News Spiele
Exklusiv

Jovanovs HSV: Die Gründe für den Aufschwung

08:00 MESZ 04.04.17
HSV-Jubel 12042016
Nur der FC Bayern holte in den letzten 15 Spielen mehr Punkte als der Hamburger SV. Die Gründe für den Lauf des Bundesliga-Dinos sind vielfältig.

KOLUMNE

Last-Minute-Tore sind etwas Besonderes. Das wissen wir spätestens seit Karlsruhe. Sie haben die Eigenschaft, vieles, was vorher war, mit einem Mal vergessen zu machen. Ich habe mich dennoch gefragt: Wie wäre das Urteil eigentlich ausgefallen, hätte Lewis Holtby den 2:1-Siegtreffer gegen den 1. FC Köln nicht gemacht? Ein schwaches Spiel, arm an Torchancen, nur ein Punkt, weiterhin Platz 16 und große Angst, weil es nun gegen Dortmund und Hoffenheim geht? Zwecklos, darüber zu sinnieren. Holtby hat's gemacht, der HSV gewonnen und den Relegationsplatz verlassen. Darüber darf man sich freuen.

Erlebe die Bundesliga-Highlights auf DAZN. Hol' Dir jetzt Deinen Gratismonat!

Nichtsdestotrotz schwingt in der Überlegung eine interessante Frage mit: Wie ist der Lauf des HSV zu erklären? Die Fakten sprechen klar für die Hamburger. Seit dem üblen 2:5 gegen Borussia Dortmund Anfang November hat die Mannschaft von Markus Gisdol 27 Punkte geholt (acht Siege, drei Unentschieden, vier Niederlagen) - nur der FC Bayern holte im selben Zeitraum mehr (41). Wenn sie diesen Punkteschnitt in den verbleibenden acht Spielen halten können, steigen sie definitiv nicht ab. Gleichzeitig liefern diese Daten auch schon eine von mehreren Erklärungen für den Aufschwung: die ambitionierteren und qualitativ stärkeren Konkurrenten schwächeln.

"Mehr Gemurkse als sonst"

Das sieht auch Mario Gomez so, der nach dem 3:3 des VfL Wolfsburg gegen Bayer 04 Leverkusen "mehr Gemurkse als sonst" und viele von "Druck, Angst, Nervosität und Einfach-nur-den-Arsch-retten-wollen" geprägte Spiele beobachtet. "Acht Punkte zwischen Europa League und Abstiegsplatz, das gibt es normalerweise in der dritten und vierten Liga. Man kann das als Stärke oder Schwäche der Liga auslegen, ich finde, das ist Schwäche." Der Blick auf die Tabelle gibt ihm recht: Nicht nur seine Wolfsburger laufen den Erwartungen hinterher, auch Bayer Leverkusen, Borussia Mönchengladbach und der FC Schalke 04 performen nicht wie erwartet. Die anderen, die in diese Lücke stoßen, also Köln, Hertha oder Frankfurt, merken plötzlich, dass sie etwas zu verlieren haben, wenn sie ihre Form nicht halten können, und werden nervös. Verletzungspech kommt ebenfalls hinzu. So lässt sich das Tabellenbild - stark vereinfacht - erklären.

Was aber nicht als Argument gegen den HSV verstanden werden soll. Im Gegenteil. Das muss man so neutral wie möglich sehen. Zumal es die Siege auch nicht geschenkt gab. Hinter jedem Punktgewinn steckt ein enormer Kraftaufwand, womit ich auf den zweiten Faktor überleiten möchte: die für den Zuschauer als destruktiv wahrgenommene Spielweise. Gisdol ist es gelungen sowohl für Situationen ohne Ball als auch mit Ball eine taktische Marschroute vorzugeben, die den Stärken seiner Spieler entspricht. Bei gegnerischem Ballbesitz laufen zwei (in der Regel Wood und Holtby) oder drei Spieler die Verteidiger aggressiv an und zwingen sie zu langen Bällen. Diese wiederum sind für die kopfballstarken Papadopoulos und Mavraj meist leicht zu entschärfen. Die anschließende Unordnung versucht der HSV für schnelles Umschalten zu nutzen und seine flinken Angreifer in Szene zu setzen. Die Sechser sichern im kritischen zentralen Bereich ab. Und zur Not wird der Gegner gefoult - kein Team foult häufiger.

Glück ist ein weiterer Faktor

Bei eigenem Ballbesitz sieht es nicht viel anders aus. Die Innenverteidiger spielen meist lang und weit nach vorn, um Spielsituationen zu schaffen, die nicht kontrolliert ablaufen. Wood versucht die Gegner beim Klärungsversuch zu behindern, während alle anderen auf den "zweiten Ball" lauern. Für den Zuschauer ist das unattraktiv, definieren wir "schönen" Fußball doch zumeist anders. Kombinationen über flache, kurze Pässe sind beim HSV eine Seltenheit und auch gar nicht gewollt. Für die gegnerischen Teams ist diese Art von Fußball eine Herausforderung. Wobei sie zudem genau wissen, dass der HSV zwar nicht viele Chancen hat, anders als viele andere Mannschaften aus den wenigen aber fast das Maximum rausholt. Einige nennen es Qualität, andere sprechen von Glück.

Nicht zu unrecht. Denn wie der Spiegel gemeinsam mit dem Institut für Spielanalyse und der TU München ermittelt hat, steht der HSV mit Werder Bremen in der "Glückstabelle" ganz oben. Über die herangezogenen Kriterien lässt sich durchaus streiten, in der Tendenz liegt diese Analyse meinem Gefühl nach aber nicht völlig falsch. Trotzdem, so eine alte Fußballweisheit, muss man sich selbst das Glück hart erarbeiten. Und genau das tut der HSV seit Wochen mit sehr viel Leidenschaft, die insbesondere Typen wie Mavraj und Papadopoulos mitgebracht haben. Dass sich diese auf andere überträgt, ist kaum zu übersehen. Weil jeder sowohl defensiv (Lob an Kostic!) als auch offensiv mit viel Disziplin an der Umsetzung des Matchplanes glaubt, sind Resultate wie in den letzten Wochen und Monaten möglich geworden. Ein tolles Zwischenergebnis, aber noch lange nicht das Ende der Reise. Denn es ist weiterhin lediglich ein Punkt, der HSV vom Relegationsplatz trennt. Dank dieser Form darf sich allerdings jeder Fan berechtigte Hoffnungen machen, dass es am Ende für den sicheren Klassenerhalt reichen wird.

Bleib am Ball und folge HSV-Reporter Daniel Jovanov auf Facebook und Twitter !