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Gary Medel: Chiles Pitbull zwischen Genie und Wahnsinn

14:30 MESZ 22.06.17
Gary Medel y Claudio Bravo Copa Centenario 2016
Chiles Kapitän Gary Medel ist bekannt als emotionaler Kämpfer. Dabei hat er auch eine sanfte Seite: Sein Antrieb waren immer seine beiden Söhne.

PORTRAIT

Als am 22. Juni 2005 die Zwillinge Gary und Titi in Santiago de Chile auf die Welt kamen, hätte die Geburt eine von vielen in der chilenischen Hauptstadt sein können. Für einen 17-jährigen Knaben jedoch bedeutete sie alles: für Vater Gary Medel, der sich an diesem Tag schwor, alles dafür zu geben, Profi-Fußballer zu werden und seinen Söhnen ein besseres Leben zu bieten, als er es hatte.

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Dass er dies geschafft hat, liegt vor allem daran, dass er schon früh lernte, zu kämpfen: für sich, den Fußball und seine Familie. Nicht umsonst ist er in den Fußballstadien weltweit als "Pitbull" oder gar "chilenischer Gattuso" bekannt. Diese Namen trägt der Verteidiger von Inter Mailand voller Stolz – sind diese Bezeichnungen doch kein Stigma, sondern zeigen eine Eigenschaft, die er sich hart erarbeitet und verdient hat.

Auch deshalb ließ er sich ein mäßig schönes Abbild eines Pitbulls auf den Oberarm tatöwieren. Denn er macht Jagd auf Ball und Gegner. Immer und über 90 Minuten. Um auch den letzten Angreifer mit einer seiner ihm typischen Grätschen von den Beinen zu holen. Ein Spiel oder sich selbst aufzugeben, steht beim Chilenen nicht zur Debatte. Schließlich lernte er diesen Kampfgeist, dieses zähe Immer-alles-Geben von Kindesbeinen an. 

"Wäre ich nicht Fußballer, wäre ich heute wohl Drogendealer"

Am 3. August 1987 als Gary Alexis Medel Soto in Santiago de Chile in eine Familie geboren, die zwar nicht allzu viel besaß – Medel wuchs im Armenviertel Barrio La Palmilla auf – jedoch dennoch versuchte, den Jungen auf den richtigen Pfad zu schicken. Vor allem der Vater investierte viel, um seinen Jungen von der Härte des Viertels, das vom Elend und Dealern beherrscht wurde, fernzuhalten. Erfolglos.

Denn als Bub in La Palmilla nicht in irgendeiner Weise mit Drogen in Verbindung zu kommen, war und ist ein Ding der Unmöglichkeit. Der familiäre Kokon versagte, Medel hatte Freunde, die früh dealten. "Wäre ich nicht Fußballer geworden, wäre ich heute wohl Drogendealer", sagt er selbst über das Los, das viele südamerikanische Jungs teilen. Gerettet wurde er vom Fußball. Dass er heute ein Star in seiner Heimat, Kapitän der Nationalmannschaft ist, wäre aber beinahe nie geschehen.

Denn der damalige U20-Coach Chiles, Jose Sulantay, nahm den jungen Spieler von Universidad Catolica zwar wahr und konnte sich auch noch an ihn erinnern, denn "[Medel] sei ein tapferer kleiner Junge gewesen, der nie aufgehört hat zu rennen", doch für sein Team akquirieren wollte er ihn zunächst nicht. Erst als sein Assistent wenig später Medel bei einem weiteren Match spielen sah, konnte Sulantay vom kräftigen kleinen Spieler überzeugt werden und nominierte ihn - eine Handlung, die ihn plötzlich in den Fokus größerer Klubs brachte.

So wechselte er von seinem Jugendverein 2009 zum argentinischen Spitzenklub Boca Juniors, wo er sofort zum Publikumsliebling avancierte und das legendäre Rund La Bombonera mit seinen Tackling und seinen folgenden Anfeuerungsgesten in Richtung Kurve nicht selten zum Kochen brachte. 

Zwei Jahre später zog es ihn zum spanischen Top-Klub FC Sevilla, der für sein Südamerika-Scouting bekannt ist und im aggressiven Derwisch mehr sah als nur einen Ausputzer. In Andalusien bereute man die drei Millionen Euro, die man nach Argentinien überwies, nie. Denn Medel wurde auch bei den Blanquirrojos zu einem von den eigenen Fans geliebten und von den gegnerischen gefürchteten Defensiv-Allrounder. In seinen beiden Jahren in der spanischen Primera Division sammelte er in 37 Spielen 18 Gelbe Karten, eine Gelb-Rote und eine Rote Karte.

2013 landete bei seinem Berater ein Angebot auf dem Tisch, das Medel nicht ablehnen konnte. Cardiff City bot ein Gehalt, das weitaus höher war, als das in Sevilla. Zudem offerierten die Waliser 13 Millionen Euro. Und überhaupt: Medel hatte immer davon geträumt, in der Premier League zu spielen und schien mit seiner Spielweise wie geschaffen für die englische Beletage.

