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Heiko Vogel im Interview: "Gerland, Hummels und ich haben uns die Köpfe eingeschlagen"

08:55 MESZ 26.08.19
*GERMANY ONLY* Heiko Vogel Pep Guardiola FC Bayern
Heiko Vogel spricht im Interview über seinen Einstieg als Fußballtrainer, sein Praktikum bei Real Madrid, "Filou" Schweinsteiger und Klopps Magie.


EXKLUSIV-INTERVIEW

Heiko Vogel arbeitete bereits als Nachwuchs- und Cheftrainer, außerdem war er Sportlicher Leiter der Jugendabteilung des FC Bayern München. Goal und SPOX trafen den aktuellen Coach des KFC Uerdingen zum ausführlichen Gespräch.

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Vogel erzählt im ersten Teil des Interviews von seinem Bewerbungsgespräch beim FC Bayern und seinem Praktikum bei Real Madrid. Außerdem: Warum Hermann Gerland einen entscheidenden Anteil an den Karrieren von Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm hat, welche Jugendmannschaften der Bayern besonders stark waren, welcher Star der Königlichen ihn am meisten beeindruckt hat. 

Ein Gespräch über Coaching-Methoden, die Arbeit mit Videomaterial, Mentalitätsspieler und Besessenheit. 

Herr Vogel, welches Buch lesen Sie gerade?

Heiko Vogel: Die Biografie von Roger Federer. Sehr spannend. Die letzten zwei Kapitel fehlen mir noch.

Was können Sie daraus mitnehmen?

Vogel: Zunächst muss man in dem Kontext erwähnen, dass Roger eine unfassbare Entwicklung genommen hat. Natürlich war er mit Talent gesegnet, er war aber auch relativ launig. Gar nicht negativ, aber eben doch sehr verspielt und wenig fokussiert. Dadurch war er anfangs auch gar nicht so erfolgreich. Interessant ist, dass er sich peu a peu mit einer stoischen Ruhe und großem Durchsetzungsvermögen Dinge erarbeitet hat. Er hat immer einen Schalter gefunden, das finde ich bemerkenswert. Er war zum Beispiel unglaublich cholerisch, hat sich oft aus der Ruhe bringen lassen. Dann hat er erkannt: Moment, das ist ja eigentlich schlecht für mich. Zack – abgestellt.

Leichter gesagt als getan.

Vogel: Definitiv, deshalb ist es ja so faszinierend. Er hat immer Taten folgen lassen, ist ein Wettkampftyp in Perfektion. Das Schöne ist, wie er als Mensch geblieben ist. Trotz seiner ungeheuren Popularität hat er die Bodenhaftung nie verloren. Was er für den Sport getan, was er alles über sich ergehen lassen hat – ob es die ganzen Reisestrapazen, Interviews, Selfies oder Autogrammwünsche sind -, ist für mich noch höher anzusiedeln als seine sportliche Leistung. Seine Einstellung nehme ich mir zum Vorbild.

Gibt es ein Buch, aus dem Sie besonders viel für Ihren Job mitgenommen haben?

Vogel: Das Buch von Garri Kasparov. Ich schmökere immer wieder darin. Da geht es um die Strategien eines Schachweltmeisters.

Gab es eine besondere inhaltliche Komponente, die Sie herauspicken können?

Vogel: Immer die Initiative übernehmen!

Passend zu Ihrem bevorzugten Spielstil.

Vogel: Genau, nach Möglichkeit immer aktiv, nicht passiv, mit viel Ballbesitz. Und wenn ich den Ball nicht habe, möchte ich sofort die Initiative ergreifen, um ihn wieder zu bekommen. Deshalb hat mir sein Ansatz so gut gefallen. Ich spiele selbst gerne Schach. Wenn dich dein Gegner immer wieder mit seinen Zügen unter Druck setzt, bist du automatisch in einer reaktiven Haltung. Du denkst defensiv und kannst nur auf einen Fehler hoffen, das ist unangenehm. Da kann man viele Parallelen zum Fußball ziehen. Wenn ich schnell gegen den Ball presse, ist es unangenehm für den Gegner, weil ich ihm Raum und Zeit nehme.

Empfehlen Sie Ihren Spielern Bücher?

