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Frankreichs Ibrahima Konaté im Interview: "Meine Eltern wissen nicht, wie viel ich verdiene"

11:46 MEZ 22.11.22
France Croatie 2022 Ibrahima Konaté
Ibrahima Konaté hat den Sprung in Frankreichs WM-Kader geschafft. Im Interview spricht er über seine Familie und seine Karriere.

Am Mittwoch, den 9. November, war Ibrahima Konaté gegen 20 Uhr allein zu Hause in Liverpool. Zu dieser Zeit wurde der französische Kader für die WM in Katar bekanntgegeben, und der frühere Leipziger wartete gespannt, ob sein Name auf der Liste stehen würde. Diesen besonderen Augenblick verfolgte er mit seiner Familie, die in seinem Leben eine wichtige Rolle spielt, nur über FaceTime. "Ein außergewöhnlicher, unvergesslicher Moment, aber ich habe ihn allein erlebt", bedauert er.

Am Dienstagabend bestreitet Frankreich sein erstes WM-Spiel gegen Australien, zuvor tauchte "Ibou" im Interview mit GOAL und SPOX in die Geschichte seiner Familie ein und erzählt von der Rolle seiner Eltern und Brüder bei seinem Aufstieg von Sochaux über Leipzig bis Liverpool. Und jetzt auch bis in die Équipe Tricolore.

Die Familie nimmt einen wichtigen Platz in Ihrem Leben ein. Beginnen wir mit Ihren Eltern. Wie haben sie Ihnen geholfen, so weit zu kommen?

Ibrahima Konaté: Es ist die Erziehung, die sie mir gegeben haben. Und wenn ich von Erziehung spreche, dann meine ich die Grundlagen. Es ist wie bei einem Gebäude: Wenn das Fundament nicht solide ist, stürzt alles ein. Diese Erziehung dient dir auf allen Ebenen, sei es in der Schule, bei der Arbeit oder im Umgang mit anderen Menschen. Nicht betrügen, nicht lügen, die Dinge zu 100 Prozent erledigen, jeden respektieren. Das sind Dinge, die dafür sorgen, dass die Leute dich mögen, die Trainer, die Lehrer, und dass sie dir helfen, dich zu verbessern und Selbstvertrauen zu haben, um noch mehr Fortschritte zu machen.

Ganz konkret: Wie hat Ihnen Erziehung bis jetzt geholfen?

Konaté: Ich möchte eine Geschichte erzählen. Eines Tages im Nachwuchszentrum rief mich Eric Hély (ehemaliger Leiter des Nachwuchszentrums von Sochaux und Trainer von Jugendmannschaften, heute verantwortlich für die U19 von Olympique Lyon; Anm. d. Red.) zu sich. Ich habe ihn gefragt, ob ich etwas Dummes gemacht hätte, und er antwortete 'Nein', aber er wollte mit mir über einen jungen Mann aus dem Nachwuchszentrum sprechen, von dem er den Eindruck hatte, dass er sich nicht allzu sehr integriert fühlt.

Er war mehrere Köpfe kleiner als ich, er war sehr klein. Und als Eric Hély ihn fragte, wer seine Freunde seien, hatte er meinen Namen genannt und das hatte Hély überrascht. Als er mich zu sich zitierte, habe ich ihm gesagt, dass ich mit jedem spreche und keinen Unterschied mache. Er wollte es mir nicht direkt sagen, aber ich habe in seinem Blick gesehen, dass er stolz auf mich war. Hély trainierte mich, gab mir Ratschläge, machte mich zum Kapitän und sprach mit dem Trainer der Profis über mich. Das ist eines der Beispiele, bei denen mir meine Erziehung geholfen hat.

Konaté: "Eltern können nicht zwischen dem Spaß ihres Kindes und ihrem Spaß unterscheiden"

Ihre Eltern haben sich immer vom Fußball ferngehalten ...

Konaté: Ehrlich gesagt ist der Fußball meinen Eltern egal. Es sind eher meine Brüder, die sich darum kümmern, was um mich herum im Fußball passiert. Meine Eltern wissen nicht, wie viel ich verdiene. Sie sind wirklich weit weg. Sie sehen sich meine Spiele an, rufen mich an und fragen mich, wie es mir geht. Mein Vater sagt mir immer: "Arbeite gut, nimm dich nicht so wichtig." Und meine Mutter fragt mich oft, ob ich keine Wehwehchen habe, das ist ihre beschützende Seite.

Hat es Ihnen geholfen, dass Sie in jungen Jahren keinen Druck von der Familie bekommen haben und sich die Freude am Fußball bewahren konnten?

Konaté: Natürlich hat es mir geholfen. Heutzutage gibt es viele Eltern, die nicht zwischen dem Spaß ihres Kindes und ihrem eigenen Spaß unterscheiden können. Sie sehen Spieler, die es geschafft haben und denken, dass das jeder schaffen kann, aber so ist es nicht. Es steckt viel Arbeit und Opferbereitschaft dahinter, bevor es so weit kommt. Und vor allem muss es den Kindern Spaß machen, denn der Beruf des Fußballspielers ist nicht nur ein Vergnügen. Es ist ein Beruf mit Höhen und Tiefen, mit Schwierigkeiten und Druck.

Als sich die Möglichkeit ergab, in ein Nachwuchszentrum zu gehen, haben Ihre Eltern Ihnen trotzdem geholfen?

