Debatte: Darum ist die Ära Jose Mourinho noch nicht vorbei

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The Special One ist bei ManUnited Geschichte. Hat Mourinho sich damit endgültig aus der Riege der besten Trainer der Welt verabschiedet?


DEBATTE

Nach dem schlechtesten Saisonstart seit 29 Jahren hat Manchester United die Reißleine gezogen und Trainer Jose Mourinho entlassen . "The Special One" ist zweifelsohne einer der größten Trainer des neuen Jahrtausends, doch mittlerweile stellt sich die Frage, ob er noch in der Lage ist, einer europäischen Spitzenmannschaft weiterzuhelfen. Ist die Ära Mourinho vorüber?

Bei dieser Frage gehen die Meinungen weit auseinander. Auch in der Goal -Redaktion. Zwei Redakteure, zwei Meinungen.

"Warum die Ära von Mourinho vorüber ist: Das traurige Schicksal des Pioniers"

Jose Mourinho Manchester United 2018-19

Von Jonas Rütten

Eines vorab: Jose Mario dos Santos Felix Mourinho ist einer der größten und erfolgreichsten Trainer des neuen Millenniums. Er war seiner Konkurrenz in nahezu allen wichtigen Aspekten des modernen Fußballs Anfang des Jahrtausends und auch noch weit danach um Jahre voraus. Sei es die Trainingsplanung- und Gestaltung, die taktische Ausrichtung oder die Führung der Mannschaft.

Mourinho arbeitete methodisch, wissenschaftlich und schaffte es, sich in einer Zeit als Trainer von Rang zu etablieren, in der es Fußballfachmännern, die nicht selbst auf hohem Niveau gespielt hatten, schier unmöglich war, im Profibereich als Übungsleiter zu glänzen. Die Plätze auf den Trainerbänken bei den großen und auch weniger großen Klubs waren verdienten Ehemaligen vorbehalten.

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Doch "Mou" durchbrach diese Phalanx, gilt heute als einer der ersten sogenannten "Laptoptrainer" des Fußballs und holte mit seinen Mannschaften seit 2003 25 nationale und internationale Titel. 17 davon - und hier liegt der sprichwörtliche Hund begraben - gewann er zwischen 2003 und 2010 mit Chelsea, Porto und Inter Mailand.

Mittlerweile ereilt Mourinho das traurige Schicksal des Pioniers: Andere Trainer haben aufgeholt, sich längst sein methodisches Vorgehen - beispielsweise in der Trainingsgestaltung, die ausschließlich mit Ball stattfindet - abgeschaut und weiterentwickelt. Das liegt auch daran, dass Mourinho eisern an seiner Philosophie des Außenseiterfußballs festhält und sie kaum bis gar nicht hinterfragt.

Jose Mourinho bei Real Madrid und Manchester United: Der Mythos bröckelt

War sein Fokus auf das makellose Verschieben, das disziplinierte Verteidigen und das Umschaltspiel beim FC Porto und Inter Mailand noch der Grundstein zweier Champions-League-Titel, begann der "Mythos Mou" mit dem gleichen Ansatz, aber mit besseren Einzelspielern bei Real in den großen Spielen gegen den FC Barcelona und bei Manchester United zu bröckeln.

Bei Real habe er dadurch nach Angaben des Enthüllungsjournalisten Diego Torres, der sich auf Quellen innerhalb der damaligen Mannschaft beruft und über Mourinhos Zeit bei Real ein Buch geschrieben hat, sogar den Respekt der Vereinsführung und seiner Spieler verloren. Und das, obwohl er 2012 eine Rekordsaison mit den Königlichen spielte und als Meister die 100-Punkte-Schallmauer durchbrach.

Dadurch dass Mourinho mit Ausnahme von Porto und mit Abstrichen Inter ausschließlich bei Top-Klubs arbeitete, denen eine Außenseiterrolle in den meisten Spielen kaum zu Gesicht steht, hat sich die Philosophie des "Special One" mittlerweile abgenutzt.

Mourinho im Streit mit den eigenen Spielern: Als Psychologe versagt

In der aktuellen Saison bei Manchester United kam dann noch hinzu, dass nicht nur der Trainer Mourinho, sondern auch der Psychologe Mourinho mit seinen kalkulierten Verbalattacken gegen Gegner, andere Trainer und auch die eigenen Spieler, die er zu besseren Leistungen antreiben wollte, versagte.

Mourinho verfolgte mit seinen öffentlichen Auftritten stets das Ziel, den medialen Fokus auf sich selbst und weg von der Mannschaft richten, um dadurch ein "Wir-gegen-alle"-Gefühl im Team zu etablieren. Wann immer Mourinho zu einem neuen Klub kam, versprach er den Spielern, dass er sie immer verteidigen werde - wenn sie denn das tun, was er von ihnen will.

