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Graziano Pelle: Spätes Glück des Tänzers

Manchmal erinnert sich Graziano Pelle an seine Kindheit zurück, dort, im Absatz des Stiefels von Italien, wo viele Jungs kriminell werden, wo es wenige Chancen gibt, jemals etwas von der Welt zu sehen. Träume zerplatzen im Süden Apuliens wie Seifenblasen.

Vielleicht erinnerte sich auch in dem Moment an seine Wurzeln, als er sich seinen großen Traum endlich erfüllte. Antonio Candreva fand ihn links im Strafraum und er drosch den Ball zum 2:0-Siegtreffer in die Maschen. Für Italien, bei einer EM. 30 Jahre alt musste er werden, um das große Glück zu finden und das wahr werden zu lassen, von dem er damals in der 8000-Seelen-Gemeinde San Cesario di Lecce träumte: für die Squadra Azzurra zu spielen und seine Familie stolz zu machen.

Zehnjährige Odyssee

Zeitsprung ins Jahr 2006. Pelle, Joker beim Mittelklasse-Team Lecce, sitzt vor dem Fernseher und sieht zu, wie Italien Weltmeister wird. "Ich sah ihnen zu, wie sie den Titel holten und sagte mir: 'Warum kann ich das nicht?'", erinnert er sich im Guardian. Und weiter: "Ich wusste, ich würde das nie spielen, wenn ich weiter so schlecht spielen würde, aber ich wusste, dass ich das Zeug dazu hatte."

Dass es volle zehn Jahre dauern würde, bis er das erste Mal die Hymne bei einem großen Turnier singen würde, wusste er nicht. Zehn Jahre brauchte Odysseus, bis er seine geliebte Penelope wieder in die Arme schließen durfte und zehn Jahre brauchte Pelle, bis sich endlich erfüllte, wovon er damals auf der Couch träumte. Und beide haben eine lange Odyssee hinter sich.

Von van Gaal entdeckt 

Pelles begann 2007, als er Lecce und Italien nach zwei Leihen verließ und zu AZ Alkmaar wechselte, wo ein Mann namens Louis van Gaal ein Meisterteam aufbauen wollte. Der knorrige Holländer hatte den Mittelstürmer bei Italiens U21 in Toulon entdeckt und schätzte schon damals die Geschmeidigkeit, mit der er sich trotz seiner 1,94 Meter Körpergröße bewegte.

Der Grund liegt wie so vieles bei Pelle in seiner Heimatstadt. Die Mutter, die Junioren-Ballettmeisterin gewesen war, nahm die Familie jeden Samstag mit zum Tanzen. Eine gute Schule. "Balance, Disziplin, Koordination; Ich glaube, ich kann mich für einen großen Stürmer gut bewegen – auch wenn das Tanzen nicht immer leicht war", erinnert sich Pelle.

In den Niederlanden wurde er zwar tatsächlich in der Saison 2008/09 Meister, vom Tänzerisch-Leichten, das van Gaal im Italiener ausgemacht hatte, war aber selten etwas zu sehen. In den ersten drei Jahren traf er nur achtmal. 2010/11 waren es immerhin sechs Saisontreffer, es war dennoch klar, dass er Alkmaar verlassen würde.

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"Denen werde ich es zeigen"

Zwei Jahre spielte er für Parma, wo er nie zurecht kam. "In Italien investieren sie nicht wirklich in Spieler ohne Erfahrung. Graziano braucht das aber", analysiert sein Berater Romualdo Corvino. Und Corvino war es auch, der in einem richtungsweisenden Gespräch den Anstoß für den Pelle gab, der 2016 in Lyon mit dem breitschultrigen Aussehen eines Superhelden die Herzen der Italiener höher schlagen lässt.

"Ich habe immer an mich geglaubt. Aber es ist eine Sache zu denken, dass man gut ist, aber eine völlig andere, das auch zu zeigen", so Pelle. "Mein Berater kam zu mir und sagte, dass ich nicht hungrig genug sei, um erfolgreich zu sein. Ich bin eine stolze Person, also sagte ich mir: 'Okay, denen werde ich es zeigen.'"

Dass er seine neue Einstellung auch umsetzen konnte, ist auch einem Zufall verdanken. Im Sommer 2011 machte Pelle auf Ibiza Urlaub – genau wie ein Freund vom Sohn des Feyenoord-Trainers Ronald Koeman. "Ich sagte: 'Sag hallo zu Ronald Koeman und bitte ihn, mich zu Feyenoord zu holen", erzählt Pelle. "Eigentlich war es nur ein Spaß, aber am Ende kam es tatsächlich so."

Durchbruch bei Feyenoord

2012 heuerte er als bereits 27-jähriger abgeschriebener Stürmer erneut in Holland an und er hielt sein Versprechen: Er zeigte es ihnen. Im Training gab er so sehr Vollgas, dass er nicht selten seine Mitspieler anraunzte, wenn sie nicht ebenfalls 100 Prozent gaben. Er gab alles, was er hatte; und Koeman setzte auf ihn. 27 Tore schoss er in 29 Spielen.

Es war wie eine Befreiung, die auch ein spezifisches Bild hatte: Gegen Ajax traf er in der 90. Minute zum Ausgleich und posierte mit freiem Oberkörper, vor Erleichterung schreiend. Es gab keine niederländische Sportzeitung, die das Bild nicht auf die Titelseite packte.

Nach einer weiteren Saison mit 23 Toren war völlig klar, dass er Koeman folgte, als dieser zu Southampton wechselte. Und auch in der Premier League brillierte der Angreifer Typ Kante mit den Tänzerfüßen. Mit zwölf Toren schoss er die Saints im ersten Jahr auf Platz sieben, mit elf in der abgelaufenen auf Rang sechs. Dabei immer den Spruch seines geliebten Opas Pipe im Ohr: "Wenn du nicht schießt, wirst du kein Tor erzielen". Und neuerdings auch seinen eigenen Fan-Gesang. "One for the big man up top, Graziano Pelle", singen die Fans im St. Mary's Stadium.

Endlich ein Gewinner

Der Mann, der die Vergangenheit liebt, ist endlich in der Zukunft angekommen. Er mag Mode vergangener Tage, stylt seine Haare zu einer 1A-Sechziger-Jahre-Tolle. So hält er es auch in der Liebe: "Früher gab es viel mehr Respekt Frauen gegenüber. Türen wurden aufgehalten und bei Dates guckte man ihr in die Augen und nicht auf sein Handy. Heute schaut jeder blöde TV-Sendungen und lebt sein Leben in den Sozialen Medien."

"Ich lebe mein Leben nicht, um etwas zu verlieren, sondern um etwas zu gewinnen", sagt Pelle im Jahr 2016. Zehn Jahre Irrfahrt liegen hinter ihm. Und es muss ihm irre vorkommen, dass sich sein Traum jetzt erfüllt, wenn er wieder an seinen Heimatort denkt und an seinen Pipe, der immer die Hoffnung hatte, seinen Enkel eines Tages für Italien spielen zu sehen.

Und obwohl er 2008 verstarb, hat sie sich jetzt endlich erfüllt, denn "er schaut mir von oben zu", so Pelle. Auch beim abschließenden Gruppenspiel gegen Irland (21 Uhr im LIVE-TICKER). Und der Tanzende wird, wenn er trifft, wieder kurz gen Himmel blicken, das Leben seines Kindheitstraums feiern – und sich an früher erinnern. Als das, was er heute sein Leben nennt, unerreichbar erschien.

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