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Mit Mbappe die Vorstadt beherrscht: Wie es Jonathan Ikone aus Bondy ins Nationalteam schaffte

11:30 MESZ 10.09.19
ONLY GERMANY Jonathan Ikone France 07092019
Jonathan Ikone wuchs im gleichen Vorort wie Kylian Mbappe auf, sie gingen in eine Klasse, spielten im selben Klub. Nun sind beide Nationalspieler.

HINTERGRUND

Als der zurzeit verletzte Kylian Mbappe nach dem 4:1-Sieg Frankreichs gegen Albanien am vergangenen Samstag in die Kabine des Weltmeisters kam, hatte er Tränen in den Augen. Nicht aus Enttäuschung darüber, dass er nicht dabei sein konnte. Sondern vielmehr vor Freude, vor Rührung. Zumindest sagt das Jonathan Ikone.

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"Kylian kam extra, um mir als Erster in der Kabine zu gratulieren", erzählte der 21-Jährige vom OSC Lille, der gerade sein Debüt für die Equipe Tricolore gefeiert und nur acht Minuten nach seiner Einwechslung zum 4:0 getroffen hatte. "Vor allen anderen hat er angefangen zu weinen und ich glaube, er war wirklich glücklich. Ich bin ihm sehr dankbar dafür."

Für Mbappe und Ikone muss sich dieser Abend angefühlt haben wie in einem Film - sei's drum, ob Mbappe nun mitspielen konnte oder nicht. Denn die beiden Offensiv-Freigeister kennen sich schon lange. Schon sehr lange.

Im Mai 1998 kam Ikone zur Welt, gut ein halbes Jahr später Mbappe. Jeweils in Bondy, einer auf den ersten Blick eher tristen Vorstadt von Paris, ein paar Kilometer östlich der Millionen-Metropole. Sie wachsen gemeinsam auf, gehen zeitweise in die gleiche Schulklasse, fangen als Kids zusammen bei AS Bondy an. Und sollten in den kommenden Jahren auf den Plätzen der Vorstädte das vielleicht gefürchtetste Sturmduo bilden, das es dort je gab.

"Wir hatten Kylian auf dem linken Flügel und Jonathan auf dem rechten. So konnten beide nach innen ziehen und mit ihrem starken Fuß abschließen. Das war wirklich außergewöhnlich", erinnert sich Tonio Riccardi, einer ihrer ersten Trainer bei AS Bondy, gegenüber France Football.

Ikone und Mbappe dürfen in der Schule nicht im selben Team spielen

Die meisten Spiele gewannen sie zweistellig, zu stoppen waren die beiden Ausnahmetalente von Niemandem. Sie genossen es, zusammenzuspielen. Zumal sie das nicht immer durften. "Unsere Lehrer in der Schule ließen uns nie in einem Team spielen, jeder musste immer seine eigene Mannschaft zusammenstellen", verriet Ikone mal. Er war es, der offenbar sogar noch etwas mehr heraus stach als Kumpel Mbappe.

"Damals haben wir immer Vergleiche zwischen Kylian und Jonathan angestellt", sagt Jugendfreund Luigi Palma bei RMC Sport. "Und wir sagten meistens, dass Jonathan der Bessere ist. Wenn wir im Sportzentrum große Turnniere hatten, war er wie Messi! Es sah aus, als würde er gegen Slalomstangen spielen. Und sein linker Fuß war unglaublich."

Dass Ikone seinerzeit wohl tatsächlich gewisse Vorteile gegenüber Mbappe hatte, die jener mittlerweile offensichtlich wettgemacht hat, bestätigt auch Mbappes Vater Wilfried. Der war in Bondy selbst Trainer der Beiden. "In athletischer Hinsicht war Jonathan weiter als Kylian", sagt Mbappe senior bei Le Parisien. Altersklassen überspringen durften dennoch beide, schon als Elfjährige bildeten sie den Angriff der U15 ihres Vorstadtklubs.

