Germany Sweden Toni Kroos Joshua Kimmich Julian Brandt

Unabhängig von Löw-Verbleib: Das muss sich beim DFB mit Hinblick auf die Zukunft ändern


HINTERGRUND

Mats Hummels war die große Enttäuschung ins Gesicht geschrieben, als er am frühen Abend des 27. Juni 2018, dem Tag, der als größte sportliche Schmach der deutschen Fußball-Geschichte in die Annalen eingehen wird, in die Mixed-Zone schlenderte. Er wusste, dass er irgendetwas würde sagen müssen, um das, was sich in den 90 Minuten zuvor auf dem Rasen der Kazan-Arena abgespielt hatte, plausibler wirken zu lassen. Wenn jemand im DFB-Team in der Lage ist, dies zu bewerkstelligen, dann der redegewandte Hummels. Es gelang ihm – nachvollziehbarerweise – nicht.

Erlebe die Highlights aller WM-Spiele auf DAZN. Jetzt Gratismonat sichern!

Die sonst so lebhaften braunen Augen des Innenverteidigers sahen müde aus, hatten sich zu kleinen Schlitzen verengt. "Leer" fühle er sich, verriet Hummels zu Beginn. Angestrengt lauschte er in der Folge den zahlreichen kritischen Fragen der Journalisten, um am Ende zu dem Schluss zu kommen: "Ich kann das jetzt nicht genau festmachen. Das fällt mir ausnahmsweise so kurz nach so einem Spiel schwer."

Deutschland seit geraumer Zeit nicht mehr dominant 

Tatsächlich kränkelt der Weltmeister aus sportlicher Sicht schon seit "Mitte, Ende letztes Jahres", wie Hummels schließlich befand. Wann und warum die fußballerische Dominanz der deutschen Nationalmannschaft abhandengekommen ist, vermochte aber auch er nicht zu benennen. Und so schlich er letztlich traurig von dannen. Eine Szene, die man perfekt in einem Comic hätte illustrieren können. Der in sich gekehrte Charismat mit einer Gedankenblase über dem Kopf. Ihr Inhalt: Ein großes Fragezeichen.

Freilich beschäftigt die ganze Nation mittlerweile die Frage nach dem klassischen "Woran hat es gelegen?" Die aufgeführten Gründe sind mannigfaltig. Einige davon nachvollziehbar auf der Hand liegend, andere rein spekulativer Natur. Der Tenor sämtlicher Analysen ist allerdings eindeutig. Es braucht Veränderungen, will der DFB in Zukunft wieder ein anderes Bild abgeben.

Stellschraubengedrehe, das sich auch, aber nicht ausschließlich auf das Sportliche bezieht. Denn: Es lag mitnichten an der fehlenden Qualität im 23-Mann-Kader, der vor rund zweieinhalb Wochen gen Russland aufgebrochen war und mittlerweile außerplanmäßig verfrüht wieder in Deutschland, konkret in der Heimatstadt des Verbandes, Frankfurt, angekommen ist. Aus diesem Grund wird es personell, das Spielermaterial betreffend, nur marginale Veränderungen für die nähere Zukunft geben.

South Korea Germany Sami KhediraGetty Images

Die etwas in die Jahre gekommenen Helden vergangener Tage, namentlich Sami Khedira und Mario Gomez, dürften bei der Europameisterschaft in zwei Jahren keine Rolle mehr spielen. Bei Mesut Özil bleibt abzuwarten, ob er sich die ständige, teilweise völlig deplatzierte Schwarzer-Peter-Karte auch in Zukunft zuschieben lassen möchte, sobald es mal nicht läuft.

Ilkay Gündogan dürfte ebenfalls ausloten, ob ein weiteres Engagement in der Nationalelf, wo er ja ganz offensichtlich nicht zum unangefochtenen Stammpersonal zählt, Sinn macht oder ob er sich lieber auf eine Karriere bei Manchester City, fernab von Erdogan-Foto-Diskussionen, konzentriert.

DFB-Team wird Grundgerüst behalten

Das Grundgesicht der Mannschaft wird sich allerdings auf kurze Sicht nicht grundlegend ändern. Identifikationsfiguren wie Hummels oder Toni Kroos haben ihren Zenit noch nicht überschritten, sind jetzt erst recht gefragt, Verantwortung zu übernehmen. Hinzu kommen junge, talentierte Spieler, beispielsweise Joshua Kimmich, Timo Werner, Niklas Süle oder Leon Goretzka, die in gewisser Weise schon gestanden, aber weiterhin entwicklungsfähig sind.

