News Spiele
Mit Video

Ilkay Gündogan von Manchester City im Taktik-Interview: "Man muss beim Gegner Fragezeichen hinterlassen"

15:30 MEZ 18.02.19
GFX Ilkay Gündogan
Ilkay Gündogan spricht im ausführlichen Taktik-Interview über seine Trainer und deren Herangehensweisen. Außerdem: Was ManCity Probleme bereitet.

EXKLUSIV

Ilkay Gündogan braucht auf seiner Position vielleicht noch mehr taktisches Know-how als viele seiner Kollegen. Bei Manchester City spielt der 28-Jährige eine zentrale Rolle im Mittelfeld.

Goal präsentiert in Kooperation mit DAZN das große Taktik-Interview, in dem Gündogan über seine ehemaligen Trainer Jürgen Klopp und Thomas Tuchel sowie über seinen derzeitigen Coach Pep Guardiola spricht.

Gündogan erklärt, inwiefern sich die Trainer ähneln und unterscheiden. Außerdem: Warum Mario Götze der Spieler ist, der Gündogan besonders nachhaltig in Erinnerung blieb und welche drei weiteren Fußballer ihn inspirierten.


Talking Tactics bei DAZN!

Thomas Broich und Jerome Polenz beleuchten für DAZN regelmäßig den taktischen Aspekt des Fußballs. Dieses Mal haben sie Ilkay Gündogan in Manchester getroffen. 

In der Talking Tactics Masterclass dreht sich alles um die Entwicklung des deutschen Nationalspielers und Manchester City unter Pep Guardiola. Im #DAZNbreakfast erscheint Teil 1 am 19. Februar, der zweite Teil am 20. Februar.


Ilkay, Sie wurden oder werden von drei Trainern betreut, die diese Champions-League-Saison maßgeblich prägen: Von Jürgen Klopp und Thomas Tuchel in Dortmund, nun von Pep Guardiola bei ManCity, mit dem Sie am Dienstag im Achtelfinal-Hinspiel beim FC Schalke 04 (21.00 Uhr in Deutschland LIVE und in voller Länge nur auf DAZN) antreten. Wie unterscheiden sich die drei fußball-taktisch?

Ilkay Gündogan: Unter Kloppo hatten wir viele Freiheiten. Sein Spiel ist so ausgerichtet, dass man extremen Druck ausübt, wenn man den Ball verliert. Pep dagegen setzt mehr auf Automatismen. Alles muss in seiner Ordnung sein. Ich empfinde es als großes Privileg, mit Kloppo zusammengearbeitet zu haben und jetzt mit Pep. Aber ich will Thomas Tuchel nicht vergessen. Auch er ist ein geiler Trainer, von dem ich viel gelernt habe.  

Wie tickt Tuchel denn?

Gündogan: Er ist in gewisser Weise der Widerspruch zu Kloppo. Er tickt eher wie Pep und legt auf die vermeintlich simplen Dinge wert.

Was heißt das?

Gündogan: Er hat im Training zum Beispiel immer gepredigt, dass wir den Ball mit dem richtigen Fuß annehmen, mit dem richtigen Fuß weiterspielen und in den richtigen Fuß des Mitspielers spielen. Wichtig waren ihm auch Positionsspiele auf dem Kleinfeld: Klatschen lassen, steil spielen, Klatschen lassen, steil spielen - das war die Devise.

Wie ähnlich sind sich Tuchel und Guardiola?