Dass das zum Ende seiner Amtszeit bei United nicht mehr so war, liegt auf der Hand: Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich Mourinho mit mehreren Führungsspielern, vor allem Paul Pogba, zerstritt. Aus dem "Wir gegen alle anderen" wurde bei den Red Devils "Mourinho gegen die Spieler".

Auch deshalb, weil Mourinho nicht verstand, wie er mit den zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftigen Eigenschaften der "neuen Spielergeneration" mit Social Media und Co. umzugehen hatte. Dies aber sind nun einmal Aufgaben, denen sich ein Trainer in der heutigen Zeit stellen und die er bewältigen muss, und zwar ohne auf maximalen Konfrontationskurs zu gehen.

Mourinhos Häme für das "schönen Spiel": Dichter holen keine Titel

Kritik an der Qualität des Kaders ist mit Blick auf die Defensive zwar durchaus zulässig, doch offensiv sind die Red Devils mit Lukaku, Lingard, Mata, Rashford, Sanchez und Martial dennoch top besetzt. Ein wesentlich größeres Problem als die mangelnden Verstärkungen im Sommer verursachte Mourinho selbst. Durch eben jene Fehden mit Spielern und das stoische Beharren auf seiner Philosophie vom trockenen Ergebnisfußball.

Für Mourinho zählt nur der Sieg, das Wie ist zweitrangig. "Es gibt viele Dichter im Fußball, aber die gewinnen keine Titel", sagte Mourinho hämisch nach dem Sieg von United im Europa-League-Finale über Ajax Amsterdam 2017, als United über 90 Minuten fußballerische Magerkost bot, aber dennoch ungefährdet 2:0 gewann.

Die Erfolge 2017 (Europa-League-Sieg, League-Cup-Sieg, Vizemeisterschaft) gaben ihm zu diesem Zeitpunkt Recht, doch in der aktuellen Saison blieben sie aus - und das nicht nur wegen der Qualität des Kaders.

Ein Umstand, der auch anderen Top-Klubs, die sich aktuell oder in Zukunft auf Trainersuche befinden oder begeben werden, nicht verborgen bleiben wird. Es stellt sich die Frage, ob Mourinho mit seiner unumstößlichen Philosophie noch in der Lage ist, einer europäischen Spitzenmannschaft weiterzuhelfen.

Seine Kompromisslosigkeit bescherte ihm schon 2008 eine der größten Niederlagen seiner Karriere. Damals suchte der FC Barcelona einen Nachfolger für den geschassten Frank Rijkaard und Mourinho bewarb sich aktiv beim Vorstand der Katalanen. Klub-Legende Johan Cruyff legte jedoch trotz seines Respekts für den Portugiesen sein Veto ein. "Ich würde ihn niemals als Trainer anstellen", sagte er damals.

Es ist wahrscheinlich, dass Mourinho nach seiner Entlassung bei Manchester United solche Worte nun häufiger zu hören bekommt.

"Warum die Ära von Mourinho nicht vorüber ist: Kein Darth Vader des Fußballs"

Jose Mourinho Champions League 2018-19 Manchester United

Von Kerry Hau

Die Tage von Jose Mourinho bei Manchester United sind gezählt. Zu Recht. Platz sechs in der Premier League mit 19 Punkten Rückstand auf den Erzrivalen aus Liverpool stellen selbst für einen Welttrainer mit Anspruch auf eine sündhaft teure Abfindung eine zu große Hypothek dar, um eine Fortsetzung dieser von Woche zu Woche brüchigeren Ehe zu rechtfertigen.

Zumal in der aktuellen Form auch auf internationaler Ebene wenig Hoffnung besteht, die Saison noch erfolgreich zu gestalten. Im Champions-League-Achtelfinale wartet mit Paris Saint-Germain ein heißer Titelkandidat.

Mourinho wird mir nach seinem Aus bei United aber zu sehr als Täter inszeniert. Als Darth Vader des Fußballs, der in seinem eigenen, dunklen Imperium lebt, Verschwörungstheorien aufstellt und jeden angreift, der seine Autorität in Frage stellt. Ob Spieler, Verantwortliche oder Journalisten.

Diese These mag teilweise sogar stimmen, denn mit seiner miesepetrigen, oft zu arroganten Denk- und Handlungsweise schaufelte sich Mourinho schon bei Real, Chelsea und nun auch in Manchester zum Teil sein eigenes Grab.

Diese These, so simpel und einleuchtend sie auch klingen mag, ist jedoch unvollständig. Uniteds sportliche Talfahrt lässt sich mit der Entlassung des 55-Jährigen nicht lösen.

Kader von Manchester United ist weit entfernt von Weltklasse

Mourinho war lediglich das Opfer eines planlosen Projektes, welches hauptsächlich von seiner schillernden Vergangenheit lebt. Dass Stadtrivale Manchester City, bis zur Übernahme von Scheich Mansour bin Zayed Al Nain im Jahr 2008 noch ein Nobody im internationalen Fußball, United mittlerweile in allen Belangen den Rang abgelaufen hat, ist sicherlich nicht nur Mourinhos Schuld.

