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Jamal Musiala: Wie der FC Bayern den FC Chelsea ausstach

14:40 MEZ 09.12.20
Jamal Musiala Bayern
Chelsea verlor Jamal Musiala im Sommer 2019 ablösefrei an den FC Bayern. Wie und warum der Transfer des 17-jährigen Shootingstars zustande kam.

HINTERGRUND

1. Januar 2019: Der "Deadline Day" der Wintertransferperiode war noch in vollem Gange, doch große Hoffnungen machte sich Karl-Heinz Rummenigge da schon nicht mehr.

"Das Einzige, was der Hasan gerne bewerkstelligt hätte, wäre dieser Spieler von Chelsea gewesen", erklärte der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern am Rande des SPOBIS in Düsseldorf und fügte halb enttäuscht, halb schmunzelnd an: "Weil sich der Hasan, das muss ich sagen, fast schon in diesen Spieler verliebt hat."

Dieser Spieler, dem die Herzen Salihamidzics entgegenflogen, war Callum Hudson-Odoi, zu jenem Zeitpunkt so etwas wie der "Player to Watch" der Blues-Akademie. Hasan Salihamidzic, der Sportdirektor der Münchner, hatte es sich zur Mission gemacht, den damals 18-Jährigen an die Isar zu lotsen, um dem personellen Engpass auf den spärlich besetzten Außenbahnen des deutschen Rekordmeisters entgegenzuwirken.

Er scheiterte, weil sich Chelsea gegen einen Verkauf stemmte und der Spieler offensichtlich nicht genug Druck erzeugte, um einen Wechsel zu forcieren. In diversen Medienberichten war später auch zu lesen, Hudson-Odoi habe das Interesse der Bayern nur genutzt, um einen hoch dotierten Vertrag beim Londoner Spitzenklub zu erhalten. Sollte es sein Plan gewesen sein, so ging er im Sommer - nach der Bayern-Posse - prächtig auf.

Hudson-Odoi verlängerte um fünf Jahre in London, kassiert dort ein fürstlichen Wochengehalt in Höhe von 167.000 Euro pro Woche.

FC Bayern überzeugender - Chelsea wollte Musiala halten

Trotz allem aber hielt Salihamidzic weiter Kontakt mit Bradley Hudson-Odoi, dem älteren Bruder von Callum, der gleichzeitig als dessen Berater fungierte. Grund dafür war aber vorerst nicht mehr Callum, sondern noch ein anderer hochveranlagter Spieler aus Chelseas Nachwuchsakademie: Jamal Musiala.

Den damals 16-Jährigen beobachtete Chefscout Marco Neppe mehrere Male, ehe er Salihamidzic die Empfehlung gab, ihn zu verpflichten. Chelsea ließ auch im Fall von Musiala nichts unversucht, wie sich der gut vernetzte englische Reporter Nizaar Kinsella von Goal erinnert.

"Jeder bei Chelsea wusste, wie gut Musiala war. Er spielte acht Jahre in der Jugend und war auf einem guten Weg, Profi zu werden - ähnlich wie Hudson-Odoi", sagt Kinsella.

Bundesliga als Gefahr für die Premier League

Die Blues seien auch bereit gewesen, ihn mit "dem besten Vertrag aller Eigengewächse nach Hudson-Odoi" auszustatten, doch es half nichts: Der FC Bayern war überzeugender und tütete den Transfer im Juli 2019 sogar ablösefrei ein.

"Sie haben ihn sehr gut gescoutet und ihm einen sehr guten Vertrag geboten. Sie waren sehr geschickt, sehr schnell - Musiala war dann der Meinung, sich in Deutschland besser entwickeln und schneller zum Profi reifen zu können", sagt Kinsella.

Generell würden deutsche Klubs immer früher ein Auge auf englische Talente werfen, berichtet der Chelsea-Experte weiter. "Chelsea hat die beste Akademie in England, deswegen kommen ständig Scouts aus Deutschland hierher. Und viele Spieler sehen die Bundesliga inzwischen als gute Anlaufstelle, um die nächsten Schritte zu machen."

Kein Wunder also, dass zusammen mit Musiala auch Bright Akwo Arrey-Mbi, ein nicht minder begabter Innenverteidiger, von Chelsea zum FCB wechselte.

Musiala: "Vom Kopf her schon immer weiter"

Im konkreten Fall von Musiala glaubt Kinsella aber, dass der Mittelfeldspieler wegen Mason Mount wenig Perspektive für sich an der Stamford Brdige sah. Mount, ein ähnlich veranlagter und ebenfalls bei den Blues ausgebildeter Akteur, war von Cheftrainer Frank Lampard nach dessen Ankunft im Juni 2019 von Derby County mitgebracht worden.