Gündogan: Unter Thomas haben wir ähnlich wie unter Pep gespielt, und doch ein bisschen anders. Während für Pep das Kurzpassspiel im Fokus steht, agiert Thomas auch gerne mit diagonalen Flugbällen. Bei Dortmund lief es oft so ab: Ein Rückpass kam vom äußeren Mittelfeldspieler auf den Sechser oder Achter. Der wechselte dann diagonal über die gegnerische Abwehr hinweg entweder auf unseren Außenverteidiger, den äußeren Mittelfeldspieler oder auf unseren Stürmer, der einen Laufweg nach außen machte. Wir hatten also drei Optionen. Und ich kann mich noch gut erinnern: Damals spielte Matthias Ginter auf der rechten Außenverteidigerposition und bereitete extrem viele Tore vor. Ich war seine Absicherung, weil ich auf der rechten Achter-Position spielte. Er konnte dadurch den Laufweg machen mit Henrikh Mkhitaryan, der als rechter Außenstürmer spielte. Der Ball kam dann meistens von links. Shinji Kagawa und Julian Weigl spielten diese Bälle oft, diagonal über die Abwehr, und Ginter legte die Bälle einfach quer für Pierre-Emerick Aubameyang, der nur noch einschieben musste. So haben wir einige Tore gemacht. Das ist eine gute Lösung gegen tiefstehende Abwehrreihen. Als Verteidiger ist es sehr schwierig, diese diagonalen Flugbälle einzuschätzen.

ManCity geht als klarer Favorit in die Spiele gegen Schalke. Wie kann man Ihre Mannschaft vor Probeleme stellen?

Gündogan: Unser Spiel ist einfacher, wenn wir Gegner haben, die pressen. Ist das der Fall, entstehen zwangsläufig Lücken, die wir gut bespielen können. Schwieriger tun wir uns, wenn ein Gegner mit zehn Spielern hinten drin steht und wir versuchen müssen, den Gegner hin und her zu schieben, um dadurch die Lücke aufzureißen. Das ist das Schwierigste im Fußball: Einen Gegner zu knacken, der mit allen Männern hinten drin steht. Heutzutage kann sich jeder hinten reinstellen, abwarten und versuchen zu kontern. Das ist nicht so anspruchsvoll wie nach Lösungen gegen dieses Mittel zu suchen. Deswegen ist es in unserem Spiel extrem wichtig, die Gegner aus einem geduldigen Kurzpassspiel heraus mit dem Ball anzulaufen.

Warum ist Kurzpassspiel nicht spektakulär, aber effektiv?

Gündogan: Es sieht manchmal fast arrogant aus, wenn man den Ball über vier, fünf Meter ein paar Mal mit einem Kontakt hin und her spielt, aber jeder Pass, selbst ein Zwei-Meter-Pass, löst irgendetwas beim Gegner aus. Irgendwann passiert etwas: Der Gegner denkt, es sei arrogant oder überheblich, was wir gerade machen, und verliert für einen Augenblick den Kopf, kommt dadurch raus und will vielleicht sogar einen von uns umhauen. So eine Reaktion erzeugt man oft nur durch diese kurzen Pässe. Man muss beim Gegner Fragezeichen hinterlassen, ihn aus der Reserve locken.

Sie mögen das, oder?

Gündogan: Ich mag Ballbesitz und Ballsicherheit. Deswegen bin ich ja hierhergekommen. Ich habe in meiner Karriere auch schon gegen Mannschaften gespielt, die 60 oder 70 Prozent Ballbesitz hatten, und musste dabei feststellen, dass es mir keinen Spaß macht, dem Ball ständig hinterherzulaufen. Ich will Ballbesitz haben. Je öfter ich an den Ball komme und ihn zirkulieren lasse, desto einfacher wird das Spiel für mich. Pässe wiederholen, den Ball laufen lassen, nie zum Ruhen bringen und sich schnell wieder davon trennen – das ist mein Spiel. Ich mag es nicht, den Ball lange am Fuß zu halten. Natürlich gibt es Situationen, in denen es nicht anders möglich ist, in denen du auch mal einen Gegner anlaufen und eine Zwei-gegen-Eins- oder Drei-gegen-Zwei-Situation kreieren und ausspielen musst. Aber grundsätzlich ist das Ballbesitz-Spiel die Art von Fußball, die mir am meisten Spaß macht. Je einfacher es für einen selbst ist, desto einfacher ist es für deinen Mitspieler, der die Aktion weiterführt.

