Jonas Hector GermanyGetty Images

Jonas Hector - der komplett andere Nationalspieler

Er studiert Betriebswirtschaftslehre, in den sozialen Netzwerken sucht man Selfies und pseudocoole Posen vergeblich. Sein Spitzname ist der lustigste und zugleich peinlichste in der deutschen Mannschaft: "Schlaubi Schlumpf" - wie der nervig-vorwitznasige Besserwisser mit Brille. Jonas Hector ist unter den 23 Spielern im EM-Kader eine in vielerlei Hinsicht einzigartige Erscheinung. Ein bisschen wirkt der 26-Jährige wie aus der Zeit gefallen.

Jonas Hector hat eine Ausnahmestellung. Auch sportlich: Als einziger Nationalspieler verpasste er im Jahr 2015 keine Länderspielminute. Hinten links ist er gesetzt - und so hat er auch bei der EM noch keine Minute gefehlt. In den ersten beiden Spielen war er der einzige Nicht-Weltmeister in der Startelf.

Ein "Star" im klassischen Sinne ist Jonas Hector trotzdem nicht. Weil er keiner sein will. So einfach ist das manchmal. Sich als "öffentliche Person zu präsentieren, ist einfach nicht meins", sagt er. Mit seinem Image komme er aber durchaus klar, versichert der Außenverteidiger, der keinen Instagram- und Twitter-Account besitzt und bei Facebook nur privat verkehrt. Aber er wäre "froh gewesen, wenn mein Spitzname nicht publik gemacht worden wäre".

Nebenbei BWL-Student

"Schlaubi Schlumpf" nennen sie ihn in Köln, weil er neben der Karriere als Profi beim 1. FC Köln als Nationalspieler noch BWL an der Rheinischen Fachhochschule studiert. Der Name löste "Harry Hektik" ab: So nannten sie Hector früher wegen seiner Bierruhe.

Er wolle eben "nach der Karriere etwas in der Hand haben", sagt Hector über sein Studium. Sein Vater Erhard, der bei einem Baustoffhändler arbeitet, erklärte der Saarbrücker Zeitung: "Er braucht auch den Ausgleich durchs Studium, damit er nicht den ganzen Tag Fußball im Kopf hat." Den Spagat schafft Hector offenbar gut. Seine Noten seien "okay", berichtet er: "Meistens im Zweierbereich".

Auch seine Fußball-Karriere verläuft ungewöhnlich. Als einziger der 23 Spieler hat er nie ein Junioren-Länderspiel bestritten, die EURO ist für ihn die erste Erfahrung mit einem großen Turnier. Er spielte bislang ja nicht mal im Europacup.

Hector baute lieber Sandburgen

Mit seinem Aufstieg hätte im Oktober 1992 logischerweise niemand rechnen können. Damals kam der zweijährige Jonas unverhofft zu seinem ersten Einsatz, weil der Mannschaft seines Bruders Lucas ein Spieler fehlte. Für den Ball hat er sich der Erzählung nach aber nicht interessiert - er baute lieber Sandburgen.

Auch danach verlief seine Karriere außerhalb der üblichen Wege. Die Abwerbungsversuche des nächstgrößeren Vereins 1. FC Saarbrücken beschied er stets negativ. Er wollte lieber beim SV Auersmacher mit "seinen Jungs" spielen.

Mit 20 wechselte der damals noch offensive Mittelfeldspieler nach einem Probetraining bei Bayern München in die zweite Mannschaft des 1. FC Köln. Trainer Holger Stanislawski zog ihn hoch in die Zweitliga-Elf und schulte ihn zum Linksverteidiger um. Hector stieg mit dem FC auf - und schon nach zehn Bundesliga-Einsätzen wurde er Nationalspieler. Für Bundestrainer Joachim Löw ist er seitdem gesetzt.

Das alles, obwohl Hector auf dem Platz nicht ganz den Durchblick hat. Privat trägt er eine Brille - wie Schlaubi Schlumpf. Mit Kontaktlinsen auf dem Platz sei er aber "nicht klargekommen", sagt er: "Anscheinend klappt es ja auch so."

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