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DFB-Leiter Joti Chatzialexiou im Interview: "Miro Klose ist als Trainer das perfekte Gegenbeispiel"

11:00 MESZ 06.09.19
Joti Chatzialexiou 2018
Der Sportliche Leiter des DFB spricht im Interview über die Probleme des Fußballs, fehlende Bolzplatzmentalität, Christian Wörns und Matthias Sammer.

INTERVIEW

Joti Chatzialexiou ist erst 43 Jahre alt, aber schon ein Urgestein des DFB. 2003 fing der Deutsch-Grieche als Mitarbeiter im Generalsekretariat des Verbandes an, seit 2018 ist er Sportlicher Leiter der Nationalmannschaften.

Vor dem Klassiker in der EM-Qualifikation gegen die Niederlande (20.45 Uhr im LIVE-TICKER) spricht Chatzialexiou im Interview mit Goal und SPOX  über die Probleme des deutschen Fußballs.

Dabei übt er vor allem Kritik an der Ausbildung von Kindern und an Trainern, die "Fehlervermeidungsstrategien" dem Spaß am Spiel vorziehen. Außerdem erinnert er sich an die Zusammenarbeit mit Matthias Sammer zurück, zollt Miroslav Klose Respekt und erklärt, weshalb der kommende DFB-Präsident Fritz Keller ein Gewinn für den Verband ist.

Herr Chatzialexiou, drehen wir 20 Jahre zurück: War Ihnen damals schon klar, dass Sie eines Tages beim DFB landen?

Joti Chatzialexiou: Ich war von klein auf ein Fußballfanatiker, wollte aber eigentlich immer Trainer werden. Das war ich nach meinem Sportstudium in Frankfurt dann ja auch lange im Jugendbereich von Eintracht Frankfurt und durfte talentierte Jungs wie Emre Can oder Marko Marin in ihrer Entwicklung begleiten. Ich habe aber noch heute die Worte meiner Eltern im Ohr: "Ach, was willst du mit einem Job als Trainer? Mach' doch mal was Vernünftiges!" Also bin ich 2003 über ein Bewerbungsverfahren beim DFB gelandet. Ich habe klein angefangen und von der Pike auf gelernt, was Verbandsarbeit mit sich bringt.

Wie kann man sich die Arbeit beim DFB vorstellen?

Chatzialexiou: Sehr spannend. Man lernt sehr viel, weil man sich täglich mit vielen erfahrenen Persönlichkeiten austauscht - ob nun in der Vergangenheit mit Horst Hrubesch oder mittlerweile mit Oliver Bierhoff oder Joachim Löw. Dass die Expertise beim DFB hoch ist, habe ich schon früh gemerkt, als ich Sportdirektoren wie Matthias Sammer, Robin Dutt oder Hansi Flick sehr intensiv zugearbeitet habe. Seit eineinhalb Jahren stehe ich selbst in der Verantwortung, bin aber genauso auf die Unterstützung der Leute um mich herum angewiesen wie damals Matthias, Robin oder Hansi. Anders geht es nicht.

Ihr Aufgabengebiet ist breit gefächert. Wie würden Sie Ihre Vision kurz und knapp beschreiben?

Chatzialexiou: Meine Vision lautet, das Ansehen des deutschen Fußballs zu stärken. Und damit meine ich nicht nur das der Nationalmannschaften. Es geht neben der Förderung der Elite auch darum, der Basis etwas zurückzugeben.

Wie meinen Sie das?

Chatzialexiou: Der DFB versteht sich nicht als Ausbilder. Dazu bietet sich nicht die Zeit, die Spieler haben ja nur wenige gemeinsame Trainingseinheiten. Die Vereine bilden aus, wir bilden fort. Umso wichtiger ist es, dass wir mit den Vereinen kooperieren, um eine bestmögliche Ausbildung von Kindesbeinen an zu garantieren.

Was muss sich bei der Ausbildung der Kinder verändern?

Chatzialexiou: Wir brauchen mehr Offenheit und Neugier in Bezug auf Wettbewerbe und Spielformen. Kinder sind keine Mini-Erwachsene, viele Trainer lassen aber schon sehr früh sehr spielkonzeptionell und mannschaftsorientiert trainieren. Wir sind überzeugt, dass die Kinder mehr Ballkontakte und Erfolgserlebnisse brauchen, dass sie mehr eigene Entscheidungen treffen müssen, um sich spielerisch weiterzuentwickeln.

Wie sind Sie zu dieser Erkenntnis gekommen?

Chatzialexiou: Wir betreiben viel Benchmarking im Ausland und stellen fest, dass andere Nationen individuell besser ausgebildete Spieler haben - sowohl in der Defensive, als auch in der Offensive. Sie fördern mehr Eins-gegen-eins-Situationen als wir in Deutschland. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Beim Sieben-gegen-sieben rennen 14 Kinder einem Ball hinterher. Dadurch entstehen keine Spieldynamik und Fantasie. Im Gegenteil: Einige Jungen und Mädchen verlieren schnell die Lust am Fußball, weil sie zu selten an den Ball kommen. Ich schaue mir im Jahr über 100 Spiele an und höre auf manchen Sportplätzen schon in der F-Jugend Trainer oder Elternteile rufen: "Abspielen! Verschieben!" Da denke ich mir: Lasst die Kinder doch einfach mal Fußball spielen.