Das ist auch das Erfolgsrezept des FC Barcelona.

Gündogan: Wobei man wissen muss, dass Kurzpassspiel auch extrem schwierig ist. Die Pässe müssen perfekt getimt sein und sauber gespielt werden. Es darf kein Hoppelball kommen, die Pässe brauchen eine gewisse Schärfe, müssen dazu im richtigen Fuß landen. Normalen Zuschauern fällt die Komplexität solcher Aktionen vielleicht gar nicht so sehr auf. Es ist in diesen engen Räumen immer gut, beidfüßig zu sein. Das empfinde ich als das Wichtigste in meinem Spiel.

Sie haben in den vergangenen beiden Jahren 91,4 Prozent Ihrer Pässe zum Mitspieler gebracht. Passen Sie deswegen so gut zu Manchester City?

Gündogan: Thomas Tuchel hat uns damals in Dortmund schon gelehrt, dass es nicht wichtig ist, wie hoch deine Passgenauigkeit ist, sondern wie viele Gegner du mit deinen Pässen auf den Sechser- und Achterpositionen überspielst. Man kann natürlich durch viele einfache Pässe die Prozentzahl erhöhen. Es ist aber wichtig, dass du in der Lage bist, mit Pässen gegnerische Abwehrreihen auszuhebeln.

Auf welcher Position spielen Sie am liebsten? Es fällt schwer, Sie in eine Schublade zu stecken.

Gündogan: Ich sehe mich zwischen der Sechs und der Acht, habe aber gerne auch noch eine Absicherung hinter mir, um auch Offensivakzente setzen zu können.  

Auf der Sechs hätten Sie noch mehr Spieler vor sich, die Sie überspielen könnten.

Gündogan: Es gibt oft Partien, in denen ich auf der Sechs spiele. Da fühle ich mich einerseits extrem wohl, habe viele Ballkontakte. Ich genieße es, den Ball laufen zu lassen und viele Pässe zu spielen - auch mal den tödlichen. Andererseits komme ich auf der Sechs aber nicht so häufig in torgefährliche Situationen. Beim Champions-League-Gruppenspiel gegen Hoffenheim wollte ich zum Beispiel auch mal einen Doppelpass spielen und antreten. Unser Trainer musste mich dann daran erinnern, dass ich alleiniger Sechser bin.

Sie spielen meistens den vorletzten oder vorvorletzten Pass vor einem Tor. Findet das Einleiten von Toren in der Öffentlichkeit zu wenig Beachtung?

Gündogan: Das ist ja zwangsläufig so. Nicht jeder hat die Möglichkeit, Spiele über die kompletten 90 Minuten zu sehen. Gerade, wenn man nicht Fan von Manchester City ist, schaut man sich eher die Highlights an und sieht in den kurzen Sequenzen nicht mehr wirklich, wie unsere Tore entstehen. Ich versuche, mein Spiel trotzdem so einfach wie möglich zu halten, Pässe und Ballannahmen zu perfektionieren und nicht irgendwelche Überdinge machen zu wollen. Ich trainiere keine Tricks wie Übersteiger oder Finten, weil das nicht zu meinem Spiel gehört. Ich versuche die Dinge, die auf meiner Position sinnvoll sind, tagtäglich im Training zu wiederholen. Zum Beispiel, in engen Räumen Lösungen zu finden, um den Spielfluss aufrechtzuerhalten. Das empfinde ich als extrem wichtig. So haben es früher Xavi und Andres Iniesta bei Barca in Perfektion gemacht.  

Welche Positionen finden im Fußball zu wenig Beachtung?

