EXKLUSIV
Plötzlich springt es dann doch ins Auge, in die völlige Ruhe hinein, die in Kombination mit der spätherbstlichen, norddeutschen Sonne fast idyllisch daherkommt: das Wappen der Kieler Sportvereinigung Holstein. Ein von im Meereswind wiegenden Gräsern umfasster Pfosten ist von Kopf bis Fuß mit Holstein-Stickern beklebt – das erste Zeichen seit dem Hauptbahnhof, dass hier in Kiel gerade etwas Großes entsteht, dass die Menschen zum ersten Mal seit langer Zeit vom Fußball euphorisiert werden und nicht mehr nur vom Handball. Der Pfosten steht mit drei ebenfalls beklebten Kollegen an der Uferstraße, kein Mensch ist zu sehen, es ist still, der Nord-Ostseekanal ist ganz nah, jener Kanal, der die beiden Meere der Deutschen miteinander verbindet und irgendwie ganz gut passt zum Wahnsinn, den sie in Kiel derzeit erleben.
Denn auf der einen Seite ist da der nunmehr seit fast eineinhalb Jahren andauernde und ein wenig wie ein Fußball-Märchen anmutende sportliche Erfolg. 2016/17 stieg der Verein nach 36 Jahren wieder in die 2. Liga auf. In dieser sorgt er mit tollem Fußball für Furore, ist als Aufsteiger mit bereits sieben Punkten Vorsprung auf Platz vier Tabellenführer (am Montag kann Düsseldorf vorbei ziehen). Auf der anderen Seite merkt man bereits nach wenigen Minuten auf dem Trainingsgelände, dass die familiäre Atmosphäre, die allenthalben in Interviews hervorgehoben wird, keine Floskel ist. Ein Vater wartet mit seinem Sohn auf einem der kleinen Stühle vor der winzigen Cafeteria, die geschlossen hat. Es gibt einen Tischkicker, einen leeren Sinalco-Kühlschrank, Kaffee für 70 Cent und ein Plakat wirbt für die 20. Ausgabe der Lotto Masters – ein Hauch von regionaler Fußball-Romantik.
Erschließt man den Komplex der Kieler weiter, stößt man auf weitere Kontraste. Denn die rührende Atmosphäre irgendwo zwischen Kreisliga-Bratwurst und lokalem Charme endet mit dem Verlassen des Cafeteria. "Das ist das einzige Gebäude, das hier nicht neu ist", heißt es auf Nachfrage. Alles andere dagegen ist zwar nicht in den Dimensionen eines Bundesliga-Top-Klubs, aber dennoch höchst professionell ausgestattet. Das Leistungszentrum der Jugend, das vor etwas über einem Jahr mit dem ersten Stern vom DFB ausgezeichnet wurde, ist nur wenige Meter von den Profis entfernt, die sich auf dem Hauptplatz langsam anfangen aufzuwärmen. Die Kontraste, sie sind überall zu spüren. Mit einem Bein bereits auf dem professionellen Boden, der in den letzten Jahren durch erstklassige Arbeit geschaffen wurde, mit dem anderen noch immer auf dem eher gemütlich daherkommenden der langen Drittliga-Jahre.

Maximilian Schmeckel (M.) beim Interview-Termin in Kiel mit Markus Becker (l.) und Markus Anfang
"Die Entwicklung war so schnell, dass viele Bereiche erst nachwachsen müssen", bestätigt, Ralf Becker, der Macher des Erfolgs, im exklusiven Interview mit Goal. "Aktuell befinden wir uns in einer Phase, in der wir uns erst oben etablieren und dann dafür sorgen wollen, dass alles andere Schritt für Schritt nachwächst. Die Schaffung von Strukturen wird keine Arbeit sein, die in ein, zwei Jahren getan ist, sondern ein langfristiges Projekt." Becker ist seit Mai 2016 im Amt. Zuvor war er NLZ-Leiter und Chefscout beim VfB Stuttgart, Trainer bei Ulm und Co-Trainer beim Karlsruher SC. Becker, der in Pulli, Hemd und Jeans in seinem sonnendurchfluteten Büro im ersten Stock der Geschäftstelle sitzt, war es, der sich in der vergangenen Saison nach vier Spieltagen dazu entschloss, Karsten Neitzel zu entlassen und Markus Anfang, damals erst gerade erst vom U17- zum U19-Trainer bei Bayer Leverkusen aufgestiegen, zu installieren.