Vogel: Das nicht. Ich erzähle aber teilweise davon. Es gibt Sätze oder Sichtweisen, die ich übernehme. Warum soll ich die neu erfinden? 

Arbeiten Sie mit Leitplanken?

Vogel: Weniger. Ich finde den Begriff ein wenig hochtrabend, aber ich kenne keinen besseren: Jeder Trainer hat seine Spielphilosophie. Es geht darum, dass man die Spieler abholt. Man hat natürlich seine Vorstellungen, die aber immer davon abhängig sind, welche Spieler einem zur Verfügung stehen. Man muss so flexibel sein, dass die Philosophie auf den Kader passt. Wenn ich zum Beispiel keine extrem starken Einzelspieler wie Leroy Sane oder Serge Gnabry auf den Außenbahnen habe, muss ich vielleicht kein 4-3-3 spielen. Ein System muss immer der Mannschaft gerecht werden, nie dem Trainer. Ich will mit jeder Mannschaft ballbesitzorientiert spielen, aber es gibt unterschiedliche Wege, wie ich dorthin komme.

Gibt es Filme, die Sie beruflich verwendet haben?

Vogel: Das ist schon schwieriger. Es gibt natürlich Sportfilme wie Coach Carter oder An jedem verdammten Sonntag. Pep hat Teile aus Gladiator vor seinem ersten Champions-League-Finale gezeigt. Das ist eine feine Sache. Man muss aber wissen, was man damit erreichen will. Es geht nicht darum, die Spieler zu motivieren. Vor einem Champions-League-Finale ist jeder bis in die Haarspitzen motiviert. Es geht darum, die Spannung rauszunehmen. Allgemein sind es aber weniger die Hollywoodfilme, es gibt unglaublich viele Dokumentationen, zum Beispiel Mount St. Elias, die längste Skiabfahrt der Welt. Neulich hat mir ein Bekannter ein Video namens Ice & Palms geschickt. Da sind zwei Jungs mit dem Fahrrad und Skiern im Gepäck in München losgefahren und an der Cote d’Azur rausgekommen. Immer wenn sich auf diesem Weg die Möglichkeit ergeben hat, haben sie die Fahrräder angekettet und die Skischuhe angezogen. Dann den Berg hoch und Abfahrt – in extremem Stil. Sowas finde ich stark. Das zeigt, was möglich ist.

Sie haben Pep Guardiola angesprochen, der seinen Spielern einen emotionalen Clip mit Szenen aus Gladiator zeigte, der auch die Höhen und Tiefen der Saison beinhaltete. Einige Barca-Spieler waren davon begeistert, andere weniger, weil sie sich kurz vor dem Anpfiff aufgewühlt fühlten.

Vogel: Das ist die Krux. Du versuchst immer, möglichst viele zu catchen, weißt aber, dass du nie alle mitnehmen kannst.

Haben Sie schon mit Videomaterial motiviert?

Vogel: Zweimal. Vor dem letzten Champions-League-Gruppenspiel mit dem FC Basel gegen Manchester United haben wir mit unserem Psychologen Chris Marcolli, der auch mal mit Roger Federer zusammengearbeitet hat, einen zehnminütigen Film kreiert. Einen Tag vor dem Spiel haben wir ihn den Spielern abends im Hotel gezeigt.

Worum ging es?

Vogel: Der Titel lautete Be David. Es ging um die Geschichte von David gegen Goliath. Jeder kennt sie, aber kaum einer weiß, wie sie eigentlich genau lautet. Deswegen hat Chris sie den Spielern erzählt. David und Goliath waren Stellvertreter von Heeren. Es ging darum, wer gegen Goliath kämpft, dann hat sich David freiwillig gemeldet. Er war nicht kampfunerprobt, hatte schon mit Löwen gekämpft und Bären vertrieben, weil er Hirte war. Im Kampf hat David dann gemerkt: Wenn ich mit Goliaths Waffen kämpfe, werde ich das Ding verlieren. Die Rüstung war zu schwer, er konnte sich kaum bewegen. Also hat er sie abgelegt und mit seinen eigenen Waffen gekämpft. Wer jetzt glaubt, der erste Versuch hätte schon gesessen: Nein. Nicht erwarten, dass man sofort belohnt wird. Immer weitermachen. So hat Chris die Geschichte erzählt und dann hat er den Film gezeigt. Einen Clip mit Spielszenen, musikalisch untermalt, richtig gut gemacht. Es ging darum, dass die Jungs für eine Viertelstunde nicht an das Ereignis am nächsten Tag denken. Um auf Federer zurückzukommen: Er kommt erst sehr kurz vor einem Finale in den Tunnel. Das ist sehr wichtig. Vorher geht es darum, keine zu hohe Anspannung zu empfinden.

