Jovanovs HSV: Respekt muss man sich erarbeiten

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Vorstandsboss Bruchhagen beklagte sich kürzlich über die geringe Wertschätzung gegenüber dem HSV. Doch sie ist vor allem eines: selbst verschuldet.


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Als krasser Außenseiter über sich hinaus zu wachsen hat die Mannschaft des Hamburger SV inzwischen nahezu perfektioniert. Wirklich überrascht hat mich die Leistung und der Spielverlauf gegen den FC Bayern München daher nicht. Der Rekordmeister muss das Auswärtsspiel in Hamburg maximal als eine Pflichtaufgabe gesehen haben. Nicht mehr und nicht weniger. Die Highlights folgen nämlich in den nächsten Wochen. Ganz anders beim HSV. Ein Spiel, in dem man viel gewinnen kann, wenn man lang genug die Chance auf einen Punkt wahrt. Wirklich etwas zu verlieren gibt es erst ab einem Ergebnis oberhalb von sieben oder acht Gegentoren. Aber ein 0:3 oder 0:4? Es gab schon schlimmere Ergebnisse.

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Umso tiefer die Benchmark, desto geringer die Erwartungshaltung. Entsprechend fühlt sich ein 0:1 gegen die Bayern fast wie ein Sieg an. Zumindest habe ich nach Schlusspfiff kaum enttäuschte Gesichter gesehen - im Gegenteil. Die Atmosphäre im Volksparkstadion war geprägt von einem Gefühl der Zufriedenheit. Und genau hier beginnt eines der größeren HSV-Probleme: Welchen Anspruch stellen die Fans an ihren Klub, welchen Anspruch stellt der Klub an sich selbst? Ich will diese Zeilen nicht als Vorwurf oder Kritik an applaudierende Zuschauer verstanden wissen, sondern als Feststellung über den Status quo. Schließlich orientieren sie sich in den meisten Fällen an dem, was ihr Klub vorlebt. Und er lebt nun mal vor, dass es um nichts anderes mehr geht, als irgendwie zu überleben.

Kampf und Leidenschaft, aber wieder keine Punkte

Immer häufiger wirken die Spiele des HSV auf mich wie erste Runde DFB-Pokal, wenn eine unterklassige Mannschaft gegen einen Bundesligisten antreten darf und zumindest phasenweise mithalten kann. Stimmen Einsatz, Kampf und Leidenschaft, ist das Ergebnis nicht mehr so entscheidend. Auch nach dem 0:3 gegen Borussia Dortmund oder dem 0:2 gegen Leipzig überwog Lob statt Trauer und Enttäuschung. In den "gewöhnlichen" Spielen gegen Gegner auf Augenhöhe fehlen dann die letzten Prozent Anspannung. Wirklich problematisch wird es, wenn die Anzahl der Saisonspiele, in denen der HSV als krasser Außenseiter gilt, von Jahr zu Jahr größer wird. Mehr noch: Es gibt kein einziges Duell mehr, in dem ich den HSV als Favoriten sehe. Fortwährend vom "großen HSV" zu sprechen ist deshalb fernab der Realität. Vielmehr nähert er sich gemessen an der sportlichen Erwartungshaltung Klubs wie Ingolstadt oder Darmstadt an. Jeder Sieg und jede noch so positive Serie werden ausgiebig gefeiert wie eine kleine Sensation.

All das wäre überhaupt kein Problem gewesen, hätte der HSV seinen finanziellen und personellen Aufwand an die Anspruchshaltung angepasst. Hat er aber nicht. "Wir als HSV werden unsympathisch und geringschätzig begleitet. Jeder nimmt sich inzwischen das Recht heraus, über den HSV zu spotten. Das ist offenbar chic und stört mich ganz massiv", sagte Vorstandsboss Heribert Bruchhagen kürzlich im kicker. Nicht zum ersten Mal, dass er "mehr Respekt" für den HSV einfordert. Aber auf welcher Grundlage? Weil er noch nie abgestiegen ist? Also auf vermeintlichen Erfolgen der Vergangenheit? Schwaches Argument, aber Kern des Selbstverständnisses. Weil das Stadion immer voll ist? Die tiefe Verwurzelung und Treue der Anhängerschaft ist ebenso ein Erbe der Vergangenheit, für das die aktuellen Verantwortlichen sehr wenig können.

Viel Geld, wenig Leistung

Nein, den eingeforderten Respekt muss sich der HSV erst wieder erarbeiten. Und das wird nicht passieren, solange nach dem immer gleichen Muster gedacht und gehandelt wird: Spielern, Trainern oder Sportchefs nach einer halbwegs engagierten Saison Verträge anbieten, mit denen sie für den Rest ihres Lebens ausgesorgt haben. Gleichzeitig verschuldet sich der HSV massiv und hängt am Tropf des Investors Klaus-Michael Kühne, um dieses Niveau irgendwie halten zu können. Das ist alles andere als sympathisch. Wo sonst kann man für so wenig Leistung so viel Geld verdienen? Wo sonst herrscht seit Jahren eine so große Diskrepanz zwischen Aufwand und Ertrag? Auch Bruchhagen ist es nicht gelungen, die Wohlfühloase HSV auszutrocknen. Dabei ist er selbst ein großer Verfechter der These, dass sich der Lizenzspieleretat auch im Tabellenbild widerspiegeln muss. Das ist gefühlt seit sieben Jahren nicht mehr der Fall gewesen.

Das regelmäßig außer Kraft gesetzte Leistungsprinzip ist eine von mehreren Erklärungen dafür, warum Spieler beim HSV tendenziell schlechter und woanders wieder besser werden. Die für mich einzig sinnvolle Lösung ist der konsequente Einbau junger, günstiger Spieler (Stichwort erster und nicht letzter Vertrag!), die, wie der Fall Tatsuya Ito zeigt, innerhalb kurzer Zeit überregionale Bekanntheit erlangen können. Dieses Beispiel ist ein Beleg dafür, welchen Vorteil die sonst als so schwierig geltende "Medienstadt" Hamburg bringt. Nicht jeder Klub genießt dieses Ausmaß an öffentlicher Beachtung. Es liegt am HSV, diese für sich zu nutzen. Sich allerdings im Falle des Misserfolges über (berechtigten) Hohn und Spott zu beklagen, erzeugt eines ganz bestimmt nicht: Respekt.

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