von Andre Hahn ausgesprochen hat. Pikanterweise zwei Klienten des Kühne-Beraters Volker Struth, dem Gisdol ebenfalls nahe steht. Aus Compliance-Sicht ein mehr als fragwürdiges Vorgehen.

Im Aufsichtsrat haben diese Deals für kontroverse Diskussionen gesorgt. Allerdings entschied man sich dafür, Gisdols Wünschen Folge zu leisten, weil andernfalls überhaupt kein Geld von Kühne geflossen wäre. Einige sprechen von "normalen" Bedingungen, andere von eiskalter Erpressung. Allein mit der Verlängerung von Wood und den Transfers von Hahn und Papadopoulos war bereits so viel Geld gebunden, dass für die anderen Baustellen, zum Beispiel wurde ein kreativer, spielstarker Offensivmann gesucht, nichts mehr übrig war. Einem weiteren großen Darlehen von Kühne hätte der Aufsichtsrat in Anbetracht der desaströsen Finanzen nicht noch einmal zustimmen können. So blieb die Kaderplanung unvollendet. Gisdol trägt einen Anteil daran.

Nur Arp und Ito machen Hoffnung

Während der gesamten Transferperiode ist mehr Energie in Vereinspolitik als in die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Mannschaft geflossen. Es fehlen die letzten Prozent Anspannung, um Spiele in der Bundesliga gewinnen zu können. Die größte Aufgabe eines jeden HSV-Trainers besteht darin, das mentale Level der Spieler möglichst hoch zu halten. Das gelingt allerdings nur dann optimal, wenn der eigene Fokus auf dem Sport liegt. Sonst besteht die Gefahr, dass es sich der eine oder andere ein wenig bequemer macht, die Situation als solche einfach nur noch hinnimmt und über sich ergehen lässt. Gisdols Ankündigung, Konsequenzen ziehen zu wollen, darf als eine Reaktion auf dieses typische HSV-Phänomen verstanden werden. In der Regel ist es für Korrekturversuche dann schon zu spät.

Ob es für das Dilemma bei den Rothosen eine Lösung gibt? Schwierig, solange zwischen den Klubgremien und Kühne kein vernünftiger Konsens über die Ausrichtung des Klubs besteht. Und die darf nicht darin münden, jedes Jahr kurzfristigen Erfolg teuer erkaufen zu wollen. Insbesondere Kühne müsste sich davon lösen und den Weg des HSV mit jungen Spielern unterstützen. Sie verkörpern im Moment das, was dem Klub so lange gefehlt hat. Solange sich HSV-Verantwortliche jedoch zu sehr politisch engagieren müssen (oder können) und Kühne durch seinen Einfluss Auseinandersetzungen und Uneinigkeit begünstigt, wird hier jeder Trainer früher oder später scheitern. Entweder, weil er sich politisch völlig verzettelt. Oder von der Vereinspolitik um ihn herum zermürbt wird.

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