Wann haben Sie zum zweiten Mal mit Videomaterial gearbeitet?

Vogel: Das war vor dem Achtelfinal-Hinspiel gegen Bayern, auch wieder mit Chris. Da haben wir es geschafft, die Eltern der Spieler zu interviewen, ohne dass die Jungs etwas davon mitbekommen haben. Chris hat zwei Fragen gestellt: Welches Ereignis ist Ihnen aus der Jugendkarriere Ihres Sohns besonders in Erinnerung geblieben? Warum hat Ihr Sohn es verdient, morgen dieses Achtelfinale zu spielen? Das war ergreifend. Die Spieler haben anfangs gelacht, aber irgendwann ging es ihnen nahe. Und vor allem ging es weg von der Fokussierung auf das Spiel.

Das klingt sehr persönlich.

Vogel: Absolut, wir haben das teilweise über Skype gemacht. Der Vater von Jacques Zoua musste erst auf einen Berg steigen, um überhaupt erreichbar zu sein. Die Eltern von David Abraham waren auch nicht so einfach an den Hörer zu bekommen. Das war schon hammerstark, aber auch eine absolute Ausnahme. Solche Momente erlebt man nicht oft mit einer Mannschaft.

Wie erreicht man Menschen?

Vogel: Die Sprache ist entscheidend. Dazu gehört auch, Bilder zu kreieren. Es kommt drauf an, was man sagt und wie man es sagt. Die Sprache ist für uns Trainer ein sehr wichtiges und mächtiges Instrument. In der Zusammenarbeit mit Chris ist mir das besonders bewusst geworden. Es geht darum, welche Informationen man weitergibt. Da kann ich Ihnen ein Beispiel nennen.

Gerne.

Vogel: Wir haben in Luzern gespielt, Erster gegen Zweiter. Er fragt mich: 'Was sagst Du der Mannschaft vor dem Spiel?' Naja: Wenn wir das Spiel gewinnen, sind wir durch, dann haben wir einen unermesslich großen Vorsprung. Dann fragt er mich: 'Meinst Du, das wissen die Spieler nicht?' Logisch wissen das die Spieler. 'Warum sagst Du es dann?' Hast Du eigentlich recht. Ich blockiere eine womöglich wichtige Information mit einer Information, die sie schon haben. Man hat nur eine gewisse Kapazität, um Dinge aufzunehmen.

Worum geht es in Ihren Ansprachen?

Vogel: Fast nie um Motivation. Ich versuche, der Mannschaft über Inhalte ein gutes Gefühl zu geben. Ich versuche, meine Jungs darauf vorzubereiten, was im Spiel passieren könnte, ihnen das Werkzeug mitzugeben, um zu gewinnen.

Sie tauschen sich auch mit Personen aus, die aus anderen Bereichen des Sports oder auch der Wirtschaft kommen. Gab es ein Gespräch, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Vogel: (überlegt) Ad hoc nicht, es waren viele interessante Gespräche. Ich versuche, generell mit offenen Augen und Ohren durch die Welt zu gehen. Mich haben zum Beispiel Warren Buffett und sein Kompagnon Charles Munger fasziniert. Die beiden waren ihrer Zeit voraus. Man stellt fest, dass sich die ganzen Dinge gar nicht so sehr voneinander unterscheiden.

Muss sich ein Fußballtrainer heutzutage in anderen Branchen Anregungen holen?

Vogel: Auf jeden Fall. Als Fußballtrainer ist man viel mehr als lediglich der Lehrer auf dem Platz. Man ist ein Leader, man muss Entscheidungen treffen – und da kann man sich immer verbessern. Gerade am Anfang seiner Karriere macht man nicht immer alles richtig, ganz im Gegenteil. Man muss über das ganze Leben dazulernen. Insofern ist es essenziell, über den Tellerrand hinauszuschauen. Wenn ich nur borniert in meiner Fußballwelt lebe, verpasse ich Chancen, als Trainer besser zu werden.

