HINTERGRUND
Auf Francesco Acerbis Brust und rechtem Arm prangt ein Löwe. Ein tätowiertes Symbol von Stärke und Kampfesbereitschaft, das zu dem starken Kämpferherz passt. Im Juli 2013 wurde während einer Untersuchung vor der Saison bei Acerbis damaligem Klub Sassuolo Hodenkrebs diagnostiziert, der entfernte Tumor kehrte bald zurück und machte eine Chemotherapie unumgänglich.
Die Therapie dauerte drei Monate, Acerbi ging unkonventionell mit der Situation um. Morgens TV-Sendungen, Nachmittagsruhe, Ausgehen am Abend. Die Party-Nächte dauerten teilweise die ganze Nacht, auf dem Ernährungsplan stand regelmäßig Thunfisch-Pizza mit Zwiebeln. "Manchmal aß ich aber auch gar nichts, und ich schlief auch nicht", erinnerte er sich einst.
Getty ImagesKeine große Umstellung, denn schon bevor der Krebs in sein Leben getreten war, galt Acerbi nicht unbedingt als Vorzeigeprofi, feierte, trank Alkohol, selbst die Möglichkeit, die Fußballschuhe an den Nagel zu hängen, habe in seinen Überlegungen eine Rolle gespielt. Und das, obwohl er sich kontinuierlich hochgearbeitet hatte. Mit 20 kickte Acerbi in der vierten Liga, mit 22 in der Serie B, ein Jahr später feierte er sein Debüt in Italiens Beletage für Chievo Verona. "Ich habe es für meinen Vater getan, nicht für mich", sagte er diesbezüglich einmal. Dieser habe ihn ständig herausgefordert, er habe eine "Liebes- und Hassbeziehung" zum Vater gepflegt.
Francesco Acerbi: "Ich habe eher gefeiert als trainiert"
Den Wechsel zur AC Mailand erlebte Vater Roberto nicht mehr, er verstarb vier Monate vor der Vertragsunterschrift. "Ich trug die Nummer 13 von Alessandro Nesta, aber ich habe eher gefeiert als trainiert. Ich habe alles getrunken", erklärte Acerbi, der offenbar erst während seiner Chemotherapie umdachte. "Der Krebs hat mir das Leben gerettet. Dafür danke ich Gott."
Was war geschehen? Ein Jahr nach der Diagnose sei er erschrocken aufgewacht: "Plötzlich dachte ich an all die Sorgen, die ich meinen Eltern bereitet hatte, an all die verpassten Gelegenheiten und die durchzechten Nächte. An diesem Morgen hatte ich Angst vor meinem eigenen Schatten." Acerbi habe daraufhin einen Therapeuten aufgesucht. "Während eines Sonntagnachmittagsschlafs hatte ich einen seltsamen Traum. Es war, als wären mein Vater und Gott dieselbe Person, die mich zur Besserung drängte. Ich weinte und erkannte, dass der Krebs eine Chance war. Ich hatte wieder etwas, gegen das ich kämpfen konnte."
Francesco Acerbi kam 149-mal hintereinander zum Einsatz
Er nahm den Kampf an, stellte sein Leben elementar um: intensives Training statt Karriereende, Wasser statt Alkohol, Gemüse statt Pizza, frühes Zubettgehen statt Feiern bis zum Morgengrauen. Zwischen Oktober 2015 und Januar 2019 verpasste er keine einzige Partie, stand 149-mal in Folge für Sassuolo und die S.S. Lazio, zu der er 2018 gewechselt war, auf dem Feld – sogar der Allzeit-Rekord von Javier Zanetti (162 Spiele in Folge) geriet in Gefahr, erst eine Rote Karte gegen Neapel beendete Acerbis Serie.
GettyIm Rahmen seines Wandels hatte Acerbi immer wieder krebskranke Kinder und Menschen mit Behinderung besucht, um ihnen beizustehen, auch nach seinem Wechsel in die Hauptstadt hielt er daran fest. "Diese Leute umarmen sich, sagen immer 'Danke' und urteilen nicht über andere Menschen. Sie helfen mir, das Leben aus der richtigen Perspektive zu sehen." Elia, ein Junge, mit dem sich Acerbi angefreundet hatte, überlebte den Krebs nicht. Der Kleine sei "ein Löwe" gewesen, schrieb der Innenverteidiger, nachdem er seinen Freund verloren hatte. Ein Löwe wie er selbst.
War sein Traum, 2016 in Frankreich für Italien zu spielen, noch gescheitert, zählt der mittlerweile 33-Jährige für die kommende EM zum Kader der Squadra Azzurra und steht kurz vor seinem Nationalmannschafts-Debüt bei einem großen Turnier. Sein Kämpferherz wird den Italienern sicherlich helfen.