Die Mannschaft ist trotz großer Namen im Kader weit entfernt von der Kategorie Weltklasse. Bis auf Torwart David de Gea gibt es keinen Spieler mehr im Kader, der konstant starke Leistungen zeigt. Hier müssen sich auch der Vorstand, allen voran Geschäftsführer Ed Woodward, hinterfragen. Woodward gelingt es seit Jahren nicht mehr, Top-Stars im besten Alter vom umsatzstärksten Verein der Welt zu überzeugen.

Mourinho prognostizierte vor dem Saisonstart nicht zu Unrecht, man werde es schwer haben, mit Teams wie Liverpool oder City mitzuhalten. Die hatten im Gegensatz zu seinem Klub nämlich hohe Investitionen getätigt, um sich in der Breite zu verbessern. Woodward hingegen hatte ihm nur den Brasilianer Fred von Schachtjor Donezk, einem Spieler ohne Erfahrung in einer europäischen Spitzenliga, präsentiert. Für 59 Millionen Euro wohlgemerkt.

Sergio Ramos, Jerome Boateng, Raphael Varane, Toni Kroos, Arturo Vidal, Gareth Bale, Alvaro Morata, Antoine Griezmann - die Liste der prominenten Absagen an Woodward ist lang. Und selbst wenn sich einmal Ausnahmespieler wie Paul Pogba oder Alexis Sanchez für United entschieden, so drifteten sie schnell vom Wesentlichen ab. Sie und die meisten ihrer Kollegen erwecken den Eindruck, als würden sie den Fußball nicht wirklich als Beruf betrachten.

Nach United-Entlassung: Jose Mourinho vor Rückkehr zu Real Madrid?

Spieler, die sich lieber in teure Kleidung werfen, Luxus-Karossen auf dem Trainingsgelände präsentieren oder auf ihren Social-Media-Kanälen austoben anstatt den Fokus auf die Arbeit auf dem Rasen zu legen, mag ein Exzentriker wie Mourinho eben nicht. Soll er deshalb seine Tauglichkeit als Trainer verloren haben und nie wieder einen lukrativen Job erhalten? Nein.

Mourinho wird, wenn er es selbst denn möchte, auf das höchste Niveau zurückkehren. Florentino Perez, Präsident seines Ex-Klubs Real, soll ihn schon vor seiner Entlassung bei United mehrfach kontaktiert und um eine Rückkehr gebeten haben. "Er ist der Beste, den wir je hier hatten", sagte Perez, nachdem Mourinho 2013 infolge eines Zerwürfnisses mit einem Teil der Mannschaft aus freien Stücken zurückgetreten war. Gut möglich, dass er ein weiteres Mal bei ihm anklopft, falls Santiago Solari scheitert.

Man darf nicht vergessen: Mourinho ist mit zehn Meistertiteln in vier europäischen Ligen und zwei Champions-League-Titeln nach wie vor einer der erfolgreichsten Vereinstrainer der Welt. Hinter Sir Alex Ferguson weist er im Übrigen die beste Siegquote aller United-Trainer (58 Prozent) auf - eine bessere Quote als die von Jürgen Klopp in Liverpool (51 Prozent).

Viel entscheidender aber ist: Mourinho gewann in nicht einmal zweieinhalb Jahren in Manchester mit dem englischen Ligapokal und der Europa League zwei Titel. Klopps Vitrine in Liverpool steht noch leer.

Mourinho braucht Typen und kann wieder zum "Happy One" werden

Jetzt werden viele sagen, Klopps Fußball mache mehr Spaß. Tut er auch. Klopp hat aber auch das Material dazu. Er hat feine Fußballer für viel Geld, aber auch mit viel Sachverstand und ohne eine murrende Vereinsführung verpflichtet. Vor allem hat er aber Fußballer, die für ihn auf dem Platz ihr Leben geben würden.

Solche Spieler gab es in Manchester schon vor Mourinhos Zeit nicht mehr. Louis van Gaal und David Moyes vermissten genauso wie er echte Typen wie Paul Scholes, Rio Ferdinand oder Ryan Giggs, die in ihrer Blütezeit eine ganze Mannschaft trugen.

Wozu Mourinho im Stande ist, wenn er solche Spieler hat, zeigte sich in Porto, Mailand, Madrid und London. Ganz besonders in der Saison 2011/12 bei Real, mit 100 Punkten und 121 Toren. Oder zwei Jahre später, als er nach seiner Rückkehr zu Chelsea prompt die Premier League gewann. Damals taufte er sich stolz "The Happy One".

Wenn er in Zukunft die Rolle des Darth Vader vernachlässigt, spricht nichts dagegen, dass er wieder "happy" wird.

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