Umgekehrt holen sich inzwischen globale Unternehmen Jürgen Klopp ins Haus, um ihn Motivationsreden halten zu lassen.

Vogel: Ich finde es gut, dass so ein Austausch stattfindet und das Fußballgeschäft nicht isoliert ist. Von daher ist es für mich logisch, dass Unternehmen auf erfolgreiche Fußballtrainer zugehen und sagen: 'Hey, erzähl doch mal.' Unternehmen funktionieren besser, wenn sie sich als funktionierendes Team sehen. Wie im Fußball gibt es unterschiedliche Rollen, die besetzt werden müssen. Es geht immer um gemeinschaftlichen Erfolg. Man muss sowohl in einer Mannschaft als auch in einer Firma Strukturen schaffen, in denen jeder seine Stärken so gut wie möglich ausspielen kann.

Klopp gilt als Meister der Motivation. Vor dem 4:0-Sieg des FC Liverpool im Halbfinalrückspiel der Champions League gegen den FC Barcelona hat er seinen Spielern davon erzählt, wie er 2014 mit Borussia Dortmund gegen Real Madrid nach einem 0:3 im Hinspiel beinahe noch weitergekommen wäre. Letztlich hat er den Spielern damit klargemacht, dass die Chance da ist – und sie haben ihm geglaubt.

Vogel: Klopp versprüht eine Magie. Ohne dieses Urvertrauen, das er erzeugt, hättest du in solchen Situationen keine Chance.

Man hat bei Klopps Mannschaften das Gefühl, die Spieler würden mehr und cleverer laufen als der Gegner, sodass sie in Ballnähe immer wieder in Überzahl sind.

Vogel: Das ist Teil seiner Defensivstrategie. Er positioniert seine Spieler so, dass sie in Ballnähe extrem kompakt stehen. Das ist unangenehm für den Gegner. Klopps Mannschaften lassen dir wenig Zeit. Wenn du Zeitdruck hast, hast du Präzisionsdruck. Wenn du Präzisionsdruck hast, schaffst du es vielleicht, für eine gewisse Zeit stabil zu bleiben. Aber irgendwann brichst du ein.

Grundlage ist eine enorme Bereitschaft. Das Streben nach Perfektion, wie es auch bei Bayern unter Pep Guardiola war. Der Wille, jeden Weg mit hundert Prozent zu gehen.

Vogel: Die Spieler wussten unter Guardiola, dass sie diese Wege gehen müssen. Das war eine große Errungenschaft von Pep. Die Spieler haben eine Besessenheit entwickelt. Sie wussten: Selbst, wenn ich den Ball nicht kriege, bekommt ihn durch meinen Laufweg ein anderer. Es ist immer besser, wenn Spieler wissen, warum sie etwas tun. Dieses Verständnis macht Spieler zu Waffen. Arjen Robben ist tausendmal in die Tiefe gesprintet, hat abgebrochen, den Lauf wieder und wieder gemacht – bis er den Ball bekommen hat. Der Gegner macht diese Läufe ja mit. Tut er es einmal nicht, bekommst du den Ball. Peps Mannschaften erarbeiten sich sehr viele hundertprozentige Torchancen. Er geht nicht über die Quantität, sprich über Flanken oder Fernschüsse. Er versucht, klare Tormöglichkeiten zu kreieren. Und das erreicht er damit.

Ist es die große Kunst, diese Bereitschaft über eine komplette Saison aufrecht zu erhalten?

Vogel: Es gibt eine wunderbare Szene aus Peps erstem Jahr: Hannover gegen Bayern München, 70. Minute, Spielstand 4:0. Toni (Kroos, Anm. d. Red.) bekommt den Ball in der gegnerischen Hälfte, Toni spielt den Ball, einer rutscht aus, Ballverlust. Mario Mandzukic macht einen Vollsprint, erobert am eigenen Strafraum den Ball zurück. Mario Mandzukic ist einer von zehn Spielern, die diesen Vollsprint nach hinten machen. Nochmal: Einen Vollsprint. 4:0, 70. Minute, gefühlte 20 Punkte Vorsprung. Das ist eine überragende Szene. Da denke ich mir: Bei aller Liebe. Dann kriegst du halt das 1:4 – und selbst das muss Hannover erstmal machen. Ich finde es absolut beeindruckend, welche Mentalität Pep da implantiert hat. Diese Besessenheit, alles richtig machen zu wollen, war vorher nicht vorhanden. Die kam mit Pep. Auch da kommen wir wieder auf Federer zurück. Sein Anspruch war es, perfektes Tennis zu spielen. In der Jugend hat er geflucht, wenn er einen Punkt gemacht hat, weil er mit dem Schlag nicht zufrieden war. Das ist der wahre Antrieb für große sportliche Leistungen.