Wie soll die "fehlende Bolzplatzmentalität", wie sie der DFB beklagt, wieder zurückkommen?

Chatzialexiou: Die Bolzplatzmentalität aus meiner Jugend lässt sich nicht zurückholen, da stand der Vereinsfußball noch nicht so sehr im Vordergrund wie heute. Aber wir können die Individualität fördern, wenn wir kleinere Spielformen wie das Zwei-gegen-zwei oder das Drei-gegen-drei in den Vereinen spielen lassen, damit die Kinder wieder das bekommen, was in ihrem Alter am Wichtigsten ist: viele Ballkontakte, viele Zweikämpfe, viele Torsituationen und dadurch automatisch mehr Spaß am Spiel.

Für solche Spielformen bräuchte man dann in den Vereinen aber auch mehr Betreuer, oder?

Chatzialexiou: Warum? Das ist nicht nötig. Wie haben wir denn früher auf der Straße gespielt?

Ohne Trainer, ohne Schiedsrichter.

Chatzialexiou: Richtig. Wir hatten keine Aufpasser, es gab nicht einmal eine Altersbeschränkung. Ich kann mich auch noch an meine Zeit bei der Eintracht erinnern, als ich die Jungs ab und zu im Training auch mal nur spielen lassen habe und danach Elternteile zu mir gekommen sind und mich gefragt haben: "Was haben die heute überhaupt gemacht?" Ich habe dann geantwortet: "Die haben Fußball gespielt." Es ist alles andere als kontraproduktiv, ab und zu auch mal unangeleitet zu trainieren.

Sie haben von Benchmarking gesprochen. Welche Nation beeindruckt Sie am meisten, was die Talentförderung und Nachwuchsarbeit betrifft?

Chatzialexiou: Ich bin ein Freund des spanischen Fußballs. Ich habe dort häufig hospitiert und bin beeindruckt davon, wie die Spanier ihre Spieler entwickeln und auch in jungen Jahren in ihre Trainingseinheiten miteinbeziehen. Da machen die Trainer der U-Nationalmannschaften ein Konzept, gehen anschließend in die Kabine und besprechen es mit den Jungen oder Mädchen. Die Trainer fragen 13-Jährige, worauf sie Lust haben und welche Inhalte sie für wichtig erachten, um ihr Spiel zu verbessern. Außerdem legen die Profivereine großen Wert darauf, ihre Spieler so lange wie möglich zu begleiten, im Idealfall von den Bambinis bis zur ersten Mannschaft. Der Trend geht in Spanien sogar dahin, dass Vereine neben einer zweiten Mannschaft auch eine dritte Herren-Mannschaft einführen, weil sie der Meinung sind: Wir haben die Expertise, wir bilden unsere Spieler auch bei uns aus anstatt sie zu verleihen oder in der ersten Mannschaft auf die Bank zu setzen. Und was machen viele Profivereine in Deutschland? Sie schaffen ihre zweiten Mannschaften ab.

Sie klingen nicht begeistert.

Chatzialexiou: Ich persönlich halte das für einen großen Fehler, auch wenn es mir nicht zusteht, über die Pläne einzelner Vereine zu urteilen. Dennoch: Ein junger Profi benötigt so viel Spielpraxis wie möglich. Die kann er sich in der zweiten Mannschaft holen, ohne seinen Verein und sein Umfeld zu verlassen. Schauen Sie sich doch einmal an, was für eine Entwicklung Luca Waldschmidt, Marco Richter oder die beiden Eggesteins in den vergangenen zwei Jahren genommen haben. So etwas ist nur möglich, wenn man als Verein Geduld mit seinen Talenten aufbringt, wenn man sie spielen und auch mal Fehler machen lässt. Man muss nicht gleich Talente aus England oder Frankreich holen, die physisch etwas weiter sind als unsere Spieler im U16- oder U17-Bereich. Die U21-Europameisterschaft hat gezeigt, dass wir uns nicht verstecken müssen.

Vielen Vereinen fehlt offensichtlich die Geduld.

Chatzialexiou: Wir leben nun einmal in einer Leistungsgesellschaft, in der primär Ergebnisse zählen. Allerdings muss ich leider feststellen, dass der Druck bereits in den Jugendleistungszentren Züge annimmt, die nicht mehr förderlich sind. Ich habe das Gefühl, Fehlervermeidungsstrategien stehen schon bei U14- oder U15-Teams mehr im Vordergrund als das Wagnis, befreit nach vorne zu spielen. Dabei zeigt der Trend der vergangenen Jahre, dass die Offensive den Unterschied macht. Physisch stark sein, sich hinten reinstellen und die Räume engmachen - das kann heutzutage fast jeder.

Soll heißen, dass auch die Trainer umdenken müssen?

