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Red Bull Salzburg - Jesse Marsch im Interview: "Es brauchte mehr Arbeit, damit Haaland den Fokus nicht verliert"


HINTERGRUND

Jesse Marsch ist seit Sommer 2019 Trainer von Red Bull Salzburg. Als erster Coach in der Vereinsgeschichte führte er das Team durch die Gruppenphase der UEFA Champions League. Im Interview mit Goal und SPOX spricht der 46-Jährige über den Alltag in der Coronakrise, den guten Umgang Österreichs mit dem Virus und warum er sich um die USA sorgt.

Außerdem erklärt der US-Amerikaner, warum er sich in der Rolle eines Außenseiters wohl fühlt, welche Fehler er im Februar machte und wie die Abgänge von Erling Haaland und Takumi Minamino intern diskutiert wurden.

Herr Marsch, wie ist die Stimmung beim FC Red Bull Salzburg in Zeiten der Coronakrise?

Jesse Marsch: Wir haben vielleicht ein wenig eine Alleinstellung in Österreich, weil unser Team aus so vielen jungen Legionären besteht. Ich habe mir den Kopf zerbrochen, wie unsere Spieler vernetzt bleiben und sich nicht alleine fühlen. Es ist unsere Aufgabe als Verein, für sie da zu sein.

Die Spieler befinden sich also allesamt in Salzburg?

Marsch: Wir baten sie darum, in der Nähe zu bleiben. Sie bekamen ein Trainingsprogramm für zuhause. Wir halten sie auf dem Laufenden, was die UEFA und die Bundesliga entscheiden. Ich führe derzeit viele Telefonate.

Wie sieht Ihr persönlicher Alltag aus?

Marsch: Es ist irrsinnig ruhig. Erst vergangene Woche holten wir unsere Tochter aus Deutschland, sie besucht noch in Leipzig die Schule. Jetzt sind wir gemeinsam mit unseren beiden Söhnen hier in Salzburg vereint. Wir unterstützen die Maßnahmen der österreichischen Regierung und befolgen die Regeln. Die Solidarität der Salzburger Gemeinschaft ist stark. Zudem wenden wir viel Zeit dafür auf, herauszufinden, was in den USA vor sich geht.

Welche Unterschiede können Sie dort im Vergleich zu Österreich feststellen?

Marsch: Der Unterschied im Umgang mit dem Virus ist wie Tag und Nacht. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir die Ausbreitung in Österreich gut eindämmen können. Das liegt vor allem an der Mentalität der Bevölkerung. Die Kommunikation der Regierung war aus meiner Sicht vorbildhaft.

Wünschen Sie sich, jetzt lieber in Ihrer Heimat in den Staaten zu sein?

Marsch: Für die Psyche wäre es besser, näher an Familie und Freunden zu sein, um im Extremfall helfen zu können. Hier in Salzburg ist es aber deutlich sicherer. Wir sehen Salzburg mittlerweile schon als unser Zuhause an, obwohl wir erst seit acht Monaten hier leben. Wie die Leute mich und meine Familie aufgenommen haben, hat ein Heimatgefühl ausgelöst.

2019-09-18 Jesse Marsch SalzburgGetty Images

Geben Sie mit drei Kindern im Haushalt jetzt auch einen Teilzeit-Lehrer für sie ab?

Marsch: Gut, dass Sie mich darauf ansprechen. Ich habe kurz vor diesem Interview eine Mail vom Lehrer einer meiner beiden Söhne bekommen, dass er seine Hausaufgaben noch nicht erledigt hat. Nach unserem Telefonat wartet ein strenges Gespräch auf mich (lacht).

Denken Sie, Sie können ihm auch fachlich helfen?

Marsch: Bildung war mir immer wichtig. Das sage ich nicht nur so, ich war wirklich ein guter Schüler. Das versuche ich jetzt meinen Kindern weiterzugeben. Ich habe etwa Französisch und Deutsch gelernt. In Schulzeiten habe ich mir in Mathematik immer leicht getan. Wenn es die Zeit zulässt, helfe ich den Kindern gerne weiter. Und derzeit gibt es keine Ausreden (lacht).