Warum ist diese Bereitschaft so selten?

Vogel: Wenn man das wüsste, wäre uns Trainern sehr geholfen. Es hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass der Mensch gerne in einer Komfortzone lebt. Außerdem spielt der Erfolg eine Rolle. Nehmen wir Real Madrid. Dreimal hintereinander die Champions League zu gewinnen, ist eine unfassbare Leistung. Da war es klar, dass sie irgendwann zumindest international einbrechen. Irgendwann bist du im Kopf leer. Du willst, aber es geht einfach nicht, weil du deine mentalen und dadurch auch deine physischen Reserven nicht mehr abrufen kannst.

Allerdings gibt es auch genügend Mannschaften, die nicht erfolgsverwöhnt sind, und es trotzdem nicht schaffen, dauerhaft mit hundertprozentiger Gier zu spielen. Nehmen wir Borussia Dortmund in der Rückrunde, speziell das 0:5 in München.

Vogel: Man darf dabei nicht vergessen, dass die Bayern unglaublich mächtig sind. Im Endeffekt sind das aber die Nuancen, die den Unterschied zwischen sehr guten und herausragend erfolgreichen Spielern ausmachen. Ein Champion ruft die Leistung in den entscheidenden Momenten ab. Schauen Sie sich Sergio Ramos an. Er ist nicht der beliebteste Spieler, aber ich liebe seine Mentalität. Er ist immer bei 100 Prozent, wenn es darauf ankommt.

Welcher Spieler hat Sie in Ihrer Trainerlaufbahn hinsichtlich der Mentalität besonders beeindruckt?

Vogel: Es gab mehrere. Alex Frei war faszinierend. Er war sicher nicht mit Talent gesegnet, hat die Dinge aber auf den Punkt gebracht. Er hatte rechts wie links einen tollen Schuss, hat einfach performt, egal bei welchem Verein. In diesem Zusammenhang muss ich auch Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka nennen. Beide sind mit einem beeindruckenden Selbstbewusstsein aufgetreten. Bei Sturm Graz war es Peter Zulj. Seine Laufleistung war unglaublich. Dario Maresic hat als ganz junger Spieler viel Verantwortung übernommen und eine sehr wichtige Rolle im Spielaufbau gespielt. Auch Momo Salah war beeindruckend – als Mensch. Bei den Bayern war es Arjen Robben.

Warum?

Vogel: Auch dazu eine Anekdote: Arjen war mal drei Tage bei den Amateuren zu Gast und hat im Vier-gegen-Vier alle zerstört. Für mich war es unfassbar lehrreich, mit welcher Besessenheit er diese Trainingseinheiten absolviert hat. Und dann hat er auch noch das Tor getragen. 'Arjen, Du trägst kein Tor', habe ich ihm gesagt. 'Doch, doch.' Diese Demut – Hut ab.

Spieler mit so einer besonderen Mentalität sind die Ausnahme. Wo kommt diese Mentalität her? Durch Erziehung?

Vogel: Ich glaube, es ist eine Mischung aus mehreren Dingen. Es gibt sehr viele talentierte Spieler, wobei fehlende Mentalität bedeutet, dass das Talent gar nicht so groß ist. Mentalität gehört zum Talent. Ich denke, dass es tatsächlich auch um Erziehung geht. Die Eltern von Philipp Lahm oder Thomas Müller sind zum Beispiel unfassbar angenehme Menschen. Erziehung findet aber nicht nur innerhalb der Familie statt, sondern auch im Verein. Wir haben es damals bei Bayern geschafft, den Spielern nachhaltig Werte zu vermitteln. Das Spiel war uns immer unglaublich wichtig, auch im Detail. Hermann Gerland, Hermann Hummels und ich haben gestritten, wir haben uns die Köpfe eingeschlagen, aber immer zum Wohle der Spieler. Wir haben die Besessenheit vorgelebt.

