Irans Alireza Beiranvand: Vom Straßenjungen zum WM-Torhüter

Im Westen der iranischen Hauptstadt steht der Freiheitsturm. Es ist ein imposantes, mit weißen Marmorsteinen eingedecktes Gebilde, das Wahrzeichen des modernen Teheran. Hier verbringen viele Obdachlose ihre Nächte, hierher führt auch der steinige Weg von Alireza Beiranvand. Es ist die große Willensstärke des iranischen Torhüters, die ihn an diesen Ort bringt, es ist sein Streben nach Freiheit, Unabhängigkeit und Erfolg, das ihn weitere Hürden überwinden lässt, bis hin zur Weltmeisterschaft.

Beiranvand wird 1992 in Sarabias geboren. Er wächst in einer Nomadenfamilie auf, bleibt selten länger an einem Ort. Die Familie ist stets auf der Suche nach neuem Grasland für ihre Schafherde. Beiranvand muss früh selbst mit anpacken. Als ältester Sohn der Familie steht er schon als Kind in der Pflicht, lernt, Verantwortung zu übernehmen. Seine knapp bemessene Freizeit nutzt er zum Fußballspielen.

Im Alter von zwölf Jahren kickt Beiranvand erstmals in einem lokalen Verein, als Stürmer ist er fürs Tore schießen verantwortlich. Erst als sich der Torwart seines Teams verletzt, spring der schon damals groß gewachsene und heute 1,95 Meter lange Beiranvand ein. Nach dem ersten Spiel und einigen starken Aktionen entpuppt sich die aus der Not geborene Umfunktionierung als Dauerlösung. Plötzlich muss Beiranvand Tore verhindern - und entdeckt dabei bis dato ungeahnte Talente.

Alireza Beiranvand: Zerrissene Handschuhe, Flucht nach Teheran

Beiranvand überzeugt seine Trainer und Mannschaftskollegen mit außergewöhnlichen Leistungen, doch sein Leben ist kompliziert. Beiranvands konservativ geprägter Vater Morteza sieht im Fußball keine berufliche Zukunft und wünscht sich eine ehrliche, körperliche Arbeit für seinen Sprössling. "Mein Vater mochte Fußball überhaupt nicht und wollte, dass ich arbeite", erinnert sich Beiranvand im Gespräch mit dem Guardian. Morteza Beiranvand zerreißt sogar die Trainingskleidung und die Handschuhe seines Sprösslings, um dessen Traum vom Profifußball zu bremsen. "Ich musste deshalb mehrfach mit bloßen Händen spielen", sagt Beiranvand.

Irgendwann hat der Junge genug. Beiranvand fasst den Entschluss, seine Familie zu verlassen. Er leiht sich Geld von einem Verwandten und reist nach Teheran. Ganz allein und fest entschlossen, in der Acht-Millionen-Metropole als Torhüter Fuß zu fassen.

Schon auf der Busfahrt in die Hauptstadt trifft Beiranvand den Fußballtrainer Hossein Feinz. Dieser soll erklärt haben, Beiranvand eine Chance geben zu wollen. Für gut 30 Euro dürfe er mit seiner Mannschaft trainieren. Doch Beiranvand hat weder Geld noch einen Schlafplatz.

Beiranvand: "Sie dachten, ich sei ein Bettler"

Beiranvand nächtigt zu jener Zeit auf der Straße, unweit des Freiheitsturms, bis ihm ein junger Händler eines Nachts anbietet, bei ihm zu übernachten. Beiranvand willigt ein, um kurz darauf umzukehren. Er hatte schließlich keine Ahnung, was ihn dort erwartet. Beiranvand spaziert zu jenem Klub, bei dem er in diesen Tagen ein Probetraining absolviert. Völlig entkräftet, nach einem weiteren harten Tag, legt er sich auf dem Klubgelände nieder.

Alireza Beiranvand Morocco Iran World Cup 2018 06152018Getty Images

"Als ich am nächsten Morgen aufwachte, sah ich, dass mir einige Leute ein paar Münzen hingelegt hatten. Sie dachten, ich sei ein Bettler", erzählt Beiranvand. "Danach habe ich seit langer Zeit mal wieder gut gefrühstückt."

Während seiner Zeit bei dem kleinen Klub Vahdat FC findet Beiranvand beim Vater eines Teamkollegen Halt, er arbeitet und schläft in dessen Textilfabrik. Endlich weg von der Straße.