Jesse Marsch über Corona in den USA

Sie sind neben Ihrem Trainerberuf unternehmerisch an einem Bauernhof und an fünf Restaurants in den USA beteiligt. Spüren Sie dort schon die Auswirkungen der Corona-Pandemie?

Marsch: Mein guter Freund, der die Betriebe führt, war erst vor wenigen Wochen in Salzburg zu Besuch. In den letzten Tagen musste er mehrere Angestellte zumindest für die nächsten zwei Monate kündigen. Davon sind viele Menschen betroffen. Diese Entscheidungen schmerzen, weil wir nicht für sie da sein können, wie das vor der Krise der Fall war.

Sorgen Sie sich um die USA, jetzt, wo ein Populist wie Donald Trump das Land durch eine Krise führen muss?

Marsch: Sehr sogar. Die USA hat das Ausmaß dieses Virus unterschätzt. Die Verantwortlichen sind mit der Situation leichtfertig umgegangen. Jetzt ist das negative Momentum schon so groß, dass es trotz aller Bemühungen der amerikanischen Regierung zu spät scheint. Ich fürchte, es warten große Probleme auf das Gesundheitssystem. Wir machen uns Gedanken über unsere Familienmitglieder und verbrachten viel Zeit am Telefon, um einen klareren Überblick über die Situation zu bekommen. Dabei rieten wir zu vielen Schritten, die in Österreich schon länger verpflichtend sind. Je stärker der Zusammenhalt einer Gemeinschaft ist, umso leichter fällt es, mit den Maßnahmen umzugehen. Deshalb hat Österreich einen klaren Vorteil.

Sie haben einmal den Trainerjob mit jenem eines Politikers verglichen. Welche Parallelen sehen Sie?

Marsch: Für mich war es eigentlich leicht, Trainer meiner Mannschaft zu sein, als wir die Liga anführten und eine Siegesserie hinlegten. In dieser Situation würde jeder Trainer ein gutes Bild abgeben. Wenn die Ergebnisse ausbleiben, mehrere Verletzungen auftreten und die Herausforderungen größer werden, dann stellt sich heraus, wer ein guter Anführer ist. Dann gilt es, die eigenen Interessen komplett ans Ende zu stellen. Und dieses Bild lässt sich 1:1 auch für die Politik zeichnen.

Jesse Marsch Salzburg 2019-12-10(C)Getty Images

Besitzen Sie diesen Charakterzug?

Marsch: Manche werden damit geboren, aber für die meisten ist es erlernbar. Du musst dich dazu zwingen, dieses Prinzip ernst zu nehmen, wenn du eine Führungsrolle einnehmen willst. Fehler sind dein ständiger Begleiter. Solltest du beim nächsten Mal in dieselbe Situation kommen, musst du besser damit umgehen. Deshalb wollte ich auch unbedingt nach Europa kommen.

Um diese Führungsqualitäten zu erlernen?

Marsch: Ambition ist auch ein Teil der Wahrheit. Aber mir ging es um persönliche Entwicklung. Bei den New York Red Bulls hatte ich eine erfolgreiche Zeit mit einem großartigen Team. Ich zweifelte aber, dass ich mich selbst mit dieser Arbeit noch weiterentwickeln kann. Ich wollte mich einem größeren Test unterziehen, um besser und stärker zu werden.

Es gibt ein Wort, das so gut wie in jedem Ihrer öffentlichen Statements zumindest einmal fällt. Wissen Sie, worauf ich hinaus möchte?

Marsch: Sie meinen sicher "Mentalität.

Es scheint Ihr wichtigstes Grundprinzip zu sein. Haben Sie das aus Ihrer aktiven Zeit als Profi in Ihre Trainertätigkeit übernommen?