Mentalität kann man nur bis zu einem gewissen Grad erlernen, oder?

Vogel: Super Frage, die ich Ihnen bis vor ein paar Jahren mit ja beantwortet hätte. Nämlich so, dass es nur eingeschränkt möglich ist. Das muss ich jetzt, nachdem ich Pep bei Bayern erlebt habe, revidieren. Die Mannschaft war auf einmal unglaublich wissbegierig, hat alles aufgesogen. Vielleicht war es ein Domino-Effekt. Erst wurde der eine infiziert - der hat den nächsten infiziert. Und plötzlich ziehen alle mit. Ich habe es leibhaftig erlebt: Die Jungs waren wirklich besessen.

Sie sind 1998 mit 23 Jahren als Sportstudent zum FC Bayern gekommen. Den Kontakt stellte ein Dozent von Ihnen her. Landet man wirklich so einfach beim FC Bayern?

Vogel:  Nein, man muss erstmal zu 1860 gehen und dort weggeschickt werden. (lacht) So war es wirklich. Ich hatte einige Kommilitonen, die bei Sechzig tätig waren. Einer spielte als aufstrebender Torwart in der Amateurmannschaft, mehrere andere arbeiteten in der Jugendabteilung. Das fand ich super spannend. Also bin ich dorthin, wurde aber abgelehnt, weil ich null Trainererfahrung hatte. Damals stand ich allerdings immerhin kurz vor dem erfolgreichen Abschluss der B-Lizenz.

Haben Sie damals noch gar nicht an den FC Bayern gedacht?

Vogel: Die Situation hat sich durch die Kommilitonen einfach so ergeben. Ich habe mir jetzt nicht gedacht, der FC Bayern wäre eine Nummer zu groß. Nachdem ich bei Sechzig abgelehnt wurde, habe ich mit meinem Dozenten Gerhard Bauer gesprochen und ihm gesagt: 'Ich brauche Trainererfahrung – und ich mache alles, was Du willst, von mir aus auch die Frauen-Hochschulmannschaft.' Er hat mir dann gesagt, ich solle mich beim FC Bayern bewerben. Gerhard Bauer hatte einen sehr guten Draht zum damaligen Nachwuchskoordinator Werner Kern und wusste deshalb, dass die Bayern Sportstudenten gesucht haben, die die hauptamtlichen Trainer unterstützen. Ich habe mich dann beworben und wurde glücklicherweise genommen.

Wie war es, als der 23-jährige Heiko Vogel ohne Vorerfahrung plötzlich im Bewerbungsgespräch beim FC Bayern saß?

Vogel: Ungefähr so wie das Interview: Sehr angenehm. Werner Kern hat kurz die Grunddaten abgefragt und dann haben wir uns unglaublich lange unterhalten. Vor allem ging es um mein Leistungssportpraktikum unter Jupp Heynckes bei Real Madrid. Dass ich da so kreativ war, fand er sehr spannend. Das war der Türöffner.

Wie bitte? Ein Leistungssportpraktikum bei Real Madrid?

Vogel: So sieht es aus. (lacht) Ein Kommilitone kannte Karl-Heinz Wild vom kicker, der hat das eingestielt. Letztlich war es tatsächlich so einfach. Wir waren dann dreieinhalb Wochen dort, da habe ich Jupp Heynckes als absoluten Gentleman kennengelernt. Er hat als Trainer von Real Madrid alles für uns gemacht, hat sich rührend um uns gekümmert und Karten für uns besorgt. Das war eine sehr prägende Erfahrung.

Wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung?

Vogel: Das war alles unfassbar. Real ist der größte Fußballverein der Welt. Beim Training waren teilweise 10.000 Zuschauer – und übers Santiago Bernabeu müssen wir überhaupt nicht reden. Das ist eine Kathedrale. Wir waren dann auch bei dem Spiel dabei, bei dem das Tor umgefallen ist.

1. April 1998, Halbfinalhinspiel der Champions League, Real Madrid gegen Borussia Dortmund.

Vogel: Ganz genau. Da haben wir ordentlich gefroren – und ewig lange auf das Tor gewartet. Real hat das Spiel dann durch Tore von Fernando Morientes und Christian Karembeu mit 2:0 gewonnen.

