Toll, dass es sie bei dieser EM gibt, die Coach-Cam! Diese Kamera, die 90 Minuten lang die Trainer im Visier hat und der nichts entgeht. Man stelle sich nur vor, die Öffentlichkeit hätte Joachim Löws Griff in das eigene Gemächt verpasst.
Sie hat allerdings auch noch einen vernünftigen Nutzen. Dank ihr konnte man am Mittwochabend perfekt verfolgen, wie das Spiel der Franzosen gegen Albanien lief, ohne das Geschehen auf dem Rasen im Blick zu haben. Denn Didier Deschamps, Trainer des Gastgebers, gab sich während des hart erkämpften 2:0-Erfolgs gegen den krassen Außenseiter vom Balkan keine große Mühe, seine Laune zu verstecken.
Deschamps' Gefühle während dieser aufreibenden 90 Minuten im Stade Velodrome lassen sich in drei Stadien einteilen. Da wäre zunächst die erste Halbzeit. Der Coach verbrachte sie zu einem großen Teil auf seinem Stuhl. Dort hatte er sich hingefläzt, war zusammengesunken, winkte mehrfach ab und diskutierte wild mit seinem Assistenten Guy Stephan. Er schüttelte den Kopf, war frustriert angesichts der mauen Leistung seiner Mannschaft.
Didier Deschamps (l.) war von den ersten 45 MInuten wenig angetanDeschamps sagte später tadelnd: "Wir müssen einfach mehr leisten. In der ersten Hälfte haben wir nicht alles gezeigt."
Es folgte Phase zwei: Nach der Pause trat die Equipe Tricolore deutlich entschlossener auf. Ob Zuckerbrot oder Peitsche – was auch immer der Trainer in der Pause seinen Stars gegeben hatte, es wirkte. Und Deschamps selbst gab den Antreiber von außen. Er war kaum noch sitzend zu sehen, stattdessen marschierte er in seiner Coaching Zone auf und ab, wedelte mit den Armen, griff ein und korrigierte.
Gegen aufopferungsvoll kämpfende Albaner, die sich nicht nur hinten verbarrikadierten, sondern auch immer wieder nach vorn spielten, war plötzlich Zug in den Aktionen der Franzosen. Es wurde schneller nach vorn gespielt und es gelang häufiger, sich über die Außenpositionen durchzusetzen. Folgerichtig kamen Les Bleus zu hochkarätigen Torchancen, wie zum Beispiel zwei Kopfbällen Olivier Girouds, von denen einer nach 69 Minuten an den Pfosten klatschte.
Frankreich war nun aufgewacht, trat endlich so auf, wie viele Experten es nach dem späten Sieg gegen Rumänien nun von Anfang an erwartet hatten. Doch was am Freitag als Brustlöser galt, hatte zunächst keinen Effekt. Der Rucksack des Gastgebers lastete schwer auf dem Titelanwärter, der gehemmt und ängstlich spielte. Als dieser Ballast in der zweiten Hälfte dann abfiel, war es eine Frage der Zeit, ehe die Belohnung folgte. Und sie folgte spät.

In der letzten Minute der regulären Spielzeit netzte Joker Antoine Griezmann ein. Es folgte Deschamps' Ausbruch an der Seitenlinie, die Phase Nummer drei. Er setzte zum Jubelsprung an und herzte, wer ihm in die Quere kam. Die Anspannung war gewichen, Erleichterung und Euphorie standen ihm gleichermaßen ins Gesicht geschrieben. "Natürlich, das sind die Momente, für die wir hier sind", sagte der Weltmeister von 1998. Wenig später erhöhte der erneut starke Dimitri Payet gar noch per Schlenzer auf 2:0.
Und es sollen nach Möglichkeit noch mehr dieser Momente folgen. Späte Siege nach Energieleistungen sind zweifelsohne schön. Doch sollten die Franzosen sich nicht immer auf ihr herausragendes Finish verlassen. Gegen einen noch stärkeren Gegner hätten die ersten 45 Minuten womöglich schon einen deutlichen Rückstand bedeutet.
Der Druck und die Erwartungen lasten schwer auf den Spielern, das ist klar zu erkennen. Davon gilt es sich zu lösen. Wer gedacht hatte, die Rumänien-Partie hätte dafür bereits gesorgt, wurde in Marseille zunächst eines besseren belehrt. Hier gilt es für Deschamps den Hebel anzusetzen.
Damit die Coach-Cam im letzten Gruppenspiel gegen die Schweiz nur noch entspannte Bilder von ihm zeigt.