Ali Daei? "Ich war einfach zu schüchtern"

Beiranvand jobbt zu jener Zeit zudem in einer Autowaschanlage. Aufgrund seiner Größe ist er schnell für Geländewagen zuständig, auch die iranische Fußball-Ikone Ali Daei lässt ihren Wagen regelmäßig hier reinigen. Freunde raten Beiranvand, den früheren Spieler des FC Bayern anzusprechen. Um Rat zu fragen. Um Hilfe zu bitten. Aber Beiranvands Schamgefühl ist zu groß. "Ich bin mir sicher, dass Herr Daei mir geholfen hätte, aber ich war einfach zu schüchtern, um ihn anzusprechen und ihm von meiner Situation zu erzählen."

Im Alter von 16 Jahren gibt der iranische Erstligist Naft Novin Teheran Beiranvand eine Chance. Zunächst darf Beiranvand in einem Gebetsraum des Klubs übernachten, "aber irgendwann haben sie mir gesagt, dass ich dort auf Dauer nicht bleiben kann".

Beiranvand findet einen Job in einer Pizzeria, auch dort darf er übernachten. Als eines Tages sein Coach zu Gast ist, der nichts von seinem Job weiß, versteckt sich der Junge. Jetzt bloß nicht auffallen, denkt sich Beiranvand, doch der Besitzer zwingt den Keeper, seinem Trainer das Essen zu servieren. Am Folgetag kündigt Beiranvand. Und weil er anschließend keinen Job mit Schlafmöglichkeit findet, arbeitet er nachts als Straßenkehrer. Die Trainingseinheiten am Tag werden zunehmend anstrengender, die physische und psychische Belastung sukzessive größer. Immer und immer wieder tun sich Hürden auf im Leben des jungen Alireza, auch sportlich.

Beiranvand: "Vielleicht war es Schicksal"

Beiranvand versucht in dieser Zeit, einen neuen Klub zu finden, um endlich eine dauerhafte Bleibe finanzieren zu können. Weil er ohne Rücksprache mit seinem Verein bei einem anderen Klub trainiert und sich dabei obendrein verletzt, wird Beiranvand bei Naft Novin entlassen. Beiranvand will daraufhin zum FC Homa wechseln, eigentlich ist schon alles klar, doch plötzlich zögert der Manager, den Vertrag zu unterschreiben. Es ist ein Moment der Verzweiflung, erstmals beginnt Beiranvand zu zweifeln, bis es das Leben endlich mal gut mit ihm meint. 

Am Folgetag meldet sich der U23-Trainer von Naft Novin bei Beiranvand. Wohl auch im Wissen um die außergewöhnlichen Anlagen des Torhüter-Talents stellt er Beiranvand eine zweite Chance in Aussicht. "Er sagte mir, ich könne zurückkommen, wenn ich noch keinen Vertrag unterschrieben hätte. Vielleicht war es Schicksal, dass der Homa-Manager mich nicht verpflichten wollte. Vielleicht hätte ich sonst nie das Level erreicht, auf dem ich jetzt bin", sagt Beiranvand dem Guardian .

Zurück bei Naft, im Wissen, dass sein großer Traum wenige Tage zuvor beinahe zerplatzt wäre, dass diese Chance seine letzte sein könnte, wird Beiranvand immer besser. Er wird für Irans Jugendnationalmannschaften nominiert, debütiert 2015 kurz nach seinem 22. Geburtstag für die A-Mannschaft. 2016 folgt der Wechsel zum iranischen Rekordmeister Persepolis Teheran, 2017, 2018 und 2020 gewinnt Beiranvand mit dem Klub den Titel, der zuvor letztmals im Jahr 2008 triumphiert hatte. Die harten Zeiten, sie sind endlich überwunden. 

Alireza Beiranvand Iran 2022Getty Images

Schockmoment bei der WM 2022

Im Iran verzaubert Beiranvand die Fans inzwischen seit Jahren mit seinen Paraden, sein Markenzeichen ist jedoch ein anderes und resultiert aus einem Spiel seiner Jugend. Als Kind warf Beiranvand mit Freunden jahrelang Steine, es ging einzig darum, die schweren Felsbrocken so weit wie möglich in die Landschaft zu befördern. Genau diese Fähigkeit macht sich Beiranvand zunutze. Er wirft den Ball weiter als andere, seine Abwürfe reichen bis tief in die gegnerische Hälfte, sind zudem ungeheuer präzise.

Nachdem er bereits bei der WM 2018 in Russland mit starken Leistungen auf sich aufmerksam machen konnte, erlebte er beim Turnier in Katar gegen England gleich zu Beginn einen Schockmoment. Beiranvand prallte in der Anfangsphase mit Teamkollege Majid Hosseini zusammen und musste nach einer langen Behandlungspause mit dem Verdacht auf eine Gehirnerschütterung und einen Nasenbeinbruch ausgewechselt werden.

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