Guus Til: Seine Straße, sein Zuhause, sein Block

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Guus Til wird in Sambia geboren, zieht dann mit seinen Eltern in ein Amsterdamer Problemviertel. Dort lernt er, was es heißt, sich durchzusetzen.


HINTERGRUND

Unentschlossen, als wisse sie nicht, ob sie sich hier tatsächlich zeigen soll, schiebt die Sonne die grauen Wolken beiseite. Kurz wirft sie einen Blick in die Tristesse aus Grau in Grau, um sich kurz darauf wieder hinter ihren hartnäckigen Widersachern zu verstecken. Dieses Fleckchen Erde im Amsterdamer Südosten lädt kaum zum Verweilen ein, offenbart eine Szenerie aus abwechselnd verwaisten Rasenflächen und Betonblöcken, die die Landschaft durchschneiden, ohne sich dabei an jedwede architektonische Gesetzmäßigkeit zu halten.

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Vereinzelt findet man kleine Parks, die den Anschein erwecken, den Kampf gegen die Eintönigkeit längst aufgegeben zu haben. Der Putz an den Plattenbauten, er blättert ab, wird allenthalben durch Graffitis kaschiert. Hier, in Bijlmer, nur einen Steinwurf von der protzigen und modernen ArenA entfernt, wo Ajax seine Spiele austrägt, hält die Perspektivlosigkeit alles und jeden in ihren stumpfsinnigen Klauen. Was die Leute hier verbindet ist das erbitterte Ringen um Arbeit, die Zweifel, die Familie auch im nächsten Monat über Wasser halten zu können – und – zumindest bei den jungen Menschen des Viertels – der Fußball. Wenn das jemand aus eigener Erfahrung weiß, dann Guus Til, mittlerweile etablierter Profi bei AZ Alkmaar.

Bijlmer AmsterdamBijlmer liegt im Südosten von Amsterdam

"Mein Name lässt zwar etwas anderes vermuten, aber ich wurde in Sambia geboren. Mein Vater hat dort Entwicklungsarbeit geleistet. Deshalb habe ich die ersten drei Jahre meines Lebens in Afrika verbracht. Erst in Sambia, später in Mosambik", sagt Til im Gespräch mit Voetbal International Mitte Oktober letzten Jahres. Es ist sein erstes großes Interview, hat sich der Mittelfeldmann doch vor allem in der laufenden Spielzeit zum absoluten Leistungsträger seines Klubs gemausert und sich damit selbst in den medialen Fokus gerückt.

Nachrichten aus Sambia

"Seit ich als Fußballspieler etwas bekannter geworden bin, schreiben mich Menschen aus Afrika regelmäßig bei Facebook an, um mich zu fragen, ob ich nicht für Sambia spielen möchte", schildert der heute 20-Jährige schmunzelnd, der nach seinen ersten Lebensjahren auf dem "Schwarzen Kontinent" mit seinen Eltern zurück in deren Heimat, die Niederlande, emigrierte. Nach Bijlmer, ebenjenen von Kleinkriminalität und bandenartigen Strukturen geprägten Bezirk in der holländischen Metropole.

Til spricht gerne über seine Vergangenheit in Bijlmer: "Nicht die einfachste Gegend in den Niederlanden. Ich war quasi der Einzige in meiner Umgebung, der keinen Migrationshintergrund hatte, habe mit Menschen aus Suriname, Türken und Marokkanern zusammengewohnt. Das bekam ich besonders auf dem Bolzplatz zu spüren. Da musstest du dich als weißer Junge richtig beweisen. Wenn du kein Fußball spielen konntest, dann warst du raus. Zum Glück konnte ich kicken."