Mbappe und Ikone forderten sich immer wieder gegenseitig heraus. Wer kann schneller dribbeln, wer hat den Ball enger am Fuß, wer trifft häufiger ins Eck? "Wir haben es geliebt, Challenges zu machen", sagt Mbappe. Dass es beide letztlich bis ins Nationalteam schafften, hat natürlich mit Talent zu tun. Aber auch viel mit der richtigen Einstellung. 

Luigi, der Kumpel von früher, erzählt über Ikone: "Er hat viele Opfer gebracht. Die falschen Leute hat er erkannt und gemieden, hat vor allem hart gearbeitet. Nach den Spielen, die wir meistens 6:0 oder so gewannen, ist er oft noch für eine Extraschicht auf dem Platz geblieben." Franck Ribery habe er dabei schon immer nachgeeifert, verriet Ikone mal in einem Interview. "Ich habe wahrscheinlich alle Videos von ihm auf YouTube gesehen", scherzte er.

Jonathan Ikone: Mit zwölf zu PSG

2010, Ikone war gerade zwölf Jahre alt geworden, trennen sich schließlich die Wege von ihm und Mbappe. Während Letzterer noch drei Jahre in Bondy bleibt und dann nach Monaco geht, folgt Ikone dem Lockruf von Paris Saint-Germain, wird fortan dort ausgebildet. Er gilt landesweit als das wohl größte Talent seines Jahrgangs, noch vor Mbappe.

Vor allem im Dribbling ist Ikone einmalig, vereint Technik und Dynamik schon früh mit Leichtigkeit. "Manchmal probierten wir es zu zweit, manchmal zu dritt, aber selbst daraus konnte er sich befreien", erinnert sich Felix Eboa Eboa, der mit Ikone im Nachwuchs von PSG kickte und heute bei EA Guingamp unter Vertrag steht, bei France Football. Und Samuel Essende, ein anderer Teamkollege aus Pariser Jugendzeiten und zurzeit beim Drittligisten US Avranches, sagt kurz und knapp: "Er hat so vielen Verteidigern große Sorgen bereitet. Viele haben wegen ihm schlecht geschlafen."

Ikone sorgt auch bei großen Nachwuchsturnieren für Aufsehen, wird bei einem davon, an dem auch Real Madrid oder Manchester United teilnehmen, zum besten Spieler gewählt. "Bei einem anderen Turnier spielten wir gegen Rennes. Jonathan lief über das ganze Feld, spielte die gesamte gegnerische Mannschaft aus und tunnelte schließlich den Torhüter", erzählt Jerome Klein, Ikones U13-Trainer in Paris.

Auch bei PSG ist Ikone ein kleiner Star, wird französischer Junioren-Nationalspieler, holt 2015 mit der U17 von Les Bleus den EM-Titel. "Das ist bis heute vielleicht die schönste Erinnerung meiner Karriere", sagte Ikone vor knapp einem Jahr im Interview mit Lilles offizieller Homepage. Mit Jeff Reine-Adelaide, heute bei Olympique Lyon, und dem heutigen Celtic-Stürmer Odsonne Edouard bildet Ikone seinerzeit in Bulgarien eine überragende Offensive, im Tor steht Zinedine Zidanes Sohn Luca. Drei Treffer gelingen Ikone im Turnier, beim 3:0 im Viertelfinale gegen Italien ist er der überragende Spieler auf dem Rasen. Im Endspiel schlagen die Franzosen den deutschen Nachwuchs klar mit 4:1, sind kaum zu bremsen.

"Wir waren die beste Mannschaft, haben nur zwei Gegentore kassiert, hatten die beste Defensive, die beste Offensive. Und wir haben bis zum Schluss keine Sekunde nachgelassen", schwärmt Ikone, für den der Sprung in die A-Nationalmannschaft zur Zeit jenes Interviews, im Herbst 2018, noch ein Traum war.

Jonathan Ikone: Durchbruch in Lille

Mittlerweile ist er angekommen im Team von Didier Deschamps, dank seiner hervorragenden Leistungen in Lille. Zehn Assists lieferte er in der vergangenen Saison, führte den LOSC gemeinsam mit dem zu Arsenal abgewanderten Nicolas Pepe und Jonathan Bamba auf Platz zwei, in die Champions League.