Konaté: Meine Mutter wusste nicht, was ein Nachwuchszentrum ist. Als wir ihr erklärten, dass Sochaux mich wollte und dass der Verein bereit war, mich unter Vertrag zu nehmen, sagte sie 'Nein'. Sie wollte mich bei sich behalten. Danach haben wir uns unterhalten und sind zu einer Besichtigung aufgebrochen. In Wirklichkeit lag ihr das Drumherum am Herzen. Als wir dort ankamen, besichtigten wir die Schule und bekamen beschrieben, wie es dort ablief, dass wir nur wenige Kinder in der Klasse waren und dass das für die Erzieher ein wichtiger Punkt war. Sie hat schließlich zugestimmt, weil die Schule ein sehr wichtiger Punkt für sie war.

Heute sind es Ihre Brüder, die Ihre Karriere begleiten. Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Konaté: Sie sind schon da, seit ich mit dem Fußball angefangen habe. Je älter du wirst und je mehr Schritte du im Fußball machst, desto mehr merkst du, dass es viele Leute gibt, die versuchen, an dich heranzukommen. Manchmal ziehst man Bilanz und stellt dann fest, dass die Menschen, die einen umgeben, nur ein persönliches Interesse haben. Meine Brüder aber wollen mein Bestes und sie sind die einzigen Menschen, denen ich vertrauen kann.

Ibrahima Konaté: "Es ist wie ein Puzzle"

Gab es immer einen positiven Ansatz?

Konaté: Ja. Ich habe mehrere Brüder und jeder hat eine andere Sichtweise, jeder bringt seinen Standpunkt zu bestimmten Themen ein und am Ende liegt die Entscheidung bei mir. Sie sind ehrliche Menschen. Ich habe zum Beispiel einen Bruder, der eine Beraterlizenz hat. Er hätte mich vertreten können. Aber warum kümmert er sich nicht um mich? Weil er weiß, dass er heute nicht unbedingt die Fähigkeit hat, sich um mich zu kümmern, wenn er sich anschaut, was für ein Spieler ich geworden bin. Und das akzeptiert er! In dem Moment, in dem er das akzeptiert, gibt es keinen Stress - und das ist wunderbar.

Einer Ihrer Brüder hat Ihnen einmal einen seiner Freunde vorgestellt (Souleymane Doukara, der bei Catania und Leeds spielte), der Fußballer ist und nicht das Glück hatte, ein Nachwuchszentrum zu durchlaufen ...

Konaté: Ich habe ihn einige Jahre vor meinem Start im Nachwuchszentrum von Sochaux kennengelernt. Er hat mir Folgendes mitgegeben: "Im Fußball gibt es keine Geschenke, du musst im Training alles geben und nicht nur zum Spaß spielen, wie es manche tun." Zu diesem Zeitpunkt war ich mir nicht sicher, ob ich mit 13 oder 14 Jahren ins Nachwuchszentrum gehen oder bis 15 warten sollte. Er sagte mir, ich solle gehen, weil er das Umfeld kannte, wo es schlechten Einfluss geben kann. Ich sollte mich nicht selbst auf dem Weg verlieren, wenn ich das Ziel hatte, Profifußballer zu werden.

Als Sie sich für den FC Liverpool entschieden haben, wie haben sie Ihnen geholfen?

Konaté: Als wir hörten, dass Liverpool sich gemeldet hat, haben wir uns zusammengesetzt und alle miteinander gesprochen. Okay, es gibt Liverpool, es gibt Leipzig, was machen wir jetzt? In unserer Diskussion blicken wir auf die nächsten vier oder fünf Jahre und jeder gibt seine Idee und seinen Standpunkt zum Besten. Jeder sagt etwas anderes und niemand wird zu dir sagen, dass du falsch liegst. Es ist wie ein Puzzle, wenn ich erst einmal alle Standpunkte von jedem zusammen habe, dann sehe ich die Dinge klarer. Und die Entscheidung ist leichter zu treffen, aber am Ende bin ich es, der die Entscheidung trifft.

Und am Ende sind es wirklich Sie, der die Entscheidung allein trifft?

Konaté: Ja, die Entscheidung liegt immer bei mir. Es kommt vor, dass ich mich dann zurückziehe. Manchmal brauche ich eine Phase der Reflexion. Aber was mir klar geworden ist, ist, dass es keine schlechte Entscheidung gibt, solange die Menschen um dich herum dich lieben und dich unterstützen. Du triffst eine Entscheidung, gehst los und tust alles, was du kannst, damit es gut wird. Niemand sagt, ich habe es dir doch gesagt.

Sie arbeiten auch mit Beratern zusammen. Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit ihnen?

Konaté: Warum habe ich mich für die Zusammenarbeit mit Stellar entschieden? Mir hat an ihrer Ansprache gefallen: "Wir wollen nur, dass du dich auf den Fußball konzentrierst. Für alles andere abseits davon schickst du uns eine Nachricht, wir kümmern uns darum. Du brauchst einen Ernährungsberater, einen Physiotherapeuten, was auch immer du brauchst, du schickst uns eine Nachricht." Das sind Dinge, die wir als Profis brauchen. Und auf einer gewissen Ebene helfen Leute, die Glaubwürdigkeit und Erfahrung haben. Sicherlich werden sie aber auch Verträge besser verhandeln als jemand, die der keine Erfahrung hat und aus dem Nichts kommt.