Germany Sweden Toni Kroos Joshua Kimmich Julian Brandt

"Küken" Julian Brandt, der während seiner drei Kurzeinsätze stets mit großem Engagement aufwartete, wird in den nächsten Jahren immer wieder seine Chance bekommen, ebenso wie der diesmal nicht berücksichtigte Jonathan Tah oder Serge Gnabry, dessen Verletzung kurz vor der WM die Tür zum Turnier versperrte. Und ja, auch der hochbegabte, aber derzeit noch nicht über ausreichend Reife verfügende Leroy Sane zählt zu den großen Versprechen der nachfolgenden Generation.

Neben den notwendigen, aber letztlich automatisch eintretenden Änderungen auf ebenjener Ebene, gilt es beim DFB aber zusätzlich auf einer ganz anderen Baustelle nachzubessern: Stichwort Öffentlichkeitsarbeit. In letzter Zeit agierte die größte Fußball-Entente der Welt diesbezüglich nämlich äußerst fragwürdig, was in letzter Konsequenz in einer Entfremdung des Teams von den Fans gipfelte.

Kommerzialisierung entfremdet Fans von der Mannschaft

Immer höher, immer weiter, immer globaler, vermarktungsgeiler versuchte man aus einer Sportmannschaft eine Eierlegende Wollmilchsau zu formen. Monetär sicherlich lukrativ, bei der Basis stießen die vielleicht gutgemeinten, letztlich aber immer abstruser werdenden Kampagnen jedoch auf wenig Gegenliebe. Vermeintlich hippe Hashtags wie Best neVer rest oder ZSMMN mögen zwar beim Hauptsponsor Mercedes Benz für höherschlagende Herzen sorgen, der geneigte Fußball-Fan hat dafür hingegen höchstens ein müdes Lächeln übrig.

Auch von Teammanager Oliver Bierhoff getroffene Maßnahmen, wie zum Beispiel mit einer Delegation ins Silicon Valley nach Kalifornien zu reisen, um sich bei den Computerriesen Apple und Google Tipps einzuholen, was künstliche Intelligenz im Fußball doch alles ermöglichen könne, lösen beim traditionsbewussten Zuschauer, der sich schon schwer dabei tut, die Einführung des Videobeweises zu akzeptieren, keine großen Jubelstürme aus.

Oliver Bierhoff DFB 20062018Getty

Sich im Anschluss an die Tour hinzustellen, um im Gespräch mit dem Handelsblatt zu propagieren, dass "Big Data und Machine Learning immer wichtiger im Spitzensport" werden, zeigt, wie sehr sich vor allem die Führungsriege mittlerweile von den Anhängern entfernt hat.

Abgeschottete Trainingseinheiten vor extra angereisten, stundenlang wartenden Schlachtenbummler, die sich lediglich ein Selfie mit ihren Stars wünschen, komplettieren die fortschreitende Distanzierung.

Begeisterung für DFB-Team schwindet

All das kann auf Dauer nicht zielführend sein. In Russland offenbarte sich die Spaltung zwischen Mannschaft und Fans übrigens recht deutlich. Man spürte genau das, was sich in den letzten Jahren schon angebahnt hatte, was sich vor allem bei Freundschaftsspielen im eigenen Land äußerte: Die Nationalmannschaft interessiert kaum jemanden, wirkt eher wie ein lästiger Störfaktor, weil dafür teilweise die heißgeliebte Bundesliga pausieren muss.

Hier ist der DFB gefragt. Weniger Gehashtagge und kommerzielles Brimborium ist manchmal eben doch mehr. Die Menschen in Deutschland wollen eine Mannschaft sehen, die auf dem Platz überzeugt, nicht in irgendwelchen aufgeblasenen Werbespots.

Es bleibt zu wünschen, dass reflektierte Spieler wie Mats Hummels, der am Mittwochabend so sehr nach Worten rang, mit ein paar Tagen Abstand diese Punkte offen ansprechen, federführend sind, wenn es darum geht, einen Versöhnungsprozess einzuleiten. Das wird in erster Linie passieren, sobald die bei der WM so desaströs auftretende Truppe auf dem Platz zu alter Stärke zurückfindet. Eine kollektive, deutschlandweite Begeisterung a la 2006 oder 2014 dürfte aber nur generiert werden, wenn der DFB versucht, die Schere zwischen sich selbst und den Fans zu schließen.

Mehr zum DFB-Team und der WM 2018:

Werbung
0