"Es war eine schwierige Phase. Man macht sich Gedanken über ein grundlegendes Anforderungsprofil. Es sollte jemand sein, der zu uns als Verein passt, der mit einer guten Mannschaft guten Fußball spielen lässt und der, wie wir als Verein, vorankommen will", erinnert sich Becker. "Nach 35 Jahren wollten wir endlich aufsteigen. Wir haben uns getroffen, und nach dem Gespräch war schnell klar, dass es passt." Anfang, der am gleichen Tisch sitzt und Kaffee trinkt, war mit der U17 der Werkself um Kai Havertz gerade Deutscher Meister geworden und wollte seinen Erfolg nun mit der U19 fortführen. Überlegen musste er damals trotzdem nicht lange. "Für mich kam das aus heiterem Himmel", erzählt er. "Bei Leverkusen hatte sich die Trainersituation verändert – nicht gerade in eine einfache Richtung. Ich hatte damals das Gefühl, dass es der richtige Zeitpunkt ist, den nächsten Schritt zu machen."
Und sie beide, Becker und Anfang, hatten recht: Anfang passte zum Verein, zum Team. Schon im ersten Jahr von Beckers Drei-Jahres-Plan stieg Holstein auf. Autokorso, Bierduschen, Euphorie. "Nie mehr 3. Liga", sangen die Spieler nach dem Triumph – und scheinen es ernst zu meinen. In Liga zwei und mit nur punktuell verstärkter Mannschaft, die vor der Saison von vielen als klarer Abstiegskandidat gehandelt wurde, sind die Störche die Überraschung der Saison. Marvin Ducksch, Dominick Drexler und Co. haben die meisten Tore des deutschen Unterhauses erzielt, überragende 34 nach 15 Spieltagen.
"Geht um den Menschen hinter dem Spieler"
"Wir gehen mit viel Überzeugung und Mut, aber auch mit Respekt in unsere Spiele. Es geht für uns nie darum, rauszugehen, um etwas zu verhindern, sondern darum, rauszugehen, um etwas zu gewinnen", sagt Anfang mit Nachdruck und trinkt einen Schluck Kaffee. Becker daneben guckt konzentriert und nickt. Dabei hört er das nicht zum ersten Mal. Der Medienandrang ist enorm in diesen irren Tagen in Kiel. Sie alle wollen das Geheimnis hinter dem Überraschungsteam finden, die Formel zum Erfolg, die Becker und Anfang kreiert haben. Die Presse zerlegt das Holstein-Spiel in seine taktischen Komponenten und schreibt über Anfang, den Meister der Taktik, und Becker, den Meister der Kaderplanung.
Die beiden, die als junge Spieler einst gemeinsam bei Bayer Leverkusen spielten, der vier Jahre ältere Becker bereits als Profi, Anfang als angehender, sehen das freilich nüchterner. "Ich glaube, man hat als Trainer immer eine ähnliche Aufgabe. Egal, ob man in der Jugend, in der Kreisklasse oder im Profibereich arbeitet: Du musst eine Mannschaft formen, die Spieler besser machen", sagt Anfang und betont dann den Stellenwert des Menschlichen in seiner Arbeit als Trainer. "Es geht immer um den Menschen hinter dem Spieler. Nur weil einer ein schlechtes Spiel gemacht hat, ist er deswegen ja kein schlechter Mensch. Deswegen versuche ich alle als Menschen gleich zu behandeln."
Menschlichkeit und das Ziel, die Spieler besser zu machen als Formel zum Erfolg? In Kiel ist es selbstredend noch deutlich mehr, das diesen besonderen Charakter schafft. Denn der Verein wird stets im Gesamten betrachtet, weshalb die Jugendarbeit auf höchstem Niveau stattfindet und der 17-jährige U-Nationalspieler Noah Awuku (siehe Bild unten) längst nicht mehr der einzige Kieler ist, der in der Jugend das DFB-Trikot trägt.
"Marke Holstein" in der Jugend
Der Mann, der, freilich in enger Zusammenarbeit mit Becker und Anfang, die Geschicke des Nachwuchsleistungzentrums, das fünf Plätze und eine Arena umfasst, leitet, ist seit 2010 Fabian Müller. Der 37-Jährige aus der Volleyball-Stadt Friedrichshafen arbeitete zuvor als Co-Trainer unter Wolfgang Sidka in Katar, beim Schweizer Klub Schaffhausen und in Offenbach. "Ich möchte, dass wir eine Marke Holstein Kiel schaffen, mit der klar verbunden ist, was unsere Nachwuchsarbeit auszeichnet", sagte er bei seinem Amtsantritt. Sieben Jahre später sitzt er in einem Konferenzraum und redet ruhig und eloquent über seine Arbeit.
"In der Grundschule ist es sehr wichtig, welchen Klassenlehrer die Kinder haben. Wenn sie einen guten Lehrer haben, ist das Fundament für eine erfolgreiche schulische Laufbahn gelegt. Genau so sehen wir es hier auch", sagt er im Goal-Interview. "Wir haben einen Koordinator im Bereich U12 bis U15, der die Trainer im Grundlagenbereich noch besser macht, um die Basis für den Leistungsbereich zu legen. Diesen Fokus haben wir nie vergessen, uns ging es nie nur um die Aushängeschilder U17 und U19. Das verstehe ich unter Nachwuchsarbeit."
