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Hatem Ben Arfa bei PSG: Der x-te Karriereknick eines Hochbegabten

16:00 MESZ 08.05.17
Hatem Ben Arfa PSG Ligue 1 21012017
Er sollte Frankreichs neue Gold-Jungs anführen, hat Potenzial en masse. Doch zu häufig fehlte Ben Arfa die richtige Einstellung. Damals wie heute.

HINTERGRUND

1999. Ein Betonplatz irgendwo im Norden Frankreichs. Tristes Ambiente, ein paar Bäume, nahegelegen weiß-graue Häuser. Zwei Tore ohne Netz, ein paar Jungs kicken. Dass einer von ihnen deutlich mehr Talent hat als alle anderen zusammen, sieht man auf den ersten Blick. Dynamik liegt in seinen Bewegungen, Eleganz. Mit Ball am Fuß ist er seinen Gegnern offensichtlich mehrere Schritte voraus.

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Zwölf Jahre ist Hatem Ben Arfa seinerzeit alt. Der Betonplatz ist seine Heimat, sein Lebensmittelpunkt. Und er hat dieses gewisse Etwas. Er verleiht der ansonsten trostlosen Szenerie Glanz. Mit seinem gelb-grünen, modisch fragwürdigen Polo-Shirt, den abgehalfterten Lederball behandelnd als sei er das Wertvollste auf der Welt. Dieser Junge ist hochbegabt. 

Genau das erkennen zu jener Zeit auch die Späher aus Clairefontaine. Von dort, wo die berühmte Nachwuchsakademie des französischen Fußballverbandes beheimatet ist. Sie holen Ben Arfa zu sich, wollen den Rohdiamanten mit tunesischen Wurzeln schleifen. Ihn vorbereiten auf eine großartige Karriere in der Equipe Tricolore. So, wie sie sein Vorbild Zinedine Zidane erlebt.

Schon damals fällt aber nicht nur ihnen auf: Ben Arfa hat Talent in Hülle und Fülle, allerdings auch einen komplizierten Charakter. Er eckt an, von Natur aus, hat diesen Hang zum Selbstzerstörerischen, zum abgehobenen Lebensstil. Eine Eigenschaft, die dem Offensivspieler während seiner gesamten Laufbahn im Weg stand. So auch bei Paris Saint-Germain.

Ben Arfa auf Augenhöhe mit Benzema und Nasri

Doch zurück zu den Wurzeln. Mit 15 verlässt er Clairefontaine, schließt sich dem Nachwuchs von Olympique Lyon an. Dort debütiert Ben Arfa mit 17 in der Ligue 1, mit Frankreichs Junioren gewinnt er 2004 die U17-EM, erzielt im Turnier drei Tore, ist einer der Stars. Ja, er soll sogar eine neue Goldene Generation prägen, gemeinsam mit Karim Benzema und Samir Nasri. Geglückt ist ihm das nie.

Ob in Lyon, Marseille oder später Newcastle. Ben Arfa deutet immer an, was er kann, hat immer gute Phasen. Doch seine Einstellung, seine schwierige Persönlichkeit verhindern, dass er nachhaltig durchstartet. Die Hoffnung, dass er mit inzwischen 30 Jahren gereift ist, nach der starken Saison 2015/16 mit OGC Nizza endlich konstant auf höchstem Level ankommt, hat man in Paris jedenfalls offenbar aufgegeben.

"Momentan sieht es so aus, dass PSG ihm die Tür für einen Abgang öffnet", erklärt Loic Tanzi, PSG-Korrespondent von Goal. Mit großen Vorschusslorbeeren war Ben Arfa gekommen. Schließlich hatte er Nizza mit 17 Toren und sechs Assists auf einen überragenden vierten Platz geführt, öffentlich wurde seine letztlich ausbleibende Nominierung für Frankreichs EM-Kader gefordert.

Nun will PSG Ben Arfa offenbar nach nicht einmal einem Jahr schon wieder loswerden. Früh kristallisierten sich Probleme mit Trainer Unai Emery heraus. Auch, weil es sportlich nicht auf Anhieb so funktionierte, wie sich Ben Arfa das vorstellte. Der Coach setzte ihn nach schwächeren Leistungen auf die Bank, der enorme Konkurrenzkampf machte dem Flügelspieler zu schaffen.

Im Training ließ es Ben Arfa daher vermeintlich schleifen. "Du bist nicht Messi", soll ihn Emery laut L'Equipe vergangenen September angefaucht haben, ehe er ihn für fünf Pflichtspiele komplett aus dem Kader strich.

Wirklich besser wurde Ben Arfas Situation in der Hauptstadt nicht. Lediglich vier Pflichtspieltreffer in 32 Einsätzen, in der Liga nur fünfmal von Beginn an auf dem Platz. Und im Aufgebot stand der 30-Jährige letztmals am 9. April. Offiziell wegen einer Viruserkrankung, doch das Tischtuch zwischen ihm und Emery scheint längst zerschnitten. Wohl endgültig, seit Ben Arfa Ende März via Instagram einen Hilferuf startete. Frustriert von seinen geringen Einsatzzeiten forderte er in einem Video eine echte Chance ein, setzte damit einen Seitenhieb in Richtung Emery. "Ich akzeptiere meine Situation nicht", so Ben Arfa.

Eine unüberlegte Aktion, die irgendwie ins Bild des Edeltechnikers mit der komplizierten Persönlichkeit passt. "Emery hat dieses Video nicht gefallen", weiß Goals PSG-Korrespondent Tanzi. "Es wurde ohne Abstimmung mit dem Klub veröffentlicht." Fakt ist, dass Ben Arfa seitdem lediglich noch in einem Pokalspiel gegen einen Drittligisten spielen durfte.

Ben Arfas letzter Knick?

Seitens PSG stehen die Zeichen also eindeutig auf Abschied. Das Problem: Ben Arfa besitzt noch einen gültigen Vertrag bis Sommer 2018. Er liebt die Stadt, bezieht ein stattliches Gehalt. "Laut einiger Leute, die ihm nahe stehen, könnte er in Paris bleiben, auch wenn er nicht spielt", sagt Tanzi und ergänzt: "Ich denke, es ist nicht sicher, dass er geht."

Ob er seinen Vertrag nun tatsächlich tatenlos aussitzen will oder nicht. Traurig ist es so oder so, dass dieser so erfrischende Junge vom Betonplatz, der seinen Freunden fußballerisch so haushoch überlegen und für Großes bestimmt war, mit 30 in dieser Situation steckt. Dass er nicht mittendrin ist, sondern außen vor. Mal wieder. Dass er nicht der Weltstar wurde, der er hätte werden können.

Über eine Rückkehr nach Nizza wird derweil spekuliert. Die sozialen Netzwerke, die Kommentare unter Ben Arfas Posts sind jedenfalls voll von Wünschen der Fans von OGC, ihren Superstar wiederzubekommen. Allerdings müsste dieser dafür wohl im Vergleich zu PSG-Verhältnissen auf viel Geld verzichten. "Nizza versucht, ihn von einer Rückkehr zu überzeugen. Aber das scheint unmöglich", erklärt Tanzi.

Die Zukunft Ben Arfas ist also ungewiss. Wie so oft. Und wir erleben den x-ten Karriereknick eines Hochbegabten. Es könnte traurigerweise der letzte sein.