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Weltmeisterschaft

Ilhan Mansiz: Der letzte Samurai auf dem (Glatt)Eis

15:00 MEZ 06.12.17
GFX Ilhan Mansiz
Mansiz beschert der Türkei ihren größten Triumph, wird zum Spielball der Medien - und dann Eiskunstläufer. Die irre Geschichte eines Lebenskünstlers.

HINTERGRUND

Intuitiv sucht Ümit Davala den Weg nach vorne, über Umwege gelangt er tatsächlich an den Ball. Kurze Berührung, raumgreifende Schritte, auf einen kurzen Blick nach oben folgt die halbhohe, perfekt temperierte Hereingabe. Einen Wimpernschlag später schlägt das runde Kunstleder in den wabenförmigen Maschen ein. Ilhan Mansiz heißt der dankbare Abnehmer für Davalas Flanke, seine langen, zu einem kleinen Dutt gebundenen Haare wippen im Takt des Jubellaufes, die lebendigen Augen sind schmal.

Frisur und Lidfalte in Kombination verleihen Ilhan auf gewisse Weise das Aussehen eines Samurais, ebenjene Krieger, die im vorindustriellen Japan in Erscheinung traten und in der modernen Popkultur zumeist als bezopfte, schwertschwingende Kämpfer dargestellt werden. Rein metaphorisch hatte er also soeben Senegal mit der Präzision eines Samurai einen Stich mitten ins Herz gesetzt – und sich selbst an diesem 22. Juni 2002 den Höhepunkt seiner Karriere beschert. Die türkische Nationalmannschaft steht dank Ilhans Golden Goal im WM-Halbfinale, ein ganzes Land ist im grenzenlosen Freudentaumel.

Das ständige Scheitern und der plötzliche Aufstieg

Dabei deutet zunächst nicht sonderlich viel darauf hin, dass Mansiz eines Tages zum Volkshelden seines Heimatlandes avancieren wird. Im bayrischen Kempten als Sohn türkischer Einwanderer geboren, schließt er sich erst im Alter von 14 Jahren dem SV Lenzfried und damit seinem ersten Fußballverein an. Drei Spielzeiten später wechselt Ilhan in die Jugendabteilung des FC Augsburg. Mit den Fuggerstädtern feiert der Angreifer 1993 den Gewinn der A-Jugendmeisterschaft, ehe der 1. FC Köln auf das Talent aus dem Allgäu aufmerksam wird, ihm letztlich aber keine Chance einräumt.

Über den Bayernliga-Teilnehmer Türkgücü München empfiehlt sich Mansiz bei Genclerbirligi, kehrt aber nach kurzer Zeit wieder nach Deutschland zurück, weil auch dort kaum Einsätze generiert werden. Abermals bei Türkgücü München auf Selbstfindungs- und Aufbautrip ragt der Torjäger heraus, ruft prompt den nächsten Klub aus der Türkei auf den Plan: Zweitligist Kusadasispor. Erstmals in seiner Seniorenlaufbahn nimmt seine Karriere Fahrt auf. Ein Jahr und 19 Pflichtspieltore später geht es weiter zu Samsunspor, 2001 ist Ilhan dem Istanbuler Spitzenklub Besiktas schon fast vier Millionen Euro wert.

Ilhan im Duell mit Frank Lampard (l.)

In der Bosporus-Metropole lernt Ilhan die materiellen Vorzüge und gleichzeitig die privatspährentechnischen Nachteile des Fußballstar-Daseins kennen. Gated Promi-Community auf der einen Seite, keine ruhige Sekunde sobald er seine Blase verlässt auf der anderen. Will Ilhan ins Restaurant, wird er von einem Dutzend Paparazzi begleitet.

Das ständige Rampenlicht in Istanbul veranlasst Ilhan dazu, häufig nach München zu reisen, um dem Trubel zu entkommen. In der bayrischen Landeshauptstadt wird er – in Zeiten ohne Instagram, Facebook und Co. – selten erkannt, dorthin zieht er sich gerne zurück. Dann, im Sommer 2002, die angesprochene Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea, wo vor allem in der K.o.-Runde Ilhans große Stunde schlägt.