Dorthin, wovon sie in seiner Banlieue, daheim in Bondy, alle träumen. "Ich habe ihm und Kylian immer gesagt: Wenn Ihr das, was Ihr hier in der Jugend zeigt, auf hohes Niveau übertragen könnt, dann werdet Ihr außergewöhnlich", verrät Mbappes Vater Wilfried und ergänzt: "Bei Jonathan hat es etwas länger gedauert. Aber in Lille ist er aufgeblüht."

Bei PSG blieb Ikone der Durchbruch verwehrt. Zu Beginn der Saison 2016/17, frische 18 Jahre alt, durfte er erstmals bei den Profis reinschnuppern, kam zu Kurzeinsätzen in Ligue 1 und Champions League. Doch an Angel Di Maria, Lucas Moura oder Javier Pastore war kein Vorbeikommen, der damalige Trainer Unai Emery gab den jungen Talenten nur wenige Chancen.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

MADE IN BONDY 💫 @k.mbappe

Ein Beitrag geteilt von Jonathan Ikoné (@j.ikone) am Sep 8, 2019 um 10:48 PDT

"Es ist sehr schwierig, bei PSG Stammspieler zu werden", sagt Ikone heute. Seine Ausbildung dort habe er zwar genossen, sie habe ihn extrem weit gebracht. "Dennoch habe ich irgendwann gemerkt, dass ich mein Talent bei einem anderen Klub besser unter Beweis stellen kann."

Anfang 2017, ein halbes Jahr bevor Mbappe für 180 Millionen Euro aus Monaco nach Paris kommen sollte, ließ sich Ikone für eineinhalb Spielzeiten an Montpellier verleihen. Dort läuft es durchwachsen. Er darf zwar deutlich häufiger im ersten Team ran als es bei PSG möglich gewesen wäre, Stammspieler wird er bei den Südfranzosen aber nicht.

Dennoch bringt die Zeit in Montpellier Ikone weiter, vor allem taktisch. Unter Coach Michael Der Zakarian, bekannt dafür, seine Mannschaft mit hoher Disziplin verteidigen zu lassen, geht er durch eine harte Schule, muss auch mal leiden.

Jonathan Ikone: Orientiere mich als Zehner an Özil

Dass ihn Christophe Galtier in Lille, das im Sommer 2018 fünf Millionen Euro für Ikone an PSG überwies, daraufhin mit allen Freiheiten ausstattete, führte beim frischgebackenen Nationalspieler dann umso mehr zu einer Leistungsexplosion. Galtier versetzte Ikone, der seinen Freigeist in Montpellier um taktische Disziplin ergänzt hatte, vom Flügel auf die Zehnerposition. Ein kluger Schachzug, wie die vergangenen rund 14 Monate zeigen sollten.

Ikones Spiel wurde facettenreicher, vom reinen Eins-gegen-Eins-Spieler mauserte er sich mehr und mehr zu einem Spielmacher, der messerscharfe Pässe durch die gegnerischen Abwehrreihen spielt, aber auch in der Lage ist, sich im Dribbling aus jeder Situation zu befreien. "Seit ich auf die Zehn versetzt wurde, beschäftige ich mich mehr und mehr mit guten Passgebern wie zum Beispiel Mesut Özil", betont er. "Ich dribble heute weniger, sondern versuche mehr, mich auf den finalen Pass zu konzentrieren."

Zurück in der Kabine nach dem Spiel gegen Albanien sind Mbappes Tränen mittlerweile getrocknet, als die beiden Kumpels sich zum obligatorischen Schnappschuss für die sozialen Medien in Stellung bringen. "Made in Bondy", schreibt Ikone bei Instagram über das Foto. Und Mbappes stolzer Blick verrät, wieviel hinter diesen drei Worten steckt. Wahrscheinlich der Stoff für einen Hollywood-Streifen.