Harry Winks: Der "kleine Iniesta" mit dem Trikot-Tick

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Getty/Goal
Sein Trainer sieht bei ihm Parallelen zu Iniesta und auf der Insel ist er eine der großen Hoffnungen für die WM. Harry Winks startet gehörig durch.

Anita Winks war nicht zu beneiden. Immer wieder hatte sie Stress mit ihrem Sohn Harry. Der Sprössling wollte einfach nicht gehorchen. Es ging aber nicht um's Essen oder darum, das Kinderzimmer aufzuräumen. Es war der Kleidungsstil des Jungen, der die Mutter verzweifeln ließ. Nun wollte der junge Harry aber keineswegs irgendwelche Markenkleidung tragen, sondern unbedingt immer Fußballtrikots. Die Shirts von Tottenham Hotspur und der englischen Nationalelf, um genau zu sein. Egal zu welchem Anlass, andere Kleidung kam für ihn nicht in Frage.

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In der Daily Mail erinnerte sich Anita Winks, die in Hemel, gut 40 Kilometer nördlich von London, ein Cafe betreibt, noch genau an diese Situationen. An diese Situationen, wenn Harry mal wieder seinen Willen durchsetzen wollte. Teils, um zu rebellieren, vor allem aber, weil es um die für ihn schönsten Kleidungsstücke überhaupt ging: "Als er klein war, trug er ständig die Trikots Englands und von Tottenham. Er hatte sie beide und er liebte sie. Man sah ihn niemals ohne und das machte mich wahnsinnig. Ich versuchte, ihn ordentlich zu kleiden, aber er wollte immer nur diese Shirts."

Pochettino schickte Winks gegen Real in die Startelf

Heute ist Harry Winks 21 Jahre alt. Kummer macht er seiner Mutter längst nicht mehr, im Gegenteil. Und die Trikots der Spurs und der englischen Nationalelf trägt er immer noch. Nun allerdings beruflich. Denn der 1,78 Meter große Mittelfeldspieler ist ein Shootingstar beim englischen Vizemeister und ein Hoffnungsträger der Nationalmannschaft mit Blick auf die WM in Russland.

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Dass Winks auf der Insel aktuell eine der heißesten Personalien ist, zeigte sich in den letzten Tagen besonders deutlich. Zum Beispiel am vergangenen Mittwoch, als der offizielle Twitter-Account der Spurs die Aufstellung für den Kracher in der Champions League gegen Real Madrid veröffentlichte. Da gab es durchaus Verwunderung, um es mal so auszudrücken. Viele Fans und Experten waren sehr skeptisch, als sie erfuhren, dass Trainer Mauricio Pochettino im Bernabeu gegen den Titelverteidiger auf eine 5-3-2-Formation setzte. Es war aber nicht unbedingt das System, das Fragezeichen mit sich brachte, sondern vielmehr das Personal, für das sich der Argentinier entschieden hatte.

Pochettino selbst schilderte es später so: "Es war faszinierend. Einige Leute, zu denen ich ein sehr enges Verhältnis habe, fragten: 'Dürfen wir ehrlich zu Dir sein?' Ich sagte 'ja' und sie meinten: 'Als wir die Startelf sahen, dachten wir... Was zum Teufel? Was ist passiert, was geht nur in seinem Kopf vor?' Dann, zehn Minuten nach dem Spiel, sagten sie zu mir: 'Oh, Du bist ein Genie.' Ich entgegnete: 'Okay, danke.'"

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Die Mannschaft des "Genies" holte ein 1:1 im Bernabeu und zeigte eine bärenstarke Leistung. Und das trotz, oder vielmehr wegen, Pochettinos Aufstellung. Zu den Schachzügen des Trainer zählten unter anderem die Berücksichtigung Fernando Llorentes in einem Zwei-Mann-Sturm oder Eric Diers ungewohnte Rolle in der Abwehr. Das wohl größte Echo rief allerdings der Einsatz Winks' im zentralen Mittelfeld hervor. Der 21-Jährige hatte zuvor nur nur in sechs Pflichtspielen bei den Profis überhaupt in der Anfangsformation gestanden, nun warf ihn Pochettino im Santiago Bernabeu ins kalte Wasser. Gegen die beste Mannschaft Europas. Gegen das beste Mittelfeld der Welt.

Der "kleine Iniesta" begeistert gegen Liverpool

Winks enttäuschte seinen Förderer nicht. Abgeklärt lieferte er gegen Luka Modric, Toni Kroos und Co. eine famose Vorstellung ab. Einzig der überragende Hugo Lloris war an diesem Abend noch stärker als der 1,78 Meter große Rechtsfuß. Feuertaufe mit Bravour bestanden, keine Frage.

