HINTERGRUND
"Ich war immer hinter dir, wie ein Schatten", rappt George Boateng (38) auf seinem ersten Album Gewachsen auf Beton, mit dem der ältere Bruder von Kevin-Prince und Jerome Boateng seine Karriere als BTNG startete: "Bei mir war es zu spät, doch bei dir muss es klappen."
Auf dem rauen Boden der Panke, dem bekannten Fußball-Käfig in Berlin-Wedding, brachte George seinen jüngeren Brüdern die nötige Härte bei, er soll sogar mehr Talent gehabt haben als die späteren Nationalspieler. Doch während Kevin-Prince und Jerome sich aus dem umzäunten Bolzplatz herausarbeiteten, damit den Grundstein für ihre Karriere legten, blieb George auf der Strecke.
"Ich war dort, um Aggressionen abzubauen", erzählt der älteste der Boateng-Geschwister in der Dokumentation 180 Grad von seinem bewegten Leben: "Talentiert reicht nicht, du musst auch diszipliniert sein, und das war ich sicherlich nicht. Ich war ein junger Bursche, der keine Regeln kannte", hat sich George inzwischen damit abgefunden.
imago images / Charles YunckBild: imago images / Charles YunckGemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Kevin-Prince ist George bei seiner Mutter im Berliner Problembezirk Wedding aufgewachsen. Sein Vater hatte die Familie verlassen, als George noch ein kleiner Junge war. Mit seiner neuen Frau bekam er ein weiteres Kind - Jerome.
Doch er sorgte dafür, dass Jerome mit seinen Halbbrüdern im Käfig regelmäßig Fußball spielte und gab George die Verantwortung, auf seine jüngeren Geschwister aufzupassen: "Ein Bruder wird zum Vater für seine Geschwister", rappt der 38-Jährige im Titelstück seines Debütalbums. Er sollte eine Rolle ausfüllen, die er selbst in seinem Leben vermisste.
George, der Mittelstürmer war und in der Jugend ebenfalls bei der Hertha kickte, musste sich während seiner Jugend ohne einen Vater, der ihn an der Hand nahm, durchschlagen. Er geriet auf die schiefe Bahn, sollte die Schule nach der neunten Klasse abbrechen und sich in Schlägereien verwickeln lassen.
"Es hat nicht lange gedauert, bis die Faust gelandet ist - das muss man ehrlich sagen. Aggression war damals mein Hauptproblem. Ich hatte davon viel zu viel, den Adrenalin-Spiegel immer hoch", erklärte George einst im Interview mit der Deutschen Welle seinen Absturz. Die kurze Zündschnur wurde ihm zum Verhängnis.
Nach einer Prügelei saß er acht Monate im Gefängnis, "wegen offener Anzeigen und Körperverletzung". Es war diese Erfahrung, die sein Leben nachhaltig verändern sollte. "In meiner Zelle habe ich mich im Spiegel angeguckt, eine Minute, drei Minuten, zehn Minuten, richtig lange", so der 38-Jährige vor einigen Jahren im Gespräch mit der Welt am Sonntag.
NikeBild: NikeIn diesem Moment sei ihm vor Augen geführt worden, dass die Person im Gefängnis nicht er sei, und er wieder die Kontrolle über sein Leben gewinnen wollte. Als er entlassen wurde, "habe ich geheiratet, übernahm Verantwortung. Dann die Geburt meines Sohnes, das war meine endgültige Rettung. Sonst wäre ich vielleicht noch im Knast."
Von seinem Traum von der großen Fußball-Karriere hatte sich George bis dahin längst verabschiedet. Für Türkiyemspor Berlin spielte er mal in der Oberliga, danach für Tasmania Berlin und den Nordberliner SC in der Berlin-Liga. Seine Berufung hat der älteste der Boateng-Brüder inzwischen in der Musik gefunden.
"Wir hatten keine Chance, doch wir haben sie genutzt", heißt eine Zeile in seinem Song "Gewachsen auf Beton". Als Rapper möchte er nun schaffen, was ihm als Fußballer verwehrt geblieben ist - genauso durchzustarten wie seine Brüder Kevin-Prince und Jerome. Doch ob er manche Entscheidungen trotzdem gerne ungeschehen machen würde?
"Ich bereue gar nichts! Alles ist zu dem Zeitpunkt genau richtig gewesen. Nur wegen all dieser Sachen bin ich der, der ich bin", ist George mit seinem neuen Leben, wie es inzwischen bereits seit einigen Jahren ist, zufrieden: "Bei uns im Leben ging es immer nur um Anerkennung. Und ich glaube, die haben wir alle auch bekommen - jeder in seinem Feld."