Marsch: Um das besser zu verstehen, muss ich Ihnen über meine Herkunft erzählen. Ich bin in Wisconsin großgeworden. Dort gibt es vor allem die Green Bay Packers, Fußball verfolgen nur die wenigsten. Außerdem verlassen die Leute selten Ihren Heimatort, um einem beruflichen Traum nachzugehen. Es sind einfache, gute Leute, die hart arbeiten und ihre Familie groß schreiben. Aber sie wagen kaum größere Schritte. Ich konnte mich in meinem Leben nur selten auf etwas Gegebenes wie Talent verlassen. Vor allem nicht während meiner Zeit als Profi. Ich war aber stets bereit für jede Herausforderung und wollte noch einen weiteren Schritt gehen als alle anderen. Das war ein großer Grund für meinen bisherigen Karriereweg. Eine positive Einstellung und die Bereitschaft, ans Limit zu gehen: Das ist ein Rezept zum Erfolg. Nicht nur im Sport, sondern im generellen Leben.

Das erklärt, warum Sie sich in einer Außenseiterrolle laut eigenen Aussagen sehr wohl fühlen. "Je mehr Zweifel, umso besser", haben Sie einmal in einem Interview gesagt.

Marsch: Als Profi habe ich unzählige Male gehört, dass ich nicht der Schnellste und schon gar nicht der Stärkste sei. Seit dem sage ich mir selbst: Sei gnadenlos, was den Willen zum Erfolg betrifft.

Solch eine Außenseiterrolle nahmen Sie ja auch zu Beginn Ihrer Salzburger Amtszeit ein. Ich denke konkret an Transparente der Fans, denen Ihre Bestellung zum Cheftrainer missfiel. Wie blicken Sie auf diese Situation zurück?

Marsch: Wenn ich eines über dieses Geschäft Profifußball gelernt hab, dann das: Siege machen dich populär (lacht). Ich weiß, wie ich einem Team zum Sieg verhelfen kann. Ich muss mir in der täglichen Arbeit die Finger schmutzig machen, um dort hinzukommen. Das ist bildlich gesprochen, steht aber auch für die Arbeit abseits des Platzes. Mir war es wichtig, einige Dinge klar in der Öffentlichkeit anzusprechen, um meine Philosophie zu erklären. Wichtiger war aber, sich schnell an die Arbeit zu machen, um das meiste aus der Mannschaft herauszuholen. Das ist uns gelungen, vor allem im Herbst.

Jesse Marsch: "Es war plötzlich keine Anekdote mehr"

Dann war die vermeintliche Außenseiterrolle dahin. Es gab nach der Champions-League-Gruppenphase viele Komplimente und kaum Zweifel. Sogar über den Sieg in der Europa League wurde spekuliert. Ist es deshalb auch zu Beginn des Frühjahrs nicht gut gelaufen?

Marsch: Ich muss etwas klarstellen. Auch in der Champions League habe ich gesagt, dass ich den Wettbewerb gewinnen will.

Das war ordentlich ambitioniert.

Marsch: Sehen Sie, genau das war die Antwort, die ich bekommen habe. Viele Leute lachten darüber. Jetzt kommt die Mentalität ins Spiel. Warum solltest du einen Wettbewerb spielen, wenn du ihn nicht gewinnen willst? Ich verstehe die Zweifel, am Ende wollten wir uns die beste Chance geben, jedes Spiel zu gewinnen. Als diese Europa-League-Diskussion aufkam, reagierte ich gleich. "Wir wollen den Wettbewerb gewinnen", sagte ich. Plötzlich schien das aber für einige Leute wahrscheinlicher, weil unsere Performance so gut war. Es war plötzlich keine Anekdote mehr, sondern ein reelles Ziel. Die Mentalität war aber in beiden Wettbewerben dieselbe. Dann hat sich unser Team verändert.

Sie sprechen über die Abgänge von Erling Haaland und Takumi Minamino.

Marsch: Wissen Sie, über die Verletzung von Rasmus Kristensen wurde viel zu wenig gesprochen. Gemeinsam mit diesen beiden Abgängen bedeutete dies, dass die Gruppe an Führungsspielern nicht mehr dieselbe war.

Dann kam das Spiel gegen den LASK.

Marsch: Wir spürten den Druck, zeigten teilweise nicht jene Leistungen, die wir von uns erwarten, und waren plötzlich Zweiter. Ich habe dieses Spiel unterschätzt. Diese Niederlage hatte eine größere Auswirkung, als ich mir eingestehen wollte. Ab diesem Zeitpunkt ging es darum, die Mannschaft wieder aufzubauen. Hohe Erwartungen bedeuten nichts, wenn die Arbeit nicht richtig gemacht wird. Wir hatten einige Enttäuschungen im Februar, aber dann kam der Moment, der mich in meiner gesamten Amtszeit in Salzburg am stolzesten machte.