Chatzialexiou: Die Trainerausbildung hat sich verändert, weil sich der Fußball und die Gesellschaft verändert haben. Früher haben wir immer nur im Bereich der Sport- und Trainingswissenschaft ausgebildet, heute sind viel mehr interkulturelle Kompetenzen gefragt. Ein Trainer ist heutzutage auch ein Manager, er muss bestenfalls auf mehreren Sprachen kommunizieren können und ein Gefühl für den Umgang mit Medien haben. Deshalb versuchen wir gerade in unseren U-Nationalmannschaften viele Ex-Profis einzubinden, die das Geschäft kennen. Peter Hermann, Christian Wörns, Hanno Balitsch, Heiko Westermann - um nur wenige Beispiele zu nennen.

Auch Miroslav Klose hat beim DFB gearbeitet. Inzwischen ist er beim FC Bayern. Wie bewerten Sie seine Entwicklung?

Chatzialexiou: Viele Jugendtrainer sind sehr karriereorientiert, wollen schnell aufsteigen. Miro ist das perfekte Gegenbeispiel. Er könnte mit seinem Namen problemlos im In- oder Ausland als Profitrainer arbeiten, aber er überstürzt nichts, sondern macht in aller Ruhe seine Erfahrungen. Er sagt sich: Ich muss mich in der Ansprache und in der Trainingssteuerung verbessern, ich muss auch Fehler machen. Dass er sich beim FC Bayern jetzt bewusst gegen die U19 und für mindestens ein weiteres Jahr bei der U17 entschieden hat, spricht für ihn. Ein guter Ex-Profi ist nicht automatisch ein guter Trainer.

Sie haben eingangs auch Matthias Sammer erwähnt. Er hat viele Reformen angestoßen und den deutschen Fußball vorangebracht - nicht zuletzt als "Mahner", der den Finger in die Wunde legt, wenn ihm etwas nicht passt. Wie haben Sie ihn in Erinnerung?

Chatzialexiou: Matthias ist ein detailverliebter Visionär, der die Nationalmannschaften vom U- bis zum Senioren-Bereich auf ein anderes Level gehoben hat. Er ist eine der Persönlichkeiten, die der deutsche Fußball braucht. Was ich immer an ihm bewundert habe: Alles, was er anpackt, packt er zu hundert Prozent an. Dass er sich dann sehr direkt und ehrlich äußert, wenn er die Notwendigkeit dazu sieht, finde ich absolut legitim. Eine Diskussionskultur ist sehr wichtig, es muss Leute geben, die mahnen.

Fehlt das dem DFB?

Chatzialexiou: Wir gehen sehr kritisch mit uns selbst um, noch mehr seit der WM im vergangenen Jahr. Was uns vielleicht abhandengekommen ist, ist diese gesunde Siegermentalität, die Matthias täglich vorgelebt hat. Dass man selbstbewusst auftritt, dass man auch mal wieder die alten Tugenden wie Kampfgeist auf den Platz bringt anstatt in Schönheit zu sterben, dass man den anderen Nationen sagt: Wir sind Deutschland, wir drücken euch unseren Stempel auf und nicht umgekehrt.

Wie schwer wiegt noch die Schmach von Russland?

Chatzialexiou: Wir haben sicher nicht alles richtig gemacht, sonst wären wir nicht so früh ausgeschieden. Das haben wir gründlich analysiert und richten den Blick nach vorne. Wir haben in den vergangenen Länderspielen gesehen, dass es besser läuft, dass wir auch in der Offensive großes Potenzial und durch Spieler wie Serge Gnabry, Kai Havertz oder Leroy Sane, der sich hoffentlich gut erholt, die Dynamik entwickeln können, die uns bei der WM in Russland gefehlt hat.

Sehen Sie den deutschen Fußball gut aufgestellt für die Zukunft?

Chatzialexiou: Das müssen wir differenziert betrachten: Wir haben nach wie vor enorme fußballerische Qualität und hervorragende Infrastrukturen, die sich durch den Bau der DFB-Akademie in Frankfurt noch weiter verbessern werden. Dennoch möchte ich an der Stelle dann aber auch den Mahner geben: Andere Nationen haben in der jüngeren Vergangenheit einige Schritte nach vorne gemacht, wir sind aktuell nicht das Maß der Dinge. Das bekommen wir bei unseren U-Nationalmannschaften durchaus zu spüren. Und da wiederhole ich mich gerne: Wir müssen bereit sein, einige Dinge in unserem System zu verändern.

Mit Fritz Keller kommt ein neuer Präsident. Was gewinnt der DFB mit ihm?

Chatzialexiou: Einen bodenständigen und warmherzigen Menschen, einen hervorragenden Kommunikator. Einen, der den Fußball liebt. Fritz schaut sich nicht nur Spiele im Lizenzbereich an, er ist auch auf Amateurplätzen unterwegs und engagiert sich sehr im Frauenfußball. Was er beim und mit dem SC Freiburg geleistet hat, kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Der SC ist ein stabiler Verein, der für Kontinuität und Konstanz steht. Fritz hat auch in schwierigen Phasen nie die Ruhe verloren und etwas ganz Wichtiges bewiesen: Geduld. Er und seine Werte werden dem DFB sehr gut zu Gesicht stehen.