Victor Ikpebas Absturz beim BVB: Der "kleine Gott", der sich von Dortmund "zerstört" fühlte

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Mit einer Vielzahl an Titeln und Skandalen im Gepäck wechselte Victor Ikpeba 1999 aus Monaco zum BVB. Dort katapultierte er sich schnell ins Abseits.

HINTERGRUND

"In Frankreich darfst du leben, wie du willst – hier nicht. Als ich kam, war ich eine Persönlichkeit, hatte Temperament und lachte gerne. Das alles wollte man zerstören, um mich den anderen gleichzumachen. Sie brachen meinen Stolz." Mit diesen gleichermaßen harschen wie vorwurfsvollen Worten rechnete Victor Ikpeba 2001 in einem Interview mit L’Equipe mit Borussia Dortmund ab. Mit dem Verein, bei dem er zum damaligen Zeitpunkt wohlgemerkt noch unter Vertrag stand.

Michael Meier, seinerzeit Geschäftsführer bei den Westfalen, weist die Anfeindungen des Nigerianers Jahre später im Gespräch mit Goal und SPOX rigoros zurück: "Das ist völlig substanzlos. Er wurde genauso menschlich behandelt, wie es für alle Spieler bei Borussia Dortmund galt."

Eine Zukunft bei den Schwarz-Gelben hatte der erst zwei Jahre zuvor als Königstransfer von der AS Monaco präsentierte Stürmer folglich keine mehr. Ohnehin war Ikpebas Zeit in Dortmund von skandalösen Auftritten geprägt. Dabei wussten die Verantwortlichen von Anfang an, worauf sie sich einließen.

Victor Ikpeba bei der AS Monaco: Getragen von der französischen Fußballelite

1993 war es, da holte Arsene Wenger, damals noch in Diensten der Monegassen, den aufstrebenden Ikpeba vom belgischen Erstligisten RFC Lüttich ins Fürstentum. Der zu diesem Zeitpunkt 20-Jährige galt als Sturm-Talent mit großem Potenzial und war gerade erst zum besten afrikanischen Spieler der belgischen Liga gekürt worden.

Bei den Franzosen entwickelte sich Ikpeba zu einem international anerkannten Torjäger, umgeben von Weltstars wie Thierry Henry, Emmanuel Petit, Fabien Barthez oder David Trezeguet. Mit der nigerianischen Nationalmannschaft gewann er bei den Olympischen Spielen 1994 die Goldmedaille und krönte sich 1996 zum Afrikameister. Auch auf Vereins- und persönlicher Ebene war Ikpeba erfolgreich: 1997 steuerte er 13 Treffer zum Gewinn der französischen Meisterschaft bei, im selben Jahr durfte er sich Afrikas Fußballer des Jahres nennen. Ikpeba fühlte sich wohl, sportlich wie privat. Ob teure Sportwagen, pompöse Partys oder feinste Markenmode – er genoss das Leben im Glamour in vollen Zügen.

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Quelle: imago images / PanoramiC

Ende der Neunziger war von Ikpebas sportlichem Glanz allerdings nahezu nichts mehr übrig, vielmehr sorgte er abseits des Platzes für Schlagzeilen. So beschimpfte er Wenger-Nachfolger Jean Tigana, bei dem er in Ungnade gefallen war, als Rassisten. Der Vorwurf: Tigana ziehe ihm Henry und Trezeguet nur aufgrund des Weltmeistertitels mit Frankreich vor. Auch in der Nationalmannschaft eckte Ikpeba an, warf den Verantwortlichen vor, ihn wegen seiner Stammeszugehörigkeit auszugrenzen. Zudem behauptete er, die Super Eagles seien in Mafiageschäfte verwickelt und wurde daraufhin suspendiert.