Nach seinem legendären Tor gegen den Senegal, dass die Ayyildizilar erstmals in ihrer Geschichte in die Runde der letzten Vier befördert, sorgt er in den beiden ausstehenden Spielen weiter für Positivschlagzeilen: Im Duell mit Brasilien, bei dem sich Mansiz mit seiner Mannschaft am Ende dem späteren Weltmeister mit 0:1 beugen muss, überlistet er Selecao-Superstar Roberto Carlos per spektakulärem Okocha-Trick, das Spiel um Platz drei gegen Gastgeber Südkorea entscheidet er mit zwei Toren zugunsten der Türkei.

"Ich war wie öffentliches Eigentum"

Ilhans Höhenflug hält nicht besonders lange an, ist dafür allerdings von höchster Intensität. "Ich war wie öffentliches Eigentum. Ich konnte es keinem recht machen. Man hat mich als künstliche Person dargestellt – und mich dem freien Fall überlassen", erzählt er heute über seine Zeit als türkische Kurzzeit-Fußball-Ikone.

Anderthalb Jahre nach der WM wechselt er – zum Unverständnis vieler – zu Vissel Kobe nach Japan, anstatt zum womöglich letzten Mal in seiner Karriere noch einmal bei einem europäischen Schwergewicht anzuheuern. Ein Deal, der vor PR nur so trieft: "Wer geht mit 28 Jahren schon nach Japan", sagt Mansiz rückblickend selbst über das Intermezzo im Land der aufgehenden Sonne, wo er aufgrund einer langwierigen Verletzung nie Fuß fasst.

Im Januar 2005 dann der nächste Wechsel: Hertha BSC sichert sich die ablösefreien Rechte an dem Angreifer. Da auch seine Zeit in der deutschen Hauptstadt von diversen Knielädierungen überschattet wird, unternimmt Ilhan einen letzten verzweifelten Versuch, seine ins Stocken geratene Laufbahn noch zu retten. Bei Ankaragücü kämpft er sich zurück, trotzt dem durch zahlreiche Operationen geschundenen Knie, schöpft neue Hoffnung.

Ein Unfall mit Folgen

Eine Hoffnung, die nicht lange währt: In der Winterpause der Saison 2005/06 reist Ilhan wieder einmal nach München, um seinen Fitnesszustand aufzupolieren. Während einer morgendlichen Joggingeinheit passiert es, das Unglück, das Ilhans Comeback-Versuch gänzlich zunichte macht: Der 21-fache Nationalspieler wird in der Ludwigstraße von einer Frau angefahren, als er eine grüne Fußgängerampel überquert. Die Diagnose: Innenbandschaden und Kapselriss, diesmal in dem bis dato noch gesunden Knie.

"Die hat das ja nicht mit Absicht gemacht. Es war ganz einfach Schicksal", konstatiert er das Geschehene später nüchtern im Gespräch mit 11Freunde. Zu dieser Zeit ist er 30 Jahre alt und Sportinvalide. Ilhan hängt seine Fußballschuhe gezwungenermaßen an den vielzitierten Nagel, dreht übergangsweise Werbespots und tritt in türkischen TV-Sendungen auf.

Was damals nur die engsten Vertrauten wissen: Ilhan bastelt fernab der schillernden Fernsehwelt in München pedantisch an einer erneuten Rückkehr auf den Rasen. Sechs Stunden täglich, drei Fitnesseinheiten ohne Ball, die nicht selten bis in die späten Abendstunden dauern, wie er anschließend verrät. Mehrfach reist er in die USA, lässt sich vom namhaften Fitness-Coach Mark Verstegen behandeln. Und tatsächlich zahlt sich das zähe Arbeiten aus. Im Sommer 2009 heuert der damalige 34-Jährige als "Probespieler" bei 1860 München an, hinterlässt in zahlreichen Testspielen bei Trainer Ewald Lienen einen guten Eindruck.

