Jamal Musiala gegen Ungarn erstmals im Kader: Vom Tribünengast zur Geheimwaffe?

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HINTERGRUND

Jamal Musiala ist eines der größten Nachwuchstalente Deutschlands.

Dass es zum EM-Start für einen Platz im Kader gegen Weltmeister Frankreich für den DFB-Neuling nicht reichte und routinierte Akteure den Vorzug erhielten, war aufgrund seiner kurzen Zeit bei der Nationalmannschaft nachvollziehbar. Nach der offensiv enttäuschenden Leistung im Auftaktspiel (0:1-Niederlage) durfte sich Musiala aber durchaus Hoffnungen auf eine Nominierung für das Duell mit Portugal machen.

Löw verzichtete jedoch erneut auf den 18-Jährigen - und nahm wie schon gegen die Franzosen mit Marcel Halstenberg und Christian Günter zwei zusätzliche Linksverteidiger neben Stammkraft Robin Gosens mit auf die Bank. Ein kleiner Rückschlag für Musiala, doch mit Thomas Müller und Leon Goretzka leisteten vor allem zwei seiner Vereinskollegen aus München Aufbauarbeit. Besonders zu Müller pflegt Musiala ein enges Verhältnis, der 31-Jährige ist eine Art Mentor für den Teenager und steht ihm mit Rat und Tat zur Seite.

Das gilt auch für Hansi Flick, der nach Informationen von Goal und SPOX ohnehin in regem Kontakt mit seinem ehemaligen und künftigen Schützling steht und ihm immer wieder Tipps gibt. Vor dem Turnierstart hatte der Löw-Nachfolger sogar öffentlich für Musiala geworben.

"Er hat Qualitäten, die nicht so oft zu sehen sind. Jamal setzt sich unter Druck auf engem Raum durch. Er ist intelligent, sehr schlau, kann ein Spiel lesen, Bälle klauen", sagte der 56-Jährige dem Sportbuzzer und schob nach, dass sich Musiala bei Bayern bereits höchste Anerkennung erarbeitet habe: "Er hat bei unseren Nationalspielern ein Riesenstanding. Wenn es eng wird, wenn der Gegner tief steht, wenn Eins gegen Eins gefragt ist, gibt er jeder Mannschaft das gewisse Etwas mit seinem Zug zum Tor."

Musiala mehr als ein Tourist im DFB-Kader

Löw scheint mittlerweile ebenfalls von Musiala angetan und belohnt den Offensivspieler nun mit einer Berufung in den Spieltagskader für das Duell mit Ungarn. "Im Training sieht man seine Klasse in engen Räumen, da sind viele Dinge, die sehr gut sind für sein Alter", sagte der Bundestrainer bei der Pressekonferenz vor dem Spiel am Mittwoch auf Nachfrage von Goal und SPOX. Allerdings müsse Musiala auch noch "ein bisschen lernen", das Turnier bringe "eine andere Drucksituation" mit sich, erklärte der 61-Jährige.

Beim Trainingslager in Seefeld hatte Musiala einen etwas schleppenden Start hinnehmen müssen. Wassereinlagerungen in der Hüfte hatten ihn eingeschränkt und wohl auch eine schnellere Symbiose mit dem DFB-Team verhindert. Inzwischen trete Musiala aber deutlich "selbstbewusster" auf und sei "klarer" in seinem Spiel, berichtete Löw: "Er hat sich an das Tempo und seine Mitspieler besser gewöhnt und hat Fortschritte gemacht."

Seine Rolle im Team für dieses Turnier ist noch nicht wirklich definierbar, Löws Chance zeigt aber, dass Musiala nach seinem Verbandswechsel nicht nur als Tourist im DFB-Kader steht - zumal gegen Ungarn mit Müller höchstwahrscheinlich ein wichtiges Puzzleteil im deutschen Angriffsspiel fehlt. Ein Einsatz ist angesichts der vielen Alternativen zwar unwahrscheinlich, bei genauerem Hinsehen aber keinesfalls ausgeschlossen.

DFB-Team: Die Zahlen sprechen für Musiala

Musiala eröffnet Löw viele Möglichkeiten. Der gelernte Spielmacher stellte in der abgelaufenen Spielzeit seine Qualitäten im Dribbling, Passspiel und Torabschluss sowohl als Teil der Startelf als auch in der Rolle des Jokers - beispielsweise beim 3:3 gegen Leipzig, als er fünf Minuten nach Einwechslung zum Ausgleich traf - unter Beweis.

Auch die Zahlen sprechen für Musiala. Den Datenexperten von Opta zufolge lag seine Quote an erfolgreichen Dribblings wettbewerbsübergreifend bei 56,6 Prozent. Seine Teamkollegen und direkten Konkurrenten Leroy Sane (54,39) und Serge Gnabry (40,39) schnitten schlechter ab. Auch Champions-League-Sieger Kai Havertz (51,3) kam nicht an Musiala heran. Außerdem erzielte er in 1304 Einsatzminuten sieben Toren und bereitete ein weiteres vor.

Auch die User:innen von Goal und SPOX würden Musiala gerne gegen Ungarn in Aktion sehen. 38 Prozent stimmten für einen Startelfeinsatz des gebürtigen Stuttgarters ab, nur Goretzka hatte mit 43 Prozent mehr.

Musiala könnte gegen Ungarn zum X-Faktor werden

Musiala macht Löws Offensive also ein Stück kreativer und variabler. Er kann nicht nur auf seiner bevorzugten Zehner-Position, sondern auch auf der Acht, den Außenbahnen und theoretisch sogar im Sturmzentrum agieren. Auf der Neun spielte er während seiner Jugendzeit beim FC Chelsea häufiger.

Gerade gegen die defensiv starken Ungarn könnte Musiala somit zum entscheidenden Faktor werden, wenn auch nur für eine benötigte Schlussoffensive. In der ihm bekannten Rolle als Joker kann er für die künftige Zusammenarbeit mit seinem Förderer Flick für die kommenden Turniere wichtige Erfahrungen sammeln.