Jovanovs HSV: Der Letzte macht das Licht aus

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Neue Enthüllungen haben die Lage beim Hamburger SV in einer bisher unbekannten Deutlichkeit offen gelegt.

KOLUMNE

Das von Vorstandschef Heribert Bruchhagen formulierte Minimalziel von 18 Punkten bis zur Winterpause klang schon nicht sonderlich ambitioniert. Aber selbst das hat der Hamburger SV nicht erreichen können. Nach 17 Spieltagen stehen nur 15 Punkte auf dem Konto - gerade einmal zwei mehr als im Vergleich zur letzten Saison. Die Situation ist zwar nicht aussichtslos, der Abstand zum Mittelfeld der Tabelle noch relativ klein, aber sie ist extrem enttäuschend. Vor allem weil das Vertrauen in einen Trainer so groß war wie lange nicht mehr.

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Markus Gisdol genießt trotz der miesen Bilanz einen guten Ruf bei den Fans, die jüngsten Auftritte stimmen viele Anhänger zuversichtlich. Tenor: Der HSV spielt inzwischen deutlich mehr Fußball, es fehlt nur etwas Glück im Abschluss. Außerdem hat Gisdol junge Spieler eingebaut - ob notgedrungen oder aus Überzeugung ist sekundär. Denn sie bringen ein wenig Hoffnung zurück in den sonst so tristen und grauen Volkspark. Eigentlich ist doch alles halb so wild, oder?

Überzogene Profi-Gehälter

Die Wahrheit ist leider eine andere: um den HSV steht es insgesamt schlimmer als gedacht. Das haben die Veröffentlichungen des Spiegel in einer bisher unbekannten Deutlichkeit offen gelegt und meine von einigen unter euch hart kritisierten Befürchtungen übertroffen. Die Anzahl der personellen Fehlentscheidungen im Profibereich und die damit einhergehenden verpufften Millionen haben tiefe, womöglich irreparable Spuren hinterlassen.

Ein paar Beispiele? Mithilfe eines Datenpaketes der Enthüllungsplattform "Football Leaks" ist es gelungen, Folgen des finanziellen Desasters zu rekonstruieren. In internen Dokumenten und Mails sei die Rede davon gewesen, die Rasenheizung herunterzufahren, um Energiekosten zu sparen, keinen kostenlosen Wein und Sekt mehr im VIP-Bereich anzubieten und sogar bei der Anzahl der verbrauchten Heftklammern der Sekretärinnen genauer hinzuschauen. Der Bericht zeichnet das Bild eines Fußballunternehmens, das selbst bei den banalen Dingen den Rotstift ansetzen muss, im Profibereich aber mit dem Geld nur so um sich wirft.

Er kauft Fußballer ein, deren Gehälter den Rahmen sprengen und zu einem riesigen Loch in der Kasse führen. In einer Mail an Finanzvorstand Frank Wettstein vom 12. Januar 2017 steht: "Wenn du dir die Planung bis Ende der Spielzeit anschaust, erreichen wir zwischen Ende Mai und Mitte Juni 2017 einen Liquiditätsstand von Minus 18 bis Minus 19 Millionen Euro." Mit anderen Worten: Der HSV stand mal wieder kurz vor der Zahlungsunfähigkeit und musste abermals Anteile an Investor Klaus-Michael Kühne verkaufen, um überhaupt eine Lizenz für die aktuelle Spielzeit zu bekommen. Nur wie passen diese internen Zahlen und Einschätzungen zur externen Kommunikation des Klubs über seine wirtschaftliche Lage? Natürlich überhaupt nicht.

Einfluss schadet dem HSV

Wenn Heribert Bruchhagen beispielsweise immer wieder das Stadion als große Sicherheit nennt und davon spricht, es würde 300 Millionen Euro kosten, wenn man es heute bauen würde, dann betreibt er gezielt Augenwischerei. Auch Sätze wie "Wir sind auch ohne Herrn Kühne handlungsfähig" sind nicht haltbar. Bruchhagen und Wettstein müssen wahrscheinlich so handeln, teilweise ist es gelungen, die Zahl der außersportlichen Themen zu minimieren. Intern ist die Lage jedoch extrem angespannt. Und verdeutlicht, wie machtlos der HSV mittlerweile geworden ist.

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Das finanzielle Desaster hat Strukturen um den Klub herum ermöglicht, die maßgeblichen Einfluss auf das Kerngeschäft Spielertransfers nehmen. Berater Volker Struth ist ein Bestandteil dieser Struktur und hat die Schwäche des HSV schon in mehreren Fällen für sich nutzen können. In der vergangenen Transferperiode hat er für Stürmer Bobby Wood trotz seines bekannten körperlichen Zustandes ("zerballerte Knie") eine Gehaltsverdopplung ausgehandelt, gleichzeitig Andre Hahn platzieren können, weil Trainer Gisdol, dem er ebenfalls sehr nahe steht, bei Investor Kühne um finanzielle Unterstützung zur Umsetzung dieser Deals gebeten hat.

Hinter den Kulissen des Bundesligageschäftes nimmt man die Vorgänge beim HSV mit großer Verwunderung wahr. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis dieses Gebilde in sich zusammen fällt. Und vor allem Glück und Zufall zu verdanken, dass dieser Fall nicht längst eingetreten ist.

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