Ein Verbleib im Fürstentum war im Sommer 1999 quasi ausgeschlossen. In Dortmund hielt man zeitgleich Ausschau nach einem neuen Torjäger, wurde Wunschkandidat Paulo Sergio von der AS Rom den Borussen doch ausgerechnet von Erzrivale FC Bayern München vor der Nase weggeschnappt. Ein Ereignis, das man nicht auf sich sitzen lassen wollte – das wiederum spielte Ikpeba in die Karten. Also präsentierte der BVB den Nigerianer schon bald als neuen Mann. Für die Dienste des 26-Jährigen griffen die Verantwortlichen für damalige Verhältnisse tief in die Tasche. Rund zwölf Millionen Mark überwiesen die Schwarz-Gelben an die Cote d’Azur.

Im Ruhrpott war man sich seinerzeit sicher, mit Ikpeba einen der größten Namen auf dem Markt verpflichtet zu haben und schickte prompt eine Kampfansage in die bayrische Landeshauptstadt. "Wollen wir doch mal sehen, wer den besseren Stürmer geholt hat", frohlockte Vereinspräsident Gerd Niebaum bei der Vorstellung des neuen Hoffnungsträgers.

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BVB-Neuzugänge 1999 um Victor Ikpeba (hinten rechts)

Quelle: imago images / Brenneken

Ikpebas Wechsel zum BVB: Fortsetzung folgt

Auch die jüngsten Vorfälle in Monaco schreckten die BVB-Bosse nicht ab. Vielmehr bekräftigten sie, sich mit solchen Verhaltensweisen auszukennen.

Es sollte nur wenige Wochen dauern, ehe man sich eines Besseren belehrt sah. Zur Vorbereitung erschien Ikpeba in einer körperlich schlechten Verfassung. Nachdem er in den ersten Spielen der Saison 1999/2000 nicht überzeugte, strich ihn Cheftrainer Michael Skibbe aus der Startelf. Das nahm der Profi zum Anlass, zu einer Trainerschelte auszuholen. "Ich habe das Gefühl, dass sie mich reingelegt haben", tobte Ikpeba im Gespräch mit dem damaligen Sportsender DSF: "Vielleicht hat der Trainer ja keine Verwendung für mich. Dann sollte er mir das sagen. Dann kann ich versuchen, woanders hinzugehen."

Während Ikpeba nach eigener Aussage in Monaco wie ein "kleiner Gott" verehrt worden war, sei er in Dortmund "ein Niemand" ohne Vertrauen seitens des Klubs. Der Unmutsbekundung folgte eine Strafe über 15.000 Mark sowie die Verbannung auf die Tribüne für die Partie gegen Eintracht Frankfurt.

Zwar zeigte Ikpeba eine Reaktion und traf in der Folgewoche gegen Hansa Rostock gleich doppelt, doch wer meinte, er hätte aus seinen Fehlern gelernt, wurde schnell von der Realität eingeholt. Auf eine verbale Auseinandersetzung mit Andreas Möller in der Halbzeitpause des Spiels gegen Arminia Bielefeld folgte eine körperliche im Training mit Sead Kapetanovic. Auch mit dem Gesetz geriet Ikpeba aneinander, wurde wegen Beamtenbeleidigung angezeigt, nachdem er bei einer Polizeikontrolle angeblich Rassismusvorwürfe geäußert hatte. "Sie haben mich wie einen Hooligan behandelt. Ich weiß nicht, ob sie das mit einem Weißen auch getan hätten", wetterte Ikpeba hinterher öffentlich.

Ikpebas schwerer Schicksalsschlag

Sportlich sollte Ikpeba nicht mehr zurück in die Spur finden, was laut Meier "nicht nur an Borussia Dortmund, dem Trainer oder der Mannschaft" lag. Die Umstellung weg vom glamourösen, königlichen Monaco auf den von Maloche geprägten Ruhrpott war problembehaftet und gelang nicht ohne weiteres. "In Monaco war er außergewöhnlich. Im Anschluss haben mich viele Leute kontaktiert und gesagt, dass mit ihm hier irgendetwas nicht stimmen konnte", erklärt Meier: "Als ich bei einer Auslosung in Monaco war, habe ich ihm scherzeshalber gesagt, dass ich verstehen kann, weshalb er in Dortmund nicht funktionierte." Ikpeba habe daraufhin nur gelacht.