Der sagt über seinen prominenten Neuzugang: "Er will es noch einmal wissen. Wir werden ihm die Chance geben und nichts übers Knie brechen." Ilhan selbst gibt sich in jenem Sommer gewohnt kämpferisch: "Ich will noch vier Jahre auf hohem Niveau spielen", gibt er zu Protokoll. Er überzeugt die Löwen mit seinem Können, eine Verpflichtung nimmt Formen an, bis Ilhan plötzlich umschwenkt. Vor dem letzten Testspiel der Vorbereitung gegen den FC Ingolstadt sucht er Lienen in dessen Kabine auf und erklärt "aus privaten Gründen" ab sofort mit dem Fußballspielen aufhören zu wollen.

Als Eiskunstläufer zu den Winterspielen

Was diese zunächst fadenscheinig anmutenden privaten Gründe sind, und dass sie durchaus kurioser Natur sind, wird erst im Anschluss klar. Ilhan will professioneller Eiskunstläufer werden. Der Hintergrund: Zwei Jahre zuvor hatte er an der türkischen Version von "Stars on Ice" teilgenommen, mit Olga Bestandigowa, einer ehemaligen Profi-Läuferin aus der Slowakei, gewann Mansiz den Wettbewerb, verliebte sich darüber hinaus in seine TV-Partnerin.

Ilhan mit seiner Partnerin Olga Bestandigowa auf dem Eis

Und er verspricht ihr, die schon 2002 bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City an den Start gegangen war, dass sie gemeinsam als Eiskunstlaufpaar bei Olympia in Sotschi antreten werden. Seit seiner Absage an Lienen und 1860 trainieren Ilhan und Olga im beschaulichen Oberstorf, mieten sich eine möblierte Wohnung, bezahlen Eiskunstlauf-Guru Karel Fajfr ein Heidengeld, um den Traum zu realisieren. Ein Heilpraktiker, auf den Ilhan in dieser Zeit schwört, stellt ihn ein, gewährleistet, dass die siebenfach operierten Knie ihren Dienst verrichten können.

Den Samurai-Look hat Ilhan da längst abgelegt, vielmehr wirkt er mit seiner schicken Kurzhaarfrisur wie ein softer Hollywood-Schauspieler, dem die Damenherzen zuhauf zufliegen. "Ich meine es ernst. Ich habe alles aufgegeben: soziale Kontakte, Verdienstmöglichkeiten“, sagt er im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Mehr als zehn Stunden Tag für Tag verbringen Mansiz und seine Partnerin auf dem Eis, ziehen russische, türkische, japanische Medien ins graue und triste Oberstorf, das bis dahin höchstens aufgrund seiner Skisprungschanze über die Grenzen hinaus bekannt ist.

Neben dem ungleichen Paar trainieren auch die besten Eiskunstläufer Deutschlands dort und zeigen als gestandene Profis des Geschäfts Ilhan immer wieder seine Grenzen auf. "Man muss realistisch sein. Das mit Olympia wird schwer", ordnet Alexander König, Trainer des Meisterduos Maylin Hausch und Daniel Wende, Mansiz’ Chancen auf Sotschi ein, würdigt aber dennoch den unbändigen Willen des Ex-Fußballers.

Der nächste geplatzte Traum

Königs Prophezeiung – das wird drei Jahre später klar – sollte eintreten. Im September 2013 stehen die Qualifikationsläufe für Sotschi auf dem Programm, bei denen Ilhan und Olga in Oberstorf den letzten Platz belegen. Einen Monat später gehen die beiden auch in Bratislava als Verlierer vom Eis. Ende selbigen Jahres erklärt Ilhan auch seine nächste, seine Karriere als Eiskunstläufer für beendet.

Mittlerweile – so lässt zumindest Ilhans Instagram-Profil vermuten – hat sich der Lebenskünstler das Golfspielen als neues Hobby zugelegt, einen Sport, der irgendwo zwischen Fußball und Eiskunstlauf liegt, zugleich aber auch der Inbegriff des Geläutertseins ist. Ob er mit dem Golfschläger allerdings eine ähnliche samuraiartige Präzision an den Tag legt wie damals, an dem Tag, als der kleine Junge aus Kempten der Türkei ihren größten fußballerischen Triumph auf Nationalmannschaftsebene sicherte, ist nicht überliefert. Selbst wenn nicht, Ilhan, der ewige Kämpfer, der so häufig zurückgeworfen wurde, hat zumindest bewiesen: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg – selbst wenn er aufs (Glatt)Eis führt.