Ex-Liverpool- und Real-Keeper Jerzy Dudek: Champions-League-Final-Held statt Minenarbeiter

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Jerzy Dudek wurde 2005 zu Liverpools Held im CL-Finale, spielte später vier Jahre bei Real. Dabei hätte er eigentlich Minenarbeiter werden sollen.

HINTERGRUND

An diesen einen Moment, als er zehn Jahre alt war, erinnert sich Jerzy Dudek noch heute ganz genau. Seine Mutter hatte sich gerade 400 Meter unter der Erde den Arbeitsplatz ihres Mannes angeschaut - und war völlig aufgelöst, als sie wieder oben ankam.

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"Sie küsste meinen Vater", erzählte Dudek vor einigen Jahren FourFourTwo. "Sie weinte, rief meinen älteren Bruder und mich zu sich und sagte: 'Jerzy, Dariusz: Versprecht mir, dass Ihr nie im Bergwerk arbeiten werdet, versprecht mir, dass Ihr niemals Minenarbeiter werdet'."

Jerzy und Dariusz mussten lachen. Wo sollten sie denn sonst später arbeiten? "Ich dachte, es sei mein Schicksal, Minenarbeiter zu werden", erklärte Dudek. "Mein Großvater war Minenarbeiter, mein Vater auch, viele andere in meiner Familie ebenso. Unsere Stadt Knurow war eine Minenarbeiter-Kommune."

Niemals hätte sich Dudek damals in Knurow, einer Kleinstadt im Süden Polens, wo er in einem dieser typischen Ostblock-Plattenbauten aufwuchs, erträumen lassen, wo er gut 20 Jahre später stehen würde. In Istanbul, im Atatürk-Stadion, als Torwart des FC Liverpool, im Champions-League-Finale gegen den AC Milan.

Dudek wird im CL-Finale 2005 zur Liverpool-Legende

Vielleicht wirkte es deshalb so aufreizend locker, wie Dudek am Abend des 25. Mai 2005 in Richtung Tor schlurfte. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht flachste er noch einmal mit seinem Gegenüber, Milan-Keeper Dida, klatschte ganz fair mit dem Brasilianer ab. Es schien fast so, als würde Dudek gar nicht so richtig realisieren, um was es hier gleich gehen würde.

Dudeks FC Liverpool hatte gegen Didas AC Milan einen 0:3-Rückstand sensationell wettgemacht, auf 3:3 gestellt und sich ins Elfmeterschießen gekämpft. Ein Elfmeterschießen, das Dudek zur Legende, auf ewig zu einem wichtigen Teil der Geschichtsbücher der Reds machen sollte.

Dabei war doch alles so anders vorgesehen. Zumindest in Dudeks Zukunftsplanung als Teenager. "Als ich 17 war, ging ich neben der Schule zweimal pro Woche runter in die Mine, um zu arbeiten", erinnert sich Dudek. Obwohl seine Mutter strikt dagegen war und sich sorgte, schien es, als ob der talentierte Torhüter, der lediglich bei einem kleinen Verein in der Nachbarschaft kickte, das Erbe seines Vaters und seines Großvaters antreten würde.

 

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Doch dann, zwei Wochen, bevor er tatsächlich seinen ersten richtigen Job im Bergwerk antreten sollte, mit 18 Jahren, kam der polnische Drittligist Concordia Knurow dazwischen. Zur Freude von Mama Dudek. "Sie gaben mir einen Vertrag, im Gegenzug fingen zwei Jungs von ihnen, die gerade ihre Ausbildung zum Minenarbeiter abgeschlossen hatten, bei uns im Bergwerk an. Meine erste Ablöse waren also zwei Minenarbeiter", verrät Dudek.

Bis kurz vor seinem 23. Geburtstag bleibt er bei Knurow, entwickelt sich stetig weiter - und wechselt Anfang 1996 schließlich zum Erstligisten GKS Tychy, ein halbes Jahr später sogar zum holländischen Top-Klub Feyenoord Rotterdam.

Dudek hält Elfer von Pirlo und Shevchenko

Nun nahm Dudeks Karriere richtig Fahrt auf. In seiner zweiten Saison bei Feyenoord wurde er Stammkeeper, debütierte für die Nationalelf, holte 1999 die holländische Meisterschaft. Liverpool schlug 2001 für 7,4 Millionen Euro zu, holte den Polen an die Anfield Road.

Sechs Jahre lang blieb Dudek dort. Das unweigerliche Highlight dieser Zeit war eben jenes Champions-League-Finale gegen Milan 2005. Dudek hielt, auf der Linie unorthodox zappelnd und umherspringend, den Elfmeter von Andrea Pirlo, dann auch noch den von Andriy Shevchenko - und entschied damit das Elfmeterschießen zugunsten der Reds, stemmte den Henkelpott in die Höhe.

Später verriet er, dass er die Anweisungen von Ersatzkeeper Scott Carson und Torwarttrainer Jose Ochotorena, die ihm anzeigten, in welche Ecke er springen solle, vor lauter Tunnelblick gar nicht wahrgenommen hatte. "Ich glaube, ich bin dreimal in die entgegengesetzte Richtung gesprungen", sagte er.

Dennoch wurde er zum Helden, ist auf Lebenszeit eine Legende in Anfield. Am Samstagabend, wenn Liverpool im Endspiel der Königsklasse auf Real Madrid trifft, wird er aber wohl dennoch hin- und hergerissen sein, wem er die Daumen drücken soll. Denn 2007 wechselte Dudek von den Reds zu den Königlichen, war im Bernabeu vier Jahre lang die Nummer zwei hinter Iker Casillas.

Auch in Spaniens Hauptstadt verehrten ihn die Fans, bereiteten Dudek bei seinem Karriereende 2011 einen emotionalen Abschied. Heute spielt der inzwischen 45-jährige Dudek viel Golf, war auch als Rennsportler aktiv, arbeitet hier und da als TV-Experte. Er hat ein sorgenfreies Leben. Als CL-Held auf ewig statt als Minenarbeiter. "Fast alle meine Schulfreunde arbeiten in der Mine, mein Schwager auch. Sie sagen immer, dass es eine schöne Arbeit ist. Aber wenn sie die Chance dazu bekämen, würden sie nie wieder dort runter fahren."

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