Was ist das Wichtigste, das Sie von Jupp Heynckes gelernt haben?

Vogel: Das kann ich so nicht benennen, dafür war die Zeit zu vielschichtig. Einerseits habe ich mir natürlich die Trainingsinhalte ganz genau angeschaut. Nach den Einheiten hat uns Jupp Heynckes alles erklärt. Andererseits ist er unheimlich gut mit den Spielern umgegangen. Wie er die ganze Geschichte moderiert hat, war für mich wahrscheinlich die größte Erkenntnis. Da waren ja nur Superstars auf dem Platz. Da sprechen wir über Raul, Bodo Illgner, Roberto Carlos, Davor Suker, Predrag Mijatovic, Fernando Hierro, Fernando Redondo, Clarence Seedorf – nur Weltstars.

Wer hat Sie am meisten … ?

Vogel: (unterbricht) Fernando Redondo! Der war völlig erhaben. Er war mein absoluter Lieblingsspieler. Unfassbar ballsicher, immer für seine Mitspieler da, Panoramablick, unglaublich elegant.

Wir waren ursprünglich bei Ihrem Bewerbungsgespräch beim FC Bayern. Wie liefen Ihre ersten Tage an der Säbener Straße?

Vogel: Hermann Hummels war damals Cheftrainer der U16 und U17, ich war ihm als Co-Trainer zugeteilt. Ich hatte dann häufiger eine Anwesenheit an der Uni, die nur auf dem Papier stattfand. Ich war vom ersten Tag an fasziniert. Es war genau das, was ich machen wollte. Dementsprechend habe ich alle Hebel in Bewegung gesetzt und alles investiert, was mir zur Verfügung stand, um meinen Weg zu gehen. Ich sehe mich da unglaublich privilegiert und vom Glück geküsst. Dazu war das ja die 1982er Übermannschaft, eine brutale Truppe. Das war der Jahrgang mit Zvjezdan Misimovic, der hochgezogen worden war, mit Daniel Jungwirth, Leo Haas, Thomas Hitzlsperger, Philipp Lahm als jüngerer Jahrgang, Markus Husterer als jüngerer Jahrgang.

War Ihnen schon mit Beginn Ihres Sportstudiums klar, dass Sie eine Trainerlaufbahn einschlagen wollen?

Vogel: Ja, tatsächlich. Das Sport-Grundstudium war sensationell, weil der Praxisanteil sehr hoch war. Da waren unglaublich viele Sportarten dabei: Leichtathletik, Geräteturnen, Rudern, Klettern, alles. Da habe ich sehr viel für die Trainerkarriere mitgenommen. Wenn man sportliche Bewegungen analysiert, ist es gut zu wissen, wo sie herkommen und wie sie funktionieren.

Ist Ihnen aus Ihrer Anfangszeit beim FC Bayern ein besonders prägendes Erlebnis in Erinnerung geblieben?

Vogel: Es gab nicht das eine Ereignis, weil es so viele Erlebnisse waren in meiner ersten Zeit bei Bayern. Irgendwann kam Tiger Gerland dazu. Die ganzen Gespräche, die wir tagtäglich zu dritt mit Hermann Hummels hatten – das war prägend. Es ging vor allem um unsere Haltung, die wir uns da erarbeitet haben: Alles hinterfragen, die Dinge kritisch sehen, den Spielern die nötige Liebe geben. Ich glaube, dass kein Talent gegen den Widerstand des Trainers seine optimale Leistungsfähigkeit entfalten kann. Eine der beeindruckendsten Sachen war Tigers Umgang mit Bastian Schweinsteiger.

Inwiefern?

Vogel: Basti war ja ein Filou, der außerhalb des Platzes auch mal über die Stränge geschlagen hat. Der Tiger hat dann mit einer unfassbar eindrucksvollen Vehemenz gesagt: Der wird was! Alles vermeintlich Negative hat er beiseitegeschoben. Mit welcher Überzeugung er an Talente geglaubt hat – auch an Philipp Lahm, über den er gesagt hat, er sei der Beste, den er je trainiert hat -, das war beeindruckend. Philipp wurde im Verein nicht von allen so positiv gesehen. Tiger hat dann alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit Philipp seinen Weg geht. Das hat mir gezeigt, dass man für seine Meinung kämpfen und einstehen muss, wenn man von etwas überzeugt ist. Es geht gar nicht darum, immer recht zu behalten. Es ist definitiv so, dass auch mal Fehleinschätzungen dabei sind.