Eine Eintagsfliege war das nicht. Wenige Tage später kreuzte Tottenham mit dem FC Liverpool im ausverkauften Wembley die Klingen. Wieder spielte Winks von Anfang an und wieder lieferte er ab. Er hatte die meisten Ballkontakte der Gastgeber und war ein Garant für den eindrucksvollen 4:1-Erfolg über den ehemaligen englischen Rekordmeister.

Er spielte auch die meisten Pässe bei den Hausherren und war mit seinen Zuspielen das Gehirn des starken, zielstrebigen Angriffsfußballs Tottenhams.

Winks illustrierte perfekt, warum Trainer Pochettino ihn einst den "kleinen Iniesta" nannte. Er ist extrem stark unter Druck. Auch in großer Bedrängnis schafft er es, den Ball sauber zum Mitspieler zu befördern. Ob Querpass, Steilpass, Seitenwechsel oder ein riskanter Ball in die Tiefe – Winks verfügt über das komplette Repertoire. Das, gepaart mit einem klugen Stellungsspiel, macht ihn zu einem herausragenden Gestalter in der Zentrale.

Tottenham verlängerte Winks' Vertrag zweimal in elf Monaten

Es kommt also nicht von Ungefähr, wenn einer der besten Trainer Europas ihn mit Barcelonas Mittelfeldstar vergleicht. Pochettino, einst als Spieler unter anderem bei Espanyol unter Vertrag, verordnete seinem Lieblingsschüler sogar ein katalonisches Videostudium. Die besten Szenen Iniestas sollte sich Winks immer und immer wieder anschauen. Wie nimmt man den Ball perfekt in der Drehung mit? Wie befreit man sich spielerisch aus der Bedrängnis? Es scheint, als hätte Winks diese Lektionen bisher prima gelernt.

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Die Spurs wissen, welches Juwel sie da in ihre Reihen haben. In den vergangenen Monaten verlängerten sie gleich zweimal Winks' Vertrag. Im März 2016 unterschrieb er bis 2021, kein ganzes Jahr später band ihn der Klub gar bis 2022 an sich.

Und Winks weiß seinerseits, was er an seinem Verein hat. In der Jugend waren andere Spieler körperlich stärker, zudem hatte er mit hartnäckigen Rückenproblemen zu kämpfen. Vermutlich wäre er bei anderen Klubs längst aussortiert worden, doch die Spurs setzten weiter auf den Edeltechniker, der seit seinem achten Lebensjahr bei ihnen spielte. Chris Ramsey war bei Tottenham einst für die Entwicklung junger Spieler zuständig. Er sagte: "Harry Winks war klein und gebrechlich, kein besonders guter Athlet. Dasselbe konnte man ebenfalls über Harry Kane sagen. Auch er war kein echter Athlet. Aber beide waren technisch sehr stark und ihre Einstellung und ihre Bereitschaft, zuzuhören und sich zu verbessern waren außergewöhnlich."

So wuchs der ehrgeizige Winks zu einem der größten Talente Europas heran. Er durchlief alle englische Junioren-Auswahlmannschaften und schaffte nun eben den Sprung bei den Spurs zu den Profis. Mauricio Pochettino ist sein größter Förderer und nach dem starken Spiel bei Real Madrid lobte Winks seinen Coach: "Jedes Mal, wenn er mich aufstellt, gibt mir das Selbstvertrauen. Ich weiß, dass er mir vertraut und ich habe das Gefühl, ich bin ihm eine gute Leistung schuldig."

"Er hatte immer nur einen Traum"

Belohnt wurde das Ganze kurz vor dem Startelfeinsatz in Madrid mit dem Debüt für die englische Nationalmannschaft. Trainer Gareth Southgate setzte ihn im WM-Qualifikationsspiel gegen Litauen ein.

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"Er hatte immer nur einen Traum", sagte Anita Winks: "Ich habe ihn noch nie so glücklich erlebt wie in dem Moment, als er erfuhr, dass er (für England) spielen wird. Normalerweise ist er nicht so, er nimmt Dinge einfach zur Kenntnis. Aber jetzt sagte er: 'Mama, ich fühle mich so stolz.' Und das sollte er auch sein. Wir alle sind stolz auf ihn, er hat so hart gearbeitet."

So schloss sich also der Kreis, Winks durfte wieder das Trikot mit den drei Löwen auf der Brust tragen. Und diesmal hatte seine Mutter daran auch nichts auszusetzen.

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