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Frankreich-Coach Deschamps: Der Traum vom Stillstand

Den 12. Juli 1998 wird Didier Deschamps bis an sein Lebensende nicht vergessen. WM im eigenen Land, Finale gegen Titelverteidiger Brasilien. 3:0, Frankreich ist erstmals Weltmeister, die Ekstase im Stade de France zu Paris kennt keine Grenzen. Und Deschamps, seines Zeichens Kapitän der goldenen Generation von Les Bleus, darf den goldenen Pokal als Erster in den Nachthimmel recken.

"In solchen Momenten hat man den Wunsch, die Zeit anzuhalten und einzufrieren", erklärte Deschamps gegenüber dem Blick. "Man ist auf dem Dach der Welt." Am Sonntag will er eben jene Emotionen erneut durchleben. Diesmal als Trainer, nicht als Spieler. Und doch würden die Glückshormone wohl nicht weniger zahlreich ausgeschüttet werden als einst 1998, sollte Deschamps Frankreich am Sonntag (21 Uhr im LIVE-TICKER) im Finale gegen Portugal endgültig zum Triumph bei der Heim-EM führen.

Es wäre der vierte große Titel für die Grande Nation. Und der dritte, an dem Deschamps, auch bei der gewonnenen Europameisterschaft 2000 Kapitän, seinen Anteil hätte. Zu viel darauf geben will er allerdings nicht. "Das ist nie ein Thema. Es ist eine für mich hilfreiche Erfahrung, aber ich lebe nicht in der Vergangenheit."

Dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass Deschamps genau weiß, wie man sich vor einem Endspiel in der Heimat, vor den enthusiastisch hoffenden Fans, fühlt. Er kann nachempfinden, was in den Köpfen seiner Spieler in der Zeit, bis am Sonntagabend endlich der Anpfiff ertönt, vorgeht. Ein großer Vorteil für die Equipe tricolore, so viel ist klar.

Architekt des Vertrauens

Deschamps' Wert liegt aber keinesfalls nur darin begründet. "Der Trainer ist der Architekt, er hat das alles aufgebaut. Er vertraut den Spielern voll und gibt uns den Willen, um zu siegen", betont Torwart und Kapitän Hugo Lloris. Auch er weiß, dass Frankreich vor dem Beginn von Deschamps' Amtszeit nicht gerade rosige Zeiten hinter sich hatte.

Vorrunden-Aus inklusive Trainingsskandal bei der WM 2010. 2012, bei der EM in Polen und der Ukraine, war man nach ordentlicher Vorrunde im Viertelfinale gegen Spanien chancenlos. Laurent Blanc ging, Deschamps wurde neuer Trainer. Und hat seitdem etwas ganz Wichtiges geschaffen: Teamgeist, eine funktionierende Einheit - Spieler, die mit herausragendem Talent gesegnet sind, arbeiten nun zusammen, kämpfen füreinander.

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Schon bei der WM in Brasilien vor zwei Jahren zeigte Frankreich ein anderes Gesicht als bei den vorangegangenen Turnieren. Zwar war wieder im Viertelfinale Endstadtion, dem späteren Weltmeister Deutschland musste sich Deschamps' Elf aber nur äußerst knapp und unglücklich geschlagen geben. Die Hoffnung, beim damals noch großen Fernziel, der EURO im eigenen Land, eine gute Rolle zu spielen, war stets spürbar.

Kollektiv über Einzelschicksal

Mehr als nur das ist nun eingetreten, der Gastgeber steht nach dem 2:0-Sieg über das DFB-Team im Endspiel, greift nach den Sternen. Ein großer Verdienst Deschamps', der aus einer Truppe von Jungs, die mitunter den Hang zum Sumpf, zu Eskapaden haben, eine Mannschaft geformt hat, die titelreif ist. Dass Paul Pogba in Badelatschen zum Abendessen erschien, war bisher der größte "Skandal" während der EM.

Ein kleiner Denkzettel für den Superstar in Form der Nicht-Nominierung für die Startelf im zweiten Gruppenspiel gegen Albanien folgte auf dem Fuß. Seitdem zeigt sich Pogba verbessert, fuchste sich nach und nach ins Turnier. Das Kollektiv steht bei Deschamps eindeutig über dem Einzelnen, das hat er seit Amtseintritt jedem, den er unter seinen Fittichen hatte, eingeimpft.

"Für ein großes Turnier wählt man nicht die besten Spieler aus, man versucht, die beste Mannschaft zusammenzustellen", war sich der Coach stets bewusst. Er, der auch als Spieler miterlebte, wie sich Frankreich von einer Dürreperiode erholte und zurück nach ganz oben arbeitete.

Ein zweites Mal Stillstand?

Bei der EM 1992 kamen Deschamps und Les Bleus nicht über die Vorrunde hinaus, für die WM 1994 qualifizierte man sich erst gar nicht. Daran, nach einer guten EM 1996 inklusive Halbfinaleinzug, schlossen sich schließlich die vier erfolgreichsten Jahre in Frankreichs Fußballgeschichte an - mit Deschamps als Anführer auf dem Rasen.

Diesmal ist er das erneut, allerdings nicht auf, sondern außerhalb des Rasens. Im Anzug statt in kurzen Hosen. "Es ist frustrierend, nicht selbst spielen zu können", gibt Deschamps zu. Schlägt sein Team die Portugiesen, dürfte ihm das nach dem Finale aber herzlich egal sein. Dann kann er seinen Traum vom Stillstand erneut leben.

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