Henrikh Mkhitaryans Weg in die Weltspitze: Ein Abenteuer, Hernanes und plötzlich weißer Brasilianer

Henrikh Mkhitaryan wurde früh vom Schicksal getroffen, doch eine prägende Erfahrung inklusive eines Zimmerpartners namens Hernanes veränderte alles.

HINTERGRUND

Als der Schiedsrichter im Mai 2013 das abschließende Heimspiel von Schachtjor Donezk gegen den damals noch bestehenden Stadtrivalen Metalurh abpfiff, war Henrikh Mkhitaryan die Genugtuung ins Gesicht geschrieben, konnte er gerade nicht nur seine dritte Meisterschaft in der Ukraine feiern, sondern durfte sich erstmals auch über die Torjägerkanone in der Premjer-Liha freuen. Und nebenbei gelang dem Armenier Einzigartiges, denn mit seinen 25 Toren stellte er eine noch nie zuvor dagewesene Bestmarke auf, die auch fünf Jahre später noch Bestand hat.

Die Genugtuung hatte zwei Gründe. Zum einen freute er sich über den doppelten sportlichen Erfolg, zum anderen ließ er damit sämtliche Kritiker endgültig verstummen. "Es fühlte sich gut an, denen das Maul zu stopfen, die behaupteten, dass ich mich als Armenier bei Schachtjor niemals durchsetzen würde", erklärte er bei The Players' Tribune .

Es sollte sein letztes Spiel sein für den Klub, dessen Kader phasenweise von Brasilianern dominiert wurde, wechselte er doch in der darauffolgenden Wechselperiode für 27,5 Millionen Euro nach Dortmund, wo er sich endgültig in den Fokus der absoluten Top-Klubs spielte. Drei Jahre später eiste ihn Manchester United von den Schwarz-Gelben los, mittlerweile schnürt der 86-fache Nationalspieler seine Schuhe für die AS Rom, die ihn noch bis Ende August 2020 vom FC Arsenal ausgeliehen hat.

Doch bevor es überhaupt so weit kam, dass Mkhitaryan seinen Traum vom Profi in Europas Top-Ligen leben konnte, durchlief der Kreativspieler eine turbulente Kindheit – mit Schicksalsschlägen und einem einzigartigen Abenteuer.

Mkhitaryans Vater war Profi in Frankreich

Kurz nach seiner Geburt floh die Familie aufgrund von ersten Konflikten im Land aus Armenien und ging nach Frankreich. Dort spielte Vater Hamlet in der zweiten Liga. "Er war mein Idol! Ich sagte mir als Kind: 'Du musst rennen wie er, du musst schießen wie er!'", sagte Mkhitaryan.

Sechs Jahre später zog es die Familie zurück in ihr Heimatland, Hamlet hatte seit einiger Zeit seine Karriere beendet. Henrikh war noch zu klein, um die Umstände zu verstehen, doch sein Vater hatte nicht mehr lange zu leben. Innerhalb eines Jahres nach der Rückkehr verstarb er aufgrund eines Gehirntumors.

"Wegen meines jungen Alters hatte ich den menschlichen Tod damals noch nicht verstanden. Ich sah meine Mutter und Schwester ständig weinen, aber keiner konnte mir erklären, was passiert war", erzählte er weiter. "Wir hatten viele Videos von seiner Zeit als Profi in Frankreich, ich habe sie mir mehrmals wöchentlich angesehen. Auf diesen Tapes lebte mein Vater für mich weiter."

Schachtjor Donezk Henrikh Mkhitaryan Willian

Für den mittlerweile 29-Jährigen war das der Startschuss für die eigene Fußballkarriere. Bereits nach kurzer Zeit drehte sich alles um das runde Leder. Und schnell wurde klar, welche Art von Spieler er werden wollte. Die elegante Spielweise von Zinedine Zidane und Kaka hatten es ihm angetan.

Seine Mutter unterstützte seinen Traum, sie arbeitete sogar zeitweise für den armenischen Verband. "Wenn ich für die Jugendnationalmannschaft spielte und nach vielen Tritten auf dem Platz zu emotional reagierte, mahnte sie: 'Du musst dich zusammenreißen.' Sonst drohe ihr Ärger auf der Arbeit", verriet er einst.

Mkhitaryan verbringt vier Monate in Sao Paulo

Mit 13 brach Mkhitaryan dann zum größten Abenteuer seines bisherigen Lebens auf. Er ging für vier Monate nach Sao Paulo, mittlerweile eine Metropole mit 13 Millionen Einwohnern im Südosten Brasiliens, um dort beim traditionsreichen Futebol Clube, welcher dreimal den Weltpokal gewann, mitzutrainieren.

Es war zu Beginn hart für einen kleinen, schüchternen Armenier, der des Portugiesischen nicht mächtig war. Aber sowohl Kinder als auch der Fußball haben bekanntlich ihre eigene Sprache.

"Für mich war das eine Reise ins Fußballparadies. Ich träumte davon, wie Kaka zu spielen, Brasilien war die Heimat des kreativen Spielstils", betonte er den Stellenwert dieser Erfahrung für seine Karriere. "Diese Zeit war sehr wichtig für mich, weil es mich als Spieler verändert hat. Als ich nach Armenien zurückkehrte, war ich immer noch dünn und leicht, aber ich hatte ganz andere technische Fähigkeiten und fühlte eine Freiheit auf dem Platz."

Während dieser knapp 16 Wochen lag Mkhitaryans Lebensmittelpunkt auf dem Trainingsgelände des FC Sao Paulo. Dort wohnte und trainierte er. "In der ersten Zeit war die Kommunikation sehr schwierig, aber die Brasilianer haben einfach ein fantastisches Wesen. Das kann man nicht mit Worten beschreiben, das muss man erlebt haben", schwärmte der jetzige Serie-A-Star.

Er fand also schnell Freunde, einer davon war sein Zimmerkollege. An seine erste Begegnung mit ihm kann Mkhitaryan sich noch sehr gut erinnern: "Er begrüßte mich und sagte: 'Guten Tag, mein Name ist Hernanes.'"

Wie sich später zeigte, war es ebenjener Hernanes, der sich beim FC im Jahr 2008 schließlich zum Nationalspieler mauserte, 2010 in die Serie A wechselte, dort mit Lazio Rom und Juventus Turin mehrere Titel sammelte und letztlich 27-mal das Trikot der Selecao trug.

Hernanes lernte von Mkhitaryan das armenische Alphabet

"Er war ein schlanker Junge wie ich, mit dunklem Haar. Ich erinnere mich daran, dass ich ihm das armenische Alphabet beibrachte. Wir hatten damals keine Playstation oder Ähnliches", lachte Mkhitaryan.

Es war ein einschneidendes Erlebnis, sowohl als Mensch als auch als Spieler hat ihn diese Erfahrung weit weg von zuhause tiefgreifend verändert. Mit einem Augenzwinkern bezeichnete er sich zuletzt sogar als halben Brasilianer, da es ihm im Land des fünfmaligen Weltmeisters gelang, die Freiheit auf dem Platz zu finden, die für einen Kreativspieler essenziell ist und die ihn heute noch auszeichnet.

Kennt man diese Geschichte, überrascht es wenig, dass Mkhitaryan die Kritiker nur müde belächelte, als diese vor seinem Wechsel zu Schachtjor prophezeiten, er würde in einer Auswahl voller Brasilianer untergehen. Viele von ihnen wussten wohl nicht, dass er dieses Land und seine Kultur verehrt, ja sich selbst sogar partiell als einer von ihnen sieht: eben als halben weißen Brasilianer.

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