Welcher?

Marsch: Wie wir das Cup-Spiel gegen LASK und das letzte Liga-Spiel gegen Sturm bestritten, war großartig. Unsere Truppe musste liefern und zeigte, dass sie für die nächste Herausforderung gewappnet ist.

Marsch über BVB-Stürmer Erling Haaland: "Mehr Arbeit, damit er den Fokus nicht verliert"

Einer Mannschaft die richtige Mentalität zu verleihen, erfordert viel Arbeit. Welche Dinge unternehmen Sie, um die Psyche ihrer jungen Spieler zu heben?

Marsch: Ich kann das gar nicht an einzelnen Punkten festmachen. Ich kann Ihnen ein paar Fragen nennen, die ich mir beinahe täglich stelle. Welche Energie zeige ich, wenn ich morgens ins Trainingszentrum komme? Welchen Plan verfolge ich in individuellen Besprechungen? Setze ich auf Videoanalyse, oder will ich Spieler mit Worten motivieren, um spezielle Dinge einzufordern? Arbeiten wir unser letztes Spiel mit TV-Bildern auf? Sollen wir das Team in Kleingruppen unterteilen, um etwa den Verteidigern gezielteres Feedback geben zu können? Welche Übungen nehmen wir in das Training auf? Welche Tonalität legen wir Trainer dabei an den Tag?

Das scheint ja nie zu enden.

Marsch: Um den Prozess am besten zu beschreiben: Wir versuchen, das Potenzial der Einzelspieler zu maximieren, um bestmöglich zu einer gesamten Entwicklung der Mannschaft beizutragen. Und das tun wir an jedem einzelnen Tag.

Haben Sie bei Haaland und Minamino versucht, Sie zumindest von einem Verbleib bis zum Sommer zu überreden?

Marsch: Taki machte schon zu Beginn der Gespräche im November deutlich, dass er gerne im Winter wechseln würde. Er wollte sicherstellen, dass er sich in seiner restlichen Zeit in Salzburg am besten verhält. Wir halfen ihm dabei, seinen nächsten Schritt gut zu durchdenken. Für uns war klar: Es läuft auf einen Transfer hinaus. Letztendlich ist er zum regierenden Champions-League-Sieger gegangen, ein Wechsel, der dem gesamten Klub viel bedeutet und eine große Ehre ist.

Salzburg_Takumi Minamino&Erling Haaland(C)Getty Images

Wie war das bei Haaland?

Marsch: Erling war sich unsicher, was er tun soll - und wann. Er wusste, dass seine Rolle in Salzburg eine besondere war. Für seine Entwicklung war der FC Red Bull Salzburg immanent wichtig. Es gab bei Erling deutlich mehr Gespräche. Dadurch, dass er jünger als Taki ist, war es umso wichtiger, richtig mit der Situation umzugehen. Es brauchte mehr Arbeit, damit er den Fokus nicht verliert. Am Ende fällt es schwer, seine Entscheidung nicht zu verstehen. Die Erfahrungen, die wir mit ihm und seinem Vater gesammelt haben, waren schön und werden wir nicht vergessen. Wir sind stolz auf Erling und seinen Erfolg.

Es ist schwierig, über die Zukunft zu sprechen. Denken Sie, dass es positive Aspekte gibt, die wir aus der spielfreien Zeit und der Coronakrise mitnehmen werden?

Marsch: Wir lernen, wie klein wir eigentlich sind. Gleichzeitig merken wir mehr denn je, dass wir zu Großem fähig sind. Es gibt so viele Menschen, die jetzt Hilfe benötigen. Wenn wir es verstehen, welche Rolle wir spielen, um der Menschheit jetzt zu helfen, können wir später persönlich umso mehr von diesen Herausforderungen belohnt werden. Wir versuchen das in unserer Familie zu besprechen und uns so zu motivieren. Das ist für uns alle Neuland. Jetzt müssen wir unseren Teil dazu beitragen, um zu helfen.

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