Kämpfen in Cardiff, Ankommen in Mailand

Auch in Cardiff machte er sich einen Namen, kämpfte, ackerte. Das zusammengekaufte Team harmonierte aber nicht, drei Trainer wurden verschlissen. Medel floh nach der verkorksten Spielzeit 2013/14, an deren Ende der Abstieg stand, und wechselte zum Serie-A-Klub Inter Mailand - und gewinnt dort seitdem die Herzen der Fans.

Mailand befand sich schon damals im freien Fall, die Fans bemängelten die fehlende Seele, die Millionärseinstellung vieler Akteure, die ausbleibende Identifikation mit dem Traditionsverein. Medel passte da wie die Faust aufs Auge als neuer Fanliebling. Oder besser wie Stollenschuhe auf Schienbeinschoner. Denn wie er es immer gemacht hatte, spielt er auch bei Inter so, als würde es um Leben und Tod gehen – voller Emotionen, Kampfgeist und dem absoluten Willen, zu gewinnen. 

Auch wird es in Italien hoch angerechnet, wenn Spieler nicht vergessen, woher sie kommen. Und genau das tat er nie. "Obwohl ich mittlerweile Millionen auf dem Konto habe, werde ich immer aus dem Barrio kommen", sagte er einst zu La Carta. Jeder Rückschlag, jeder Vorfall mit Gewalt und Waffen – und davon hatte er während seiner Jugend einige – jede Verletzung machte ihn noch stärker und stärkte seinen Kämpfer-Ruf.

Dass er unzerbrechlich oder gar unsterblich sei, wurde ihm spätestens nach seinem schweren Autounfall in Chile attestiert, als er am Steuer einschlief und bei 140 km/h durch die Scheibe geschleudert wurde. Nur zwei Monate später stand er nach kleinen Verletzungen wieder auf dem Rasen. 

Medel: Genauso breit wie hoch

So hat sich dieser kleine, bullige Chilene in seinen nun drei Inter-Jahren zu einem der besten Defensivspieler der Liga gemausert. Egal, ob auf der Sechs oder, wie meist in der abgelaufenen Saison, als Innenverteidiger. Trotz seiner fehlenden Zentimeter läuft er mit purer Kraft Bälle ab, setzt perfekte Tacklings und besticht zudem mit einer Passquote von mehr als 90 Prozent. 

Längst ist er der Anführer der Nerazzurri, der in der abgelaufenen Spielzeit gegen Juventus sogar die Kapitänsbinde trug. Während Spieler kamen und gingen, seit es ihn 2014 in die Modehauptstadt zog, bekannte er sich mehrfach zu Inter, machte klar, dass er keiner ist, der wegläuft, wenn der Erfolg ausbleibt.

In all den Jahren hatte er das, was ihm nie am wichtigsten war, im Nationaldress dafür umso mehr: Erfolg. Zweimal gewann er die Copa America, nur insgesamt 30 Minuten bei beiden Triumphen stand er nicht auf dem Platz. Er ist ein Leader durch und durch - und wird auch beim Confed-Cup-Spiel gegen Deutschland (20 Uhr im LIVETICKER) wieder kratzen, beißen und rennen. Denn ruhiger ist er mit der Zeit keineswegs geworden.

Erst vor kurzem wurde er im Testspiel gegen Rumänien nach einer halben Stunde mit Rot vom Platz gestellt und zertrümmerte aus lauter Wut einen Plastikstuhl, sodass Teile davon einen nahen Wachmann trafen. "Solche Fehler dürfen wir uns nicht erlauben  - schon gar nicht auf der großen Bühne des Confed Cups", schimpfte Trainer Juan Antonio Pizzi. 

Selbstredend wurde sein Ausraster keineswegs mit einer Degradierung geahndet. Im Gegenteil: Beim 2:0-Sieg gegen Kamerun im chilenischen Auftaktspiel des Confed Cups führte er das Ensemble um die Superstars Arturo Vidal und Alexis Sanchez als Kapitän aufs Feld, als der, der noch mehr als alle anderen vorangeht. 

Medel hat es geschafft

Denn das feurige Blut eines Mannes, der von ganz unten kommt, pulsiert noch immer in seinen Adern. Heute wie damals, als er mit 17 Vater zweier Söhne wurde und die Fußballwelt ihn noch nicht als Pitbull fürchtete. Und noch immer sind seine inzwischen an der Schwelle zur Pubertät stehenden Söhne sein Antrieb, der Grund, "in jedem Spiel rauszugehen und sich den Arsch aufzureißen", wie er es selbst ausdrückt. Und das, obwohl er es längst geschafft hat. Aus einer Gegend, in der nachts Schüsse fielen und die Drogen eine der wenigen Konstanten waren, in ein Leben der Privilegien. 

Dafür ist er zutiefst dankbar - er hat sich mit dem Leben versöhnt und ist milder geworden. Natürlich nur außerhalb des Platzes. Denn wenn am Donnerstagabend der Ball rollt, heißt es: Jagd auf Ball und Gegner! Dann stellt er sich dem jungen deutschen Team wieder entgegen, ohne Furcht, und wird spielen, als ginge es um Leben und Tod. So, wie er immer gemacht hat.