Es sind nur kleine Bewegungen. Aber die Eleganz, die Klasse, ja letztlich auch die Effektivität, mit der dieser zwölfjährige Junge sie ausführt, begeistern. Übersteiger mal drei, am Gegner vorbei, den nächsten einfach links liegen gelassen, Abschluss, drin. Neymar ist, obwohl noch ein Kind, schon ein Star in Brasilien, Fernsehsender drehen Reportagen mit ihm. Weil sich alle sicher sind: Das wird der nächste Ronaldinho, Ronaldo, Robinho, Pele oder wie sie alle heißen.
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Mehr als ein Jahrzehnt später sucht die Medienlandschaft mittlerweile den nächsten Neymar. Fast jeder brasilianische Youngster, der mit einem der Großklubs aus Europa in Verbindung gebracht wird, bekommt diesen Stempel aufgedrückt. So auch Luan, den Mundo Deportivo Ende 2015 bei Real Madrid ins Gespräch bringt. Und, wie soll es anders sein, "el nuevo Neymar", den neuen Neymar, nennt.
Dabei ist der Weg, den Luan gegangen ist, dem Neymars eigentlich sehr unähnlich. Und vor allem ist er nur ein Jahr jünger als sein berühmter Landsmann und zu diesem Zeitpunkt schon 22. Als Neymar 15 war, lief er bereits erstmals für die Profis des FC Santos auf. Luan dagegen dachte in diesem Alter noch gar nicht daran, überhaupt auf Rasen zu spielen. Er kickte immer noch in der Halle, spielte Futsal. Unter geschlossenem Dach, dort, wo die meisten späteren Superstars aus Brasilien ihre Wurzeln haben.
Doch während etwa Neymar schon als Elfjähriger auch draußen für Santos spielt, in der Nachwuchsakademie des Pele-Klubs ausgebildet wird, kennt Luan lange nur Futsal. Und das fällt heute, da er der Superstar bei Gremio Porto Alegre ist, sich in den letzten zwei Jahren für Europa interessant machte, immer noch auf. Sein Stil hat vieles von dem Spiel auf engstem Raum in der Halle, wo Technik, Ballkontrolle, Dribbling und Beweglichkeit unter Gegnerdruck noch viel entscheidendere Komponenten sind als draußen.
Luan kehrt Futsal erst mit 18 den Rücken
Erst mit 18 tauschte Luan Futsal gegen Fußball, schloss sich einem kleinen Verein im Bundesstaat Sao Paulo an. Bei der Copa Sao Paulo, dem prestigeträchtigsten Jugendturnier Brasiliens, stach er heraus, machte die Späher von Gremio auf sich aufmerksam. Sie erkannten das Talent, das zuvor mehrere brasilianische Top-Klubs verkannt hatten.
"Ich habe ihn mehr als einmal beim FC Sao Paulo angeboten, aber sie hörten nicht auf mich", erinnert sich sein Berater Alex Rocha. Auch Corinthians oder Internacional Porto Alegre lehnten den Teenager dankend ab, stattdessen heuerte er als 19-Jähriger bei Gremio an. Vergleichsweise spät also kam er zu einem großen Verein - entwickelte sich dort dann aber umso schneller.
| Steckbrief | Luan (Gremio Porto Alegre) |
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Stärken: Technik, Kreativität, Dribbling Schwächen: Physis, Ballverliebtheit |
Vor allem seine Flexibilität in der Offensive ist bemerkenswert. Luan kann auf beiden Flügeln spielen, als Spielmacher oder falsche Neun ganz vorne im Zentrum, verfügt über eine enorm ausgeprägte fußballerische Intelligenz. "Habt Ihr jemals mitbekommen, dass er sich beschwert hat, weil er auf einer anderen Position spielt? Ich kann die Frage selbst beantworten: nie", lobte einst Roger Machado, sein ehemaliger Trainer und großer Förderer bei Gremio.
Unter ihm feierte Luan, der auch Freistöße mit seinem starken rechten Fuß extrem gefährlich treten kann, im Jahr 2015 seinen endgültigen Durchbruch, lieferte zehn Tore und sieben Vorlagen in 33 Ligapartien. "Er ist ein Spieler, der ein Spiel verändern kann", attestierte ihm Brasiliens Ex-Nationalcoach Luiz Felipe Scolari, der Luan in dessen ersten Monaten bei Gremios Profis unter seinen Fittichen hatte.
In der laufenden Saison steht er bei sechs Treffern und fünf Assists in 15 Ligaeinsätzen, hat maßgeblichen Anteil daran, dass Gremio derzeit auf Rang zwei liegt und trotz Acht-Punkte-Rückstands auf Corinthians noch leise vom ersten Meistertitel seit 1996 träumen darf. (Luans Auftritt mit Gremio im brasilianischen Pokal gegen Cruzeiro vom Mittwoch gibt es hier im Re-Live auf DAZN).
"Viele Experten halten ihn für das nächte 'Big Thing' aus dem brasilianischen Fußball", sagt Fernando Ahuvia von Goal Brasilien. Vergangenen Sommer war Luan einer der wichtigsten Akteure auf Brasiliens Weg zur Goldmedaille bei der Heim-Olympiade, verdrängte im Verlauf des Turniers Lazios Felipe Anderson aus der Startelf, absolvierte in allen K.o.-Spielen die vollen 90 respektive 120 Minuten an der Seite von Neymar und Co. und erzielte letztlich drei Tore in sechs Einsätzen.
Luans große Schwäche: Zu viele Ballverluste
Mit 24 scheint Spätstarter Luan, der von Selecao-Coach Tite für die beiden anstehenden WM-Qualifikationsspiele Anfang September gegen Ecuador und Kolumbien nominiert wurde, nun bereit für den Schritt nach Europa. Der FC Liverpool und Jürgen Klopp sollen dran gewesen sein, auch Borussia Dortmund seine Fühler ausstrecken.
Die besten Karten hat aber offenbar der russische Meister Spartak Moskau. Dort würde Luan Champions League spielen - eine Herausforderung, die für ihn, der im körperlichen Bereich mitunter deutliche Schwächen hat, zum Problem werden könnte. Wie kommt er damit klar, dreimal die Woche auf höchstem Niveau gefordert zu sein? Stellt er seine Ballverliebtheit ab, seinen teilweise übertriebenen Hang zum Dribbling, der schlichtweg noch zu viele Ballverluste nach sich zieht? Und kann er seinen Torabschluss, der vergleichsweise eher Durchschnitt ist, nachhaltig verbessern?
Frei von Schwächen ist Luan jedenfalls nicht. Doch das Potenzial, diese zu minimieren, bestenfalls zu kaschieren, ist vorhanden. Vergleiche mit Neymar hin oder her.