Wie sah in Ihrer Anfangszeit ein typischer Arbeitstag aus?

Vogel: Unterschiedlich. Die Jungs hatten damals im B-Jugendbereich circa sechs Einheiten pro Woche und wir haben eigentlich jede freie Minute auf dem Trainingsgelände verbracht. Ich habe fürs Studium nur noch das Nötigste gemacht und war dann relativ schnell scheinfrei. Wir haben auch Sondertraining im Kleinfeldbereich angeboten für die U8 bis U11. Das waren zwei zusätzliche Einheiten pro Woche, die die Kids freiwillig wahrnehmen konnten. Wir waren schon fleißig und innovativ, weil wir Spaß an der Sache hatten. Ich habe auch unglaublich viele Abende mit Hermann Hummels verbracht und stundenlang über Fußball gesprochen. Das hat meine Sinne geschärft. Dann gab es verschiedene Sichtungen, auch internationale, dazu ganz spannende Jugendturniere. Am Wochenende hattest du ein Spiel, ansonsten hast du dir andere Spiele angesehen. Ich glaube, dass wir in München und Umgebung über sämtliche Spieler sehr gut Bescheid wussten.

Wie ging es dann für Sie weiter?

Vogel: Nach meiner ersten Saison hat sich Hermann Hummels dafür eingesetzt, dass ich meine erste eigene Mannschaft als Cheftrainer bekomme. Dann habe ich die U10 mit den 1990ern bekommen. Wieder eine talentierte Truppe. Mit Mehmet Ekici, Diego Contento und Co. Danach habe ich sieben weitere Jahre im Verein verschiedene Mannschaften trainiert, da war von der U13 bis zur U17 alles dabei. Das war Learning by Doing, Trial and Error. Ich konnte mich entwickeln, weil ich viele Lehrmeister hatte: Werner Kern, Tiger Gerland, Hermann Hummels, Stefan Beckenbauer, Kurt Niedermayer – das waren alles für mich große Persönlichkeiten, von denen ich viel gelernt habe.

Gab es neben der 1982er- und der 1990er-Mannschaft eine weitere, die Sie besonders beeindruckt hat?

Vogel: Die 1989er mit Thomas Müller und Holger Badstuber waren natürlich auch nicht so schlecht. (lacht) Wir hatten in den Jahren zuvor lange versucht, in die B-Jugend-Bayernliga aufzusteigen, mit dem Jahrgang haben wir es geschafft.

Waren Müller und Badstuber damals schon die besten Spieler Ihrer Mannschaft?

Vogel: Beide waren sehr talentierte Spieler, die sich im Schatten anderer in Ruhe entwickeln konnten. Dass sie über sehr viel Talent verfügen und dass es sehr weit gehen kann, konnte man sehen. Thomas‘ Vater hat mich nach der C-Jugend-Saison angerufen und sich erkundigt, wie man seinen Sohn sieht. Da habe ich ihm gesagt: 'Machen Sie sich mal keine Sorgen. Ich weiß nicht, wie weit es geht, aber ich glaube, dass er sich ganz locker ein Studium finanzieren kann.'

Gab es einen sehr talentierten Spieler beim FC Bayern, der es nicht gepackt hat?

Vogel: Gab es, da werde ich aber keinen Namen nennen. Ich erzähle ungern von Verlierern. Es gibt aber auch Spieler, die einfach Pech hatten. Wir hatten zum Beispiel mit Markus Grünberger einen herausragenden Torwart, der leider an seinen Kreuzbandrissen gescheitert ist. Verletzungen können auch über Karrieren entscheiden.


Am Dienstag erscheint bei Goal und SPOX der zweite Teil des Interviews mit Heiko Vogel. Dort spricht er über seine Zeit in Basel, die Kuriositäten rund um die Verpflichtung von Mohamed Salah und die Gefahr, Talente zu verkennen. Außerdem: die Schattenseiten eines Doppeljobs beim FC Bayern, die Probleme bei der Integration von Talenten und die Zusammenarbeit mit einem Investor beim KFC Uerdingen.