Gündogan: Bei uns sind die Außen- und Innenverteidigerpositionen die Schlüsselpositionen. Nicht nur defensiv, sondern auch offensiv. Das Aufbauspiel geht ja hinten los. Und wenn unser Aufbauspiel nicht so klappt, wie wir das wollen, dann leidet darunter auch unsere Offensive. Den Außenverteidigern kommt defensiv zudem eine viel größere Bedeutung zu, als man glaubt, weil sie immer wieder nach innen rücken, um abzusichern. Denn: Der Gegner kontert meistens über die Außenstürmer. Wenn man denen erst gar nicht die Zeit für die Ballannahme und eine Drehung gibt, hat man 90 Prozent der Konter schon unter Kontrolle. Deswegen macht es Sinn, dass man die Außenverteidiger etwas nach innen zieht. Das ist etwas, das ich vorher auch nicht wusste und erst in Manchester gelernt habe.

Von welchem Mitspieler bei ManCity haben Sie speziell dazugelernt? Vielleicht David Silva, Ihrem Partner auf der Doppel-Acht?

Gündogan: Man lernt mehr über den Fußball an sich, wenn man Spielern wie David zuschaut. David ist in den kleinen Drehungen, bei der Entscheidungsfindung und im Passspiel extrem stark. Wenn du einen Mittelfeldspieler wie David gegen dich hast, der solche Pässe spielt, dann will ich kein Außenverteidiger sein. Es ist egal, ob du ins Eins-gegen-eins gegen David gehen oder den Passweg verteidigen musst - beides ist enorm schwierig. Trotzdem sollte man bei aller Wertschätzung immer aufpassen: Man sollte nicht alles nachmachen wollen, wenn es nicht zum eigenen Spiel passt.

Welcher aktuelle oder ehemalige Mitspieler blieb ansonsten nachhaltig in Erinnerung?

Gündogan: Es gab mal einen Mitspieler, den ich unglaublich fand im Training. Ein Spieler, bei dem ich mir dachte: 'Was macht der eigentlich?' Dieser Spieler war Mario Götze. Da dachte ich mir: 'Der soll erst 18 oder 19 sein?' Ich war selber 20 oder 21 Jahre alt. Als ich angefangen habe, beim BVB mitzutrainieren, hat der Junge im Training Dinge gemacht, bei denen ich mir dachte: 'Wow, wenn der nicht mal ganz nach oben kommt, dann weiß ich auch nicht.' Das war überwältigend für mich.

Welche Dinge waren das genau?

Gündogan: Du hast den Ball einfach nicht bekommen. Ich habe oft versucht, gegen ihn zu verteidigen. Egal, ob der Ball in der Luft oder am Fuß war, du hast es nicht geschafft, ihn vom Ball zu trennen. Mario hat gefühlt immer die richtigen Entscheidungen getroffen, ob im Dribbling oder beim Pass.

Gibt es noch andere Spieler, die Sie im Laufe Ihrer Karriere inspiriert haben?

Gündogan: Früher habe ich Kaka sehr, sehr gerne zugeschaut. Mit seiner Dynamik hat er mit dem Ball am Fuß enormes Tempo aufgenommen und so einige Gegenspieler aussteigen lassen. Es war eine Augenweide, ihm zuzuschauen. Dann gab es natürlich noch Xavi und Iniesta, die klein, wendig und nicht vom Ball zu trennen waren, die richtigen Entscheidungen getroffen und geile Pässe gespielt haben.

Was macht Iniesta so besonders?

Gündogan: Er lässt das Spiel einfach aussehen. Es ist aber nicht so einfach, wie es aussieht. Im Gegenteil: Es ist sehr schwierig. Ich glaube, man weiß das nicht wertzuschätzen, wenn man ihm im Fernsehen zusieht. Gerade bei Barca hat er seinen Stiefel immer locker runtergespielt, fehlerfrei und mit brutalen Pässen. Man hatte das Gefühl, er würde schweben. Was diese Einfachheit angeht, gibt es keinen besseren Spieler als Iniesta.