Doch nicht nur sportliche, sondern auch private Gründe gaben den Ausschlag für Musialas Entscheidung. Verschiedenen Medienberichten zufolge floss etwa auch der nahende Brexit mit in die Überlegungen seiner Familie ein, London zu verlassen.

Musiala wurde 2003 als Sohn einer Deutschen und eines Nigerianers in Stuttgart geboren, wuchs aufgrund des Studiums seiner Mutter Carolin aber im hessischen Fulda auf. Beim ansässigen TSV Lehnerz erlernte er das Fußballspielen. Sein damaliger Jugendtrainer Branko Milenkovski verrät: "Jamal war vom Kopf her schon immer weiter als Gleichaltrige und hat deshalb auch immer eine Altersklasse höher gespielt."

Musialas Stationen: Fulda, Southampton, London, München

Zwei Jahre blieb die Familie in Fulda, ehe sich Carolin Musiala den Wunsch von einem Auslandssemester in England erfüllte. Die Familie zog nach Southampton, wo der kleine Jamal bei einem Feriencamp ein paar Scouts des FC Southampton auffiel und wenig später in der Jugendakademie des Premier-League-Klubs landete.

Es war der Beginn eines rasanten Karriereverlaufs, der spätestens nach seinem Wechsel gen München noch einmal an Fahrt aufnahm. Musiala, ursprünglich mal für die U17 verpflichtet, benötigte nur wenige Einsätze für die U19 und die zweite Mannschaft, um ins Blickfeld von Hansi Flick zu geraten.

"Seine Fähigkeiten wurden früh erkannt", sagt Kapitän Manuel Neuer. Musiala trainierte seit dem Restart im Mai fest mit den Profis, er war auch beim Champions-League-Turnier in Lissabon Teil des Profikaders - und ließ dabei "immer wieder sein Talent aufblitzen", wie Neuer erzählt.

Neuer über Musiala: "Verdienst des Trainerteams"

Und so schenkte Flick dem aufstrebenden Youngster auch häufiger Spielminuten, etwa beim Auftakt in die neue Bundesliga-Saison im September gegen Schalke 04. Sein zweiter Einsatz für die Profis (nach seinem Kurz-Debüt gegen den SC Freiburg im Juni), den er mit einem sehenswerten Tor zum 8:0-Endstand krönte.

Es sollten weitere gute Leistungen und weitere Lobesyhmnen von allen Seiten folgen. Musiala habe mit seinen 65 Kilogramm zwar noch körperliche Defizite aufzuholen, so Flick, rein fußballerisch könne der FCB aber "sehr zufrieden" mit dessen Entwicklung sein. "Er hat die nächsten Schritte gemacht", findet auch Neuer. "Es ist aber auch der Verdienst des Trainerteams, den Mut aufzubringen, einen so jungen Spieler reinzuwerfen."

Wie auch am vergangenen Samstag beim Bundesliga-Topspiel gegen RB Leipzig, als Routinier Javi Martinez nach gut 25 Minuten mit schmerzverzerrtem Gesicht auf seinen Oberschenkel deutete und um einen Wechsel bat. Flick brachte Musiala und wurde nicht enttäuscht.

Im Gegenteil: Der Teenager verbesserte das Spiel der zu jenem Zeitpunkt mit 0:1 in Rückstand liegenden Münchnern maßgeblich - nicht nur mit seinem perfekt platzierten Schuss aus 17 Metern zum 1:1.

Nagelsmann prophezeit Bayern "schöne Tage" mit Musiala

"Wir hatten am Anfang nicht so die Ballkontrolle, mit seiner Einwechslung hat sich das geändert", lobte Flick. Und auch Leipzigs Coach Julian Nagelsmann erkannte: "Musiala ist ein sehr großes Talent. Das Tor macht er super, auch sonst hatte er sehr gute Aktionen, er ist sehr ballsicher, flink und schwer zu greifen." Sein Fazit: "Da werden die Bayern noch ein paar sehr schöne Tage mit ihm haben."

Möglicherweise auch am Mittwoch, wenn der FC Bayern Lokomotive Moskau zum Abschluss der Champions-League-Gruppenphase in der Allianz Arena (ab 21 Uhr im LIVE-TICKER) empfängt. So mancher, der es mit dem FC Chelsea hält, dürfte dann mit einer kleinen Portion Wehmut gen München blicken.

Vielleicht ja auch Callum Hudson-Odoi. Der schaffte es in den vergangenen drei Spielen nicht einmal in Lampards Kader.