HINTERGRUND
Idylle ist Trumpf in Möhlin. Weitreichende Felder prägen das Bild, viele Bäume, viel Grün, frische Landluft. Inmitten dessen liegt das kleine Schweizer Städtchen mit gut 10.000 Einwohnern. Bodenständig, fernab von Glanz und Glamour. Wer zumindest ein bisschen was erleben will, den zieht es ins knapp 20 Kilometer entfernte Basel. So ist Ivan Rakitic aufgewachsen.
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Dass er sich heute längst in der High Society des Weltfußballs etabliert hat, war zu Möhliner Zeiten noch undenkbar. Dass man ihn in einem Atemzug mit dem großen Diego Armando Maradona nennen darf, ebenfalls. "Es ist schon unheimlich", sagte Rakitic dem Blick zu jenem Fakt. Der Kroate war der erste ausländische Kapitän des FC Sevilla seit der argentinischen Legende. Und hat Maradona seit knapp zwei Jahren sogar etwas voraus: den Champions-League-Titel.
Eigentlich wollte Rakitic seinen bis 2015 datierten Vertrag in Sevilla erfüllen. Er war begehrt, bei mehreren Top-Klubs Europas. Schließlich führte er die Andalusier als Kapitän und überragender Dirigent zum Europa-League-Titel. Doch erst, als Barca im Sommer 2014 anklopfte, wurde der Spielmacher schwach. Ein Angebot der Blaugrana konnte er nicht ausschlagen.
"Barcelona muss man einfach genießen. Wenn du hier nicht genießen kannst, wo dann?", sagt Rakitic über seinen Traumklub. Auf Anhieb setzte er sich im Star-Ensemble durch, gewann die Gunst von Trainer Luis Enrique im Eiltempo. "Ivan war bei Sevilla grandios – aber ich habe nicht erwartet, dass er sich so schnell so gut schlagen wird", zeigte sich Ex-Barca-Mittelfeldmann Gaizka Mendieta überrascht - ebenso wie viele andere Experten. "Er kann angreifen und verteidigen. Seine Energie ist herausragend. Und er kann den tödlichen Pass spielen", schwärmte Mendieta.
Gleich in seiner ersten Saison war Rakitic ein wichtiger Baustein des Barca-Systems. Und hatte durchaus hohen Anteil am Gewinn des Triples, erzielte im Champions-League-Finale gegen Juventus die frühe Führung. Speziell an jenem Abend von Berlin fragten sich wohl die meisten Zuschauer: Ist das wirklich der Ivan Rakitic, den Schalke Anfang 2011 für nur 2,5 Millionen Euro an Sevilla verscherbelt hatte? Ja, genau der war es.
Einer, der inzwischen merklich gereift war, mittlerweile viel Erfahrung gesammelt hatte. Und lernte, mit Rückschlägen umzugehen. Bei der EM 2012 war es Rakitic, der die Kroaten im entscheidenden Gruppenspiel gegen Spanien hätte in Führung bringen können, eine Mega-Chance aber vergab. Später unterlag man dem späteren Europameister mit 0:1, schied aus. "Ich werde wahrscheinlich ein paar schlaflose Nächte haben", sagte er seinerzeit nach Abpfiff.
Auch bei S04 war es keineswegs immer rund gelaufen, hatte er letztlich wohl nicht die Wertschätzung erfahren, die er sich erwartete. Als 19-Jähriger war er vom FC Basel gekommen, hatte seine Nase auf der Zehn phasenweise unter anderem vor einem gewissen Mesut Özil. Die Rolle direkt hinter den Spitzen war jedoch nicht die ideale Position für Rakitic. Das sollte sich erst in Spanien nachhaltig herauskristallisieren.

Vor allem in Barcelona, wo er sich zu einem der besten Mittelfeldspieler Europas entwickelte. Lange lief es dabei ohne wirklich große Probleme für den Kroaten. Bis zu dieser Saison. Andre Gomes oder Denis Suarez machten Rakitic den Platz neben Iniesta und Busquets streitig. Insbesondere, nachdem er im Hinspiel gegen Real Madrid Anfang Dezember nicht überzeugte, die Vorherrschaft im Zentrum eher die Königlichen um Luka Modric innehatten, schien Enrique an Rakitic zu zweifeln.
In den beiden folgenden Liga-Partien blieb er 90 Minuten lang auf der Bank, stand dann gegen Villarreal gar nicht erst im Kader. Die Medien spekulierten wild. Über einen Abgang von Rakitic, noch im Winter, Manchester City wurde starkes Interesse nachgesagt. Doch der 29-Jährige blieb, erkämpfte sich seinen Stammplatz relativ schnell zurück.
Das Verhältnis zum Coach war keineswegs zerrüttet, wie medial mitunter vermutet. "Wenn ich mich für Luis Enrique von einer Brücke stürzen müsste, würde ich es tun", sagte Rakitic im Januar zu FranceFootball. Enrique betonte indes immer wieder, wie wichtig der gebürtige Schweizer weiterhin für Barca sei. Und setzte wieder beinahe uneingeschränkt auf ihn, Anfang März wurde der Vertrag bis 2021 verlängert.
Es ist nicht mehr so, dass Rakitic zu den anderen im Team aufblickt. Nein. Inzwischen ist er selbst jemand, an dem man sich orientieren kann. "Sie sind meine Vorbilder im Team", sagte Andre Gomes etwa kürzlich über Rakitic und Iniesta.
Auch am Sonntag im nächsten Clasico wird Rakitic eine tragende Rolle zukommen. Denn das Mittelfeld könnte zum entscheidenden Faktor für den Ausgang des hinsichtlich des Meistertitels so extrem bedeutenden Prestigeduells mit Real werden. Gelingt es Barca, die gewohnte Dominanz auch gegen Kroos, Modric und Casemiro aufzubauen, den Madrilenen im Zentrum des Spiels den Schneid abzukaufen, wird der Dreier für die Katalanen wahrscheinlicher.
Rakitic ist jedenfalls bereit. Bereit, alles in die Waagschale zu werfen. Für den gesperrten Neymar wolle man siegen, sagte er im Interview mit Sky Sports. Das Bernabeu zum Schweigen bringen. Die glanzvolle Fußballwelt, die im idyllischen Möhlin so utopisch weit weg ist, beeindrucken. Das ist mittlerweile Ivan Rakitic' Anspruch.