Guus Til GFX Quote

Die ersten Gehversuche im Verein machte Guus bei der Sportvereniging Diemen im Norden von Bijlmer, neben dem Training kickte er aber immer wieder auf den engen, geteerten und mit Metalltoren bestückten Käfigen vor der Haustür. Hier lernte er, sich gegen Ältere, gegen Stärkere durchzusetzen. "Ich habe definitiv von Bijlmer profitiert, ich nehme die Mentalität von den Straßen aus Zuidoost mit auf den Platz. Aus diesem Grund habe ich auch vor niemandem Angst, ganz egal, wen ich vor mir habe", erklärt der viermalige U21-Nationalspieler der Elftal weiter und verrät: "Deshalb kann ich mir auch keine bessere Kindheit vorstellen, obwohl die Jungs oftmals aneinander geraten sind. Ich erinnere mich noch genau an einen Tag, als zwei mit Sturmhauben maskierte Männer an uns vorbeigelaufen sind, die offenbar kurz vorher einen Safe ausgeraubt hatten. Das war dort nichts Besonderes."

Alkmaars Dauerbrenner

Dass sich seine Sozialisation positiv auf die sportliche Entwicklung auswirkt, zeigt Til derweil in der Eredivisie beinahe Spiel für Spiel. Mit Ruhe am Ball, gut geschultem Auge für den Nebenmann und Abgebrühtheit beim eigenen Abschluss glänzt er im niederländischen Oberhaus. Zusätzlich verfügt der 1,84 Meter große Regisseur über eine herausragende Technik sowie exzellentes Timing im Luftkampf. 16 von 18 Liga-Spielen absolvierte Til in dieser Saison über die volle Distanz, erzielte dabei sechs Treffer. Das Top-Talent steht sinnbildlich für die beeindruckende Hinrunde von AZ, der mit nur drei Zählern Rückstand auf Ajax den dritten Rang belegt.

Seine gute Entwicklung führt Til, der 2010 in die Nachwuchsakademie Alkmaars wechselte, derweil auf die Arbeit mit drei seiner ehemaligen Trainer zurück: "Casper Dekker hat mir beigebracht, dass ich niemals weniger als hundert Prozent geben darf, Michael Buskermolen schulte mich auf der taktischen Ebene, brachte mir bei, wie ich mich zu verhalten habe. Und Leeroy Echteld, der immer an meinen Charakter appelliert hat. Dank ihm weiß ich, worauf es ankommt. Er hat immer gesagt: 'Egal, was passiert, Du solltest immer auf dem Boden bleiben.'"

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ONLY GERMANY ** Guus TIl AZ Alkmaar

Alle drei Ebenen scheint das AZ-Juwel verinnerlicht zu haben, hebt auch dank seiner Herkunft nicht ab. "Ich sehe ständig Leute mit Gucci-Hüten oder Louis-Vuitton-Täschchen, das ist gar nichts für mich. Ich hätte gerne irgendwann mal ein schönes Auto. Aber das hat auch Zeit, das kann ich mir immer noch kaufen, wenn ich mich endgültig in der ersten Liga etabliert habe." Auch bezüglich seiner näheren fußballerischen Zukunft gibt Til sich durchaus demütig, wirkt bei seiner Prognose vielmehr wie ein kleines Kind, das sich seinen Träumen hingibt: "Natürlich wäre es toll, irgendwann einmal gegen Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi zu spielen. Ich glaube aber, dass es vernünftiger ist, mit solchen Ambitionen vorsichtig umzugehen."

Ungeachtet seines Aufstieges wohnt Til eine reflektierte Genügsamkeit inne. Mittlerweile fernab von Sozialbausiedlung und Gesetz der Straße versprüht er eine sympathische und aufrichtige ich-weiß-wo-ich-herkomme-Attitüde. Er kennt sie noch, die Tristesse, die hinter Wolken verschwindende Sonne, Chancenlosigkeit. Seine Gabe, Fußball spielen zu können, sich dadurch Respekt zu verschaffen, hat ihn dem Prekariat entwachsen lassen. Und doch erinnert er sich gerne zurück an das, was mal war. An seine Straße, sein Zuhause, seinen Block.

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