"Monaco ist eine Traumwelt", begründet Meier die Anpassungsprobleme seines früheren Schützlings. "Dort gibt es keinen Druck. Er hatte in Monaco einen unglaublichen Stellenwert, den er sich in Dortmund nicht erarbeiten konnte. Wenn du nicht alles gibst, die Tore nicht machst, hast du keine Argumente bei den Zuschauern."

Victor Ikpeba Borussia Dortmund 1999
Quelle: Getty Images

Erst später sollte sich herausstellen, dass Ikpebas Auftreten auf und abseits des Platzes nicht ausschließlich mit seinem Charakter oder dem vermeintlichen Kulturschock zusammenhing. Im Mai 2000 war seine Ehefrau mit nur 24 Jahren an Brustkrebs verstorben. Die Krankheit hatte Ikpeba über Monate hinweg sogar vor engsten Vertrauten geheim gehalten. BVB-Boss Meier war involviert, begleitete den früheren Monegassen sogar ans Sterbebett. "Während dieser Phase habe ich mich intensiv um ihn gekümmert. Das hat ihm den Boden unter den Füßen weggezogen", erinnert sich der heute 70-Jährige und nimmt Ikpeba in Schutz: "Dieses Schicksal gönnt man niemandem. Das war rückblickend womöglich der Grund, weshalb es sportlich nicht wie erhofft lief."

In der Saison 2000/01 fand Ikpeba allerdings auch unter dem neuen Coach Matthias Sammer nicht zurück in die Spur. Sammer ermöglichte dem Offensivspieler zwar ein Comeback mit zehn Pflichtspielen, legte in seiner Spielphilosophie jedoch viel Wert auf das Läuferische – eine Komponente, die nicht zu Ikpebas physischem Stil passte.

“Hier hat man mich zerstört“

Im Sommer 2001 beendete Ikpeba schließlich das Kapitel BVB nach lediglich vier Toren in 37 Pflichtspielen vorerst und ließ sich zu Real Betis nach Sevilla ausleihen. Just als es um den einstigen Königstransfer ruhig geworden zu sein schien, holte dieser im skandalösen L’Equipe-Interview zu einem Rundumschlag gegen seinen Stammklub aus.

Er rechnete mit allen ab, dem Verein, den Medien. "Man hat mich zerstört und die Presse genutzt, um skandalöse Dinge über mich zu verbreiten. So etwas habe ich noch nie erlebt." Gegen den BVB erhob Ikpeba schwere Vorwürfe. "Ich bin Afrikaner. Wenn ich zur Nationalmannschaft gereist bin, schrieb die Presse, ich wäre in den Ferien. In der Kabine beschwerten sich die Spieler, es seien zu viele Schwarze im Verein. Als Brasilianer wäre manches sicher besser gelaufen", so Ikpeba.

Dem plötzlichen Entgegenkommen seitens der Borussia traute Ikpeba nach dem Tod seiner Frau ebenso wenig. Für ihn war klar, dass man ihn nur "aus Mitleid" spielen ließ, "um mich zu trösten". Der Verlust seiner Frau sei "das Grausamste, was mir je in meinem Leben passiert ist. Nur wegen ihr hielt ich durch. Sie stand immer hinter mir. In Lüttich, Monaco. Heute ist sie bei Gott und ich glaube, sie will mich öfter spielen sehen."

Ikpeba: Nie mehr in Höchstform

In Dortmund sollte es dazu nicht mehr kommen. "So geht es nicht weiter. Er soll uns einen Verein präsentieren, mit dem wir sprechen können", sagte Manager Michael Zorc. Nach einem ebenfalls unglücklichen Engagement in Andalusien zog es das BVB-Missverständnis zu Al-Ittihad nach Libyen. Kostenpunkt: eine Million Euro. Ikpeba versuchte sich noch einmal in Belgien und Katar, wo er jedoch nicht mehr an seine Höchstform zu Ligue-1-Zeiten anknüpfte, ehe er 2005 seine Karriere endgültig beendete.

Und so bleibt Ikpeba den meisten Borussen als Skandalprofi in Erinnerung, der in Dortmund nie Fuß fassen konnte. Die Bosse hatten im Sommer 1999 alle Warnsignale ignoriert.

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