Müller betont wie Anfang das Menschliche: "Die große Blase Fußball kann sehr schnell platzen, nur ein geringer Teil wird am Ende Profifußballer. Deswegen bereiten wir unsere Jungs nicht nur auf das Leben als Fußballer vor, sondern auf das Leben an sich." Es gehe nicht darum, Fehler zu vermeiden, sondern darum, den gleichen Fehler nicht zwei oder dreimal zu machen.

Müller und seine Kollegen haben es geschafft, eine Marke Holstein zu schaffen. Konkret: "Vordergründiges Ziel ist dabei nicht das Erreichen von Mannschaftsergebnissen, sondern vielmehr die Entwicklung jedes individuellen Talents." Talenten wie Noah Awuku. Der 17-Jährige ist gebürtiger Kieler, im September nahm er an der Seite von Fiete Arp an der U17-WM in Indien teil. "Gerade als junger Spieler muss man sich wohl fühlen", sagt er exklusiv gegenüber Goal. "Die Infrastruktur ist super. Wir bekommen hier jede Hilfe, die wir benötigen. Und das zeigt einem, dass man geschätzt wird, dass es dem Verein um mehr geht als nur die Leistung auf dem Platz." Er fügt an: "Ich fühle mich hier richtig wohl." Und man glaubt es ihm. Schließlich lehnte er bisher alle Angebote ab, verlängerte seinen Vertrag bis 2021 und bleibt auf längere Sicht ein Storch.
Denn natürlich nimmt man überall wahr, dass in Kiel etwas ganz Besonderes entstanden ist. Die Qualität in der Ausbildung ist hoch, so hoch, dass Erzgebirge Aue U19-Trainer Hannes Drews im Sommer zum Zweitliga-Cheftrainer machte. "Das zeigt die Wertschätzung, die unserer Arbeit inzwischen entgegen gebracht wird", so Müller, der später einen Schlüsselsatz sagt: "Wir wollten immer offen und dynamisch ausbilden – und dass unsere Spieler sich mit dem Verein Holstein Kiel identifizieren." Ein Satz, wie ihn genau so auch Becker oder Anfang hätten sagen können.
"Wir können und müssen besondere Talente wie Noah Awuku hier anders fördern, als es vielleicht einige große Vereine tun", bestätigt Becker die besondere Ausbildung und ihren Wert. "Wir leben an der Spitze vor, dass es uns um eine Entwicklung geht. Und die jungen Spieler sehen, dass es einer wie Noah bei uns zum Nationalspieler schafft – eben weil unsere Arbeit im Nachwuchs auf hohem Niveau stattfindet." Trainer und Spieler gleichermaßen, sie alle leben Holstein wirklich und nicht nur in plakativen Botschaften, die so gerne in Stadion-Magazinen abgedruckt werden.
Aushängeschild und Euphorie
Oder wie es Ralf Becker ausdrückt: "Unser Verein ist in Schleswig-Holstein ein echtes Aushängeschild geworden. Deshalb gehen hier alle mit besonderem Stolz und besonderer Leidenschaft an ihre Aufgabe heran. Hier herrscht eine besondere Identifikation mit dem Verein. Das ist auch bei den Spielern in der Jugend so: Die Jungs tragen das Holstein-Trikot mit Stolz, es ist etwas Besonderes, hier zu spielen."
Markus Anfang bringt es dann auf den Punkt, diesen Kontrast zwischen allerhöchstem Niveau und der großen Familie, in der sich auch Spieler und der Gärtner der Anlage, der mit einem Laubbläser die Wege zwischen den Plätzen abgeht, noch grüßen. Denn wenn man ihn nach dem Geheimnis zwischen der Verzahnung von Jugend und Profis fragt, sagt er kurz und knapp: "Die Wege sind sehr kurz. Und unsere Talente werden einfach dazu genommen."
Manchmal muss es gar keine einzigartige Formel geben, um Erfolg zu haben und Euphorie zu entfachen, sondern nur einen gemeinsamen Weg und den Glauben aller daran. Und auf dem Weg zurück vom Steenbeker Weg 150 zum Hauptbahnhof ist sie dann ganz deutlich zu sehen, nicht mehr nur an drei beklebten Pfosten am grasigen Ufer. In einem Innenhof kicken zwei Jungs, voll und ganz auf den Gummiball konzentriert, den sie mit etwas unbeholfenen Schüsschen über das Pflaster befördern. "Früher hätten die ein Trikot von Bayern, Hamburg oder Dortmund getragen", sagt der Taxifahrer, als er auf die kurz zuvor gesehen Szene angesprochen wird. Und der muss es wissen: Schließlich ist er in Kiel geboren und "hat schon alles gesehen". Nur eines noch nicht: "Dass die Kieler am Wochenende zum Fußball nicht nach Hamburg fahren, sondern hierbleiben."


