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Italien erdet Belgien: Zwischen abgezockt und euphorisch

Die Vorfreude war groß. Nicht nur bei belgischen und italienischen Anhängern. Sondern auch bei jedem neutralen Fußball-Fan, der die Europameisterschaft in Frankreich verfolgt. Denn das zehnte Spiel des Turniers bot erstmals ein Duell zweier Teams, die gemeinhin den Stempel Mitfavorit innehaben. Die Squadra Azzurra, diesmal zwar vor allem offensiv ohne die ganz großen Namen, auf der einen Seite. Die Roten Teufel, mit ihrer Euphorie entfachenden goldenen Generation, auf der anderen Seite.

Belgien galt im Vorfeld als leichter Favorit auf den Sieg im Gipfel der Gruppe E. Und so begann die Mannschaft von Trainer Marc Wilmots auch. In der ersten halben Stunde hatten Eden Hazard und Co. sichtbar Vorteile, wirkten griffiger, inspirierter, besser vorbereitet. So waren es dann auch zwei Fernschüsse von Radja Nainggolan, die erste Torgefahr herauf beschworen.

Italien hingegen brauchte eine Weile, um sich zu finden. Es wirkte beinahe so, als müssten die Azzurri, mit einem Durchschnittsalter von 31,5 Jahren die älteste Startelf der EM-Geschichte stellend, zunächst die Müdigkeit aus den Knochen schütteln. Dass dann mit Leonardo Bonucci ein beinharter Innenverteidiger per 50-Meter-Traumpass das 1:0 einleitete, passt ins Bild.

Aus dem Nichts zum Glück

Wie aus dem Nichts fiel die Führung für die Italiener, mit der ersten Chance traf Emanuele Giaccherini nach besagtem Bonucci-Anspiel die Belgier ins Mark. Es war das Fundament einer Leistung, die letztendlich vor allem aufgrund ihrer Reife, ihrer Abgeklärtheit beeindruckte. Denn die euphorisch gestarteten Belgier fanden daraufhin zu keinem Zeitpunkt so wirklich zu dem Spiel, das sie eigentlich auszeichnet.

Hazard, Kevin De Bruyne, Romelu Lukaku - das Potenzial in der Offensive der Roten Teufel wirkt beinahe erdrückend. Da aber De Bruyne und vor allem Stoßstürmer Lukaku zum EURO-Auftakt enttäuschten, war es für die Italiener über weite Strecken recht simpel, ihren Strafraum zu verbarrikadieren.

Bonucci, Andrea Barzagli und Giorgio Chiellini - drei, mit Verlaub, alte Haudegen, hielten den Laden dicht. Und wenn sich doch einmal Lücken auftaten, wusste Belgien diese nicht konsequent zu nutzen. So vergab Lukaku nach einer knappen Stunde den Ausgleich, dessen Nachfolger Divock Origi ließ in der Schlussphase dann zwei gute Gelegenheiten liegen.

Italien spielte derweil enorm geschickt. Die Defensive stets im vordergründigen Interesse, setzte die Elf von Coach Antonio Conte immer wieder Nadelstiche, zeigte Belgien regelmäßig, dass schnell alles klar sein kann. Dass es bis dahin bis in die Nachspielzeit dauerte, dafür war Thibaut Courtois verantwortlich.

Bemerkenswerte Jubeltraube

Belgiens Keeper parierte gegen Graziano Pelle (54.) und Ciro Immobile (84.) zweimal überragend, hielt seine Kollegen im Spiel. Da jenen in der Offensive und im Angesicht des italienischen Bollwerks aber meist die zündende Idee abging oder im Abschluss die Präzision fehlte, kam Belgien nicht mehr zurück.

Stattdessen machte die Squadra Azzurra den Sack zu. Antonio Candreva behielt nach einem Konter im Strafraum die Übersicht, bediente Pelle - und der bullige Stürmer schweißte die Kugel zum 2:0-Endstand ein. Das Ende eines abgezockten Auftritts - und der Beginn eines euphorischen Jubels, bei dem selbst der so erfahrene Torwart-Routinier Gianluigi Buffon wie von der Tarantel gestochen über den Platz rannte und feierte, als sei Italien bereits Europameister.

Bemerkenswert: Die gesamte Reservebank stürmte nach dem 2:0 den Rasen, Indiz für einen hervorragenden Teamgeist. "Die Mannschaft ist geschlossen und kompakt. Das ist eine Mannschaft aus 23 guten Jungs, die Chemie im Team stimmt", bestätigte Coach Conte nach Schlusspfiff. Geschlossenheit könnte ohne glanzvolle Stars wie Andrea Pirlo, Marco Verratti oder Mario Balotelli der Schlüssel für ein erfolgreiches Turnier sein.

Nach einer abgezockten, pragmatischen, aber dennoch leidenschaftlichen Leistung ist bei den Italienern durch den Auftakterfolg jedenfalls eine Art Euphorie eingekehrt. So, wie sie bei den unterlegenen Belgiern noch vor Anpfiff herrschte. "Das ist ein enttäuschendes Ergebnis", zog Trainer Wilmots jedoch ein ernüchtertes Fazit. Ihm war bewusst, dass von seinen hochgelobten Individualisten an diesem Abend zu wenig kam. Zu wenig, um die Vorfreude bei den belgischen Anhängern weiter zu steigern. Das gelang überraschenderweise den Italienern.

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